Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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535 §Et! M M / Betrachtung zum Reujahrsfrst. Von Rabbiner Dr. S. Wertze. Unser jüdisches Neujahrsfest führt das merkwürdige Epitheton „Lag des Gedenkens" und kündet damit seine tiefste Bedeutung an. Denken und G e d e n k e u sind im Laufe der geschichtlichen Entwicklung zu religiösen Trägern dieses Festes geworden. Die Liturgie dieses Tages ist erfüllt von dieser Grundidee. Gott gedenkt Israels mb Israel soll Gottes und des Göttlichen in seiner Seele gedenken. Dieser Tag, eine hohe Etappe auf dem Wege zu Gott, ist auch dazu bestimmt, über das Judentum, sein Wesen und sein Ziel nachzudenken. Wir Juden sind ja dazu erzogen, auch in der Neligion nicht die dunklen Pfade des Instinkts zu wandeln, sondern in der Verbindung von Fühlen, Denken und Handeln die Lebensaufgabe des religiösen Menschen zu erblicken. An diesem Tage der Lebenserneuerung zieht die Geschichte des Judentums vor uns vorüber und nur prüfen Vergangenheit und Gegenwart, um den Schlüsse! zur Zukunft zu finden. Ja, wir gedenken an diesem hohen Tage des Sinnes unseres Lebens als M t nsche n u n d Jude 11. Das Judentum wird, wie jede Neligion — vielleicht mit Ausnahme des Buddhismus —, ohne Glauben nicht fertig. Aber der Glaube als Quelle der Ethik wird hier als so selbstverständlich angesehen, daß es gar nicht betont wird. Der Glaube i st unfruchtbar, wenn er nicht zu sittlichen Taten führt. Die Religion soll den Menschen erziehen, und dazu bedarf es konkreter Formen, da man mit Abstraktionen weder sich noch andere erziehen kann. Unkenntnis und Unverständnis haben dem Judentum vorgeworfen, daß seine Formen den Glauben verdunkeln, ihm den universalen Charakter der Propheten nehmen. Aber diese sinnreichen Formen waren ja nur als Erziehungsmittel gedacht; denn die sittlichen Kräfte wollen, wie die physischen, geübt sein, wenn sie nicht verlorengehen sollen. Sie haben den Geist nicht verdunkelt, sondern in lebendigen Taten verherrlicht. Diese' Formen — und das ist ihre Stärke — sind, wie in der Kunst, mit dem Inhalt verwachsen und ebensowenig davon zu trennen wie Leib und Seele. Man nehme dem Judentum seine Formen, und es verblaßt zu einem ethischen Gedanken und verliert jede Eigenart. Formen sind in der Neligion nur entbehrlich, wo das Leben selbst zur Religion, zum Heiligtum geworden ist. Der Talmud drlickt es so aus: „In der Messiaszeit hören die Gebote auf", daß heißt, wenn die Menschheit die höchste ethische Stufe erreicht hat, dann bedarf es keiner Formen mehr. Die sittlichen Taten, die religiösen Formen sind es, die den Menschen bilden, ihn zur Höhe führen. Dieser Gedanke ist in der rabbinischen und religionsphilosophischen Literatur überall vorherrschend. Die religiösen Formen sind das Instrument zur Verwirklichung der ethischen Idee. Und diese Formen haben viel Universelles an sich. Sie trennen uns nicht vom Vaterland und von der Menschheit, sondern Zeigen uns einen anderen Weg Zum gemeinsamen Ziele. Jedem einzelnen und jeder Gemeinschaft sind besondere Aufgaben Angewiesen — das ist der Sinn des Individualismus —, aber alle sollen im gemeinsamen Rahmen für das große Ziel arbeiten: „Die Weltordnung im Geiste Gottes zu befestigen." All unser Denken und Wirken ist Mosaikarbeit im Reiche der Unendlichkeit. Aber Tat zur Tat, Gedanke zum Gedanken reihen sich, um das göttliche, harmonische Bild zu gestalten. Berthold Auerbach drückt den spmozistischen Gedanken so aus: „Alle Religionen sind Einzelmstrnmente im göttlichen Orchester. Sie geben nur Harmonien, wenn sie ineinander und nicht gegeneinander spielen." In diesen Wochen des Mendelssohn-Iubilüums liegt es nahe, sich in den Geist dieses wahren jüdischen Weisen zu vertiefen. Er war gewiß, was man damals einen „Aufgeklärten" nannte, und in allem, was er schrieb und tat, spielte der Deuker und Philosoph mit. Und doch wich er von den alten religiösen Formen nicht ab und lebte wie der Orthodoxeste, weil er wußte, wie wichtig diese Formen sind. In seiner denkwürdigen Antwort auf die taktlose Herausforderung La Vaters schreibt er: „Die Pflicht, meine Meinungen und Handlungen zu prüfen, habe ich gar frühzeitig erkannt. Ich werde es nicht nblengnen, daß ich l>ei meiner Neligion menschliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen . . . Allein von dem Wesentlichen meiner Neligion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, als Sie oder Herr Vonnet von der Ihrigen sein können, und ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahrheit, Ihrem und meinem Schöpfer und Erhalter, bei dem Sie mich in Ihrer Zuschrift beschworen haben, daß ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, solange meine ganze Seele nicht eine andere Natur annimmt." Nicht nur aus dem Geiste des Judentums, sondern auch aus seinen Formen erwuchs die Verantwortlichkeit gegen sich, gegen Gott, gegen die G e m einschaft, und sie wurde zur Selbstzucht, zur Erkenntnis, daß