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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-20 · 38 (20.9.1929) · p. Seite 510

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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510 Aus Msud-ki-polen. Schwierige Lage der jüdischen Minderheiten. Der Jüdische Sejmklub. Sonderbericht für Bielitz, im September 1929. Der Jüdische Sejmklub betreibt eine exklusive Minderheitenpolitik, die bisher so gut wie noch gar keine Früchte getragen, wenn nicht gar offen Schissbruch erlitten hat. (Ls ist selbstverständlich, daß ein Staat, der sich von seinen säst 40 Prozent der Gesamtbevölkerung betragenden Minderheiten (Ruthenen, Weißrussen, Deutsche u. a. m.) bedroht fühlt und bei jeder Völkerbundtagung neue Klagen seiner Minderheiten abzuwehren hat, die Entstehung einer neuen jüdischen Drei- Millionen-Minderheit mit Unbehagen verfolgen muß. Ungern sieht daher die Negierung die praktisch wahrscheinlich kaum durchführbaren politischen Forderungen und national-kulturellen Autonomiebestrebungen — die Juden wohnen ja im ganzen Lande zerstreut und haben weder eine einheitliche Sprache noch eine Kulturgemeinschaft! Der immer wiederkehrende Hinweis auf die Politik der anderen polnischen Minderheiten als Analogon ist irreführend: man darf doch nicht übersehen, daß die nichtjüdischen Minderheiten, wie etwa Ukrainer oder Deutsche, d i e „C. V. - Zeitun g". an ihrem mächtigen Muttervolk, gegen das der Minderheiteustaat immer entsprechende Rücksichten üben muh, einen Rückhalt haben, während für die Vertretung jüdischer Beschwerden in Gens bisher noch kein jüdischer Stresemann erstanden ist. Nur aus innerpolitischer, richtiger: unpolitischer Plattform — das heißt durch den Hinweis darauf, daß die jüdische Gemeinschaft nur eine religiöse Minderheit ist — kann der Kampf um die volle Gleichberechtigung geführt werden. Aber dieser Weg wird durch die wirklichkeitsfremde Politik des Jüdischen (zionistischen) Sejmklubs versperrt?) Hier muß man sich nun ernstlich, fragen, ob und inwieweit der Jüdische Klub überhaupt als Repräsentant des polnischen Judentums gelten kann. Einige Zahlen mögen sprechen! Im letzten Sejm zählte der Jüdische Klub 36 Abgeordnete, davon 26 Zionisten. Bei den letzten Sejmwahlen, deren Ergebnis als großer zionistischer Sieg gefeiert wurde. *) Man vergleiche den Aussatz: „Die Iudenfrags in Pilsudski-Pmen" in Nr. 37 der „L.-B.-Zeitung" vom 13. September. schrumpfte die zionistische Gruppe bei einem Verlust von 14 Sitzen auf 12 Mandate (9 im Sejm und 3 im Senat) zusammen, während die Nichtzionisten einen Verlust von insgesamt nur 5 Kandidaten beklagten und ins polnische Oberhaus sogar 4 Deputierte entsenden konnten. Einige Monate vor den Sejmwahlen hatten die Stadtratswahlen in Kongreßpolen stattgefunden. Diese brachten den Zionisten eine sehr schwere Niederlage: in Warschau erhielten sie von 28 jüdischen Mandaten im ganzen 3, in Wilna, der Stadt der ausgeprägten jüdischen Kultur und jüdischer Einwohnermcgorität, nur 2, in Lodz 4, also überall nur geringe Bruchteile aller jüdischen Sitze. Mit Recht wies daher seinerzeit der antizionistische Senator Dr. S z a b a d, Führer der jüdisch-demokratischen Volkspartei in Polen, in einem Interview mit der Zeitschrift „Moment" darauf hin, daß für die Bildung eines „Jüdischen Nationalrates" nicht die Ergebnisse der Sejmwahlen, sondern die Ergebnisse der Stadtratswahlen als Grundlage angesehen werden müßten; denn diese hätten selbst die kleinsten Parteigruppen berücksichtigt und daher viel genauere Resultate gezeitigt. Ein zweites lehrreiches Beispiel boten die nach den Parlamentswahlen in dem verhältnismäßig stark zionistischen Galizien stattgefundenen Kultusgemeindewahlen. Hier konnten die Zionisten