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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-11 · 41 (11.10.1929) · p. Seite 550

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
41 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
Seite 550 (sequence 2)
Language
German
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Edvard Mer, ein Repräsentant unseres Eentralvereins-Gedankens. Mt Man wirft unserer Zeit mangelndes historisches Verständnis vor. Dieser Vorwurf ist in erheblichem Umfange berechtigt, namentlich soweit er die jüngere Generation angeht. Man mache die Probe und frage gebildete junge Leute nach den Heroen des Liberalismus, die den Boden für die Gründung und Gestaltung des Deutschen Reiches geschaffen haben, und man muß feststellen, daß kaum die Rainen noch bekannt sind. Dieses Schicksal teilt auch Eduard Laster. Wir Aelteren empfinden dies schmerzlich, obwohl wir Verständnis dafür haben, daß unsere Jugend so viel Neues erlebt hat und mit der Bewältigung dieses Neuen auch heute noch so sehr beschäftigt ist, daß der Wunsch fehlt, sich in die Vergangenheit zu versenken. Wir Aelteren haben die Zeit erlebt, in der der Name Eduard Laster in jedem deutsch-jüdischen Hause mit Ehrfurcht genannt wurde. Wir waren und sind stolz darauf, daß Eduard Laster, dem man alle großzügigen Gesetze des ersten Jahrzehnts nach dem großen Kriege von 1870 verdankt, der den Antrag im Reichstag durchgesetzt hat, wonach die Zuständigkeit des Deutschen Reiches auch auf die Schaffung eines gemeinsamen bürgerlichen Rechts ausgedehnt wurde, einer der Unseren gewesen ist. Wir Centralvereinler verehren in Eduard Laster den Typ des deutschen Juden, der unserer Einstellung und Weltanschauung in vorbildlicher Weise entspricht. Eduard Lasker und sein Freund Ludwig Bamberger, mit ihm in gemeinsamer Arbeit verbunden, stellen den deutschen Juden dar, für den sein Deutschtum unb sein Judentum in unlösbarer Verbindung Lebensnotwendigkeiten sind, über die es eineDiskussion nicht geben kann, wenn er seine Lebenswurzel nicht vernichten will. Der glühende Patriot Eduard Lasker hat dem deutschen Vaterlande ohne Rücksicht aus Dank oder Undank gedient, weil dieser Dienst für ihn eine moralische Selbstverständlichkeit und eine Lebensnotwendigkeit war. Er hat Undank erlebt und Undank wurde ihm auch nach dem Tode zuteil. Wir erinnern uns jener bedauernswerten Erklärung Bismarcks, der sich weigerte, die einmütige Beileidskundgebung des amerikanischen Repräsentantenhauses dem Reichstage zu übermitteln. In der wunderbaren Gedenkrede, die Ludwig Bamberger am Abend des 28. Januar 1884, an welchem Eduard Lasker zu Grabe getragen wurde, in der Berliner Singakademie hieht, erwähnt Bamberger, wie schwer Eduard Lasker unter dem „Fanatismus der Rasse" gelitten hat. Aber Bamberger hebt hervor, wie Lasker nimmermehr die traurigen Erscheinungen des Antisemitismus als eine ihm und seinen Glaubensbrüdern auferlegte Last empfunden hat, sondern als einen Fleck aus dem Ehrerrschilde des ganzen deutschen Volkes: „Man sagt, er fei an gebrochenem Herzen gestorben. Männer, die so für die Gesamtheit mit Hingebung arbeiten, sterben nicht an gebrochenem Herzen; sie haben einen Vorrat an Glauben in Brust und Herzen, der nicht auszurotteu ist durch vorübergehende Erscheinungen. Er hatte ein Herz, viel zu tapfer, um durch eine kurze Periode der Ungunst sich anfechten und abschrecken zu lassen, ein Herz, kühn und tapfer und