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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-04 · 40 (4.10.1929) · p. Seite 540

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
40 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
Seite 540 (sequence 8)
Language
German
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Sff ffltf tßflöntj* / 2'£[tlilfamr. Jubal, der jüngste Sohn des Noah, ein Bursche von vielleicht neunzehn Jahren, war wohl der ungebärdigste unter den Menschen in der Arche, von Stockwerk zu Stockwerk lies er zwischen den Ställen und Kojen hin und her, hielt gute Freundschaft mit den Tieren, denen er zuredete, sie möchten noch eine Weile Drang und Gewalt bezähmen, über eine kleine Zeit werde die Arche landen und sich austun, und die feste Erde werde ausgebreitet vor ihnen liegen wie zuvor. Noah mußte es ihm verweisen, daß er zu häusig einen Spalt öffnete, nm nach dem Stande der Flut und der Dichte des Regens auszuspähen, weil Gefahr bestand, daß Wasser in die Arche rann, und sie hätten ohnedies Blühe und Arbeit genug. Als sich aber Tage an Tage und Nächte an Nächte wie Negensträhnen neben Regensträhnen reihten und die Zeit unabsehbar gleichfarben grau sich dehnte wie die Wüste der Wasser, ermattete sein Wesen und schrumpfte zusammen, mißmutig Lat er die notwendige Arbeit — den Unrat fortkehren, Schafe, Rehe, Hunde füttern, Lerchen, Nachtigallen, Amseln tränken und ihnen das grüne Buschwerk erneuern —, und lag die übrige Zeit ohne Laut und ohne sich zu regen in einem Winkel aus dem Boden. Wie er eben vor der männlichen Dogge kniete, einen Splitter zu entfernen, den sie sich in die rechte Pfote getreten hatte, erbebte die Arche plötzlich von einem starken Stoß, dessen Wucht Jubal niederwarf, sie schwankte, ein zweiter, schwächerer Ruck schlitterte durch die Balken und Bohlen, alle Tiere brüllten und schrien, trampelten und flatterten, Laufen von Menschen setzte ein, Noah, Japheth und die Frau des Ham riefen einander zu — Jubal taumelte empor, die Arche schwankte, er schlug nochmals hin, die Dogge winselte, er nickte ihr zu, er horchte: die Arche wiegte, doch sie bewegte sich nicht, er rannte, hielt nochmals ein, tastete mit Ballen und Sohlen, fingerte mit den Händen in die Luft, schon wiegte die Arche sanft, sie stand. Er riß den Spalt, seinen Lugaus, weit auf, und schrak zurück, denn fernhin dehnte sich unermeßlich die wüste Graue der Wasser, — nein, schwärzlich braun und verwischt grünlich, mit Teichen und Tümpeln überfeuchtet, beinahe noch Wasserfarben, stachen Flecken Landes aus der Flut. Die Arche lag vor einem Stück Bergwiese. Eine Lärche, den unteren Teil des Stammes noch im Wasser, Rinde und Wipfel durchnäßt, ragte fast so hoch wie die Arche selbst, der Regen hatte fast gänzlich aufgehört, nur ab und zu wischte und stäubte es von Wasser, das gleichsam noch in der Luft stecken geblieben war, doch immer noch stand eine große Ebene von Wolken über der grauen Ebene des Wassers. Jubal eilte zur Tür, entpflockte und entranunte, stieß sie auf und setzte mit einem weiten Sprung hinaus. Noch hie und da watend, knöcheltief im Wasser, eilte er zu der Lärche, umschlang, herzte, halste sie, küßte die nasse Borke, klomm an den: Stamm, der wankte und ein volles Büschel Tropfen niederschüttete, hinauf, saß im Wipfel und blickte sich um: weitum Flut; ja, sie fiel, er konnte es mit den Augen äbmessen, wie sie langsam schwand. Dort, zur Linken, war soeben nur blaugraues Wasser gewesen, nun tauchten Baumkronen, drei beieinander — und jetzt waren es vier — aus der Fläche. Fern zur Rechten, hinter der Grenze des Wassers, lag plötzlich ein wie ein Pserdleib länglich gestrecktes Festland, das er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Der Tod fiel, das Leben stieg, Wald kehrte zurück, Acker kehrte zurück, Gras kehrte zurück — die Erde war wieder da. Weite, von allen Enden und Rändern, brach heran, drang in ihn ein, überschwemmte ihn inwendig; er breitete