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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-27 · 39 (27.9.1929) · p. Seite 522

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
39 (27.9.1929)
Date
1929-09-27
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
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522 Gerade an solcher Stelle wirkende Juden können durch liebevolles Eingehen auf die Wesensart des Andersgläubigen manch Vorurteil zerstören, das bis dahin die leidige Bequemlichkeit bestehen ließ. So können sie weniger glücklichen Glaubensgenossen viel eher die Wege ebnen als durch die ewigen Klagen über Ungerechtigkeiten, deren Berechtigungen der Außenstehende schwerlich Prüfen kann und die darum in manche wohlmeinende Zeitung Eingang finden und die Gegensätze unnötig verschärfen, wo wir oft genug, wenn auch durchaus nicht in allen Fällen, dem Klagenden mit einer kleinen Vorlesung über das Taktgefühl einen besseren Dienst erweisen könnten. Natürlich muß, wer au so verantwortlicher Stelle tätig ist, zwei Bedingungen erfüllen: Er muß mit allen Fasern seiner Seele im eigenen Glauben verankert sein und zugleich den festen Willen besitzen, den fremden Glauben zu würdigen. Nicht an eine Duldung ist hier 31t denken, die sich mit den gegebenen Tatsachen leidend abfindet, nein, er muß freudig anerkennen, daß es viele Wege gibt zu Gott, er muß den Andersgläubigen als Freund begrüßen, da sie beide dem gleichen Ziele zustreben und jeder aus dem für ihn richtigen Wege zu sein glaubt. Selbst dann noch kann er nicht erwarten, daß ihm die Seelen aus dem anderen Lager nur so zuflicgen werden. Das Mißtrauen ist drüben groß und leider nicht selten auf böse Erfahrungen gestützt. Und bei uns fehlt es leider oft genug bei allem guten Willen an den nötigsten Kenntnissen vom Wesen, von der Geschichte, von den Einrichtungen des Christentums. Auch bei uns gilt leider der Mensch noch nicht als ungebildet, wenn er die Religion feiner Volksgenossen nicht kennt. Man zitiert gern das Talmudwort: „Ein unwissender Mensch kann nicht fromm sein", aber die Konsequenz, nun alles zu tun, um Kenntnisse zu erwerben, ist gar zu unbequem. Woher sollte auch bisher der Jude diese Kenntnis nehmen, ist er doch meist auf die spärlichen Beobachtungen im Hause des Nachbarn und ganz seltene Besuche christlicher Gotteshäuser angewiesen, wie sie etwa gelegentlich der Trauung eines nahen Bekannten stattsinden. In der Schule erfährt er nur zufällig etwas aus dem christlichen Religionsunterricht, abgesehen vielleicht vonden in kleinen Orten vorkommeuden Füllen, wo für jüdischen Religionsunterricht nicht gesorgt ist. und die Kinder, die nicht ganz als Heiden auswachsen sollen, notgedrungen den christlichen Unterricht besuchen. Der jüdische Religionsunterricht aber steht leider in manchen Schulen unter dem Zeichen der Vernachlässigung allem gegenüber, was auch nur den Namen des großen Religionsstifters trägt. Wir wollen nicht die zarten Gefühle verkennen, die manchen Rabbiner und Lehrer verhindern, der nackten Wirklichkeit entgegenzusehen. Aber soll es wirklich unsere Religion nicht erlauben, ernsthaft über eine Weltreligion zu reden, die einem echten, edlen Juden ihre Entstehung verdankt? Es bleibt ja jedem Lehrenden unbenommen, den Kindern zu erklären, worin die Abweichungen des Christentums von seinem eigenen Glauben beruhen. Und schließlich wird man auch bei aller Ablehnung der metaphysischen- Begründung den Kindern nicht länger verheimlichen können, daß das Christentum die jüdische S i t t en l e hr e der ganzen Welt zugänglich gemacht hat. In freieren Gemeinden ist es längst üblich, auf der Oberstufe die Entstehung des Christentums an Hand der Quellen aufzuzeigen und seine Fortbildung wenigstens in großen Zügen bis auf die Gegenwart zu verfolgen. Daß die Erfolge eines solchen jüdischen Religionsunterrichtes, der sich bemüht, allen Richtungen ehrlich und gerecht gegenüberzutreten, schlechter seien als eines solchen, der die Augen verschließt vor der Schlechtigkeit der Umwelt, ist noch in keinem Falle bewiesen worden. Das Judentum ist die Religion der unbegrenzten Nächstenliebe. Die hebräische Sprache hat aber für Liebe und Gerechtigkeit das gleiche Wort. Wollen wir also zu unseren andersgläubigen Mitbürgern ein Verhältnis gewinnen, das nicht auf Haß aufgebaut ist, sondern auf Liebe, so müssenwir ihrer Eigenart gerecht zu werden suchen, selbst, wenn sie unsere Bemühungen nicht sogleich erwidern. Die Gerechtigkeit verlangt ebenso wie die Nächstenliebe, daß wir ihn studieren, sein Seelenleben, seine Religion. Hierzu aber muß der Religionsunterricht