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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-27 · 39 (27.9.1929) · p. Seite 521

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
39 (27.9.1929)
Date
1929-09-27
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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Auch wir muffen von den anderen lernen! Eine wichtige Seite -es Kapitels „Selbstkritik" / Von Studienrar Dr. F. Wachsner. Ueber die Gründe des Gegensatzes zwischen jüdischen und christlichen Deutschen ist schon manch tiefgründiges Buch geschrieben worden. Und doch genügt es für deri schlichten, friedliebenden Menschen, einen einzigen Grund des Unfriedens erst einmal in sich selbst zu bekämpfen, die U n k e n n t n i s der Religion des andersgläubigen Volksgenossen. „Was geht uns Inden die christliche Religion an!", höre ich so manchen braven Juden ausrnfen, „wir wollen weder die anderen zu unserem Glauben bekehren, noch gar unsere Kinder zu dem ihren bekehren lassen." Und ein Blick in die Geschichte unserer Religionsgemeinschaft scheint ihnen sogar recht zu geben; ist doch anscheinend bas Judentum seinen Weg durch die Jahrhunderte gegangen, ohne sich nach dem Treiben der Nachbarn auch nur umzusehen. Neidlos gönnte nnnr -er jungen Tochterreligion ihre Entwicklung, förderte sie in der ersten Zeit vielleicht sogar, indem man Gebete einsührte, die eine reinliche Scheidung der Geister bewirken mutzten. Doch im nachbiblischen Schrifttum, das uns einen getreuen Spiegel des gesamten Lebens der jüdischen Gemeinschaft gibt, finden wir nur spärliche Stellen, die sich mit dem Christentum beschäftigen. Man wollte seine Ruhe haben, seinen Glauben unabhängig von dem der Umwelt weiter ausbilden, man schloß sich immer mehr von ihr ab, mir dom cigeueu Innenleben dienen zu können. Wo hätte sonst das Mittelalter es vermocht, die geistige Abschließung durch steinerne Mauern zu sanktionieren, hinter denen die Juden nunmehr auch physisch den Zusammenhang mit ihrer Umgebung verlieren mutzten. Jetzt hatten sie ihr ungestörtes Eigenleben — solange es der Willkür der Herrschenden gefiel —, sie lebten vereint mit ihrem Gott, und daß dieser andersgläubige Menschen außerhalb des Ghettos sichtbar bevorzugte, nahmensie in ihrer Gottergebonheit ohne große Gedanken hin. Bald anderthalb Jahrhunderte sind verflossen, seit die steinernen Mauern in Deutschland fielen; aber die unsichtbaren und darum gefährlicheren Mauern blieben in vielen Köpfen bestehen. Sie trennen die einstigen Ghettojuden von den Andersgläubigen, die längst nicht mehr ihre Zwinghcrren ' sind, sondern ihre gleichberechtigten Volksgenossen. So konnte sich bisher in breiten Schichten der jüdischen Deutschen gar nicht recht das Verlangen nach Umgang mit christlichen Volksgenossen ausbilden. Man fürchtet, als aufdringlich zu gelten und zurückgestoßen ,-ju werden, selbst wenn man die eigene Person nicht ungebührlich in den Vordergrund rückt. Und viele Glaubensgenossen — es sind immer wieder dieselben — erfahren wirklich immer wieder Ablehnung und Zurücksetzung. Der Grund zu so schmerzlicher Enttäuschung liegt darin, daß diese Glaubensgenossen noch nicht zu einem inneren Verhältnis zu den anderen Volksteilen gelangen konnten und zu dem, was seit Jahrhunderten den Kern ihres Wesens bildet, selbst dann, wenn sie sein Vorhandensein leugnen: zur christlichen Religio n. So gehen sie denn neben der großen Masse der christlichen Volksgenossen ihren Weg in ständiger Abwehrbereitschaft, nur vorübergehend ihnen näher kommend zu gemeinsamer Geschäftstätigkeit, außerhalb derer sie höchstens einige höfliche Redensarten mit ihnen wechseln. Wieviel Kraft geht in diesem Nebeneinander verloren, wo unserem Vaterland nuv mit einem innigen Miteinander aller derer gedient ist, die an seinen Wiederaufstieg glauben! Und wieviel Seelenstärke wird nutzlos verschwendet in diesem inneren Widerstreben, wo es doch vielmehr von religiösem Geist zeugen, würde, eine Verkleinerung der Gegensätze kraftvoll anzustreben. Sagt doch die Bibel zu jedem Menschen (3. Mos. 19): „Du sollst keinen Haß im Herzen tragen gegen deinen Bruder. Freimütig sollst du ihn zur Rede stellen, sonst machst du dich selbst daran mitschuldig, daß er sündigt." DaS aber tun am wenigsten die so leicht zu