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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-04 · 40 (4.10.1929) · p. Seite 541

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
40 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
Seite 541 (sequence 9)
Language
German
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m Der wiener Kongreß -er „Agudas ^isroel^. Gedanken und Eindrücke von James Roserithal. Ein eigenartiges Phänomen: Menschen aus allen Ländern, allen Erdteilen, treffen sich zu einem Kongreß im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert des Nationalismus und der Nationalitätenkämpfe, und es taucht in keinem Augenblick ein Sprachenproblem aus, sei es grundsätzlich, sei es bezüglich der Verhandlungssprache: dieses merkwürdige Bild bot dem Teilnehmer der Weltkongreß der „Agudas Jisroel", der Organisation der unabhängigen Orthodoxie, oder, wie ihr Führer Jakob N o s e n h e i m sie nennt, des „historischen jüdischen Volkes". Und das Merkwürdigste, uns Deutsche nach all den Jahren des Niederganges am meisten Erschütternde: die alle einende, von allen im feierlichsten, gleichsam „jüdischsten" Moment, wie in der zwanglosen Unterhaltung gebrauchte Sprache ist die d e u t s ch e beziehungsweise ihre Abart, die jiddische. Schon dies gibt diesem Kongreß eine besondere Note, lieber den Verlauf der Tagung selbst ist schon in der jüdischen Presse eingehend berichtet. Hier mögen nur wenige Punkte herausgegriffen werden. Die alle am meisten bewegende Frage ist die auch uns im deutschen Judentum beherrschende: die Frage der Erziehung, der Heranbildung des Nachwuchses. Großes ist hier vor allem im Osten geleistet. Dort, wo es bis zum Kriege kaum eine Mädchenschulbildung gab, ja wo sie vielfach sogar verpönt war, besteht heute das blühende „3e8-lla1rod"-Schulwesen, gegründet und geleitet von einem Berliner Schulmann, Dr. Leo Deutschländer, aufgebaut etwa nach dem System der deutschen Volksschule, mit modernstem Bildungsgehalt, dienend zugleich der Erziehung der jungen Menschen zu treuen Gliedern der jüdisch-religiösen Gesamtheit, gekrönt von einem großen Lehrerinnenseminar. Bedrückend nur, daß auch dieses Werk mit den widrigsten und primitivsten materiellen Sorgen zu kämpfen hat. Die Palüstinafragen fanden eine Behandlung, die vom Standpunkt dieser Blätter höchst beachtlich ist: kein Wort exaltierten Hasses, sondern Aufruf zur Erkenntnis eigener Fehler. Deutlich wurde gerade von den Führern des bedrängten Vorpostens, von den Palästinensern selbst, im Kongreß und in der viel aufschlußreicheren privaten Unterhaltung gesagt, daß gerade „Agudas Jisroel" am meisten bedauert, daß die uns allen teure Klagemauer von Menschen zum Spielball nationaler Leidenschaften und zur Ausputschung chauvinistischen Haffes verwendet wird, die ihre wahre Bedeutung gar nicht erfassen können. Leben und Aufstieg des Judentums sind an den Besitz dieser Mauer nicht geknüpft, und jeder Blutstropfen, der für sie fließt, entgeht wahrer jüdischer Zukunftsarbeit. So waren die Freunde aus dem Lande der Väter diejenigen, die in Selbstentäußerung uns, die vor Erregung über das Unglück plötzlich die Distanz zu den Dingen verloren hatten, auf die Bahn ruhiger Ueberlegung zurückführten; verständlich, wenn man bedenkt, daß doch sie Verantwortung im Lande selbst zu tragen haben. Und vielleicht — so sagte uns Privatim eine für die Aguda-Politik höchst verantwortliche Persönlichkeit — wird die Aguda noch einmal berufen sein, Trägerin entnationalisierter und darum allein zukunftssroher jüdischer Aufbauarbeit im Lande und der brüderlichen Verständigung mit dem großen' arabischen Kulturvolk zu -sein . . . Festzuhalten bleibt hier, daß nach dem Beschluß des Kongresses unter den gegebenen Umständen der Beitritt zur „Jewish Agency" un- Zur Gesundhaltung! Fachinger Versandstelle, Berlin SW 11, Schönefcerger Strasse 16a. Telefon: Ltitzow 8260/61 möglich ist; gewiß eine unpopuläre Entscheidung^ sicher aber ein Akt größten Verantwortungsbewuhtseins gegenüber dem Judentum und dem Lande seiner Messias-Sehnsucht. Einzigartig das Bild, das der „Rabbinische Rat", zusammengesetzt aus den hervorragendsten Thoragrößen jedes Landes, bietet. Was vo'v einem Menschenalter undenkbar schien: die berühmtesten „Ehassidim-Nebbes" an einem Tisch mit den Vertretern der litauischen und diese mit denen der ungarischen Thoragelehrsamkeit. Eindeutig ist nun auch festgestellt, daß in Deutschland dem Ausstieg auch der entschiedensten Anhänger und Mitarbeiter sogenannter „Einheitsgemeinden" in die höchsten Fül)rerstellungen der „Agudas Jisroel" grundsätzlich und praktisch nichts im Wege steht. Urch — um zum Ausgangspunkt zurückzukehren — der erhebendste Augenblick des Kongresses: All die Tausende vereinen sich, um den Mann, dem sie ihr Zusammensein, dem die Weltorthodoxie ihre Organisation und ihr Oberhaupt, den „Rabbinischen Rat", verdankt, um den deutschen Juden Jakob Rosenheim zu ehren und damit den schuldigen Tribut zu zollen deutschem Organisationstalent und dem besten Teile deutsch-jüdischer Tradition: Sinn für die Wirklichkeit, rechnendem Verstand, vereint mit Hingabe an die Aufgaben der jüdischen Gesamtheit. MERCEDES-BENZ Automobile kaufen, ohne Mercedes-Benz zu prüfen, heißt wählen ohne Maßstab . . .

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