gegenüber allen anderen jüdischen Parteien in den einzelnen Städten durchschnittlich nur 25 bis 35 v. H. aller Stimmen aus sich vereinigen. Schon diese Wahlresultate nehmen dem Jüdischen Klub die Berechtigung, sich die alalleinige Vertretung der Judenschaft in Polen zu nennen. Der Klub bietet seit Jahr und Tag ein beschämendes Bild jüdischer Parteizerklüftung, selbst in den eigensten zionistischen Reihen. Die ewigen häßlichen Machtkämpfe und erst die jüngsten Katzbalgereien um den Prüsidentenstuhl Zwischen der Gruppe, des kongreßpolnischen Zionistensührers G r ü n - bau m und derjenigen seines galizischen Parteikollegen Dr. R eich — ersterer ein aus der russischen Schule hervorgegangener nationalrevolutionärer Minderheitenpolitiker und wilder Negierungsoppositioneller, letzterer wiederum ein gemüßigter kompromißbereiter Opportunist — haben das Ansehen dieses schon ohnedies zur völligen politischen Einflußlosigkeit herabgesunkenen Miniaturklubs vor aller Welt schwer geschädigt. Das trauriglustige Schauspiel einer offenen Spaltung konnte nur dadurch verhütet werden, daß Grünbaum innerhalb dieser Zwergvereinigung einen aus seinen Parteigängern bestehenden besonderen „Klub beim jüdischen Nationalrat" bildete, ein in der Luft hängendes Zwittergebilde, da der in der ersten Ümsturzzeit gegründete „Jüdische Nationalrat" m jenen Tagen höchster jüdischer Bedrängnis tatsächlich eine Art Generalvertretung für das gesamte Judentum Polens, heute nur mehr noch auf dem Papier lebt. Daß sich schließlich eine jüdische Minderheit in Polen für die Dauer nicht gegen die Negierung durchsetzen kann, hat allmählich auch der Himmelstürmer Grünbaum begreifen müssen: auch er muß seit einiger Zeit, angesichts der drohenden Wirtschaftskatastrophe, verschämt und auf Umwegen Bittgänge zu den verschiedenen Regierungsstellen unternehmen, wenn jüdischer Not abgeholfen werden soll. Wie abträglich die Politik des Jüdischen Klubs für die wahren Interessen der polnischen Judenschaft ist, beleuchtet grell die sich neuerdings immer mehr herausbildende Hebung der Negierung, jeden von dieser Seite kommenden Antrag von vornherein, ohne nähere Prüfung, abzulehnen. Aber auch das Verhältnis des Jüdischen Klubs zu den ihm anvertrauten Schutzbefohlenen ist unhaltbar. Rasche Umkehr zu einer Realpolitik tut not! Der Schrei der in ihrer Existenz entwurzelten Massen nach Brot und Kleidung übertönt das polnische Gezänk im Jüdischen Klub, da die Judenfrage in Polen heute in erster Linie ein wirtschaftliches Problem ist. Dr. Fritz Seifter. zum neuen Jahre sagen Sie Ihren Verwandten, Bekannten, Gästen und Geschäftsfreunden am besten durch ein Glückwunsch-Inserat in unserer „Rausch-Haschonoh Nummer“ vom 3. Oktober 1929. Wir gewähren auf Glückwunsch-Anzeigen in dieser Neujahrsnummer einen Rabatt yon 50%. Die Anzeigen berechnen sich also wie folgt: Grosse A: 22 mm hoch, 56 mm breit (10/20 ZI.) Mfc. 18,—, abzügl. 50°/0 — Mk. 9,00 Grösse B: 33 mm hoch, 56 mm breit (15/30 Z!.) Mk. 27,—, abzügl. 50 °/0 Mk. 13,59 Grösse C: Grösse D: Grösse E 45 mm hoch, 56 mm breit (20/10 Zi.) Mk. 36,—, abzügl. 50 °'o — Mk« 18,00 33 mm hoch, 85 mm breit (15/45 ZI.) Mk. 40,50, abzügl. 50 °/0 Mk. 20,25 67 mm hach, 115 mm breit (30/120 ZI.) Mk. 168,—, abzügl. 50 °/0 — Mk. 54,00 Sichern Sie sich die Aufnahme Ihres Inserats durch die Einsendung Ihres Auftrages an die Anzeigenverwaltung dr r „C. V.-Zeitung“, BERLIN SW 100, oder an eine Filiale der Annoncen - Expediti rn Rudolf Mosse. Aufträge müssen bis spätestens 30. Sept. 1929 vorliegen. KUUtrr särbrutsrdüM^M0rymr özs Cmtral-Vrreras tenlfah*r» iraSsaüratunr JF Sttmtsdüry-erlüöHckrn Sinnt» ras WiQ.-m.in«» ienur-Q <J Anzeigen Verwaltung: Berlin SW 100, Jerusalemer Strasse 46—49

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