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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-11 · 41 (11.10.1929) · p. Seite 553

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
41 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
Seite 553 (sequence 5)
Language
German
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Kür Oie Einheit Oes Oeuischen Rechts — für die Einigung Deutschlands./^'ÄÄfrof,,mc"fc"' Es ist eine interessante Tatsache, daß fast alle politischen Parteien Deutschlands in ihrer gedanklichen Grundlage von jüdischen Politikern maßgebend beeinflußt worden sind. Die kon» servative Staatslehre ist von Friedrich Julius Stahl begründet und ausgebaut worden. Er hat den Satz ausgestellt: „Das monarchische Prinzip ist das Fundament deutschen Staatsrechts und deutscher Staatsweisheit." Zu seiner Staatslehre bekannte sich jener kleine Kreis konservativer Preußen, von dem auch Bismarck seinen politischen Ausgang genommen hat. Der deutschen Sozialdemokratie hat Karl Marx die theoretische Grundlage gegeben, Ferdinand Lassalle mit stark nationaler Prägung die erste Organisation geschaffen und die agitatorischen Waffen geschmiedet. In der Nationalliberalen Partei, der Partei der Neichsgründung, die dem Werke Bismarcks den Boden geebnet, und der er im ersten Jahrzehnt des Kaiserreiches den freiheitlichen Ausbau des neuen Hauses gestattet hat, stehen neben Bennigsen, Miquel und Stauffenberg die jüdischen Politiker Ludwig Bamberger und Eduard Laster. Lasker war sechs Jahre jünger als Bamberger. mit dem ihn eine innige Freundschaft verband. Um 15 Jahre hat Bamberger den Jüngeren überlebt, und die Totenrede, die er dein Freunde in der Singakademie hielt, gehört zu den großartigsten Schöpfungen deutscher Redekunst. Die politische Bedeutung Lasters, die in unsere Tage fortwirkt, ist eine dreifache. Er trat ein für die Reinheit des politischen Lebens, für die Einheit des d e u t s ch e n R e ch t s, für die Einigung Deutschlands. Es gibt keine treffendere Widerlegung des törichten Satzes, daß die Politik den Charakter verderbe, als das Leben und das Vorbild Eduard Lasters, dessen Uneigennützigkeit und Vornehmheit auch von seinen erbittertsten Gegnern anerkannt worden ist und der durch seinen Feldzug gegen die Korruption der Gründerjahre die Reinheit des öffentlichen Lebens wiederhergestellt hat. Die Schaffung der deutschen Rechtseinheit, deren fünfzigjähriges Jubiläum am 1. Oktober gefeiert wurde, ist zum großen Teil sein Werk, und als bezeichnende Einzelheit für Bedeutung und Autorität seines Namens sei erwähnt, daß die viel erörterte Rechtsprechung des Reichsgerichts über § 193 des Strafgesetzbuches (Wahrnehmung berechtigter Interessen) in der Hauptsache sich auf eine Erläuterung stützt, die Lasker während der Beratung des Strafgesetzbuches gegeben hat. — Weniger bekannt als sein Anteil an der Vereinheitlichung des Rechts dürfte die große Nolle sein, die Eduard Lasker bei der nationalen Einigung Deutschlands gespielt hat. Er, der ursprünglich der oppositionellen Fortschrittspartei angehörte, löste sich bereits im Jahre 1866 von ihr, weil er in einer Verständigung des gemäßigten Liberalismus mit Bismarck die Voraussetzung für die Erreichung seines Hauptziels, der deutschen Einigung, sah. Er wurde zum tuten Verbündeten Bismarcks, von dem er sich erst trennte, als Bismarck daS Drängen der Nationalliberalen auf Annäherung an das parlamentarische System zurückwies. Eduard Lasker und seine politischen Freunde erkannten, daß nur auf dem Boden des parlamentarischen Regiments das neue Reich dauernd gesichert werden könne. Die Meinungsverschiedenheit über diesen Punkt führte zum Kamps zwischen Bismarck tmb der Partei, in der die Partei unterlag und Zersplittert wurde. Die Entwicklung der neuesten Zeit hat gezeigt, auf wessen Seite das geschichtliche Recht lag. lieber die Teilnah nie Eduard Lasker s an der Herstellung der nationalen Einheit sei hier aus Grund unveröffentlichten Materials einiges Neue mitgeteilt. Bei Bismarck befand sich im Versailler Hauptquartier Ludwig Bamberger Ihr sollt eure Seelen beugen. Setrachtung zum verföhnungstag. von B. Jacob. Man soll nicht zu oft und zu viel moralisieren, auch wenn es mit Geist geschähe. Jede Uebersütterung ist ungesund, selbst die mit dev köstlichsten Speise. Aber je und wann steht es auch einer Zeitung, die, wie ihr Name besagt, dem Zeitlichen dient, wohl an, zur Besinnung auf das Unzeitliche und Ewige zu mahnen, von dem doch letztlich die Dinge dieser Welt ihren Sinn und Wert erhalten. Ein Tag, der dies von uns Juden mit besonderer Eindringlichkeit fordert, ist der herannahende hochheilige Tag der Sühne und Versöhnung, der Jaum kippur. Das Gebot der Schrift für diesen Tag lautet: Ihr sollt eure Seelen beugen! Aber das ist eine Uebersetzung, die, wie auch die beste, den Sinn des Urwortes nur unvollkommen wiedergrbt. Nach ihm ist „Seele" zunächst das, was