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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-10-11 · 7 (11.10.1929) · p. Seite 24

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
7 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
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24 Arbeitsberichte Persönliche Eindrücke vom Bundestag .der Kameraden. In B i s s i n g e n (Württemberg) fand der diesjährige Bundestag der Kameraden statt. Ueber 600 Menschen des Bundes kamen zusammen. Gemeinsame Arbeit, Spiele und Lagerleben vereinigten die Gruppen und versuchten, ihnen neuen Inhalt für ihre Entwicklung zu geben. Dem Bundestag vorauf ging ein M itt- 1 c r c n 1 a g c r lind der F ii h r e r t a g. Zwei grosse Kreise bestehen im Bunde gleichberechtigt nebeneinander. Während der eine bewusst auf freie Entwicklung des einzelnen verzichtet und seine Menschen zu einem bes t i m m t e n Bilde, das wesentlich religiös orientiert ist, erzieht, will d:er andere Kreis Atmosphäre und Gemeinsamkeit schaffen, in der sieh die einzelne Persönlichkeit nach ihren Gesetzen entwickeln soll; die Menschen dieses Kreises sind überzeugt, dass grundlegende Gemeinsamkeiten sieh dabei herausbiiden lind bleiben werden. Beide Kreise finden sich in dem Ziele, den deutsch-jüdischen. Menschen durch das Erlebnis der Jugendbewegung zu formen. Sie sind verschieden in ihrer Stellung zur Umwelt und in dem Wege, den sie gehen wollen. Die Situation dieser beiden grossen Gruppen wurde auf dem Bundestag in aller Ausführlichkeit klargelegt. Das mag wichtig sein, aber allein bedeutet es weder einen Fortschritt für die Entwicklung des Bundes noch für die Vertiefung des Bundeslcbcns. Schon seit Jahren gehen die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Anschauungen, und die Antwort, die man findet, ist stets die gleiche: Die beiden Gruppen sollen gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Jede Gruppe wird versuchen, mit den ihr ungehörigen Menschen das zu erreichen, was ihr als Ziel vorschwebt. Wer gehofft hatte, dass endlich einmal ein neuer Gedanke als treibende Kraft in das Bundesleben kommen würde, war enttäuscht. Es darf nicht verkannt werden, dass die Kameraden heute zwar ein Bund sind, der Tradition genug hat. um seine Menschen an sich fesseln zu können und ihm immer wieder Erlebnisse zu vermitteln, dass sie aber aufgehört haben, ,.bewegt“ zu sein. Wir wollen auch nicht unsere Bedenken darüber verhehlen, dass der Bund durch seine stärkere Abhängigkeit von einzelnen Persönlichkeiten als von Inhalten immer mehr die Verbindung zu seiner Umwelt verliert und zu einer Aristokratie gelangt, die dem Wesen der Jugendbewegung zu tiefst widerspricht. Denn die Jugendbewegung ist eine Volksgemcinschaftsbewegung. Die Grundlage der Gemeinschaft für die hündische Jugend ist das Volk. Alfred Levi. Der zweite Stuttgarter Jugend nachmittag. Wie der wiirttembergische Landesverband mit den hier schon geschilderten Studentennachmittagen1), so hat die Ortsgruppe Stuttgart mit ihren Jugendveranstaltungen neue Bahnen besehritten. Sie wollen die jüdische Jugend beiderlei Geschlechts vor ihrer Entlassung aus der Schule, und zwar organisierte und nichtorganisierte ohne Unterschied, erfassen, sie in ein lebendiges Verhältnis zum Judentum bringen, soweit sie, wie leider vielfach, noch nicht in einem solchen stellt, und ihr in völliger Freiheit und Unbefangenheit dazu helfen, durch die Problematik des deutschen Juden unserer Zeit den rechten Weg zu finden. Der erste Jugendnachmittag im März dieses Jahres, über den hier schon berichtet worden ist2), hatte so starken Anklang gefunden, dass der Einladung zum zweiten über 50 junge, frische Menschen gefolgt waren. Hatte damals Dr. Rudolf Stahl (Bad Nauheim) grundsätzliche Ausführungen zu den dem jungen Juden unserer Zeit sich aufdrängenden Fragen gegeben, so behandelte diesmal der Vorsitzende des Reichsausschusscs der jüdischen Jugendverbände, Dr. Ludwig Tictz (Berlin), in lebendigem Vortrag, der