Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 499 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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n Der Raufmann von Derlin. 44 Heist -er Wahrheit^ In folgendem bringen wir die Besprechung von Walter Mehrings „Der Kaufmann von Berlin", das in der Piscator-Bühne am 6. September 1929 zur Uraufführung gelangte. Wir lehnen dieses unwahrhaftige Tendenz stück ab und tonnen ehrliebenden deutschen Juden den Besuch des Stückes nicht empfehlen. Die Schriftleitung. I. Kaum hat die Berliner Theaterspielzeit begonnen, da steht auch schon wieder das Problem „Juden auf der Bühne" im Brennpunkt des Interesses. Dieses Mal gestaltet von einem Künstler, der die Kräfte und den Geist des Judentums Ln sich trägt, mit Seelenkenntnis spricht. Trotzdem aber nicht zum Segen des Judentums, auch nicht zum Segen des Theaters, höchstens zum Segen eines Schauspielers, Paul Baratosf, der eine große Rolle groß durchführt. Stellen wir Zuerst wieder die Frage, warum im Mittelpunkt des Geschehens ein Jude steht, so lautet die Antwort ähnlich wie in früheren Fällen: Deswegen, weil der Typ des Juden auch in den chaotischen Zeiten der deutschen Inflation eine Vielfalt von Konflikten in sich barg, weil ihn das Geheimnisvolle umgibt, das Hintergründige, das Reales und Irreales in sich verkörpert. Der äußere Grund: das Verpflanzen der Shakespeareschen Gestalt ins 20. Jahrhundert. Das hat Mehring gereizt. II. Name und Inhalt von Mehrings Schauspiel fordern bewußt zum Vergleich mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig" auf. Wir wollen ihn nicht im Hinblick auf die dichterische Leistung und den geistigen Gehalt, sondern lediglich im Hinblick auf die gemeinsame Idee anstellen. Die Zwiespältigkeit des Shakespeareschen Dramas, die das Werk heute noch nicht dem Streit der Philologen, ob Komödie oder Tragödie, entrückt, hat M e h r i n g vermieden. Für ihn bleibt nur die Tragödie, nur die Gestalt des Shhlock, besten Schicksal nicht gedämpft wird, nicht umkränzt von liebenden und lachenden Figuren. Kein Lanzelo-i und keine Porzia tragen Licht ins böse Dunkel. Er steht aus seinem Schein, Simon Chajim Kaftan, nicht Fleisch verlangend, Menschenfleisch, sondern Geld von seinem Gelbe. III. Da ist also Kaftan, der Jude, der 1923 nach Berlin kömmt, ins Berlin der Inflation, der Erenadierstraße, der Pogrome, des Dollariaumels, der — Stabilisierung. Kommt nach Berlin, vom Schein des Geldes geblendet, mit 100 Dollar. Die müssen ihn groß machen, um - Heist -er Ten-enz! seiner Tochter Jessie, die droben in Davos an den Folgen russischer Grausamkeit dahinsiechh Gesundheit und Leben zu bringen. Aber so wenig wie Shhlock meistert Kaftan das Spiel. Betrogen wird er von Jud und Christ, von arm und reich, von hoch und niedrig. Werkzeug ist er, gestoßen immer treppauf. Aus der Stadtbahn, über den Alexanderplatz, in die Grenadierstraße, unter die Linden, nach dem Westen. Stufe um Stufe steigt er mit dem Dollar. Und oben angelangt, bewundert und gehaßt, da stürzt der Dollar: Stabilisierung. Er strauchelt, sinkt zurück ins Nichts, aus dem er emporgetaucht. Schiller endete seine „Räuber" mit den Worten: „Dem Manne kann geholfen werden." Mehring scheut sich nicht, dies Wort zu variieren. Kaftan steht vor der Plakatsäule, auf der der Steckbrief gegen ihn rot prangt. Und er: „Hundert Dollarn! Wollt ihr sie hobn? . . . Ihr sollt fordern die Schuld far mir! Ich bin Kaftan, der Kaufmann von Berlin!" IV. Da ist aber auch sein Gegenspieler, der Rechtsanwalt Müller (Neinhold Schänzel). Der Skrupellose, der Mann mit den Beziehungen nach Potsdam und mit denen zur Grenadierstraße, der Oberschieber, der auf der Linken das Hakenkreuz und auf der Rechten den Sowjetstern trägt. Er „macht" Kaftan, sein Werk ist er, und er zerbricht es, da es ihm nichts mehr nützen kann. Die Welt um ihn ist die Welt der Fememorde, der Schwarzen Reichswehr, des Wotankultes, des Radauantisemitismus. Sie ist in lebendigen Szenen blitzhast ersaßt. Hier stößt der Satiriker vor mit ätzender Schärfe. Und da ist schließlich noch, neben Episodischem, die Gestalt Jessie, des Kaufmanns Tochter (Tatjana Schilskaja). Ein Schemen, blutleer. Sie, die der Angelpunkt der Tragödie sein soll, denn um ihretwillen stürzt sich Kaftan ins Abenteuer, fällt, verführt von Müller, um des Vaters willen, als Opfer, sie bleibt Requisit. V. Es ist nicht erfreulich, das alles heute wiederauferstehen zu sehen. Aber es ist klar, daß einmal eine Zeit kommen mußte, die versuchen würde, das Chaos der Inflation künstlerisch zu verarbeiten. Versuchen, denn