Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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511 „MMsch.- Eine Erklärung der „Jüdischen Rundschau". Die „Jüdische Rundschau" bittet uns um Ausnahme folgender Erklärung, die sie in ihrer Nummer 73 vom 17. September veröffentlicht: „In der letzten Nummer der „C. V.-Zeitung" kommt L. H. auf die von den deutschen Mitgliedern der Jewish Agency in Berlin veranstaltete Kundgebung anläßlich der Ereignisse in Palästina Zu sprechen und wendet sich mit großer Schürfe gegen die Ueberschrift, unter der der erste Bericht über diese Veranstaltung in der „Jüdischen Rundschau" erschienen ist. Die Veranstaltung wurde dort bezeichnet als „Alljüdische Kundgebung". L. H. erblickt in dieser Bezeichnung einen Versuch, in Anlehnung an gewisse deutschvölkische Terminologien die Veranstaltung zu einer besonders nationalistischen zu stempeln und verwahrt sich dagegen, daß die nichtzionistischen Mitglieder der Agency durch solche zionistische Veröffentlichungen in eine unangenehme Situation gebracht werden. Es liegt hier ein bedauerliches Mißverständnis vor. Das Wort „alljüdisch" sollte in dem Zusammenhang, in dem ... NAnönaket Kathreiner lio|tettuir5Ö% Ölteutd können (5ie&aan3hrem «K&ffeeöetmnk (parenf es gebraucht wurde, nichts von der von L. H. hineingedeuteten Nebenbedeutung haben, sondern das gerade Gegenteil ausdrücken. Es sollte gesagt werden, daß die Kundgebung nicht Zionistisch, sondern allgemeinjüdisch war. Für die neue, durch die Agency geschaffene Gruppierung gibt es noch kein Adjektivum. Das Wort „allgemeinjüdisch" ist nicht sehr schön, und das Wort „nichtzionistisch" besagt nur etwas Negatives, zumal im vorliegenden Fall etwas Unrichtiges, da es sich um eine gemeinsame Veranstaltung handelt. Das Wort „alljüdisch" wurde vor mehr als fünfzehn Jahren von Nathan Birnbaum und Fritz Mordechai Kaufmann geprägt und sollte einen Gegensatz zum Zionismus bezeichnen. Für die Leser der „Jüdischen Rundschau" hat das Wort^,,alljüdisch" nicht einen nationalistischen ^trrn, sondern das Gegenteil: Für sie bedeutet „Zionistisch" die Anschauung, die eine jüdischnationale Gesinnung mitumfaßt; demgegenüber ist „alljüdisch" der blässere Ausdruck, nämlich die Bezeichnung einer Gruppe, die a i\ ch die n i ch t n a t i o n a l e n Inden umsaßt. Wir legen Wert auf diese Aufklärung, wobei Nur noch hinzufügen, daß wir nicht anstehen, die von L. H. bemängelte Ueberschrift als einen Fehlgriff anzuerkennen, falls wirklich jemand aus den Gedanken kommen konnte, darin Anklänge an» das zu suchen, was sich völkische Antisemiten unter „Alljuda" vorstellen." Hst dec „JCaujmaiw wm tBedw“ antisemitisch? Eine Animoct des Autocs und ein Tlachuxact des Jiciükecs. iDattec VlehcingschceiU: Die Aufführung meines Theaterstückes hat so ungewöhnlich lebhafte Diskussionen hervorgerufen, daß es geraten scheint, auch in der „C. V.-Zeitung", die in der letzten Nummer dazu Stellung nahm, zu erwidern. Ich war mir bewußt, als ich mich vor zwei Jahren — so lange dauerten Studien und Ausführung — an das Thema wagte, daß schwerste Angriffe von allen Seiten folgen würden, begründet allein in der Wahl des Stoffes, unabhängig von seiner Gestaltung. Weil ich mir dessen bewußt war, reizte mich der Versuch. (In ähnlichem Sinne, wie Wedekind das peinliche Thema „Erotik" angepackt hat.) Ich sagte mir: unausrottbarer Vorwurf gegen das Judentum — Vorurteil aus der Ghettoepoche, als man ihm jede Möglichkeit zur Lebensfristung, außer dem Leihgeschäft, versagte — ist das Schlagwort: Krämergeist. Folglich soll im Mittelpunkt ein ostjüdischer Händler stehen, einer aus jenen Gegenden, wo Ghetto-Wirtschaft noch heute existiert. In aller Offenheit soll die Frage erörtert werden, gerade weil wir Offenheit nie fürchten sollen, nicht zu fürchten haben! Dieser Ostjude soll unter uns, in einer Zeit auftreten, deren Verhältnisse jeden zum Händlertum zwangen: in der Inflation. Noch krasser ausgedrückt: der mittelalterliche Staat zwang ein Volk zum Wuchertum, um das Erwucherte ihm wieder abzunehmen. Die Inflation zwang alle Welt zum Schiebertum: Juden wie Christen. Wer ist der Schlimmere? Die Antwort rjt d a