Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SSö Tages... Der Verfasser dieses Aussatzes? Herr Ernst von S a l o m du! Vom Wort zur Tat. Die im Granat donner erprobten nationalsozialistischen Führer haben das Krachen der Bomben schlecht vertragen. Auf einmal sind sie gegen jeden Terror, ist nur der verfassungsmäßige Weg für sie beschreitbar. Dr. Goebbels erklärt im Namen seiner Partei, daß sämtliche Verhafteten nicht Mitglieder der N. S. D. A. P. seien, vielmehr der Landvolkbewegung angehören, mit der die N. S. D. A. P. nichts zu tun habe, die sie sogar bekämpfe. Der nationalsozialistische Abgeordnete L o h s e veranstaltet Versammlungen, in denen erklärt wird, daß mit Dynamit und Bomben die Nationalsozialisten ihre Politik nicht stützen wollen. Bedauerlicherweise gibt es aber Menschen, deren politisches Gedächtnis besser ist, als es den Nationalsozialisten angenehm sein kann. Seitdem in München der nationalsozialistische Putsch blutig zusamenbruch, sind sechs I a h r e vergangen; kaum sechs Wochen sind es her, daß Hitler in einem Aufruf jegliche Verbindung zwischen N. S. D. A. P. und Landvolk untersagte, mit der Begründung, daß sich Nationalsozialisten, die sich an fremden politischen Organisationen beteiligen, von selbst aus feiner Partei ausschließen. „Ausdrücklich betone ich, daß auch das sogenannte Landvolk unter die für Parteigenossen verbotenen Organisationen füllt", heißt es am Schlüsse seines Erlasses vom 30. Juni. Es ist immerhin auffallend, daß Hitler dieses Abrücken vom Landvolk zu einem verhältnismäßig so späten Zeitpunkte für nötig hielt. Der Gedanke liegt nahe, daß ihm Vorgänge bekannt geworden sind, die einen Trennungsstrich ratsam erscheinen ließen. Charakteristisch ist auch eine Erklärung, die durch die Pressekorrespondenz der Reichstagsfraktionen der N. S. D. A. P. verbreitet wird, wonach die Partei mit den Attentätern nicht das geringste gemein habe, auch wenn der eine oder andere sich im Besitz eines Mitgliedsausweises befinden solle. (!) Sie rücken vergeblich ab. Genau so zu bewerten ist Hitlers Auslobung im „Völkischen Beobachter", der 2000 Mark Prämie für denjenigen Parteigenossen bestimmt, der zur Ergreifung der Bombenattentäter beitrage, und 10 000 Mark für den Nachweis verspricht, „daß diese Attentate vor: neupreußischen Behörden selbst inszeniert werden"! Auch wenn Adolf Hitler in seinem „Illustrierten Beobachter" vom 14. September mit Scherzen die Attentate lächerlich machen zu können glaubt, und als Unterschrift eines Bildes vom beschädigten Reichstag geistvoll ein Couplet paraphrasiert: „Wer hat denn die Bombe zum Reichstag gerollt?", so ist damit genau so wenig gegen den Nachweis der beispiellosen Hetzarbeit der Nationalsozialisten gesagt, wie mit den Sätzen seines Aufsatzes „Attentate in der Republik" an der gleichen Stelle: „Es gibt kein Anrecht zu einem politischen Mord, äußeres handelt sich u nr die V e s e i t i g u n g eines recht- und gesetzwidrigen T y r a n n e n", und ferner: „Was heute bei uns beseitigt werden muß, ist nicht ein Kopf — denn der ist bei diesen Leuten gar nicht da, sondern ein korruptes und versaultes System." Auch wenn Hitler hinzusügt: „Dagegen aber kämpft man nicht mit Attentaten' und Bombenwerfen an", so stehen gegen diese Verklausulierungen die oben aus S t r a s s e r s Zeitschrift zitierten Sätze aus: ,.N i ch t s soll anerkannt werden von d e m, was heute z u s a m m e n geschachert wird", und seine eigene stenographisch sestgehaltene Aeußerung im Hitler- Prozeß: „Ich habe nie anerkannt, datz dieser Zustand (die Revolution und ihre Folgen) legal geworden ist." Jeder der Attentäter kann sich also, selbst unter Berufung auf Hitlers großen Entschuldigungsanssatz, als Vollstrecker seiner Gedanken suhlen. Der „Bayrische Kurier" schrieb am Schlüsse eines Aufsatzes „Die Realpolitik des Radikalismus" (13. August) vorausahnend: „Man kann sich eine Zeitlang damit behelfen, daß man die Erregung der eigenen Parteigenossen bis zur Weißglut erhitzt und jeden, der sich gegenüber dem Meiuungsterror der Nationalsozialisten ein eigenes Urteil wahrt, mit leidenschaftlichen Beschimpfungen „überhäuft. Aber die Stunde kommt, wo all diese Mittel und Mittelchen versagen, wo der Fanatismus durch weitere Auspeitschungsversuche nicht mehr gesteigert, sondern abgestumpft wird." Wir wollen fortfahren: so abgestumpft wird, daß er die Phrase f ü r Wahrheit it n b Verbrechen s ü r vaterländisch hält. Bismarcks Wort, nach dem Mordversuch Kullmanns, am 13. Juli 1874 im Reichstag gesprochen, muß Herrn Hitler und seinen Freunden ins Ohr klingen: „I a, meine Herren, v e r st o ß e n Sie den Mann, wi e Sie wollen, er hängt sich doch an Ihre Ro ckschöße." Die Nationalsozialisten tragen nicht allein die politischeMitveraniwortung für die Verbrechen, die von Angehörigen einer extremen Gruppe verübt wurden. Tie Aufdeckung der Zusammenhänge der Attentate hat schon jetzt