auch das Tier hat: Leben und der Drang nach seiner Erhaltung, und so bedeutet „seine Seele beugen" oder Herabdrücken ganz einfach: den leiblichen Hunger unterdrücken d. h. fasten. Zeige, daß das Tierische in dir zu gehorchen und nicht zu befehlen hat. Das strenge Fasten an diesem einen Tage ist eine Probe und für das tägliche Leben ein gesteigertes Vorbild. Sollte nicht unsere ganze Lebensgestaltung eine Herabminderung vertragen und unser Heil es erfordern? Wir meinen weniger eine verschärfte Sparsamkeit in der Lebensführung des einzelnen; sie wird nicht nur den Armen, sondern dem bescheidenen Mittelstände, der den Kern auch unserer jüdischen Gemeinschaft ausruacht, ohnedies durch die Kargheit ihres Verdienstes aufgezwungen. Wer diese Kreise kennt oder selbst zu ihnen gehört, weiß, daß weitere Einschränkungen kaum noch möglich sind. Vor ihnen gegen luxuriöse Lebensführung predigen, wäre eine Verhöhnung. Sondern wir meinen die unerträgliche Verteuerung durch den Zuschnitt, der uns von außen diktiert wird und sich als unerläßliche Forderung der Neuzeit ausgibt. Wir werden nicht satter davon, wenn wir von goldenen Schüsseln essen, und die Ware wird durch kostspielige Reklame, Ausstattung und Aufmachung nuv teurer, nicht besser. Der Fremde, der durch unser Land zieht und in unseren Städten umhergeht, ist von Bewunderung erfüllt für die Sauberkeit, Ordnung imb Präzision in unseren Betrieben und Geschäften, und wir vermerken es mit Genugtuung, wenn sich ihm die Uebevzeugung aufdrängt, daß das deutsche Volk mit seinem Genie, seinem Fleiß und seiner Disziplin doch unbesiegbar ist. Aber gleichzeitig ist eine Ueberschätzung der Lebensbequemlichkeiten, die sehr bald als Lebensnotwendigkeiten angesprochcn werden nicht zu verkennen. Komfort ist angenehm, aber er verteuert nicht nur das Leben, sondern, was schwerer wiegt, er veräußerlicht' es auch und entseelt es. Durchgreifend kann sich dies nur ändern durch eine Aenderung der Denkweise aus sittlichen Antrieben, durch die Einsicht, daß Genießen gemein macht und die Seele der Kultur die Kultur der Seele ist, daß die Seele sich erhebt, wenn sie sich beugt. Das Leben des gegenwärtigen Geschlechtes hat eine ungeheure Erweiterung durch Entdeckungen und Erfindungen erfahren, die man nicht genug bestaunen und bewundern kann. Wir brauchen nurdas Luftschiff, das soeben die ganze Erde umkreist hat, und das Radio zu nennen. Aber wir wollen doch nicht die Begrenztheit vergessen, der der Mensch wohl immer unterworfen bleiben wird. Es ist denkbar, daß die materielle Not einmal beseitigt wird, aber Krankheit und körperlicher Verfall werden die Menschheit immer heimsuchen und gegen den Tod wird auch ferner kein Kraut gewachsen sein. Das ist sehr geeignet, unfern Stolz zu dämpfen und „unsere Seele zu laugen". Die „Seele", von der Religion und Sittlichkeit verlangen, daß wir sie beugen, ist ferner das Ich, das selbstsüchtige, herrische, unduldsame, der ausschließende Rechts- und Geltungsanspruch der eigenen Persönlichkeit. Der heilige Tag predigt Versöhnung und Wiederherstellung des Friedens mit unseren Mitmenschen. Aber das muß richtig verstanden werden. Ueberzeugungen können und sollen nicht „lim des lieben Friedens willen" ausgegeben werden. Erst kommt nach einem Spruch unserer Weisen die Wahrheit, dann das Recht und erst, wenn diesen beiden Genüge geschehen ist, der Friede. Versöhnung ist Achtung der Persönlichkeit des andern und Zusammentreffen im Menschlichen, die Scheu, die fremde Seele zu beugen. Was das gesellschaftliche und öffentliche Leben vergiftet, das ist die persönliche Gehässigkeit, Herabsetzung, Verunglimpfung und Seelenkränkung, die schon manchen der Besten vorzeitig hinweggerasft hat. Die Bekämpfung frenwer Ueberzeugungen würde nicht nuv andere Formen annehmen, sondern auch einen anderen Inhalt bekommen, wenn sie gezügelt würde durch die Achtung, des Menschen als Menschen, durch die Anerkennung, daß auch seine Meinung ein wenigstens subjektives Recht hat, begründet durch seine Erziehung, seine Umgebung, seine Erfahrungen und seine ganze Wesensrichtung. Wir würden die Forderung der Schrift verstehen: „daß dein Bruder lebe neben dir". Aber das ist freilich Bedingung, daß sie auch von der anderen Seite anerkannt wird. Wer mir mein Lebensrecht bestreitet, z. B. meine Zugehörigkeit zum Vaterlande, wer meine Existenz theoretisch negiert und praktisch zu untergraben trachtet, gegen den habe ich das Menschenrecht der Notwehr und Abwehr. Für diese Gegner gilt das Psalmwort: „Ich will den Frieden, aber so viel ich von Frieden rede — sie wollen den Krieg." „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen," allen Menschen, die auf ihre Weise das Gute wollen, sie seien uns verwandt oder fremd, in welchem religiösen, weltanschaulichen, politischen oder nationalen Lager sie sich befinden. Lasset uns unsere Seelen beugen voreinander.

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