Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 41 (11.10.1929)
- Date
- 1929-10-11
- Page
- Seite 551 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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551 Hilö seines Lebens. von Jakob Seifenfte-er ltlürnberg). Genau 100 Jahre nach der Geburt Mendelssohns und fast ein Bierteljahrhnndert, nachdem Gabriel Rießer das Licht der Welt erblickt hatte, wurde Eduard Laster in Jarotschin in Posen geboren. Jeder dieser drei Männer bedeutet einen Markstein in der Geschichte des deutschen Judentums. Mendelssohn hat die Juden in den deutschen Knlturkreis eingeschaltet und so aus ihrer geistigen und nationalen Isolierung befreit. Gabriel Ni eher hat ihre bürgerliche Emanzipation durchgesetzt und Eduard Laster hat sie mit dem staatlichen Leben im neuen Deutschen Reich verbunden und ihre staatsbürgerliche Gleichstellung in der allgemeinen Rechtsgleichheit verankert, für die er Tag für Tag in den Parlainenten kämpfte. Durch das Austrittsgesetz, dessen Zustandekornmen in erster Linie ihm zu danken ist, hat er ferner den deutschen Juden, wie es den Bekennern des christlichen Glaubens schon langst gestattet war, das Recht verschafft, aus dem Synagogenverband auszutreten, ohne damit auch die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion ausgeben zu müssen. So hat er, Winkelried heit, durch die Schranken kirchlicher Gebundenheit dem Recht des Glaubens ltnb des Gewissens auch für die Juden in Deutschland eine Gasse gebahnt. Wie M e n d e l s s o h n und 3ii e js e r stammte Laster aus einer hochorthodoxen Familie und erhielt wie jene zuerst von seinem Vater und dann von einem Hauslehrer eine strengreligiöse Erziehung und gründliche Unterweisung in Bibel und Talmud. Da er Rabbiner werden sollte, brachte ihn sein Vater auf die Jeschiba nach Ostrowo. Weil aber seinem Geist die spanischen Stiesel, in die er in Ostrowo gezwängt werden sollte, nicht behagten, brannte er eines Tages kurz entschlossen mit seinem Bruder nach Breslau durch und ließ sich daselbst ins Gymnasium aufnehmen. In wenigen Jahren hatte er sich den vorgeschriebenen Lehrstoff augeeignet, so daß er Ostern 1847, 17*4 Jahre alt, zur Universität entlassen werden konnte. In Breslau und Berlin studierte er hieraus Mathematik und Medizin und daun Jurisprudenz. Nachdem er 1850 und 1852 seine juristischen Prüfungen abgelegt hatte, arbeitete er eine Zeitlang als Assessor am Stadtgericht in Berlin. Da er jedoch unter dem reaktionären Ministerium Manteufsel keine Beförderung zu erwarten hatte, siedelte er Ende 1852 nach England über und ließ sich in der City als Rechtsanwalt nieder. Aber seine Hoffnungen, sich im freien England eine unabhängige und gesicherte Lebensstellung zu begründen, erfüllten sich nicht, und er kehrte int April 1856 wieder nach Berlin zurück, fest entschlossen, am politischen Leben tätigen Anteil zu nehmen. Bald erregte er die Aufmerksamkeit der damaligen Fortschrittspartei, die die junge, hoffnungsvolle Kraft für ihre parlamentarische Vertretung gewinnen wollte. Aber wiederholt mißlang der Versuch, dem jüdischen Assessor zu einem Mandat zu verhelfen. Erft im März 1865 konnte er im vierten Berliner Landtags-Wahlbezirk ausgestellt und durchgebracht werden. Von da ab hat Laster 18 Jahre lang unermüdlich und erfolgreich im Parlament gewirkt. 