Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 41 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- Seite 552 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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in den neuen Gesamtbund noch entgegenstehenden Bedenken und Hindernisse ans dem Weg zu räumen. Dabei zeigte sich, wie Onken sagt, „daß diese norddeutschen Nationalliberalen keineswegs die verschrienen Unitarier waren, sondern realpolitisch zu denken gelernt hatten". Inzwischen hatte auch Delbrück in München Verhandlungen begonnen, die anfangs gut vonstatten gingen. Wie ein Jubelruf bricht es nun aus Laskers Brust: „Das deutsche Einigungswerk ist im Fluß; mir erbebt jede Fiber in dem Gefühl, daß wir diesem höchsten Ziele uns tatsächlich nähern." Schon am 22. Oktober trafen die süddeutschen Bundesbevollmächtigten, nicht ohne Laskers beschleunigende Vermittlung, in Versailles ein, von wo er über die einzelnen Phasen des diplomatischen Hin und Her stets auf dem laufenden gehalten wurde. Endlich kam auch der Vertrag mit Bayern zustande und damit war nach Ueberwindung unglaublicher Schwierigkeiten das sehnsüchtig erstrebte Ziel erreieht. Aber nun mußten die abgeschlossenen Verträge auch von den Einzelregierungeu genehmigt werden, wobei Laster wieder eine mühsam ausgleichende Tätigkeit entfaltete. So sinnt und schasst er, bis endlich das hohe Ziel erreieht ist und er, aufatmend, ausrufen kann: „Es gibt endlich einen deutschen Staat, wir leben auf gesicherter Grundlage wie andere und die Geschichte kennt keine »deutsche Frage' mehr. Heil dem Jahre 1870, das, wie viel Leid es auch dem einzelnen brachte, nunmehr mit der so ersehnten Größe des geliebten Vaterlandes abschließt!" Ein großes Verdienst um die Gesamtheit erwarb sich Laster auch durch seinen Kamps gegen den Gründungsschwindel, wie er bald nach dem Krieg als Folge der aus Frankreich hereingeströmten Milliarden in die Erscheinung trat und täglich weitere Kreise zog. Am ärgsten wütete dieses Gründungsfieber im Eisenbahnwesen, und das Schlimmste dabei war, daß der damalige preußische Eisenbahnminister von Jtzenplitz die nötige Konzession zur Errichtung neuer üülüliliüi liülüül! Die Beileidserklärung des amerikanischen Repräsentantenhauses zu Laskers Tode. „Das Haus der Repräsentanten hat mit tiefem Bedauern von dem Tode des hervorragenden deutschen Staatsmannes Eduard Lasker gekört. Sein Verlust wird nicht allein von dem Volk seiner Heimat betrauert, wo seine feste und standhafte Vertretung und seine Hingebung an freisinnige und liberale Ideen die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Volkes gefördert haben, sondern von den Freunden der Wahrheit in der ganzen Welt. Eine Abschrift dieses Beschlusses soll der Familie des Verstorbenen übersandt werden, ebenso dem in der Hauptstadt des Deutschen Reiches residierenden Gesandten der Vereinigten Staaten, um von diesem auf dem gesetzlichen Wege den Präsidenten des gesetzgebenden Körpers miigeieilt zu werden, dessen Mitglied er war.