fest bis zum letzten Augenblick." Lasker selbst sagt in einem von echt humanistischem Geiste getragenen Essay: „Der Mensch und sein Geschlecht": „Die Unwahrhastigkeit in jeder Gestalt ist der Hinderer, welchen die Kultur und Entwicklung schrittweise zurückdrängt und einst sicher ganz überwinden wird." Wir deutschen Juden neigen uns an dem hundertsten Geburtstage von Eduard Lasker ehrfurchtsvoll vor diesem großen deutschen Patrioten, dessen Geist und dessen Hossnungssreudigkeit in uns fortleben soll. Dr. Julius Brodnitz. Aas Grab fei der EchönbaM Allee. / mm m m» Bambergers und Laskers Ruhestätte. r v MW Auf dem nun auch schon historischen Friedhof in der Schönhauser Allee schmückt am 14. Oktober ein Grab, um das einst Tausende standen, sich mit einem, vielleicht einsamen Kranz, dem Erinnerungszeichen der Familie. Wie viele sonst noch gedenken wohl dieses Toten, wissen um fein Wirken in dieser schnell lebenden, schnell vergessenden Zeit? Es scheint, daß die Zeit zum Erinnern nicht — Zeit hat. Aber wir haben ja vor kurzem einen zweihundertsten Gedenktag gefeiert und — sinnig gefeiert: Jene, uns so ferne Zeit mit ihrer häuslichen Enge und gedanklichen Weite, mit ihrem lebensfrohen Bejahen, mit dem noch so jungen Glauben an Menschlichkeit und Brüderlichkeit, an ein bald zu verwirklichendes Menschenglück — das alles wurde tatsächlich in uns lebendig, ward warm in uns wie lang entbehrtes, höchstes Glück. Das Auge gönnte ihm gern eine Minute des Berweilens, freilich, nicht ohne das wehmütige Lächeln des Allzuenttüuschten, Allzuwissenden. Der hundertjährige Lasker kann nicht mit so viel zärtlichem Mllgefühl rechnen wie der zweihundertjährige M e n d e l s s o h n. Jene m sind wir schon sehr fern, und doch zu nah. Dieser ist bereits ganz historisch geworden. Um ihn schwebt das Eigenkolorit einer völlig versunkenen Epoche und der Reiz, mit dem sie eben durch ihr Anderssein von der Sphäre sich abhebt, in der wir suchend, mehr bangend als hoffend vorwärts tasten. Schon der Wirkungskreis beider Männer verdeutlicht den Gegensatz ihrer Zeitalter, das der Philosophie und das der Politik. Dem Politiker flicht die deutsche Nachwelt im allgemeinen keine Kränze; gewiß haben wir heute für den Gründer der Nationalliberalen Partei keinen von der Deutschen Volkspartei zu erwarten. Und doch war die Zeit, in der Lasker ihr Führer war, nicht nur die große Zeit des Vaterlandes, sondern auch die große Zeit der Partei. Sie war zahlenmäßig stärker als irgendeine heut bestehende, konnte, j je nachdem nationale oder liberale Interessen im Vordergrund standen, § sich mit den Freikonservativen oder der -Fortschrittspartei zu aus- § schlaggebender Mehrheit vereinigen. In dieser Partei nahm Lasker § die Führerstellung ein. 1 Unsere politischen Probleme sind andere geworden und werden p mit anderen Methoden ausgesuchten. In der Mendelssohn-Zeit tauchten | wir so gern ein wenig unter, weil sie gar so fern ist; Laskers Zeit 8 und Gestalt schwankt noch zu sehr, von der Parteien Haß und Gunst j verwirrt. Aber doch, wenn wir uns einen großen Tag des Reichstags J znrückrufen, ein Rededuell zwischen Bismarck und Lasker, so scheint, aus der Perspektive neuerer Reichstagsszenen gesehen, auch diese Zeit schon fern, mit einem, Wert und Höhe verleihenden Eigenkolorit ausgestattet, das ein schmerzliches Ahnen wachruft: auch dies sei vielleicht eine schon versinkende Epoche. . .

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