Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 7 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Die sehr eingehende Aussprache, die sich j!en Ausführungen Hirschbergs anschloss, lehnte sich eng an die Einzelfragen des Referates an. Mit besonderem Interesse wurde über die Arbeitsgemeinschaften debattiert. Es wurde festgestellt, dass sie einem doppelten Zweck dienen könnten. Dort, wo bereits Gruppen oder Bünde bestehen, werden sie die Zusammenfassung der Kräfte befördern und in erster Linie der Heranbildung eines deutschjüdischen Jungführerkreises dienen. In Orten, in denen noch keine Gruppen bestehen, werden sie daneben noch für die Erfassung der Masse der Jüngeren nützlich sein. Die Führender bereits bestehenden Arbeitsgemeinschaften berichteten über ihre Erfahrungen und Pläne. In diesem Zusammenhänge kann noch auf die Worte eines Teilnehmers aus einer "ganz kleinen Gemeinde hingewiesen werden, der eindringlich auf das Problem des jungen Juden hinwies, der in einer der vielen aussterbenden Kleingemeinden sich allein seine Stellung zu jüdischen Dingen schaffen muss. Die Schaffung von Informationsblättern wurde allgemein begriisst, unter der Voraussetzung, dass sie nicht selbständige Broschüren darstellen, sondern fortlaufend über je ein aktuelles Gebiet zusammenfassend unterrichten sollen. Die Eingliederung in die Arbeit des C. V. wurde durchaus bejaht," aber insbesondere von den Teilnehmern aus dem Reiche betont, dass hierfür eine weitherzige Förderung der Jugendarbeit durch die Landesverbände und Ortsgruppen Voraussetzung sei. Es "folgte eine Aussprache über die iimerjüclischen Fragen, insbesondere die Jewish Agency, worüber schon in dem ersten Artikel berichtet wurde. Es wurde bewusst davon Abstand genommen, hierzu einen Beschluss zu fassen, da sich alle darüber einig waren, dass diese Frage keine Gelegenheit für Majoritätsbeschlüsse sei, sondern dass man der natürlichen Entwicklung freie Bahn lassen müsse. Wir wTaren uns auch darüber einig, dass das Problem der Agency wichtig genug sei, um der weiteren Behandlung in den Arbeitsgemeinschaften bedürftig zu sein. Und wir waren uns schliesslich einig in dem Wunsche, dass die Auseinandersetzungen bei voller Wahrung des eigenen Standpunktes von demselben Geiste gegenseitiger Respektierung getragen sein sollen, von dem die Verhandlungen der Tagung geleitet wurden. — Einzelbesprechungen. Nach Abschluss der Generaldebatte führte uns ein Motorboot für eine kurze Stunde über die noch spätsommerlich belebten Gewässer. Die vielgeschmähte Mark zeigte sich unseren auswärtigen Freunden an dem besonnten Sonntagnachmittag von ihrer besten Seite. Auf dem Schiff hatten sich nach bestimmtem Plan die Teilnehmer der einzelnen Landesteile mit je einem der Berliner Vorstandsmitglieder zusammengefunden, so dass sich auf diese Weise Gelegenheit ergab, die regionalen Arbeitspläne für den Winter zu besprechen und in Einklang mit den eben besprochenen allgemeinen Richtlinien zu geben. Beschlussprotokoll. Von der Fahrt zurückgekehrt, vereinigten sich alle Teilnehmer noch einmal zu gemeinsamer Beratmig. Nach Besprechung von Detailfragen, vor allem der Ausgestaltung der Jugendbeilage, wurde als Zusammenfassung die folgende Resolution angenommen: Die vom Jugendausschuss des Centralvereins für den 28. und 29. September d. J. einberufene Tagung hat den Inhalt ihrer Beratungen in folgenden Feststellungen niedergelegt: Die Versammelten sind sich einig in dem Willen, die deutsch-jüdische Jugend, soweit sie dem C. V. - Gedanken noch abseits steht, der C. V.-Arbeit näher zu bringen. Zur Erreichung dieses Zieles halten sie folgende Wege für gangbar: 1. An allen Orten, an denen es bisher keine Jugendgruppen gab, sollen, wo es der an der Arbeit interessierten Jugend geboten erscheint, Arbeitsgemeinschaften ins Leben gerufen w7erden. 