“ Linien nach Gunst und Laune vergab und daß ein hoher Ministerialbeamter und Leute aus den höchsten Kreisen des Adels ihre Hände in diesen schmutzigen Geschäften hatten. In der schweren Rüstung seiner unwiderlegbaren Beweise trat der unscheinbare, bescheidene Mann am 7. Februar 1873 in einer -tapferen Rede im Preußischen Landtag feinen mächtigen Gegnern gegenüber und legte vor aller Welt die Mißbräuche und schwindelhaften Börsenmanöver dar, die die ganze wirtschaftliche Entwicklung des jungen Reichs bedrohten. Dieser, das höchste Aufsehen erregenden Aktion Laskers folgte ein Börsenkrach von solchem Ausmaße, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Der Rücktritt des Handelsministers und die Einsetzung einer königlichen Kommission zur Untersuchung der vorgekommenen und zur Verhütung ähnlicher Mißbräuche in der Zukunft waren die weiteren Folgen. Lasker' hatte sich durch sein unerschrockenes Auftreten den Dank und die Anerkennung aller Rechtschaffenen und eine Popularität erworben, die der von Bismarck und Moltke nur wenig nachstand, so daß, wenn er durch die Straßen ging, ihm die Leute nachsahen und flüsterten: „Das ist Lasker!" Nicht wenig trug zu dieser Volkstümlichkeit auch bei, daß die Gesetzgebung jener Jahre zum Teil durch Lasker angeregt, stets aber durch seine Mitarbeit tiefgreifend beeinflußt wurde, so daß man die erste Hälfte der Siebziger Jahre geradezu die „Aera Lasker" genannt hat. Vor allem ist seiner nie rastenden Anregung und Agitation die Herbeiführung der Rechtseinheit Deutschlands durch Abschluß der Justizgesetze zu danken. Immer wieder hatte er mit seinem Gesinnungsgenossen Miquel die Ausdehnung der Kompetenz des Reichs auf die gesamte Rechtsmaterie beantragt, bis er endlich trotz mächtiger Widerstände damit Erfolg hatte. Die von Lasker geforderten Gesetzesvorlagen gingen im November 1874 und den folgenden Legislaturperioden dem Reichstag zu und wurden hieraus in mühsamer jahrelanger Arbeit, an der Lasker den hervorragendsten Anteil hatte, durchberaten und angenommen. Lasker hatte dabei auf die Verwirklichung einiger liberaler Forderungen verzichten müssen, um das Zustandekommen des für Deutschland lebenswichtigen Werkes nicht zu gefährden. Im Vollgefühl des Erreichten sagte er damals zu dem für die Zukunft der Partei allzu besorgten Baumbach: „Eine Partei ist kein Selbstzweck. Mag die Nationalliberale Partei dazu zugrunde gehen, das deutsche Volk hat seine Justizgesetze." Schon wenn man die von Lasker seit seinem Eintritt ins Parlament bewältigte Arbeit nur ihrem äußerem Umfang nach ins Auge saßt, bleibt sie als Frucht einer außerordentlichen Arbeits- und Tatkraft staunenswert. Mehr als 12 Quartbände würden seine Reden, gedruckt, füllen. In 57 Kommissionen, d. h. in mehr als tausend Sitzungen, hat er mitgearbeitet, immer bei der Sache, immer bereit, den schwierigsten und arbeitsreichsten Teil der Arbeit zu übernehmen. Mit Recht konnte Wmdthorst von ihm sagen, daß er jahrelang die Hälfte der parlamentarischen Arbeit allein geleistet habe. Er konnte sie nur bewältigen, indem er außer wenigen Stunden, die er für sein Amt als Syndikus des stüdtisehen Psandbriefamts brauchte, von früh 5, spätestens 6 Uhr, bis gegen 10 oder 11 Uhr abends fast ausschließlich für seinen freiwillig übernommenen öffentlichen Dienst tätig war. So trieb er mit seiner Kraft Raubbau, dem sein Körper aus die Dauer nicht gewachsen war. Im Februar 1875 erkrankte er au einem schweren Nervenfieber, so daß er tagelang in Todesgefahr schwebte und sich erst nach Monaten wieder erholte. Im folgenden Herbst und Winter war er wieder im Land- und Reichstag tätig, aber er war der Alte nicht mehr. Dazu kamen schwere politische Sorgen und Aufregungen, wie sie durch die volkswirtschaftliche Wendung Bismarcks, den Uebergaug zur Zollpolitik, hervorgernsen wurden. Lasker