das Leben höheren Zwecken dienen muß. Ethik ist ja nur U e d e r w i n d u n g des Egoismus, Besiegung der niedrigen Triebe. Unsere Fasttage, unser rituelles Leben haben, neben dem rein religiösen Motiv, den Zweck, uns Zur Mäßigkeit, Zum Entsagen zu erziehen. Das ist kein asketischer Gedanke, sondern ein sozialer. Nur wer Opfer bringen kann, ist befähigt, soziale Taten zu vollbringen. Das Judentum ist die Lehre vom höchsten Altruismus, und diese Lehre setzt sich überall in Taten um. Der Sabbat, der Tag der seelischen Vertiefung, der Heiligung des Menschen, hat zugleich den Zweck des sozialen Ausgleiches. Alles soll an diesem Tage ruhen, da gibt es keine Armen und Neichen, keine Herren und Diener mehr. Das ist die Herstellung der religiös-ethischen Menschenwürde. Der Mensch trägt Göttliches in sich, er darf es nicht entweihen. Er ist Glied der großen Gesellschaft, er hat ethische und soziale Pflichten gegen sie. Wie fruchtbar diese Erkenntnis wurde, davon zeugt die Geschichte des Judentums. Unsere Väter verzweifelten nicht, wenn sie einen wirtschaftlichen Sturz erlebten; sie verzagten nicht, wenn sie persönlichen Schmerz erfuhren. Mit tiefer Zuversicht und mit dem Mute, den nur ein starker Glaube zu geben vermag, fingen sie bescheiden wieder von neuem an, und sie dichteten sich wieder aus an dem Bewußtsein ihrer heiligen Pflichten. Es würde heute in unserer Mitte, trotz aller wirtschaftlichen Not, weniger Verzweiflung und unselige Selbstmorde geben, wenn wir mehr lebendiges, wurzelsestes Judentum hätten. Die Liturgie der hohen Feiertage führt uns das grandiose Bild des ewigen Friedens, der wahren Versöhnung der Menschheit in der Erkenntnis Gottes vor. Das beweist uns, daß das Judentum nicht m seinen Formen erstarrt ist und das große ethische Ziel nicht aus den Augen verlor. Das ist und bleibt unser Berns. Wir wollen auch ferner an allem Guten und Schönen im Vaterlande und in der Welt freudigen Herzens Mitarbeiten, dabei aber unsere religiöse und geschichtliche Verwurzelung mit der jüdischen Gemeinschaft nicht vergessen. Wir beten an unseren hohen Feiertagen in unseren Gotteshäusern nicht nur für uns, sondern auch für die ganze Menschheit. Wir wissen, daß der Weg zum Göttlichen über das Menschliche führt. Je bessere Juden wir sind, desto bessere Deutsche und Menschen sind wir. Die Verbindung zwischen dem Menschlichen und Jüdischen braucht nicht erst geschaffen zu werden. Sie ist in unserer Lehre und unserem Leben fest verankert. j (Schiass des Artikels: „ Arbeitstagung unserer deutsch)udischen jagend“.) sammenkunst in der Minorität war — diese Ausbauarbeit a b l e h n t. Beide Gruppen sind sich aber einig über die gemeinsame Arbeit im Rahmen des Centralvereins; beide bejahen die ** politische Abwehrarbeit des Centralverems; beide bejahen auch die Arbeit, die der Erhaltung des Judentums durch Vermittlung von jüdischem Wissen dienen. Aus diesem Grunde wurde am Schluß der Tagung eine gemeinsame Resolution gefaßt, in der zum Ausdruck kommt, daß die Fortführung der Aussprache vom Centralverein aus gefördert werden, und daß diese Aussprache alle Fragen des deutschjüdischen Lebens umfassen soll. Es besteht wohl Einigkeit darüber, daß der jüngeren Generation hier die besondere Aufgabe zuMt, in der Entwicklung der Ereignisse selbständig den ihr richtig erscheinenden Weg zu gehen. WAS ExgebnUe. Wir wollen als Ergebnis der Tagung festhalten, daß ein großer Kreis von Mitarbeitern aus der jüngeren Generation sich eng dem Centralverein, seiner Arbeit wie seinem Grundgedanken verbunden fühlt, daß sie den Willen bekundet haben, tatkräftig m dieser Arbeit teil* zunehmen und daß auch im einzelnen Ansatzpunkte dieser Arbeit durch diese zweitägige Aussprache deutlich geworden sind. Viele haben hier vielleicht zum ersten Male mit dieser Klarheit und Ausführlichkeit die deutschpolitische Gefahr, die auf der Plattform des Antisemitismus in Erscheinung tritt, vor Augen geführt erhalten. Zum ersten Male wurden die rnnerjüdischen Fragen in einem größeren Kreise der Jüngeren, einem Kreise, der sich aus Menschen ganz verschiedener Richtungen zusammensetzte, besprochen. Wir wollen nicht an der Tatsache vorübergehen, daß gerade hier die Auffassungen stark voneinander adweichen, und daß die Frage der Beteiligung an der Aufbauarbeit Palästinas auch in der jüngeren Generation leidenschaftlich besprochen wird. Der Centralverein wird beide Auffassungen in seiner Arbeit vereinigen können. Er wird die von der Jugend selbst verlangte Arbeit zu unterstützen haben und er wird weiterhin der Jugend die Gelegenheit geben muffen, die von ihr verlangten Erörterungen fortzuführen. Diese Erörterungen, das darf nach dieser zweitägigen Aussprache gesagt werden, werden nicht nur die Arbeit des Centralvereius nicht stören, sondern sie werden der Klärung innerhalb der Jugend dienen und werden, so hoffen wir, zu einer festeren Verbundenheit mit dem Judentum und dadurch mit dem Grundgedanken des Centralvereins führen. Ludwig Tietz.