Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277871--05514-2286257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.-^ soy Gruppe von Menschen so boshaft unb rücksichtslos, an Stelle der alten guten Sitte die Unsitte des Rentabilitätsprinzips zu setzen. Aus einer großzügigen wissenschaftlichen Betrachtung der europäischen Wirtschaftsgeschichte macht Feder eine Philiströse Klage über die Schlechtigkeit unserer Zeit. Welcher Eindruck bleibt, wenn man sich durch den Wortschwall der nationalsozialistischen Literatur hindurchgelesen hat? Es ist ein Gemisch aus volkswirtschaftlichen und sozialethischen Ueberlegungen, wobei das Suchen nach dem Schuldigen die Methode abgibt. Das Resultat ist eine Sünden bockt heorie, die im Grunde weder sozialistisch noch antikapitalistisch, eher romantisch-reaktionär zu nennen ist. Sie schmäht den Klassenkampf, predigt nationale Eintracht — und will den Rassenhaß. Sie bedauert die „Entpersönlichung" der Wirtschast — und weiß zugleich das Abstrakte, Unpersönliche, Ungreisbare der hochkapitalistifchen Erscheinungen für ihre demagogischen Zwecke auszunutzen. Neue Gedanken sind nicht anzutresfen, Neformpläne zielen auf schon Vorhandenes (gedeckte Währung, Genossenschaften) oder auch auf lange von anderen Erstrebtes (keine indirekten Steuern, Siedlungsmöglichkeiten, gesunde Mischung von Groß-, Mittel- und Kleinbetrieben), und die ganz radikalen Forderungen haben nicht einmal den Reiz der Utopie, da sie in den nur zu gut bekannten Abgrund der Inflation hineinführen. Es ist eine behinderte Nationalökonomie, behindert einmal durch den Wunsch, es mit keinem zu verderben — daher das Ausweichen vor jeder logischen Konsequenz, die Einschränkung jeder Behauptung, die tiefen Verbeugungen vor der Industrie, vor den Schwerindustriellen namentlich, vor dem Mittelstand, vor dem Grundbesitzer, vor dem Hauseigentümer, vor dem geistigen Arbeiter, dem Handwerker und dem Arbeiter — auf K o sie n der jüdischen Minderheit, — und vor allem behindert durch die Absicht, Rafsentheorie und Nationalökonomie rniteinande r zu verketten: dies alles zu dem Zweck, den Antisemitismus durch scheinbar wissenschaftliche Begründungen zu rechtfertigen und volkstümlich zu gestalten. Zum Tode von Louis Marshall Am 11. September ist der bekannte amerikanische Rechtsanwalt Louis Marshall an den Folgen einer Operation in Zürich, 73 Jahre alt, gestorben. Wenn das höchste Glück der Erdenkinder die Persönlichkeit ist, so war Louis M a r s h a l l dieses Glückes teilhastig; nicht minder genossen es die, die diesem eigenartigen, einzigartigen Mann nahetraten, und es bestrahlte warm und fruchtbringend die amerikanisch-jüdische Arbeit. Bei aller traditionellen Demokratie braucht und liebt der Amerikaner, also auch der amerikanische Jude, Autoritäten und Kraftmenschen, und seine Liebe schlug Marshall, dem unbestrittenen Führer, um so herzlicher entgegen, weil jeder alsbald fühlte, hinter dieser scheinbaren Rauheit, hinter dieser eisernen Energie schlägt ein Herz voll Mitgefühl und Erbarmen. Wir kennen Marshall gewöhnlich nur als I den Vorsitzenden des American Jewish Committee, einer losen Vereinigung, die geschickt die Rechte der amerikanischen Juden zu wahren weiß, oder aus seiner Arbeit im Joint Distribution Committee, das in den Nachkriegsjahren vor allem für die niedergebrochene Ostjudenheit unsagbar viel Gutes gestiftet hat, oder jüngst aus seinen Verhandlungen mit Professor Weitzmann und zu allerletzt als Vorsitzenden der Jewish Agency. Schon diese vielseitige Arbeit, die der beschäftigte Advokat,! ungewöhnlich pflichttreu und gründlich, auf sich | nahm, würde ihm unsere dauernde Hochachtung j sichern. j Der ruhige Beobachter aber würde dem 1 hohen Geiste und der ausgeprägten Welt-! anschauung Marshalls "unrecht tun, wenn er I Marshalls Arbeit für das amerikanische Volk und für die Sache der Menschheit und Menschlichkeit der jüdischen Arbeit nicht an die Seite stellte. Dreimal arMtete Marshall — als erster Jude — als Mitglied der gesetzgebenden Versammlung des Staates New Uork und leitete die — höchst wichtige — Einwanderungskommission desselben Staates. Vis an sein Lebensende stand er an der Spitze der Forsthochschule für New Dort und seine Anwaltskollegen beriefen ihn, den hervorragenden Kenner des amerikanischen Verwaltungsrechts, in verschiedene bedeutsame Ehrenämter. Bezeichnend ist, daß besonders die benachteiligten Bevölkerungsschichten Amerikas voll unbegrenzten Vertrauens auf ihn blickten. Alle grundsätzlichen Prozesse der Farbigen führte er, ohne einen Pfennig Honorar anzunehmen. Diese opferwillige Hingabe für allgemeine Ausgaben wurde ihm, dem überlaufenen Anwalt, äußerlich durch einen unbegrenzten Fleiß — sein Arbeitstag zählte 12 bis 15 Stunden —, innerlich durch einen tiefen religiösen Sinn und durch eine geistige Veschwingtheit ermöglicht, die unauslöschlicher Bildungsdurst, echte Liebe zu Kunst und Natur stets von neuem belebten. Eine Nachtreise von Newchork entfernt, lebte er des Sommers — einige Freunde hatten neben ihm ihre Landhäuser in einem großen Blockhaufe, das riesiger alter Wald, der sich teilweise an einem See Hinzug, voll wunderhübscher Aussichtspunkte, Felsenbildungen, Baum- und Pflanzenseltenheiten umschloß. In einfacher Kleidung, einen dicken Stock in der Hand, zog er dann mit dem Besucher über Steine und Wurzeln. Er, der Forstfreund, kannte die Bäume und Pflanzen beim Namen, er, der Kunstfreund, erzählte bescheiden-stolz und kunstverständig von den Landschaftsgemälden, die er so liebte, er, der Literaturfreund, las soeben erschüttert und erhoben Remarques Kriegsbuch. Gestern gerade hatte er noch im Naschi etwas nachgeprüfö, und vorgestern war er mit einem Farbigen zusammen gewesen, der so wundervoll die lyrischen Töne traf, daß er wohl als der bedeutendste Dichter Amerikas — welch edle Rache! — zu gelten habe. Furcht kannte er nicht; Zorn ergrifs ihn, wo er Unaufrichtigkeit und Zweideutigkeit verspürte. Den bekam jener rumänische Diplomat August Förster FLÜGEL UND PIANOS Fabrik: Löbau i. Sa- / Filiale: Berlin Kurfürstendamm 22. Fernruf: Bismarck 7826. Führende Qualität, ld> Bin davon ßegeistertl ]9doch preiswert! Puccini. Zu spüren, dem er bei einem großen Festessen ob der rumänischen Judenpolitik rücksichtslos entgegen trat. Er nahm keine Aemter an, um sich in ihnen zu sonnen. Er arbeitete miiö voller Kraft, war gewiß nicht das, was man einen „angenehmen Mitarbeiter" nennt. Dazu war er zu gründlich, zu stark und zu einsam. Aber er arbeitete zielbewußt und aufopfernd, und wenn er, der Kritische und Prüfende, sich erst einmal einer Sache verschrieben, so war diese geborgen. Dem Judentum war er ganz ergeben, weil es sein religiöses Gefühl, feine große Kenntnis des hebräischen Schrifttums ihm so befahlen. Der Begriff „Nationaljude" war ihm, dem amerikanischen Patrioten, fremd, und er, der Feind aller nationalen Uebertreibungen, lehnte ihn ab. Palästina war ihm das religiöse Heiligtum Israels, dessen frommen Bewohnern er ebenso gesicherten Raum schaffen wollte, wie dem Idealismus einer jungen Generation. Judentum ohne jüdische Religion oder gar Palästina ohne sie waren ihm blanke Unmöglichkeiten. Die amerikanische Judenheit, das religiöse Judentum allüberall, nicht minder auch das amerikanische Volk, kann stolz sein, einen Marshall hervorgebracht zu haben. Mögen sich Männer jenseits des Ozeans finden, die das Werk seiner Hände fortführen! Louis Marshalls Leben war ein Segen für seine Mitmenschen. Möge dieser Segen auch nach seinem Tode weiterwirken! Dr. Alfred Wiener,