alle jüdischen Kinder anleitcn, wenn er dazu beitragen will, das feindliche Gegeneinander von Volksteilen in unserem Vaterlande ebenso wie das gleichgültige Nebeneinander in ein freundschaftliches Mit- und Füreinander zu verwandeln. Erst dann kann er sich der höchsten Aufgabe der Religionen zuwenden, dahin zu wirken, daß das ganze menschliche Geschlecht eine B r u d e r k e t t e werde. WA« m WMkWMMlWlM m Wo in den SWuilMen. Auf der diesjährigen Studienfahrt des Kaiser - Friedrich - Realgymnasiums Neukölln lenkte ich den Weg zweier Klassen in das österreichische Burgenland. Es war meine Absicht, unsere Jungen und Mädchen in ein Gebiet völkischer Grenzkümpfe zu führen. Der Begriff „völkisch" ist für die Berliner Jugend leider ja zunächst ein innerpolitischer, das schöne Wort durch die politische Bewegung gleicher Firma schmählich entwertet. Wir wollten das Minderheiten- P r o b l e m an Ort und Stelle studieren, wollten deutsche, magyarische, kroatische und Zigeunersiedlungen aus österreichischer und aus ungarischer Seite kennenlernen und die natürliche Hauptstadt des Landes, Oedenburg, besuchen, die infolge einer höchst fragwürdigen „Volksabstimmung" ungarisch geblieben ist. Wir kamen gleich hinter Wiener Neustadt über die alte ungarische Grenze zunächst nach Sauerbrunn, dem kleinen Badeort, wo die Landesregierung sitzt, und besuchten von hier aus den größten Ort des Landes, N a t t e r s - b u r g. Die dortige jüdische Gememde, 450 Köpfe stark, lebt noch inner h a l b ihres alten Ghettos und unterhält eine angesehene Theologenschule. Es interessierte' uns festzustellen, worin sich das Leben dieser Juden von dem der unter uns lebenden unterschied (tu, vier oder fünf Unterrichtsstunden hatten wir die Entwicklung des Judentums in Europa geschichtlich verfolgt). Der Oberrabbiner, Dr. E h r e n s e l d, empfing mich — ich hatte uns angemeldet — und gab uns den Leiter der jüdischen Schule als Führer mit. Und nun sahen wir A r ch i v und T e rn P e l. Schule und Friedhof und die in entsetzlicher Enge znsammengedrängten Häuser mit ihren düsteren, wohl malerischen, doch luft- und lichtarmen Höfen. Besonders erfreute es uns zu hören, daß zwischen der jüdischen Minderheit und der katholischen Mehrheit das denkbar beste Verhältnis bestand; ein Antisemit w a r ihnen völlig fremd. Entsetzt waren wir über die Wohnungsnot. Ein Mädchen schrieb nach der Reise in einer Arbeit darüber folgendes: „Eigentlich 'müßten die alten Wohnungen abgerissen werden. Doch ich glaube kaum, daß die Juden das zulassen würden; denn sie hängen bestimmt sehr an ihren Häuschen, in denen schon Großvater und Urgroßvater starben. A u ß e r d e m w ürde ma n m i t d e rn Ghetto auch vergessen, wie u n m enschli ch die Jude n I a h r - Hunderte hindurch leben mußten, . und es ist ganz gut, wenn die lieben Christen vorläufig noch etwas daran erinnert werden, wieviel Nächstenliebe sie den Juden gegenüber bewiesen." Die. Abhängigkeit der jüdischen -Gemeinde von ' ihrem ehemaligen Schutzherrn, dem Fürsten E st e r h a z y, wurde noch deutlicher' in dem anderen Ghetto des Landes, in Eisenst a d t, der künftigen Hauptstadt des Burgenlandes. Hier bildet die 300 Köpfe zählende jüdische Gemeinde auch Politisch ein selbständiges Gemeindewesen mit eigenem Bürgermeister und eigener Verwaltung, — und noch drängt sich ihr Bezirk eng an das Prunkvolle Schloß, unter dessen Schutz (gegen gute, sehr gute Bezahlung!) diese Juden ihr Leben führen dursten, bis auch für sie die Stunde der Befreiung, der Selbstbestimmung kam. F r e m d, f a st u n h e i m l i ch mutete unfern Jungen und Mädchen diese Welt deZ Ghettos an. Ein Mädchen schrieb: „Der erste Eindruck vom Ghetto war für mich etwas beklemmend. Vielleicht wirkte die Umgebung niederdrückend, vielleicht auch die mir fremden und rätselhaften Menschen. Kinder spielten in schmutzigen Gossen, Frauen mit wirren, schwarzen Haaren lagen in Fenstern; die Männer kamen mir finster vor. Menschen aus dem Süden anzutressen, bedeutet für mich immer beinahe ein Abenteuer: doch kann mich ihr Anblick nie fröhlich stimmen." Hier wußte man doch auch schon von antisemitischen Angriffen. Mit Landtag und Landesregierung werden natürlich auch allerlei Parteiineinungen in diesen bisher so stillen Ort verpflanzt, und es steht zu befürchten, daß diese primitiven, ganz auf altem Rechtsbodeu errichteten israelitischen Gemeinden Mühe haben werden, sich daraus umzustellen. So ergaben sich mit all diesen Anregungen neue Fragen für uns nach dem künftigen Schicksal der burgenländischen-Juden. Dr. Rudolf Zwetz.

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