Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 498 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zsl die Zudenstage ein Wespennest? Von Dr. Reinhold Kewin (Königsberg). Ist bie Judensrage ein Wespennest? Läuft jeder, der sich mit ihr befaßt, wirklich Gefahr, von allen Seiten überfallen und rück« fichtslos zerstochen zu werden? Oskar A. H. Schmißt scheint jedenfalls bei der Untersuchung dieser Frage schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Deshalb fügt er in die zweite Folge seiner Betrachtungen, die er unter dem Titel „Wespennester" brennenden Zeitproblemen widmet, eine längere Untersuchung über „die Einordnung der Juden in die abendländische Kultur" ein. Der Verfasser versucht, etwaige Meinungsverschiedenheiten auf einer hohen Ebene auszutragen. Diese durchaus ehrliche Absicht verdient gewiß die Zustimmung aller besonnenen Juden. Trotzdem muß von vornherein erklärt werden, daß Schmitz einem gutwilligen, jüdischen Betrachter die entgegenkommende, ernstnehmende Stellungnahme zu seinen Voraussetzungen, Beurteilungen und Folgerungen nicht leicht macht. Man kann nämlich weder ersehen, aus welcher Seite er Politisch, sozial und kulturell steht — das Schlagwort vom „gemäßigten Konservatismus", das sich einem aufdrüngt, ist viel zu farblos —, noch sein Bekenntnis zur Judensrage auf eine klare, hieb- und.stichfeste Formel bringen. Man stößt aus zahlreiche und befremdliche Widersprüche, die einem auch dadurch nicht klarer werden, daß der Verfasser, der übrigens in Freud den größten, lebenden Juden verehrt, selbst auf seine Abstammung von einer „nichtarischen" Mutter hinweist. Man begreift schwer, daß ein Mann wie er, der nach mancherlei Wandlungen „für seine Person und nach seinem persönlichen Geschmack" eine rein individuelle, kirchenlose Religiosität vorzieht und die Weiterentwicklung des Christenmenschen außerhalb der bisherigen „archaischen" Formen erwartet, doch für die anderen die Gemeinschaftsbindung und Autorität der katholischen Kirche bestehen lassen will. Sein Urteil über .Kulturwert und Menschheitsbedeutung der jüdischen Religion schwankt nicht weniger als die — hier natürlich planvoll differenzierte — Buntheit seiner Kapitelüberschriften, die bald das Judentum als „auserwähltes", bald als „abgesallenes", bald als „verneinendes" Volk bezeichnen. Einleitend feiert er die Juden als das einzige transzendentale Volk des abendländischen Altertums, das auch als einziges über den Sinn des Unglücks nachgedacht und das Leid als positiven Lebenswert hinzunehmen gelehrt habe. Deshalb sei das Alte Testament einer der drei Grundsteine, auf denen die ganze abendländische Gesinnung und Gesittung ruhe. Wenige Seiten später nennt er das Judentum aber ein dem Abendlande von Haus aus wesensfremdes Volk. Und wenn er im Hinblick hieraus das Kernproblem darin findet, daß sich das Abendland sein Zusammenleben mit jenem Volke zum Segen und nicht zum Schaden einrichte, so schreibt er damit der Gesamtheit des Judentums die Rolle des Mephistopheles zu. So kristallisiert er, nach seiner Ansicht, schließlich die stete Verneinung, die traditionslose Zersetzung alles historisch Gewordenen und Gebundenen, die jeglichen Umsturz von Jean Jaques Rousseau bis Lenin auf ihrem unruhigen Gewissen hat, als Kennzeichen des jüdischen Geistes heraus. Auch der Hinweis, daß das emanzipierte Judentum derlei Umsturzbestrebungen habe fördern müssen, um selbst fortbestehen zu können, vermag seinen Darlegungen nicht den Stempel der Sachlichkeit aufzudrücken. Wie