Enttäuschenden, gerade sie neigen vielmehr, wenn sie Ablehnung erfahren, 31t allererst dazu, alle Schuld aus den Christen zu werfen, der sich ihrer nicht gehörig annehme. Es soll keineswegs verkannt werden, daß auch unter den als gebildet geltenden Christen vielfach eine bedauerliche Unkenntnis über die Religion des heutigen deutschen Juden herrscht. Ein Religionsunterricht, der noch immer so tut, al? hätte unsere Religion mit dem Auftreten Christi ihre Entwicklung abgeschlossen, und als wären wir mit noch dazu bestimmt, als eine Art Museumsstück der Christenheit vor Augen gestellt zu bleiben, ein solcher Religionsunterricht, wie er noch sehr häufig erteilt werden soll, konnte keine besseren Früchte zeitigen. Doch über diese Unzulänglichkeiten wollen wir heute nicht mit unseren andersgläubigen Volksgenossen rechten, nicht uns schuldeil sie Rechenschaft, sondern ihrem Geivissen. Wir wollen vielmehr rückhaltlos gestehen, daß aus unserer Seite nicht genug geschieht, um das Seelenleben der überwältigenden Mehrheit des Volkes kennenzukernen, mit dem uns eine jahrhundertelange Geschichte zn unlöslicher Knltnrgemeinschaft zusammengeschweißt hat. Uebrigens ist die von vielen von lins stillschweigend gemachte Voraussetzung, das Judentlun habe sich inmitten Andersgläubiger von deren Religion unabhängig zu seiner heutigen Höhe eiltwickeln können, ein verhängnisvoller Irrtum. Auch ihn kann die Geschichte aufklären. Hatten schon einige Jahrhunderte vor Christo hellenistische Anschauungen in das damalige Judentlun Eingang geflinden, so sehr sich auch die „Patrioten" gegen ihr Eindringen sträubten, so ist für die nächsteil Jahrhunderte der gewaltige Einfluß der Religivnsphilosophie der Mittelmeerländer unverkennbar. Zudem aber sailden jetzt dauernd Uebertritte heidilischer und Die Klagemauer. Ein verwitterter Fels des salomonischen Tempels, von tausendjährigen Himmelslind Menschenzähren zerfurcht4 starrt sie vor sich hin. Gesandte aller Lebensalter, die ihre Harfen längst an die Weiden der weinenden Wasser Babels aufgehängt, suchten ihre regungslose Kälte and Härte durch ihre Tränen zu erwärmen und zu erweichen; sie aber bleibt kühl und unbewegt wie ihr Weltbauherr: Adonai. Millionen schmerzdurchschutferter Biisserhäude umkrampften sie schon wie eine iibergrosse, weisse Totentafel, wie ihre eigenen aneinandergereihten künftigen Gräber sie ine. Die Sklaven der Jahrhunderte, Tage und Nächte, umknien sie inbrunstvoll, und Hiobs krähenumkrächzter Geist umflackert sie abendlich gespenstisch. Ihre Runenschönheit suchen viele wandernde Menschenminen. Wie eine steinere Wehr schliesst sie in steilem Trotz die Welt der Wehmut Israels gegen die Hochfluten heidnischer Wonnen ab, bis sic, von Judas Tränenströmen zu einer Zisterne ausgehöhlt, einmal niedersinkt... eine Zisterne f ür die Zähren Ahasvers. Arthur Silbergleit. and) christlicher Nachbarn, verschiedentlich ganzer Völker statt, die Teile ihres eigenen, nichtjüdischen Seelenlebens mitbrachten. Und wenn auch das Mittelalter solchen Uebertritten ein Ziel setzte und die Kirche manchen an das Judentum verlorenen Posten wieder gewann, so haben doch die llebertritte in den letzten hundert Jahren erneut zugenommen. Kommen ja gerade jetzt wieder Nachrichten aus Portugal zn uns, nach denen die dortigen Marannen, Nachkömmlinge von Juden, die im - Mittelalter gewaltsam zum Christentum bekehrt wurden, in großen Scharen den Weg zum alten Glauben znruckfinden. Muß schon diese Entwicklung den Glauben an die Unabhängigkeit unserer Religion von der unserer Nachbarn erschüttern, so muß ihn wenigstens in Deutschland, die Juden anderer Völker stehen uns ja ferner, die Gestaltung des persönlichen Verhältnisses sehr vieler Juden völlig umstoßen, die die oben gekennzeichneten Hemmungen überwunden haben. Wo nur einigermaßen gebildete Juden mit anderen, ebenfalls leidlich gebildeten Volksgenossen an der gleichen Werkbank stehen oder das gemeinsame Werk leiten, wo sie als Beamte gemeinsam tätig sind au derselben Verwaltung oder als Lehrer an derselben Schule, muß freimütige Aussprache stattfinden und ein intimes Kennenlernen der seelischen Struktur des anderen eintreten, natürlich nicht etwa im Sinne einer verwaschenen Gleichmacherei unter Aufgabe der eigenen.

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