Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-09-20 · 38 (20.9.1929) · p. Seite 505

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
Seite 505 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277871--05510-2286253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

enfrol «r^tt Serlin, 20. September 1020 VIII. Jahrgang ♦ Ar. 38 Einzelnummer 20 Pfennig PMker für-ellWitum unOluoentum BierteliahrSnbonnement 2.SV RM. (suzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 3394, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. stübe G, Berlin LW 68, Lindenstruße 7, und von Goldschmidt-Rothschild & (£o„ Berlin W 8. ^„tY.ecvnpp Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin 8W1OO, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,9vfür die 7gespaltene Zeile nach Rudolf MossLO Normalzerlenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Lentralvererns 0,45 Mlf die 62 mm breite Reklamezerle 3,50 0ry«n des ß»traJ-Verans üeutscder Staatsvüryer iiwikcden Mmivens Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel» me m MiMk in s«m! Vor kurzem ist in diesen Blättern von einem Prozeß berichtet worden, den der Leipziger Rabbiner Dr. Gold man n dadurch heraufbeschworen hatte, daß er sein Ki n d an jüdischen Feiertagen und am Sabbat dom S ch u l b e s u ch in der Volksschule zurückbehielt. Zwar ist er verurteilt worden, aber das allgemeine Aufsehen, das dieser Zustand hervorgerufen hat, hat doch gewirkt; beim am 2. September 1929 ist unter der Nummer 71 eine neue Verordnung erschienen, in welcher ausdrücklich bestätigt wird, daß hinsichtlich der Israeliten die Vorschriften der Regelung in anderen deutschen. Ländern angepaßt werden. Es wird nunmehr den Israeliten gestattet, ihre Kinder an allen hohen jüdischen Feiertage n, also am Passahsest, am Wochenfest, am Neujahrsfest, am Versöhnungsfest und am Laubhüttenfest, zum Zwecke des Besuchs des Gottesdienstes von der Schule zurückzuhalten, und an den Sabbaten ist ihnen in dem gleichen Maße Schulsreiheit gewährt wie den „Adveutisten vom siebenten Tage". Auch vom Standpunkt des Centralvereins verdient diese Neuregelung mit Befriedigung verzeichnet zu werden. Räumt sie doch mit einer Zurücksetzung des jüdischen Volksteils m Sachsen auf. Besonders interessant ist der letzte'Absatz der Verordnung: „Unter allen Umstanden ist beim Unterricht an öffentlichen Schulen daraus ß Waitet Tflehxmq,: 3<st\ I clec „JCaufnumn wm ] | föecCiu“ antisemitisch? J I Seite 511 I Bedacht zu nehmen, daß die Empfindungen-Andersdenkender nicht verletzt werden (Artikel IW Abs. 2 der Rerchsverfassung)." Hoffentlich wird die besondere Betommg dieser Vorschrift ihre Früchte tragen. Bomben... Warum überhörte man die maßlosen Drohungen der nationalsozialistischen presse? Die Tore des Moabiter Untersuchungsgefängnisses haben sich hinter einer Reihe von Männern geschlossen, auf denen der Verdacht liegt, daß sie an den Bombenattentaten der letzten Monate als Täter, Teilnehmer, Anstifter, Gehilfen oder Mitwisser beteiligt sind. Ueber Schuld oder Unschuld soll an dieser Stelle nicht gesprochen werden. Daß eine Reihe der Verhafteten nicht unschuldig ist, beweisen Geständnisse und die Tatsache, daß der — unabhängige — Untersuchungsrichter Haftbefehle erlassen hat. Die Justizmaschine wirv nun ihre Arbeit beginnen. Wie die Urteile Lauten werden, ist heute noch ungevoiß. An dieser Stelle soll das im Augenblick und für die Zukunft Wichtigere untersucht, die politische Atmosphäre analysiert werden, aus deren Dunkel die Bomben kamen. Monatelange Vorarbeit der nat»oualsozia1ist»schen Presse. Man sagt Don den Aerzten in Davos, daß sie . Lm^engeräusche schon dann abhörern können, wenn die Spezialisten im Flachlande noch nichts feskstellen. Die dünnere Luft dort oben läßt sie hellhöriger werden. Wir deutschen Juden leben in einer Politisch außerordentlich dünnen Luft. Die Gefahren um uns haben unsere Sinne sehr - geschärft. Wir hörten das Leise Knistern im Gebälk schon vor Atonalen und warnten, während die anderen erst durch Dynamitkrachen aufgeschreckt werden mußten. Uns überraschte deshalb die Serie der Verbrechen nicht. Zuviel Aehnlichkeit hatte die Politische Situation, hatte besonders die Tonart der nationalsozialistischen Pressernit den Zeiten vor dem Rathenau-Mord und vor dem November- Putsch 1923. Die Maßlosigkeit der Agitation gegen den Staat, seine Träger und gewohnheitsgemäß gegen die deutschen Juden überstieg jede Vorstellung. Wenn Gottfried Feder in seinem parteiamtlichen Kommentar zum Programm der N. S. D. A. P. vom „Staat der Landesverräter, Fahnenflüchtigen, Schieber, Börsengauner" schrieb, wenn im „Völkischen Beobachter" die Nationalsozialisten als „die Sturmtruppen zur Befreiung des deutschen Volkes von seinen Parasiten" gerühmt wurden, wenn Dr. Goebbels von der „immer notwendigen blutigen Auseinandersetzung mit Stuhlbeinen und Revolvern" sprach, so hätte schon damals die Oesfentlichkeit aufschrecken müssen. Um wieviel mehr, nach einigen neueren Verlautbarungen, so die „14 Thesen der deutschen Revo-j lution", die Gregor Straffer inseinen „Nationalsozialistischen Briefen vom I 1. Juli abdruckt. In ihnen heißt es: „Die deutsches Revolution ... ist nationalistisch . . . alles aber nur um der Nation willen. Um dieser Nation willen scheut die deutsche Revolution vor keinem Kampf zurück, ist ihr kein Opfer zu groß, kein Krieg zu blutig." Und einige Wochen früher, am 15. Mai, heißt es in der gleichen Zeitschrift: „Nichts soll anerkannt werden von dem, was heute zusammengeschachert wird! Wir werden jedesGesetz brechen — jeden Vertrag zerreißen — jedeFormstürzen — jede u Begriff vernichtender uns und die d e u t s ch e Z u k u n s t h i n d e r n s o l l." Die Schristleitung fügt hinzu: „Das unterschreiben w i r! R e st l o s." Es gibt eine Zeitschrift „Der Vormarsch". Sie nennt sich „Kampfschrift des deutschen Nationalismus". Sie vereinigt den aktivistischen Kreis der Nationalsozialisten. Im Aprilheft erschien ein Aufsatz „Kämpfendes Landvolk". Er beginnt mit folgendem Satz: „Das Landvolk in Schleswig-Holstein steht gegenwärtig in der vordersten Front der revolutionären Kampftruppen"; er schließt: „Der Bauer ist weit, der Bauer ist ruhig, aber vielleicht wird er eines Tages vor denselben Toren stehen, vor denen die Arbeitermassen so oft gestanden haben, und vor denen sie unter der Drohung Ihrer Gewehre-umgekehrt sind — und vielleicht, Herr Grzestnski, vielleicht wird der Bauer nicht umkehren! Und vielleicht, Herr Grzestnski, beschleunigen Sie das Kommen jenes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.