14 Jahre (1865—1879) im preußischen Abgeordnetenhcw.se und 16 Jahre (1867 bis 1883) im Reichstag. In dem damaligen Verfassungskonflikt Zwischen Bismarck imb dem Landtag nahm er gegen die Negierung Stellung. Als aber nach dem Sieg von Königgrätz die nationale Mission Bismarcks immer augenfälliger hervortrat, stimmte er für die von der Regierung gewünschte Indemnität und für nachträgliche Genehmigung der zur Führung des Krieges notwendigen Kredite. Da die Fortschrittspartei gegen diese Vorlagen einen ablehnenden Standpunkt eingenonunen hatte, trat Laster am 24. Oktober 1866 mit einer Anzahl Gesinnungsgenossen aus dem Parteiverband aus nnb gründete mit Twesten, Bennigsen, Miguel und F o r cf enbe cf die Nationalliberale Partei, die von nun an ein Jahrzehnt lang die deutsche Politik maßgebend beeinflußte. Bei den bald darauf stattfindenden Wahlen zum verfassunggebenden Norddeutschen Reichstag im Februar 1867 wurde Laster vom ersten Berliner Wahlkreis gewühlt. Bei Beratung des Verfassungsentwurfs stand er vom 11. März bis 18. April täglich auf der Rednertribüne und redete, wie von Sybel sagt, als „der jüngste Virtuose in Deutschlands parlamentarischem Orchester verständig und wirksam". Dabei trat er, wie auch bei der Behandlung der Gesetzentwürfe in den folgenden Jahren, unter Wahrung seines liberalen Standpunktes, stets nur für das Erreichbare sowie für die Lebensnotiucubigfcitcn und die Große Preußen-Deutschlands ein. „Wo es sich um die Zukunft des Vaterlandes handelt," hatte er schon zu Beginn seiner parlamentarischen Tätigkeit am 30. April 1867 im preußischen Landtag erklärt, „werde ich immer auf der Seite stehen, welche nach meiner Neberzeugung die desselben fördert." Und diesem seinem Grundsatz blieb er treu, bis er endgültig von der Rednertribüne der V ol tsver tr e t u n g a btrat. Nur einzelne Gipfelpunkte, die sich dem bewundernden Blick des rückschauenden Betrachters zeigen, sollen hier aus der Kette seiner parlamentarischen Erfolge erwähnt werden, um eine Vorstellung von dem Umfang und der Bedeutung seines gesetzgeberischen Einflusses zu geben, denn seit der Schaffung der norddeutschen Bundesverfassung bis zu seinem Tode wurde in Preußen-Deutschland kein wichtiges Gesetz erlassen, das nicht die Marke seines Geistes trug. Bei Beratung des von der Negierung dem Reichstag des Norddeutschen Bundes 1869 vorgelegten Entwurfs eines Strafgesetzbuches war die umstrittenste Frage die im Entwurf beibehaltene Todesstrafe. Bismarck hatte das Zustandekommen des ganzen Gesetzes von ihrer Annahme abhängig gemacht, die Mehrheit des Reichstags aber war für ihre Abschaffung. Am 28. Februar 1870 trat Laster in einer mehrstündigen Rede, in der er alle Mittel seiner logisch zwingenden Beredsamkeit ausbot, für ihre Beseitigung ein. „Ein Atemhaltcu in der Versammlung; auch der Kronprinz in der Hosloge legt sich ausmerkend vor", berichtete Berthold Auerbach seinem Vetter Jakob. Wenn Laster auch in diesem besonderen Falte ein praktischer Erfolg versagt blieb, so hat er doch das ganze Gesetz durch seine sachkundigen Anträge in liberalem Sinne beeinflußt und der späteren Justizgesehgebung im neuen Reich wirksam vorgearbeitet. Von mul] unmittelbarerem Einfluß ans die nationale Entwicklung war sein Eingreisen in den.Gang der Ereignisse nach Ansbruch des Deutsch-Französischen Krieges. Schon wellige Tage nach der Kriegserklärung schrieb er an Beuuigsell, „daß der Krieg die staatliche Einheit der Nation bringen lnuß", ltnb an den schwäbischen Parteifreund Holder: „Jetzt muh die Mainlinie fallen ltnb Gesamtdeutschland begründet werden, sonst wäredas Volk um den Preis des'Kampfes und des Sieges gebracht." Mit Einwilligung des Präsidenten des Blludeskanzlcramts, Delbrück, fuhr er am 9. September 1870 mit Bennigsen nach Süddeutschland, um bei der dortigen Bevölkerung, den Parteifreunden und Regierungen die dem Eintritt ein der religiösen Frei- Jv Interessen