gezeigt, wie auch von seiten ernst zu nehmender politischer Kreise einzelne der Attentäter umworben und für eine Tätigkeit in ihren Reihen geworben wurden. Die Vergiftung des innerpolitischen Kampfes in Deutschland findet darin ihr Symbol. Nicht der sachkundigere, der ernsthaftere, der durch seine Persönlichkeit beispielgebende Mann ist für viele politische Kreise heute der geeignete Werber. Der rücksichtslosere, demagogischere, aufreizendere Agitator ist gesucht, umschmeichelt, vorbildlich. Langsam beginnt jetzt eine Reihe von Parteien die Erfahrungen zu machen, die für uns schon Besitz geworden sind, und langsam regen sich im deutschen Volk Kräfte, die eine Aufrechterhaltung des politischen Lebens nur von einer Entgiftung des politischen Kampfes erwarten. Ein Akt der Notwehr ist der Erlaß der Neichs- und der preußischen Staatsregierung gegen die Vergiftung der öffentlichen Meinung, um der gegen sie gerade in den Spalten der von ihr durch amtliche Bekanntmachungen subventionierten Provinzpresse in unerhörtem Ausmaße betriebenen Hetze ein Ende zu bereiten. Es ist an dieser Stelle schon oft eine Aenderung des Preßgesetzes gefordert worden, um die Umwandlung der Preßfreiheit in Preßsrechh e it unmöglich zu machen. Vielleicht findet unsere 'Aufforderung jetzt, wo einflußreichere Streife gleichfalls betroffen' sind, ein stärkeres Echo. Zeitungen, die Attentate verteidigen. Tie Entlastungs-Versuche einer gewissen Presie sind aufschlußreich für die Sympathien, die Attentate und Täter finden. Auf die direkt Betroffenen, das Landvolk und sein gleichnamiges Organ, werden wir noch zurückkommen. Aber auch die „Deutsche Zeitung", das Organ des Justizrats Claß, setzt sich mit Wärme für die Verdächtigen itnb Beschuldigten ein. Dieses Blatt, das sich in Forderungen aus Entrechtung, Knechtung, Zurücksetzung aller unbequemen Mitbürger, insbesondere der deutschen Juden, gar nicht genug tun kann, ist von einer mimosenhaften Empfindlichkeit gegenüber allen gesetzlichen Maßnahmen gegen die Festgenommenen, bei denen der Buchstabe etwa nicht genau beachtet wird. Sie läßt einen Leitartikel erscheinen: „Schutz der persönlichen Freiheit vor Polizeiwillkür". Sie überschreibt groß: „Fehlschläge der Bombenuntersuchung" zu einer Zeit, als die ersten Geständnisse erfolgten. Sie protestiert: „Sondergericht in Berlin" gegen die Vereinigung aller Verfahren vor einem Berliner Gericht, eine Maßnahme, die von der Strafprozeßordnung in jeder Weise gutgeheißen und in Fällen, wie den vorliegenden, sogar gefordert wird. Welches Interesse, muß man fragen, hat die „Deutsche Zeitung" an einer möglichst schonenden Behandlung der Beschuldigten? Muß man nicht annehmen, daß die Behauptung, es handle sich um sanatisierte Einspänner und Außenseiter, eine nach außen hin verwendete Wortprägung ist, während man intern nur aus den Augenblick wartet, in dem man die Freigelassenen mit offenen Armen empfangen kann? Der „untadelige" Führer. Das „Landvolk" schrieb am 13. September unter der Überschrift „Eine Riesenblamage der Polizei" zur Verhaftung von Wilhelm H a m k e n s, den sie „wohl die hervorragendste Persönlichkeit der L a n d v o l k b e w e g u n g" nennt: „Landvolk, der Kampf geht weiter. Der Schlag eines vor Angst zitternden Verwaltungsapparates muh abgewehrt werden durch die Treue und den Glauben des deutschen Landvolks. . . . Wenige Tage nur . . . und dann wird das wahr sein, was wir schon ausgesprochen, daß auch dieser hinterhältige Versuch nur eine ungeheure Blamage und ein Beweis der skrupellosen Machenschaften des Verwaltungsapparates gewesen ist." Tags darauf heißt es: „Die völlige Schuldlosigkeit der meisten Verhafteten bereits sestgestellt. Ein Hamkens, ein Kühl, sie stehen so untadelig, sie sind so fest in unserem Herzen verankert, daß der Schmutz bezahlter Pressebuben ... sie nicht aus unserem Herzen reißen kann. Landvolk, falle nicht ans den jüdischen Schwindel herein . . . Der große Schlag . . . ist ein Bluff. Man glaubt den Moment gekommen, um die Zeit und die Bewegung zu erdrosseln. Nach echt jüdischer Schächtmethode sollen wir uns verbluten." Vier Tage später hatte Hamkens, diese hervorragendste, untadelige Persönlichkeit, gestand e n. Wir sind überzeugt, die Tonart des „Landvolks" wird sich auch nach dem Geständnis, ja sogar nach der Verurteilung ihres Führers nicht ändern. Die Bewegung lebt von der ununterbrochenen Zuführung stets vergrößerter Mengen von Rauschgiften. Die Anhängerschaft braucht ständig gröbere Kost. Ob man freilich Sätze noch überbieten kann, wie die folgenden: „Jeder Deutsche muß seinen Feind kennen. Der Feind ist das jüdische Großkapital mit dem Endziel der Völkerversklavung. Die Helfer des Juden sind alle Nutznießer des Systems, also: Minister, Präsidenten, Negierungsrate, Landräte . . ."? , . D er Zirkel schließt sich: Von der Bekämpfung des jüdischen Bevölkerungsteils als des schwächsten Elementes geht jede rechtsradi-