Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 500 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277870--05504-2286246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
so» Wiedergeburt dev Romantir. Don Dr. Heinrich Kevy (Eberswalde). Inmitten von Ordnungen, die immer rnehr in das Leben jedes einzelnen cingreisen — ich meine Ordmkngen, die nur mit Hilfe streng wissenschaftlicher Forschung oder zweckbewußter Ueberlegung hervorgebracht werden. konnten, wie Technik, Industrie, Bureaulratie bietet sich in unserer aufgewühlten Zeit das merkwürdige Schauspiel der Ausbreitung romantische r Bewegungen. Diese bilden ihrem Wesen nach den schärfsten Gegensatz zu jener unseren Alltag bestimmenden Welt. — Die romantischen Bewegungen vertrauen dem Gefühl und dem inneren Schauen, überhaupt rational nicht durchdringbaren Zusammenhängen, während jene anderen Ordnungen ihr Dasein der Aufklärung, der Kritik, der Wissenschaft, dem über alle Tradition sich hinweghebenden Fortschrittsstreben verdanken. Diese Romantik ist eine große, Wirklichkeiten gestaltende Macht; sie hat nach dem Weltkriege Staaten gemäß dem Prinzip der Stammes- und Sprachgemeinschaft geschaffen — auf Grund einer Ueberzeugung, die rein verstandesmäßig nicht zu begründen ist, im Gegenteil durch den Verstand verworfen werden müßte. Doch dies ist nur ein Beispiel für das romantische Lebensgefühl, welches sich heute aus allen Gebieten in Ideen, Forderungen, Entwürfen auswirkt und sich in dem Interesse für vergessene Größen der deutschen Romantik aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts charakteristisch bekundet. So ist auch das ungemein gründliche Buch des Berliner Privatdozenten Dr. David B a u m g a r d t über „Franz von Baader imb die philosophische Romantik"^) ein beredtes Zeugnis für das Erstarken des romantischen Geistes unserer Zeit. Zwar übt Baumgardt im Verlause seiner Darstellung grundsätzliche Kritik an den extrem romantischen Lehren Baaders;'aber die Tatsache allein, daß er trotzdem die gesamte Entwicklung Baaders, des Menschen und seines Werks, mit großer Liebe und Eindringlichkeit verfolgt, beweist, wie weit heute die Tore der Romantik geöffnet sind. Wohl, leitet hierbei^ den Verfasser zugleich sein Gerechtigkeitssinn; denn Baaders vielseitige, Ideen verschwenderisch ausstreuende Persönlichkeit, die auf hervorragende Zeitgenossen nach deren eigenen Bekundungen einen außerordentlichen Eindruck gemacht und, wie Baumgardt zeigt, wichtige Gedanken der Romantik selbständig entwickelt hat, war lange Zeit als quantite uöZIibeadls.behandelt worden. So unternimmt es nun Baumgardt, dokumentarisch zu belegen, welche geistigen Kräfte Baader gebildet haben, welche er aufnimmt und abweist, wie er selbst seine affektvollen und gefühldurchwogten Gedanken geformt und mit ungewöhnlicher Sprachgewalt verkündet hat; hierbei eröffnet sich zugleich der Blick aus eine bunte Menge bedeutender und eigenartiger Figuren, die zu Baader in Beziehung getreten sind und in jener romantischen Zeit eine Rolle gespielt haben, lieber die historische Betrachtung hinaus will aber der Verfasser, wie er selbst sagt, durch die Vorführung der radikalen, romantischen Ausgestaltung einer religiösen und philosophischen Weltanschauung, die er als Baaders Werk entwickelt, zugleich dem Suchen unserer Zeit dienen. Baader (1765 bis 1841) studierte in sehr jungen Jahren Medizin, daun wie Novalis das Bergsach, in welchem er Praktisch und erfolgreich tätig war; er wurde Oberbergrat, hielt aber später als Universitätsprofessor in seiner Vaterstadt München philosophische Vorlesungen. Sein Streben und Wirken ging von Jugend au weit über einzelne Fachgebiete hinaus. In die Politik, in kirchliche Bewegungen greift er ein — er ist ein Borläufer des Altkatholizismus —, die soziale Frage versucht er in seiner Gesellschafts- Philosophie zu lösen; der Schwerpunkt seines Schaffens aber liegt in einer religiösen Philosophie, die alle Probleme umschließt und fast sein ganzes Leben erfüllt. — Schon mit 21 Jahren ringt er in den wunderbaren, tiefen und poesievollen' Aufzeichnungen seines Tagebuches^), die zu den Perlen der Autobiographie gehören, mit den größten Problemen. Baumgardt weist nach, wie Baader hier bereits vor der deut> schen