wenig bedeutet auch die mit einer Art Dankbarkeit vorgetragene Anerkennung, daß die meisten Anschauungen und Einrichtungen, die angeblich jüdischer Skepsis und Zerstörungslust zum Opfer fielen, zum Untergange reis und einer nachträglichen Wiederherstellung gar nicht wert gewesen seien! Marl muß dem Verfasser — trotzdem dergleichen Widersprüche den Leser stutzig machen — ein ehrliches Bemühen, Licht und Schatten gleichmäßig 31t verteilen, zugestehen. Aber trotzdem muß man feststellen, daß er zweierlei verkennt und übersieht. Läuft die Entwicklung der Judenfrage auf eine geistige und sittliche Einfügung in die abendländische Gesellschaft hinaus, so versteht man nicht, warum eine hieraus hervorbrechende Problematik sich innerhalb Deutschlands so unerquicklich und häßlich austobt. Gehören die romanischen Völker, die Schmitz mit leichter Handbewegung beiseite schiebt, nicht auch zur abendländischen Kulturwelt? Und läßt sich die von Grund aus andere Einstellung Englands, wenn man schon den Problemkreis, ohne ersichtlichen Grund, auf die germanische Sphäre einschränken will, einfach mit den: Hinweis auf das eine Beispiel Disraelis erledigen? Auch Schmitz' Erklärung, in Amerika wirke wie in England die Staatsverfasfung so faszinierend aus die Juden, daß sie „sogar konservativ im Sinne des Wirtsvolkes" würden, macht es nicht verständlicher, daß gerade in Deutschland jene „unentrinnbare Schicksalsfrage" so über die Maßen emporgewachsen sein soll. Man ist außerstande, aus feinen gelegentlichen J) Oskar A. H. Schmitz, „Wespennester". Zweite Folge. Musarion- Berlag, München 1929. unbewiesenen Andeutungen zu verstehen, weshalb er die gemeinhin behauptete Aehnlichkeit zwischen Deutschen und Juden in eine „polare Verschiedenheit" umdeutet. Ungeklärt, unbewiesen und unbegriffen bleibt, warum unter den deutschen Juden — sonst nirgendwo in gleichem Umfang -- der verwerfliche Typus des „Entwurzelten" herausgekommen sein soll, mit dem es Schmitz bei seinen Anklagen und Forderungen allein zu tun hat. Die „zersetzende" Haltung der Inden hebt er als „das einzige Argument des Antisemitismus, das nicht auf phantastischer Grundlage beruht", hervor. Dabei unterscheidet er vorerst unter den heutigen Juden drei Gruppen, denen er willig attestiert, daß sie keinerlei Schwierigkeiten machen. Er beginnt seine Aufzählung mit den schristgläubigen Orthodoxen. In staunenswerter Verkennung des jüdischen Ritualgesetzes behauptet er freilich, daß diese keine Anteilnahme an dem l^taats- und Gesellschaftsleben der „Wirtsvölker" begehrten. Zu zweit erwähnt er besonders schmeichelhaft die Zionisten, in denen er eine Elite erblickt und die er wie jeden „naturalisierten Ausländer, der sich seinem Staat verpflichtet hat, dabei aber seine fremde Kulturtradition hochhält", behandelt wissen möchte. Nur wünscht er eine stärkere Vergeistigung des Zionismus, damit dieser nicht in atavistischem Stammeskult das Blut über den — doch nun einmal christianisierten — Geist stelle. Von den Zionisten ausgehend betrachtet er die Juden überhaupt als eine nationale Minderheit, die zwar im Begriff sei, in Palästina wieder eine neue Stammesheimat zu finden, die aber doch an kein bestimmtes Gebiet gebunden sei. Drittens erwähnt Schmitz auch den Centralverband (!) deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der von ihm — soweit seine Mitglieder tatsächlich jüdischen Glaubens feien und ihre Kinder bann erzögen — der religiösen Gruppe beigesellt wird; auch hier gebe es weder politische noch soziale