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Central-Verein-Zeitung · 1929-10-04 · 40 (4.10.1929) · p. Seite 537

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
40 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
Seite 537 (sequence 5)
Language
German
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A« de« Genossen Gtalin. Brief eines alten Juden. Aus dem Russischen von Or. Fritz Reuel. Der Uebersetzer schreibt uns: „Der vorliegende Brief eines jüdistlrerr Mannes an den russischen Diktator hat von Hand zu Hand in der Ukraine weite Verbreitung gefunden und ist auf diese Weise auch über arotzrussisches Gebiet bis nach Moskau vorgedrungen, von wo er soeben den Weg in die „vnzLLnr" und die „Riaij" gesunden hat. Ich erlaube mir, Ihnen die sinngetreue Uebersetzung des menschlich und politisch so interessanten, geschichtlich bcDentmrgsvollerr Dokumentes pt senden." Die Schriftleituug. Genosse Stalin? Sie sind bekanntlich ein großer Antisemit und ich nur ein kleiner Jude. Gerade deshalb, denke ich, werden wir uns gut verstehen. Im Alter von 16 Jahren verabreichten mir Glaubensgenosse!! eine solenne Tracht Prügel. Am heiligen Sabbath war ich in der Hauptgasse unseres kleinen Ortes mit einem Spazierstöckchen in der Hand auf und ab stolziert. Nachdem ich dafür besagte Hiebe bezogen hatte, lief ich spornstreichs in den einzigen christlichen Kaufladen, erstand ein Stück Schweinespeck und verzehrte es vor aller Angen. Das hatte Zur Folge, daß mir schlecht wurde (denn ich war an Speck keineswegs gewöhnt) und daß ich meine Heimat Hals über Kopf verlassen mußte. Ich riß nach Kiew aus und wandte mich endgültig ab von unseren! allen Judengott. Mit dem Christengott machte ich spater ähnlich unliebsame Bekanntschaft, als die Mönche vom Potschaeffkloster Pogrom predigten... Nun zu der Moral von der Geschichte: 30 Jahre lang habe ich keine Synagoge mehr; gesehen. Heute gehe ich wieder hinein. Und j zwar von dem Augenblick an, als den Juden j meines Stadtteils ihr altes Bethaus weggenomj men wurde. Man hat sie darum gebracht unter I dem Vorwand, es zu einem Vereinshaus für f jüdische Arbeiter umzubanen. Als sich der > Architekt die Sachlage ansah und sagte, der Ilm* i bau sei nicht zu bewerkstelligen, da riß man s Böden und Decken heraus, machte Brennholz j davon und ans den stehengebliebenen vier Wänf den einen Biehstall. Als unter meinen Augen g Ihre Obrigkeit mit dem Viehstall fertig war. Ge-! nosse Stalin, da ging ich, der Ungläubige, der j Gottlose, von Haus zu Haus und sagte: Hört II mich an, Ihr Juden! Ihr müßt Euch selbst j respektieren. Wir müssen Geld sammeln für? eine neue Synagoge. Wir taten es. Wir haben l wieder eine Synagoge, und ich gehe in diese jj neue Synagoge. Und wenn mich junge Leute fragen, die in dem Alter stehen, in dem ich s fabbathlicherweise mit dem Spazierstöckchen 3 hevnmstolzievte und ans Wut Schweinespeck aß i — wenn mich also die jungen Leute nach Gott 3 fragen —, dann sage ich ihnen: Ehrt den Gott Z der Inden, ehrt den Gott der Christen, ehrt den L Gott der Moslim. Seid gläubig oder seid un- § gläubig, aber seht ein, daß man einen ver- | folgten Gott unbedingt verehren muß. ß Ich bin ein alter Jude, ein Arbeitsmann und § habe viele russische Bekannte. Biele von ihnen | waren ungläubig wie ich. Sie gingen nicht ins | Gotteshaus und machten sich nichts aus der > Geistlichkeit. Heute gehen sie in die Kirche, wie j in die Synagoge, geben Geld sür Kirchenzwecke und begegnen den Geistlichen mit Achtung. Ein paar Worte über meine politische Einstellung. Was wird die politische UeberZeugung des jüdischen Arbeiters sein, der Bücher und Zeitungen liest? Ich war Zur Hülste Bnndist, zur Hälfte Bolschewik. Ich stand mit jedem Bein mitten auf gutem Grund, haßte die Kapitalisten. Aber Ihre Herrschaft, Genosse Stalin, zwang