Romantik wichtige romantische Motive vorausnimmt. Eine Abwendung Baaders von diesen Motiven während eines längeren Aufenthaltes in England ist nur eine Episode innerhalb seines erzromantischen Dichtens und Denkens, das, danach bis zu seinem Lebensende immer mächtiger sich ausbreitet. Kampf gegen die mathematische Naturwissenschaft, gegen alle Aufklürungsideale, gegen die Ideen der französischen Revolution, gegen Kant, aber auch gegen den auf das Gefühl des einzelnen gegründeten Pietismus ist nun seine Devise. Denn dies ist seine romantische Lehre: alles ist nach Art des Organismus zu gestalten, alles Wertvolle ist organisch; der Mensch besteht nur in der Gemeinschaft, und nur in ihr entfaltet sich der Sinn des Lebens und der Welt: in der Ehe, in der Genossenschaft, im Staat, in einer religiösen Staatengemeinschaft, zuletzt im Leben Gottes. Wie für Baader alles, auch alle Erkenntnis, nur aus und durch Gott ist, so ist die eigentliche Bedeutung der Natur und der Menschenwelt mit ihren Einrichtungen für Baader nur in religiösem Zusammenhang zu verstehen. Dabei schließt Baader sich an die religiöse Ueberlieserung an, ergänzt sie aber durch die Geheimlehren der Mystik. Für ihn berührt die moderne .Wissenschaft mit ihrer „maschinellen" Denkweise — und überhaupt alles, was heute als Fortschritt betrachtet wird — nur die Oberfläche -) Unter dem Titel „Seele und Welt; Franz Baaders Iugcndtagebücher, 1786 bis 1792" sind diese Aufzeichnungen, vornehm ausgestattet, mit einer Ein. leitung von Baumgardt beim Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiserverlag, erschienen. 'ötimHCutP'jjl dbuovu' 4Htt>xxji4~s (ficiufiUt-£y0tiC(X 4HaAi XXÜW*» 4btf t(AJS£ß ■ Borax muß & sein in der bekannten roten Originalpackung. Überall erhältlich! der Wirklichkeit; die ruittelalterlichen religiösen Denker und u. a. vorzüglich der christliche Mystiker Jacob B ö h m e haben ihr Inneres erfaßt, und ihnen gilt es nachzusolgen. Wie nun die affektvolle Seele und der reiche, ganz aus das Religiöse gerichtete Geist Baaders die Natur, Gott, den Menscherl und seine Kultur, besonders aber die gesellschaftlichen Probleme betrachtet, wird von Baumgardt eindringlich und in bildhafter Sprache dem Leser vermittelt. Beziehungen zu jüdischen Problemen ergeben sich X?et diesem christlichsten Romantiker von selbst. Denn er erkennt die Wahrheit des Alten Testaments an, auch in bezug aus die für ihn höchst wichtigen Probleme der Weltschöpstmg und des Ursprungs des Bösen in der Welt. Als Mystiker fühlt er sich mächtig zur Kabbalah hingezogen: er hat 'unter Freunden und Schülern ihr Studium angeregt, wenn auch nach Baumgardts Feststellung seine eigenen Kenntnisse ihm kein ansreichendes, selbständiges Urteil über sie ermöglichten. Bon höchstem Jnteresse aber ist es, daß Baader kraft seiner echten Gläubigkeit von einer Hochachtung für das Judentum erfüllt war, wie sie so uneingeschränkt kaum bei einem seiner bedeutenderen Zeitgenossen zu finden ist. „Er hat", so sagt Baumgardt, „im Hebräischen nicht nur die Ursprache, im Geiste des Hebräischen den tiefsten Geist religiösen Denkens überhaupt erkennen wollen, er hat auch die elementare Selb sterhaltungskrast des Judentums offen bewundert . . . und hat nicht nur Altes und Neues Testament im Rang einander völlig .gleichgestellt, sondern auch für alles nachbiblische jüdische Schrifttum stets besonders freies Interesse und Neigung bezeugt." Hier steht ein christlicher romantischer Denker, der gleichzeitig politischer Romantiker war, dem Judentum sehr freundlich ■ gegenüber — ein Beweis dafür, daß die Judenfeindschaft vieler unserer heutigen politischen Romantiker nicht wesensmäßig begründet, sondern nur auf äußerliche Motive zurückzuführen ist. Zu untersuchen, wie tatsächlich die verschiedenen Arten der Romantiker das Judentum würdigen und welche Stellung zum Judentum durch ihr Denken und Fühlen begründet ist, wäre eine reizvolle, aber umfangreiche und schwierige 'Ausgabe'. i) Verlag Max Niemeyer, Halle a. d. S. 1927. Nur Simson-Supra! 12/60 PS. Für Reise, ilftr Hoilforhö UfaflOElV 2‘- 4- und 6sifelg, Sport und Beruf, tlul UuUluvIlv «luyull! offen ti. geschlossen. WalfeofsferlkenSi msond Co., AbUutomobiliabriken - Suhl i- Thür. P fc b lc ii?( d ii bi fl sl ä 1 b Ii i!? 1