stand in scharfem Gegensatz zu den Zoll- und Stenervorlagen, sowie dem vorgelegten Sozialistengesetz der Negierung und verlangte, daß man auf liberaler Seite Bismarck die Gefolgschaft versage. Aber in der nationalliberalen Fraktion hatte der rechte Flügel, unterstützt durch Bismarck, Oberwasser gegen ihn bekommen, so daß er immer mehr Boden in seiner eigenen Partei verlor. Unzweifelhaft war auch der damals immer mehr überhand nehmende Antisemitismus nicht wenig daran schuld. Wie sein Freund Auerbach wurde er von dieser schmachvollen Bewegung aufs schmerzlichste berührt. Er wurde stiller und resignierter. Als im Juli 1878 Neuwahlen zum Reichstag stattsanden, sagte er zu seinem Freund Julius Rodenberg: „Ach, lieber Freund, wenn ich nicht wiedergewählt würde, es wäre ein Glück für mich." Es wurde zwar wiedergewählt, aber in den Wahlen zum preußischen Landtag im September 1879 unterlag er, nachdem er zuerst Berlin, dann Magdeburg und endlich Frankfurt am Main vertreten hatte. Im Mürz 1880 verließen Lasker und seine Gesinnungsgenossen die Nationalliberale Partei und schlossen sich in der „Sezession" zusammen, doch in seiner vorbehaltlosen Hingabe an seine parlamentarischen Pflichten war keine Aendernng eingetreten. Seine letzte Rede im Reichstag galt dem Krankenkassengesetz. Kurz darauf schiffte er sich zum Besuch seines jüngeren Bruders nach Amerika ein. Hier fand er große ermunternde und erfrischende Eindrücke und reiche Sympathie in allen Bevölkerungskreiseu. Anfang Februar 1884 wollte er wieder nach der Heimat Zurückkehren, um, wie et einem Verwandten schrieb, sich dort eine neue Zukunft aufzübauen. Doch eine höhere Macht rief ihn plötzlich am 5. Januar 1884 von allen Plänen und Aufgaben in eine andere Heimat zurück, ohne Todesahnung und Todeskampf. Die Trauer um sein Hinscheidenwar bei allen Freunden von Recht und Freiheit tief und aufrichtig. New Dork richtete ihm eine Leichenfeier, wie man sie daselbst noch nie gesehen hatte. Das amerikanische Repräsentantenhaus übermittelte in einem Beschluß dem Deutschen Reichstag den Ausdruck seiner Trauer um den Verlust des „hervorragenden deutschen Staatsmannes". Der „Eiserne Kanzler" nahm jedoch die Beileidsresolution nicht au und ließ das Schriftstück an das amerikanische Repräsentantenhaus zurückgehen. So unnachgiebig konnte der grimme Hagen-Bismarck hassen, wenn es sich um einen Gegner seiner Politik handelte. Gewiß hatte er die Bedeutung Laskers nicht verkannt. Aber sie standen schon von Anfang an aus zwei verschiedenen Ufern — Lasker wollte die freiheitliche, konstitutionelle Monarchie, Bismarck wollte sie nicht. Der berühmte Volkswirtschaftler Gustav Schmollet hat der geschichtlichen Stellung beider zueinander und der Bedeutung Laskers den richtigen Ausdruck gegeben, indem er 1884 in feinem „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" schrieb: „Bismarck und Lasker konnten sich nie ganz verstehen. Das Vaterland aber kann dankbar sein, sie beide besessen, sie wenigstens zeitweise Zusammenwirken gesehen zu haben. Gewiß kann Laskers Wirken mit dem des großen Kanzlers an praktischer Bedeutung gar nicht verglichen werden. Aber wenn die Nachwelt einst dem größten Deutschen des neunzehnten Jahrhunderts sein ehernes Denkmal errichtet, so wird doch unten an einem Relief auch Platz für Lasker neben anderen Parteiführern der Zeit übrigbleiben. Die Nachwelt würde es nicht verstehen, wenn er da fehlte."