mich, die Kapitalisten Zn bedauern und zu achten. Unter meinen Bekannten sind gebildete Leute. Ich weiß wohl, auch sie haßten schon immer die Großkaufleute und großen Bauern. Heute achten wir beide. Ich will Ihnen auch verraten, warum das so kam: deshalb, weil der Verfolgte das Recht i m nr e r a u f s e i n e r Seite hat. Als ich wegen des Spazierstocks am Sabbath meine Hiebe bekam, da war das Recht auch auf meiner Seite. Und als die Negierung später die Zu schlagen begann, die mich verhauen hakten, da trat das Recht auf deren Seite . . . Ich kenne Geführten, die, tute ich es eben tue, sich schriftlich an Sie gewandt haben. Sie sitzen alle im Irrenhaus. Offenbar lautet Ihre neueste Verfügung: derartige Schreiben sind zu vernichten und ihre Verfasser ins Irrenhaus zu sperren. Deshalb werde ich dieses Schreiben nicht in den Briefkasten werfen. Ich gebe es Freunden. Sie werden es abschreiben, vervielfältigen, ihren Freunden zustecken, und so wird es bis zu Ihnen gelangen, und die ganze Welt wird wissen, was der arme alte gottlose Jude schreibt. Ich würde diesen Brief natürlich gern mit meinem Namen unterschreiben und mein? Adresse beifügen, damit jeder nachprnfen kann, daß ich wirklich Jude, wirklich Arbeiter, wirklich Atheist bin. Aber lohnt es sich, sür diese Genugtnung zu riskieren, tute meine Freunde ins Irrenhaus zu wandern? . . . Ein alter Jude. IliiillliHiüliiHÜÜü iii!i!!!i!Si!iii!i i!!!!i!iiiii!sü!liii! lülüiiiiH Kommunalwähler! Lernt aus Loburg. Früher, als man es vorausahnte, ist im bürgerlichen Lager in Coburg die Ernüchterung über den Erfolg der letzten Stadtratswahlen gekommen, bei denen, wie erinnerlich, die Nationalsozialisten die Mehrheit der Sitze errungen hatten. Es hieße nur die Wirkung abschwächen, wollte man Zu nachstehender Kundgebung, welche dieser Tage in der Colmrger Presse erschien, noch etwas yinzusügen. Die RatloimljozlMte« betreiben eine KaWrophenpslitik das hat die Bürgerschaft inzwischen durch die sattsam bekannten Vorgänge im Sradtrat Coburg festgestellt. Wer Mehrausgaben bewilligt, ohne Vorschläge für anderweitige Deckung zu machen, handelt verantwortungslos. Mit Musik und Reden ist cs nicht gemacht. Die Nationalsozialisten greifen durchInserate und Flugblätter dre Deutsch- NlllionnLe Uolkspartri, die dies öffentlich ausspricht, in maßloser weise an. Dle Bürgerschaft ist der Hetze, die die Nationalsozialisten hier in Coburg zwecks Propaganda treiben, in den weitesten Kreisen überdrüssig. Es ist eine unglaubliche Anmaßung, zu glauben, den Deutsch rmkionnleu „Feigheit" und „politische Unfähigkeit" verwerten zu dürfen und gleichzeitig die Männer, die durch das Vertrauen der Coburger Bürger gewählt, als deutschnatisunle Gtadträte Ln Coburg ihre Pflicht tun, zu ihrer „Verteidigung" in das Hofbrauhaus vorzuladen. Die Vertreter der größten deutschen bürgerlichen Partei sind durch den Vorstand der NeulschunliouaLen NoUrsparlei (Dezielrsgrrrppe Coburg) auf* gefordert, sich von der Versammlung der Nationalsozialisten fernzuhalten, solange die vtationalsozialistcn die bei den Kommunisten gewohnten Mätzchen in ihrem Wahlkampf anwenden. MKI Mredimn, fentetit m traltt MSnimn Wird die WrserWast künsklsW ffjc Mrauen Mott«. De«tsch«Moua>is VESsavtek tVezwkSssusms Ser Borstand: Dr. Letz. Der Sieg der besseren Einsicht ist immerhin ein sehr erfreuliches Zeichen. Wir erfahren übrigens bei dieser Gelegenheit, daß die Verhältnisse aus den höheren Schulen in Coburg so sind, wie es den Forderungen der Gerechtigkeit und des politischen Anstandes entspricht. Die Lehrerschaft bemüht sich Zu ihrem Teile, jede Politik und jede Feindschaft gegen irgendwelche Religion und Klassen von den Schulen ' sernZuhalten. Bei ihren! ernsten Willen ist der Erfolg auch nicht "ausgeblieben.

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