überall die ständige Berührung mit der Wirklichkeit der Dinge verriet, das Verhältnis der jüdischen Jugend zur deutschen Jugendbewegung in seiner historischen Entwicklung und noch mehr nach seinem jetzigen Stand, wobei er auf die politisch gefärbten Bünde mit Recht besonders einging. Eine lebhafte Erörterung schloss sich an, in der über praktische Erfahrungen und Erlebnisse berichtet, über Vor- und Nachteile der Organisation gestritten und die Möglichkeit und Zweckmässigkeit des Zusammenschlusses mit Nicht juden in Jugendbünden und der Zusammenarbeit auf dem Gebiete sozialer Betätigung besprochen wurde. Es war eine Freude zu hören, in wie bestimmter und doch, bescheidener Weise Jungen und Mädchen sich für ihre Ideen einsetzten und wie aufgeschlossen sie sich manchem für sie neuen Gedanken zeigten. Auch diesmal hat sieh wieder der gesellige Rahmen der Veranstaltung bewährt, der in der ganzen Anordnung und durch bescheidene Bewirtung den Charakter eines akademischen Vortrags vermied und die Zusammengehörigkeit der Erschienenen betonte. Aus dem Kreis der Ortsgruppe hatten zwei Damen und ein Herr ihr hervorragendes musikalisches Können bereitwillig zur Verfügung gestellt, um den Anwesenden durch den Vortrag klassischer Duette einen besonderen Genuss zu verschaffen. Ausser ihnen war mit voller Absicht das „Alter“ nur mit ganz wenigen Mitgliedern des Arbcits- und des Jugendausschusses vertreten, in deren Auftrag der Unterzeichnete die Veranstaltung leitete. Als er am Schlüsse fragte, ob cs den Erschienenen recht sei, wenn man im November wieder zusammenkomme, tönte ihm von vielen Seiten entgegen: „W a r um nicht frühe r?“ — der beste Beweis, dass das Interesse geweckt, der Wille zur Mitarbeit vorhanden ist. _Dr. Otto Hirsch. D C. V.-Ztg. 1929. Nr. 23, S. 303. 2) C. Y.-Ztg. 1929, Nr. 13, S. 162. Dculsch-jüdischc Jugend, Hamburg. Am 5. September fand die Generalversammlung der Deutsch-jüdischen Jugend statt. Es wurden im vergangenen Jahre 37 Referate gehalten, so ausgewählte Themen aus jüdischer Geschichte und Musik, jüdischer und weltlicher Literatur; aktuelle Fragen der Wirtschaft und Politik wurden von besonderen Sachkennern behandelt. Daneben wurde allen wichtigen Tagesfragen und Problemen aufmerksamstes Interesse gewidmet. Es fand ein Vortragszyklus über „Kulturelle Strömungen der Gegcnwar t“ statt, der sieh mit den im Brennpunkt der Debatten stehenden Fragen auseinandersetzte. Die lebhaften Diskussionen spiegelten das Interesse der beifällig aufgenommenen anregenden Vorträge wider. Die Zahl der Teilnehmer an diesen Veranstaltungen war recht beträchtlich; sie schwankte zwischen 80 und 250. Neben diesen Vortragsabenden fanden zwei sich über mehrere Abende erstreckende Arbeitskurse statt, die sich mit „Soziologie des deutschen Judentums“ und dem Thema „Der deutsche J u d e au f deutscher Erde“ beschäftigten. Schliesslich wurde noch besonders auf die neu eingerichteten, 14tägig an den Montag- und Donnerstagabenden stattfindenden Arbeitsgemeinschaften hingewiesen, in denen man sich in intensiver Arbeit mit der „Einführung in das jüdische Schrifttum“ und dem Thema „Deutsch-jüdische Grundfragen“ beschäftigt. Im Verlauf der Debatte wurde noch beschlossen, für den kommenden Winter an den Freitagabenden, insbesondere für diejenigen, die nicht die Gelegenheit haben, im Familienkreise den Sabbath zu begehen, Feiern zu veranstalten. Die anschliessenden Wahlen batten folgendes Ergebnis: Herr Dr. Max Plaut wurde wieder zum 1. Vorsitzenden bestimmt und auch die anderen Führer: Senta Meyer, Alfons Jacobsohn, Ludwig Seniler, Manfred Peislak, Manfred Norden, und Frieda Rosenbaum sind wiedergewaihlt werden, m. Treffen in Brieselang. Am 14. und 15. September fand, wie alljährlich, das Treffen der jüdischen Jugendbünde in Brieselang statt. Auf den, der für schöne Bilder empfänglich ist, mussten die 1600 Teilnehmer, das grosse Zeltlager, die von Jahr zu Jahr wachsende Einheitlichkeit und Diszipliniertheit der Bünde den besten Eindruck machen. Aber