der Abstand ist für uns noch zu gering, um darüber hinaus vorzustoßen. Daran ändert auch Mehrings Untertitel „Ein historisches Schauspiel aus der deutschen Inflation" nicht. Es bedurfte zehn Jahre,-bis der Krieg als Erlebnis, als Kriegsliteratur in das Denken mancher Menschen einging, das sich mit aller Kraft bemüht, zu vergessen. Vielleicht wird in Jahren auch die Zeit gekommen sein, da wir den Geschehnissen der Inflation offen ins Auge sehen. VI. Und weil uns das alles noch 51t nah ist, wird die Masse des Publikums — und P'iscators Theater ist doch wohl für die Maste bestimmt — das Stück nicht verstehen. Seine Objektivität nach allen Seiten, die sogar Piscators Gesinnung zu Konzessionen Kmngt, ist gefährlich. Ganz davon zu schweigen, daß ein gewisser Teil der deutschen Presse mit Freuden ihre Finger auf diese Wunde legen wird. Sie werden sagen, da ist einer aus den Reihen der Juden, der ihnen den Spiegel vorhält, und sie werden nicht sagen, daß es das verzerrte Bild einer verzerrten Zeit ist, das nur in einem Ausschnitt wider gespiegelt wird. Wir fürchten auch, daß die Masse die Persiflage nicht verstehen wird, die treffliche Karikatur der „Weisen von Zion", der „Soldatenspielerei" so wenig, wie sie dem Jiddisch Mehrings wird folgen können. VII. Kaftan, der Jude, die Tragödie des östlichen Manschen im westlichen Kulturkreis. Tragödie dann, wenn die Eingliederung erfolgen soll in Zeiten des Aufruhrs, der Not. des Elends, des Kopfstehens aller überkommenen Begriffe. Sieg aber in Zeiten der Ruhe, der Entwicklung, des Verstehens. Was hat Moses Mendelssohn, dessen 200. Geburtstag wir in diesen Tagen feierten, anders dnrchgekämpft als jeder Jude, der aus dem Osten nach Deutschland kommt? Es ist nicht jeder ein Mendelssohn, und mancher strauchelt. Nicht jedem gelingt die Wandlung zum Europäer. VIII. Bleibt, einiges über die Aufführung zu sagen. Anselm Feuerbach schreibt einmal: „Das wahrhaftige Kunstwerk hat stets innerlich Kraft genug, um Situationen zu vergegenwärtigen, auch ohne unwürdige, der Kunst zuwiderlaufende Mittel. Es bedarf bescheidener Andeutungen, nicht aber sinnverwirrender Effekte." Das könnte nach dieser Premiere geschrieben sein. Gewiß, wir sind damit einverstanden, alle Mittel der modernen Technik dem Theater dienstbar zu machen. Aber wir lehnen uns dagegen auf, das Theater in den Dienst der Technik zu stellen. Und das war hier der Fall. Die Maschine tötete das, was au Mehrings Szenensolge lebendig war. Einzelnes gelang überwältigend. Die Chansons vor allem hinterließen Liesen Eindruck. Das Ganze aber Teile, die sich weder im Geistigen noch im Schauspielerischen, weder im Sinne . des Theaters noch im Sinne einer Idee harmonisch ineinanderschlofsen. Die fast einmütige Ablehnung, die Mehring erfahren hat und die durch einige unverzeihliche Entgleisungen der Regie mit bedingt wurde, muß trotz mancher starken Stellen daher begrüßt werden. Hans Oppenheimer. gesetzt und entwertet. Das zeigt bereits die eben wiedergegebene Definition, die jeden Kenner jüdischer Religion und christlicher Dogmatik befremden muß. Die jüdische Religion belastet er mit der Hinrichtung des aus dem Judentum hervorgegangenen Heilands, obgleich er andeutet, daß dessen geschichtliche Existenz nicht beweisbar sei. Die Synagoge nennt er kulturfremd und halsstarrig, erfüllt von Intoleranz, Gesetzesdünkel und Rückständigkeit. Daß er aber auch die Taufe, um sie gleichsam harmlos und schmackhaft zu machen, bläßlich entstellt, wird der gläubige Christ genau so wenig billigen können wie der gläubige Jude, der darin eine Art Täuschungs- Versuch vor den Instanzen der Kirche argwöhnen muß. Der positive, religiöse Jude, jedoch, den Schmitz tolerieren will, wird seine Forderung nicht anerkennen können. Nach Schmitz' Meinung verdient er nämlich seine Zugehörigkeit zur Umwelt erst dann, wenn er „die arisch-christliche Ueberlieferung als unser aller Seinsgrund" durch innere Entscheidung stets aufs neue bejaht. Ist die Judenfrage ein Wespennest, das jeden gefährdet, der es wagt, in seine-Nähe zu kommen und daran zu rühren? Es mag sein, daß zur Bekämpfung der überall drohenden Stacheln gutmeinende, denkende Selbständigkeit — wie das Beispiel des Verfassers zeigt — nicht ausreicht, weil sie unversehens in widerspruchsvolle Künstelei Umschlägen kaum Vielleicht aber würden drei andere Voraussetzungen nicht versagen, deren Fehlen leider bei Schmitz — bei aller Bemühung, ihm gerecht zu werden — nicht übersehen lmrden kaum Klarheit des Blicks, Unbestochenheit des Urteils, Warmherzigkeit des Zueinanderwvllens!