Schwierigkeiten, da ja ganz offen Farbe bekannt wird. Nach Abzug dieser drei Gruppen bleibt dem Verfasser noch eine vierte, wie er selbst zugibt, zahlenmäßig geringe Gruppe von Traditionslosen und Auslösungslüsterneu, von menschlichen Zerfallsprodukten, die aus Mangel an Substanz in der Menschheit ausgehen möchte, weil sie weder im Judentum noch anderswo zu Hause sei. Und nun drängt sich gegenüber den früheren Feststellungen des Verfassers die Frage auf, weshalb er nach Art der Judenfeinde, gerade diese kleine Gruppe der Gesamtheit gegenüber als maßgeblichen Repräsentanten abkonterfeien will. Er stempelt sie zum „jüdischen Typus" und verfolgt ihren Stammbaum über den rein intellektuell erzogenen Talmudschüler, den lebensunbrauchbaren, ständig verletzten und aufgeregten „Schlemihl" bis zu den Pharisäern zurück. Das Pharisäertum aber, das Schmitz geradlinig vom Prophetismus ableitet, wird in einem unerhörten Zerrspiegel gezeigt. Unduldsamkeit und Menschenhaß sind ihm das eigentliche Wesen der Propheten. Als Kronzeugen für diese Charaktereigenschaften nennt er Jeremia nnb zitiert einen gewaltsam aus dem Zusammenhang gerissenen und mißverstandenen Nebensatz, der in einer Drohrede gegen das feindliche Babel steht. (Die neuere Bibelforschung nimmt nebenbei an, daß es sich hierbei um einen unechten Zusatz handelt.) Was hat also Schmitz bei gründlicher, objektiver Prüfung vor dem antisemitischen Lager voraus, dem er selbst den Vorwurf macht, es pflege entwurzeltes Judentum mit substantiellem Judentum zu verwechseln? Die Lösung des „Judenproblems", die Schmitz dann vorschlügt, befriedigt durchaus nicht. Er appelliert an die Zustimmung aller besonnenen Juden und empfiehlt, die Kinder der „Entwurzelten" — wir würden sie lieber als „Entjudete" bezeichnen — taufen zu lassen, damit sie wenigstens Heimatrecht in der abendländischen Kultur erwerben könnten. Der Verfasser ist sich wohl selbst über die Unlogik dieses Vorschlages klar, da er selbst ja zugestandenermaßen durch und durch unkirchlich ist. Er kümmert sich auch nicht um den Gegensatz, in den er sich hierdurch zu seiner eigenen Auffassung vom wirklichen Wesen der Psychoanalyse bringt; denn wie könnte deren gebieterischer Einfluß durch eine rein symbolische Handlung erschüttert werden! Als symbolischen Akt aber, als ein der spezifischen Glaubenssphäre enthobenes Sinnbild, meint Schmitz die förmliche Zuführung der Kinder zur Kirche hinstellen zu dürfen — etwa im Sinne des Heinescheu Wortes vom „Entreebillett zur europäischen Kultur". Allerlei Folgen ergeben sich natürlich rückwirkend aus dieser „Jndividuallöfung der Judensrage". Ebenso wie er zunächst den „Rassenantisemitismus" als „sehr verderbliches Mißverständnis" geißelt, stempelt er dann das Judenproblem zur rein religiösen Frage. Allerdings gleitet es dann wieder unvermittelt in eine kulturpolitische und gesellschaftliche Sphäre über. Schmitz findet zwar den Zionismus und den Versuch eines deutschen Staatsbürgertums jüdischen Glaubens „beachtenswert". Gleichzeitig bestreitet er aber, daß irgendeine jüdische Erziehung der christlichen gleichwertig sein könne. Er hält jeden abendländischen Juden für benachteiligt, da er ja nicht in der Kinderstube die Weihnachtslegenden erzählt bekommen hat. Er betont besonders das „christliche Erlebnis", das durch Unschuldssreude und Gottersülltheit den geistigen Optimismus des Abendlandes begründete und erhält. Zu dessen Gunsten werden selbstverständlich Judentum und Judenheit herab- Rüstet zu den Kommunatwahlen!