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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-20 · 38 (20.9.1929) · p. Seite 508

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
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Wie die AaljonalsoziaWen die deutsche MWast retten wollen. Von Ar. Margarete Wiener. „Raffendes" nnd „schaffendes" Kapital. In nachstehendem Aufsatz wird die in Nr. 37 „C. V. - Zeitung" vom 13. September begonnene Darstellung des nationalsozialistischen Wirtschaftsprogramms fortgesetzt. Die S ch r i s L l e i 1 u n g. Der Nationalsozialist unterscheidet, wenn er gefühlvoll wird, zwischen „raffendem" und „schaffendem" Kapital. Diese Unterscheidung ist, ins Praktische übersetzt, nichts anderes als die Unterscheidung zwischen festverzinslichen Werten, wie Pfandbriefe, Obligationen, Anleihen und gewinntragenden Werten, wie Aktien, Kuxe, Beteiligungen. In ruhigeren Momenten spricht der Nationalsozialist von „Leihkapital", das „Zinsen" trägt, und „Industriekapital" oder „riskiertem Kapital", das „Gewinn" bringt. An diese sachliche Trennung knüpft der Nationalsozialist sein Wert-' urteil. Es gibt für ihn böses und gutes Kapital. „Das Zinsfressende Leihkapital ist die Geißel der Menschheit . . ., nicht das schaffende, gütererzeugende, industrielle Betriebskapital." Feder betont, daß diese Entdeckung ihm Vorbehalten war und den großen Sozialisten entgangen ist. Jung kommt sogar zu der verblüffenden Erkenntnis, daß Marx, weil er Jude war, den Leihzins (als jüdische Erfindung) schonen mußte. Dieses merkwürdige Werturteil beruht auf drei Jrrtümern: 1. Aus der falschen Einstellung zum Zinsproblem folgt die falsche Beurteilung des Kapitals. Da der Nationalsozialismus den Gewinn als ein natürliches, nicht problematisches Ergebnis der Produktion, den Zins aber als das verwerfliche Resultat der Erpressung durch den Geldbesitzer ansieht, muß er auch das ganze Leihkapital als unberechtigt erklären. Dabei kommen seltsame Folgerungen Zutage, z. B. daß die Jndustrieobligation, obwohl sie doch offensichtlich der Produktion zugute kommt, als „raffendes" Kapital zu verwerfen ist, und daß^beim Bau eines Hauses nur das Eigenkapital des Bauherrn dasMchtbare Ergebnis des Hauses „schafft", während das hinzugenommene fremde nur als Belastung anzusehen ist. 2. Der Nationalsozialist verwechselt die Kapitalbegriffe. Er sieht, wenn er von „Industriekapital" spricht, Maschinen, Fabrikgebäude, Rohstoffe vor sich, also alles das, was man unter der Bezeichnung „Produktivkapital" zusammenfaht. Er sieht dagegen, wenn er von „Leihkapital" spricht, nichts als Geld vor seinen entsetzten Augen: Münzen, Scheine, Papiere — unfruchtbares, totes Geld! Er sieht „Erwerbskapital". Er ist also, um im nationalsozialistischen Jargon zu reden, einmal „materialistisch", einmal „mammonistisch" beeinflußt. Er vergleicht zwei Dinge miteinander, die nicht vergleichbar sind: Produktivkapital ist ein sozialökonomisches Erwerbskapital, ein privatökonomischer Begriff. Er vergißt darüber, daß in der kapitalistischen Wirtschaft, die er, da er das Privateigentum nicht bekämpft, im Grunde ja bestehen lassen will, Produktivkapital nur auf dem Wege über das Erwerbskapital entstehen kann. 3. Der Nationalsozialist verfällt in den nicht seltenen Fehler, eine Skala der volkswirtschaftlichen Nützlichkeit nach dem sehr fragwürdigen Maßstab der Produktivität aufzustellen. Da sein Produktivitütsbegrisf ebenfalls „materialistisch" eingestellt ist, steht er nur bei der Industrie den produktiven Erfolg, nämlich das Gut, die Ware. Daß auch Hypotheken, ObligatiPren und Anleihen das Kapital produktiven Zwecken zuleiten können, entgeht ihm deshalb. Aus dem gleichen Grunde erscheint ihm die Tätigkeit der Banken als völlig überflüssig und sogar unmoralisch, denn ein sichtbares Erzeugnis, das der Bedarfsdeckung dienen könnte, haben die Banken allerdings nicht aufzuweisen. Diese Auffasiung führt z. B. dahin, daß dem Nationalsozialisten die „Produktion" von irgendwelchem Kitsch, für den gerade Bedarf vorhanden ist, wertvoller erscheinen müßte als die Gründung einer neuen Industrieanlage durch Emissionstätigkeit der Banken. Nie Kriegsanleihe soll gesetzliches Zahlungsmittel werden. Psychologisch gesehen hat der Abscheu des Nationalsozialisten gegenüber dem Leihkapital seine Wurzel in der Erscheinung der Kriegsanleihe. Man brauchte nicht Nationalsozialist zu sein, um nach dem verlorenen Kriege mit Entsetzen die Last der auf unabsehbare Zeit hinaus durch Steuern aufzubringenden Verzinsung der Anleihen zu empfinden. Neben seinen sozialen und