die Arme aus und umfing die Erde wie einen Freund. Der Odem, zu innerst, dehnte sich ihm unb erschwoll, ein Jauchzen sog sich ihm durch die Adern, — plötzlich horchte er auf, er hörte einen Ton, wie er ihn noch nie zuvor vernommen hatte, und noch einer, und abermals, Ton nach Tönen, er lauschte, erschrak — Glück tief int Leibe ruhend, uugesormt und ungefüg, quoll und bildete sich empor, schlug rollte, — Jubal spürte, daß er saug. Er sang; er wußte nicht, was er tat, und was ihm geschah, niemals in der Zeit vor der großen Flut hatten die Menschen gesungen; er saß und schmetterte und brauste in immer neuen Kaskaden, weithin frohlockte der Schall. Plötzlich aber splitterte Jubals Gesang, Vier- Töne fielen stumpf zur Erde, durch die Aeste herab, er verstummte. Zur Rechten, etwa dreißig Schritt entfernt, neben dem abseits aufragenden Felsen, den das Wasser vor einer Weile freigegeben hatte, lagen, aufgeschwemmt, von Fischen zerfressen, die Leichen zweier Menschen übereinander, sie hatten sich hinaufgeflüchtet und waren von den Wellen ereilt und hinabgestürzt worden. Jubal schwieg; er gedachte der Menschen. Biele hatte er gekannt, es waren arge Leute unter ihnen, jener Peleg zumal, der die Tiere, zu seiner Kurzweil, geblendet hatte — nun, er war tot, und tot war Sebath, der kleine, braunhändige, braunäugige, mit dem er gespielt hatte. Und — nun sah es Jubal, mit tauben Blicken sah er es — ringsum lagen tote Menschen nah und fern auf den Inseln und Eilanden, Landzungen und Festländern, die sich aus der Flutwüste emportasteten. Stille, unendlich, war ringsumher ausgebreitet. Plötzlich fühlte Jubal, daß die Erde leer war. Stumm drehte er sich im Geäst und wollte niederklimmen, zur Arche, zu den Seinen, — da löste sich eine Fuge oben in dem steinern grauen Gewölk, ein Strahl Sonne stach hernieder, und die Graue des Wassers versilberte sich in einem gülden erflimmernden Glanz, und nun sah Jubal, daß die Flut überall gesunken war und die Erde sich, von keinem Wasser zerrissen, breitete. Und wiederum schwoll die Weite von allen Seiten heran, und wiederum wollte tief innen in ihm der Bogel anheben. Glück zu schlagen und Lust zu rollen, jedoch am Felsen lagen die toten Menschen, und weithin über die Erde lagen die toten Menschen, und Gram als eine Faust tat sich in ihm auf und nmklammerte den Gesang. Doch der Odem in ihm ließ nicht ab, er rang wider den Griff, singende Kraft spannte sich wider die drosselnde, da erlahmte die greifende Faust und ließ nach und ab und entklammerte sich, und abermals drang Ton nach Ton aus Jubal empor, doch nun langsam, schwer von sich selbst, lang nachhallend: wie schwarz gefiederte Vögel stiegen sie auf, doch entflogen nicht, sie saßen ringsum neben Jubal, und ihm zu Füßen, und ihm zu Häupten, und bedeckten die Aeste des Wipfels, schlagend und schluchzend. So sang Jubal die Klage. Da geschah ein Stampfen und Drängen in der Arche, Rehe und Gazellen, Hirsche und Hasen, Schafe und Antilopen drängten sich durch die Tür und stoben in jubelndem Jagen dahin über die Erde. Noah und Japheth traten heraus und lachten und nickten und winkten ihnen nach. Da breitete Jubal die Arme wider die Erde, er breitete die Arme nach den toten Menschen. Grain frohlockte, sein Jubel trauerte. Geschlossener Augen saß er, und sang Ende und Anfang. r -1879-1929 50 Jahre Otto Boenicke Der reich illustrierte Fest-Katalog wird jedem Interessenten kostenfrei u. unverbindlich zugesandt. Jubiläums-Marke neues, hervorragendes Sumatra-Sortiment zu 15, 20, 25, 30 Pf. in Kisten zu 50 Stück, 40, 50, 60, 80, 100 Pf. in Kisten zu 50 Stück, In allen Preislagen unübertrefflich! Jubiläums Marke 20 Pf 5°/0 Rabatt bei Barbezug von Originalsten, von SOO Stück an 6 °/0. Portofreie Zusendung innerhalb Deutschlands von 20 RM. an. Berlin W8, Französische Str. 21 * Haus am Zoo * Königstr. 49 * Kochstr. 59 * Schlossstr. 96, Steglitz * Eiberfeld * Königsberg i.Pr. * Leipzig.

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