2. An den Orten, in denen sich organisierte Jugend befindet, sollen Zusammenkünfte der Führer der verschiedenen Gruppen zur regelmässigen Erörterung der deutsch-jüdischen Probleme erfolgen. 3. Neben der Heranbildung eines Führernachwuchses für den C. V. soll dafür Sorge getragen werden, dass solche jugendlichen Kreise erfasst werden, die bisher zur C. V.-Arbeit noch nicht herangezogen wurden. 4. Die Versammelten bekunden ihren Willen, an der Abwehr- und Aufklärungstätigkeit des C. V. mitzuarbeiten. Insbesondere soll versucht werden, die Vorschläge des Referats über solche politischen Aufgaben, die zur Erfüllung durch Jugendliche geeignet sind, durch Versammlungen und Aussprachen mit jüdischen und nichtjüdischen Jugendgruppen zu verwirklichen. II. Die Arbeit, die auf Anregung des Jugendausschusses geleistet wird, soll, gleichgültig in welchen Formen sie sich vollzieht, alle Fragen des deutsch-jüdischen Lebens umfassen. Aus den Berichten und Einzelbesprechungen ergab sich, dass die schon bestehenden Gruppen in dem eben gekennzeichneten Sinne bereits arbeiten. Es wird begrüsst, dass der Jugendausschuss zur Unterstützung dieser Arbeit fortlaufende Blätter herauszugeben beabsichtigt, die in zweckmässiger Zusammenfassung aktuelle Fragen und Tatsachen darstellen, wichtige Erscheinungen der Literatur erwähnen und so die Grundlage einer sachlich untergründeten Arbeit bilden. III. Die Versammelten erwarten von der Leitung des C. V., dass diese auf die Durchführung der von ihr gefassten Beschlüsse, die die stärkste Unterstützung der Jugendarbeit durch Landesverbände und Ortsgruppen und die Heranziehung der Jugend zur verantwortlichen Mitarbeit im C. V. fordern, die grösste Aufmerksamkeit verwendet. IV. Die Frage der Beteiligung an der Jewish Agency war Gegenstand einer eingehenden Erörterung, in der die einander entgegensiehenden Auffassungen zum Ausdruck kamen. Es war nicht Aufgabe der Versammlung, in dieser Frage einen einheitlichen Beschluss herbeizuführen. Man wTar sich jedoch darüber einig, dass die Fortsetzung der Aussprache über diese das deutsche Judentum bewegenden Fragen zwischen den beteiligten Gruppen in engster Fühlungnahme notwendig erscheint. Sinn und Ergebnis. Was bleibt neben Einzelbeschlüssen und Beratungen als wesentliches Ergebnis der Tagung in der Erinnerung? Sie hat gezeigt, dass es eine Jugend des C. V. gibt, dass sie den C. V. bejaht und gewillt ist, an seinem Ausbau mitzuarbeiten. Wer die Geschichte des C. V. kennt, weiss, wieviel für seine Begründung und seinen Aufbau das Bestehen eines Kreises freundschaftlich eng verbundener Kämpfer bedeutet hat und bedeutet. Es konnte in den letzten Jahren manchmal scheinen, als ob ein Prozess der Atomisierung die Reihen der C. V.-Kämpfer gelockert hätte. Wer die Jugendführertagung mitgemacht hat, der wird überzeugt sein, dass sich diese Lücke zu sch Hessen beginnt. Ein Kreis junger Menschen, eng verbunden durch persönliche Freundschaft, durch Genossenschaft der Arbeit und durch Geschlossenheit des Generationenwillens, angepasst an die gewandelte Zeit durch Zusammensetzung aus allen Kreisen und Schichten, ist in die Arbeit eingetreten. Er wird über alle Verschiedenheiten der Anschauungen hinweg immer wieder den Weg zu einigender, gemeinsamer Arbeit finden, weil er in der Bejahung der Idee des deutschen Judentums geeint ist und weil er — das hat die Tagung mit Deutlichkeit gezeigt — durch die innere Verbundenheit und das wortlose Verständnis zusammengehalten wird, wie sie zwischen Menschen der gleichen Lebenszeit gegeben ist. Friedrich Brodnitz.