s S t ü ck! * Also traf eines Wintermorgens Kaftan, der vertriebene Ostjude, mit hundert Dollar im Inflations-Berlin ein, durchwanderte hungernd die Stadt, wollte sich kein Essen gönnen, um nichts zu verlieren. Denn der Dollar stieg von Stunde zu Stunde. Denn hundert Dollar, einmal angebrochen, sind schnell verbraucht. Erst allmählich lernte er die Macht der Valuta, lernte sie nutzen, bis sie ihn beherrschte und ihn stürzte. Die erste Etappe seiner Wanderung war die Grenadierstraße — aber die Ostjuden wandten'sich von ihm ab, wollten nicht handeln mit ihm. Die zweite Etappe eine kleine Kaschemme, wo er erschöpft sich niederließ. Dort traf er seinen zukünftigen Partner, einen Berliner Schieber, der ihn spater zum Ankauf eines Schrottlagers verleitete — aber der Ankauf war nichts als verschleierte Unterstützung der aus dem Lager stationierten Hakenkreuzler. Aus dem Schrott wurden Waffen, die Kaftans Kredit steigerten. Aus den Waffen aber Soldaten, die mit Kaftans Geld gegen Berlin vorrückten, das Ghetto zerstörten. Die Deflation brachte den Putsch zum Stillstand und stürzte Kaftan zugleich von der Höhe seines Scheinreichtums. War Kastan schuldig? War er unschuldig? Die Zeit ließ ihn schuldig werden. Das Stück führt durch alle Schichten: von den Ostjuden der Grenadierstraße bis zu den Antisemiten Potsdams; zeigt alle sozialen Stufen: von christlichen und jüdischen Aermsten der Armen bis zu christlichen und jüdischen Reichen. Die Armen bleiben die Betrogenen, die christlichen wie die jüdischen. In diesem Drama des Judenproblems spricht ein Ostjude — der Stadtnarr, der nach altem Aberglauben mit Scherkräften Begabte — die soziale Erkenntnis. D i e F r a g e n a ch S ch u l d und Unschuld ist keine Nassen frage. Das ist der philosophische Inhalt des Stückes. Unmöglich, in kurzen Worten allen Verästelungen dieses Problems nachzugehen. In der erweiterten Buchausgabe des Dramas, die eine lesbare Romanform anstrebt, ist es versucht worden. Unmöglich, allen Einwänden — zumal sie sich untereinander widersprechen — gerecht zu werden. Ich pflichte dem Herrn Referenten der „C. V.-Zeitung" in einem bei: . . weil uns das alles noch zu nah ist, wird die Masse des Publikums das Stück nicht verstehen." Aber wenn es nur einen Teil versteht, bin ich zufrieden. Ich verstehe nur den Schlußsatz seiner Ausführungen nicht: „Die fast einmütige Ablehnung muß begrüßt werden." „Vielleicht", schreibt er, „wird in Jahren auch die Zeit gekommen sein . . ." Bestimmt! Aber dann werden neue der Lösung harrende Themen zur Gestaltung Herausforderin Wie brennend diese Aufgabe war, das beweisen — wenn nicht das Stück, so doch gewiß — die Debatten, die sich erhoben. Hier einige Zeilen aus der Presse aller Richtungen: Mehring räumt mit der Legende auf, der Jude sei der begabtere Stehler. („12 Uhr- Mittagszeitung".) Eine ebenso gerissene wie banale Apothese des Ostjuden. („Deutsche Tageszeitung.") Mehring hat Mut — mehr Mut als dre üblichen Bourgeoisie-Töter ... In dieser fast tendenzlosen Souveränität über den Rassen liegt die große Bedeutung von Mehrings Drama. (Dr. Diebold, „Frankfurter Zeitung".) SHYlock mit Stahlhelm. (Ueberschrift der „Deutschen Zeitung".) — unerquickliches Werk. Nein: ehrliches Werk. . . . Hier ist endlich Verbindendes mit der Gegenwart. (Alfred Kerr, „Ber- " liner Tageblatt".) Daß die Grenadierstraße mit ihren Ostjuden zu einer Art Zentrale der Ausbeuter wird, . . . verstärkt diese Note. („Berliner Tageblatt", politischer Teil.); Die Grenadierstraße ist gegen ganz Potsdam eine spinozistisch-sittliche Kolonie. So kindlich steht W. M. die Welt, so sehr hat er sich in die schwülstige Apotheose Kaftans und des Judentums verrannt. („Deutsche Tageszeitung.") Das ist ein winziger Bruchteil aller Widersprüche. Wer hat recht? In der redaktionellen Vornotiz der „C. V.- Zeitung" stand: „Wir lehnen dieses unwahrhaftige Tendenzstück ab und können ehrliebenden deutschen Juden.den Besuch dieses Stückes nicht empfehlen." Unwahrhaftigteit ist eine böse Anschuldigung. Der Verfasser des Aufsatzes hat sie nicht erhoben. Aber soll man wirklich die Mitglieder des C. V. davor behüten, sich selbst ein Urteil über