auch dem, der sich von solchen Eindrücken nicht gleich gefangen nehmen lässt, müsste das Treffen wertvoll erscheinen, es zeigte, dass heute in allen Bünden, gleich welcher „Richtung“ und hei aller äusseren Verschiedenheit, das einigende Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wach geworden ist; keiner soll Eigenart und Meinung verleugnen, aber all die Bünde, die sich in Brieselang zusammengefunden hatten, verband ihr jüdisches Verantwortungsbewusstsein.. Ein einmal im Jahre statt findendes Treffen wird kaum aus sich neue Werte schaffen können, aber es kann Vorhandenes sichtbar machen, es kann zeigen, dass die Jugend aller Richtungen willens ist, ohne Voreingenommenheit zusammenzuarbeiten an der Lösung ihrer gemeinsamen Aufgaben. Ti. G. Die Herbstarbeit der Schule der Jüdischen Jugend. Die Schule der Jüdischen Jugend hat gleich nach Beendigung der grossen Ferien, am 15- August, ihre Tätigkeit wieder aufgenommen, und zwar zunächst mit Hebräisch-Kursen. Es laufen seit dem 15. August die folgenden Hebräisch-Kurse (denen nach Rücksprache mit deren Leitern bzw. Dr. Spitzer — Sprechstunden siche unten — noch die Möglichkeit beizutreten besteht): 1. Aiifiiiigcrkm'sc (als Fortsetzungen der Anfängerkurse vom letzten Trimester). D r. C a r 1 Frankenstein: Bibellektürc (Lesen und Schreiben vorausgesetzt) Montags 6—8 Uhr. W alter M e c k 1 e n b urg: Bibel. Dienstags 6—8 Uhr. D r. M o ritz S p i t z e r : Fortsetzung von Pirkej Awotli, später Bibel. .Mittwochs 5)4—7)4 Uhr. 2. MiUelkui*se. J o s e f ITor o w i t z : Biblischer Text. Dienstags 6)4—8, Freitags 4 -f>)4. Dr. Ellen Litt in a n n : Texte zur Geschichte des Königtums. Donnerstags 8)4—10)4 Uhr. W alter M e c k 1 e n b urg: Das Buch Ruth: Ueberleitung zu unvokalisierter Lektüre. Donnerstags 8—10 Uhr. W a I I o r M c c k 1 c n b urg: Anfänge der Menschheitsgeschichte in der Bibel mit den Aggadotli nach Bialik-Rawnitz.ki. Dienstags 8—10 Uhr. D r. M o ritz Spitzer: Vokalisicrter neuhcbräischer Text. Montags 6)4—8 Ulir, Donnerstags 5/4—7 Uhr. 3. Kurse fiir weiter Fortgeschrittene. W aller Mecklcn b n r g : Achad Ilaam, unvokalisiert (Anthologie des DwirVerlages), Mittwochs 7—8)4 Uhr. . Vom 15. September ab wird das Programm erweitert. Es kommen hinzu: Dr. Max Mayer: Kurs für Anfänger ohne Vorkenntnisse. Einführung in die Sprache an Hand hebräischer Sprichwörter. Mittwochs 8 bis 10 Uhr. Beginn 18. September. D r. Moritz Spitzer: „Mosche ben Maimon’s Sefer hammada“ oder ein anderer schwieriger Text nach Vereinbarung. Dienstags 6 bis 8)4 Uhr, Donnerstags 4—5)4 Uhr. Beginn 12. September. Erwi n L o e w e n s o n : Proben aus allen Gattungen des jüdischen Schrifttums (in deutscher Uebersctzung) zur ersten Fühlungnahme für Jüngere (14 bis 18 Jahre). Mittwochs 6—8 Uhr. Beginn 18. Sept. Dr. J o a c h i m Prinz: Einführung in die jüdische Geschichte; von der Makkabäerzeit bis zum Ausgang des Mittelalters. Dienstags 8—10 Uhr. Beginn 17. September. D r. Georg L u b i n s k i : Sozialpädagogische Fragen aus der Praxis der Jugendbewegung, Jugendpflege und Jugendfürsorgetätigkcit). Donnerstags 8—10 Uhr. Beginn 26. September. Alice Jacob-L oe wen so n : Lieder der yemenitischen Juden. Volkslieder, Kultmusik, Texte (Poesie) mit Chonibungen. Montags * 8—10 Uhr. Beginn 16. September. Weitere Kurse und Arbeitsgemeinschaften aus den Gebieten: Jüdisches Schrifttum, Judentumskunde, Geschichte, Fragen der jüdischen Gesellschaft und Philosophie sind vorgesehen. Ihr Ankündigung wird nachgetragen, sobald Zeit und Thema endgültig feststehen. Sämtliche hier angeführten Kurse und Arbeitsgemeinschaften finden in dem Schulgebäude W 3 5, Lii tzowstrasse 16, statt. Dr. Moritz Spitzer steht, Montags, Dienstags, Donnerstags von 4)4 bis 6 Uhr zur Besprechung und Beantwortung von Anfragen zur Verfügung. Verantwortlich für die Beiloge „Von deutsch-jüdischer Jugend“: Dr. Alfred Hirs c h b e r g (Berlin-Chn rh). Druck von Rudolf Mosse, Berlin S\V 100.

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