wirtschaftlichen Resormplänen stellt sich der Nationalsozialismus nicht mehr und nicht weniger zur Aufgabe, als den Staat aus der Verschuldung zu befreien — durch Umwandlung der Anleihestücke in gesetzliche Zahlungsmittel unter Aushebung der Zinsen — und den Staat für alle Zeiten von der Notwendigkeit, Schulden zu machen, zu entheben — durch Ausgabe „zinsloser Staatskassengutscheine"*). Sicher ist die Bekämpfung der Anleihepolitik mit dem Hinweis auf die steuerliche Belastung des Volkes der wirksamste Programmpunkt des Nationalsozialismus. Hätte sich der Nationalsozialismus auf diese finanzpolitischen Absichten beschränkt und sich etwa als Bund der Anleihegegner etabliert, so wäre ihm eine große Gefolgschaft sicher gewesen. Da er aber den höheren Ehrgeiz hat, die „Judenfrage" zu lösen, so muß er das rein finanzpolitische Anleihe- und Geldproblem aus eine andere Ebene schieben, die ihm die gewohnte judenfeindliche Handhabung ermöglicht: die Verschuldung des Reiches, der Länder, der Städte wird dem „Finanzkapitalismus", dem „Großteihkapital", den Banken, — also nach nationalsozialistischer Logik den Juden zur Last gelegt und heißt nun „Geld- und Zinsherrschaft der alljüdischen Hochfinanz". Diese nationalsozialistische Schiebung geht sehr plump und ohne viele Erklärungen und Beweise vor sich. Es heißt einfach: die Banken „verführten" damals das Reich zur Aufnahme von Kriegsanleihen; das jüdische Großkapital „finanzierte damals den Krieg"! Der Nationalsozialist vergißt, daß es als patriotisch galt, Kriegsanleihe zu zeichnen, und daß gerade der Mittelstand (einschließlich dem jüdischen Mittelstand) diesen Patriotismus noch heute zu büßen hat, daß es also nicht immer ein reines Vergnügen ist. Leihkapitalist zu sein. Der Nationalsozialist müßte auch wissen, daß, je kleiner das Vermögen, um so eher die Neigung besteht, es festverzinslich, also „leihkapitalistisch" anzulegen, daß dagegen gerade die größeren Vermögen sich auf die weniger sichere Anlage in Jndustriewerten einlasfen. Der Nationalsozialist übersieht, daß das Kapital der Sparkassen und Versicherungsgesellschaften vorwiegend dem Anleihemarkk zugute kommt, daß demnach gerade der kleine Sparer sich indirekt des „Leihkapitalismus" schuldig macht. Gegen den Aktionär, aber für die Beteiligung an wirtschaftlichen Unternehmungen! Obwohl die Aufhebung der Anleihen und der übrigen festverzinslichen Werte nach Feders Worten „Industrie, Handel und Gewerbe" zugute kommen soll, finden doch Aktionär und Aktie keine Gnade in den Augen des Nationalsozialisten. Feders Haltung gegenüber der Aktie ist widerspruchsvoll und wechselnd. Oft findet er scharfe Worte gegen den Aktionär, weil er arbeitsloses Einkommen bezieht, und empfiehlt die Ablösung der Aktie; später ist davon nicht mehr die Rede, und die Beteiligung an industriellen Unternehmungen wird besonders empfohlen. Es findet sich nirgends ein deutlicher Hinweis, wie sich unter nationalsozialistischer Regie die Industrie und ihre Kapitalversorgung gestalten sollen. Im Grunde wünscht Feder wohl die Rückentwicklung der Industrie in ein früheres Stadium. Eine fast romantische Vorliebe hegt er für die Zeiten, in denen noch Personalunion von Unternehmer und Kapitalist die Regel war. Feder singt das Lob des Unternehmers und wird nicht müde, die geradezu idyllischen Zustände aus jener Zeit des „reellen, soliden Gewerbetreibenden" zu schildern. Er geht so weit, ihm das Prinzip der Bedarfsdeckung zu unterstellen, und behauptet, daß durch das Vordringen der Aktiengesellschaft eine „Anonymisierung" und „Entpersönlichung", ja, eine „Entedelung" der Wirtschaft eintrat, die sich auf das brutale Prinzip der „Rentabilität" stützt. Die Gegenüberstellung von „Bedarfsdeckung" und „Rentabilität", die Feder zum Grundsatz seines Programms macht, ist nicht Feder 'sche Erfindung, sondern S o m b a r t 'sche Schule. S o m b a r t unterscheidet bekanntlich zwischen dem Prinzip der Bedarfsdeckung, das den wirtschaftenden Menschen der vorkapitalistischen Zeit leitete, und dem „Erwerbsprinzip", das zusammen mit „ökonomischem Rationalismus" das Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise bildet. Man sicht, wie eine Idee mißbraucht werden kann. Jeder stellt es so dar, als sei heute noch immer die Bedarfsdeckung das bewußte, moralisch befestigte Ziel der wirtschaftenden Menschen, und als sei nur eine gewisse *) Beide Maßnahmen würden eine Inflation Hervorrufen. Eine Besprechung dieser und anderer finanzpolitischer Reformvorschkäge der Nationalsozialisten würde hier zu weit führen.

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