Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 497 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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m Jfriern um Mendelslohn. Es ist uns aus Raummangel unmöglich, heute aller Mendelssohn-Feiern und der mannigfachen Mendelssohn-Literatur, die anläßlich des 200. Geburtstages erschienen ist, Erwähnung zu tun. Auf einzelnes werden wir noch zurückkommen. Tie Schristleitung. öerlin. In der Singakademie beging das offizielle und geistige Berlin anr Sonntagvormittag seine Mendelssohn-Feier. Des großen Enkels Felix Mendelssohn-Bartholdy Ouvertüre zur „Athalia", die das Philharnrouische Orchester unter der zuchtvollen Leitung Dr. Heinz Ungers vortrug, leitete die Feier ein. Für die Veranstalter: die Berliner Jüdische Gemeinde, die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, begrüßte Direktor; Georg Kareski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die Festversannnlung, insbesondere die Vertreter der Reichs- und Staatsregierung, der Stadt Berlin, der Universität und der zahlreichen Körperschaften, die mitzui feiern erschienen waren. Er gedachte einleitend der Palästina-Opfer und gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese Feier Mendelssohns Menschheitsideale unserer Generation wieder naherbringen und das gegenseitige Verständnis fördern möge. Nach ihm sprach namens der Reichs- und der preußischen Staatsregierung Reichsi n n e n m i n i st e r Carl S e v e r i n g. „Ich bin weder Jude, noch Philosoph, noch Berliner — ich bin nur ein polrtischer Tageskärrner," begann er, „aber auch ohne amtlichen Auftrag Hütte ich mich glücklich geschützt, die Lichtgestalt des Philosophen Mendelssohn feiern zu dürfen." In einer Zeit des Mechanisch-Körperlichen, des Rekordstrebens und Sensationshaschens müsse die Forderung um Wiedereinsetzung des Sittlich-Geistigen in seine beherr- | schende Stellung erhoben werden. Die Männer des Geistes müssen wieder die Vorbilder des Volkes werden, das so lange nur Sieger blutiger Schlachten gefeiert hat. Lessings Nathan, Mendelssohns ewiges Denkmal, rage in unverminderter Bedeutung in die Gegenwart hinein. Ueberbrückung der Gegensätze, nicht nur zwischen den Konfessionen, auch zwi- [ schen den Stämmen, Völkern und Parteien sei Nathans Lehre. In Palästina, wo Männer wie Saladin heute selten sind, gelte, genau so wie in Deutschland, die Forderung: „Mehr j Nathan!"! Berlins Oberhaupt, Oberbürgermeister B ö ß, feierte die Bedeutung Men-! delssohns für das Berliner Judentum und für die Stadt Berlin selbst. Mendelssohn hat die! große Tradition echten Bürgertums der Ber- I liner Juden mit ihrer Förderung der Kunst, j ihrem Mäzenatentum, ihrer Wohltätigkeit einj geleitet, die seither zum Segen der Stadt nicht S unterbrochen wurde. Der Geist Berlins erj wuchs nicht nur aus den märkischen Bauern, bcir vom großen König herangezogenen Franj! zosen, den Salzburgern; der jüdische Bestandteil j hat ihn genau so stark beeinflußt, und heute ist er aus dem Gesicht Berlins nicht mehr sort- I zudenken. Privatdozerrt Dr. Bau m g a r d t, der Verxj treter der Kant-Gesellschaft, würdigte den 8 Vorkämpfer des Toleranzgedankens., § Die Festrede hielt Rabbiner D r. B a e ck & in gedanklich und stilistisch vollendeter Form, ß Wenn wir an Mendelssohn denken, führte er || etwa aus, dann gedenken wir eines Menschen || und einer Zeit. Das 17. Jahrhundert war be- 8 endet, das 18. wartete seiner Prägung. Menh delssohn war nicht das große Genie, das eine Ü ganze Epoche entscheidend 31t formen vermag. | Er war ein Talent, das zum Werkzeug der Zeit wurde. Er führte keine Zeit, die Zeit S führte ihn herauf. Seine Bedeutung liegt da- § rin, sich stets den: Gebot der Stunde unter- 8 werfen zu haben. Es war sein Schicksal, nach 8 Berlin zu kommen, das damals mehr Kolonial- 8 land, denn übcrliefernngsbelastete, einheitliche Stadt war. Mendelssohn wurde nicht nur zu einem Führer der deutschen Aufklärung, er blieb gleichzeitig überzeugter Jude, und bewies durch sein Leben, daß man diese beiden scheinbaren Gegensätze vollkommen verschmelzen kaum Erft seit ihm und durch ihn ist die deutsche Sprache allen deutschen Juden Zugänglich geworden. Schöpferisch war er der Neuentdecker des Individuums. Das 18. Jahrhundert hatte Furcht - vor dem Individuellen. Mendelssohn zeigte als erster — und darin liegt die weltgeschichtliche Bedeutung seines Werkes „Jerusalem", — daß der einzelne am besten der Allgemeinheit dienen kann, wenn er nichts von sich ausgibt. „Haltet an Euch fest, an Eurer Besonderheit und Eigenart, habt den Mut das zu sein, was Ihr seid, Ihr gebt dem Vaterlande und der Welt Euer Bestes", sagte er. Er forderte als erster Deutscher das englische „to agree to differ“.. Er war der modernste Mensch seiner Generation, trotzdem weder sie, noch die folgende seine eigentliche Bedeutung erkannten. „Liebet die Wahrheit, liebet den Frieden", die letzten Worte aus Mendelssohns einzig überzeitlichem Werk „Jerusalem", waren auch der mahnend hinklingende Schluß der Festrede. Richard Strauß' symphonische Dichtung „Tod und Verklärung" schloß mit ihrem triumphalen Ausklaug die Feier. Hilde Kassel. Dessau. Die Gleichberechtigung der deutschen Inden, die Moses Mendelssohn mit seinem Lebenswerk angestrebt hat, war bei.den Feierlichkeiten zu Ehren seines 200. Geburtstages in seiner Vaterstadt Dessau offenbar erreicht. Staat, Stadt und jüdische Gemeinde hatten sich zusammengesunden, um einmütig dem Andenken des bloßen Menschen, Deutschen und Juden zu huldrgen. Am Freitag abend fand eine wohlgelungene „Nathan"-Aufjührung im Friedrich- Theater statt; ein Prolog von Arnold Zweig wies in schlichten Versen aus die Bedeutung des Weltweisen für Mitwelt und Nachwelt hin. Die religiöse Feier in der Synagoge sah anr Sonnabend vormittag neben der Gemeinde eine glänzende Versammlung nichtjüdischer und jüdischer Würdenträger. Zugegen waren u. a. Ministerpräsident Deist, Staatsminister Dr. Weber, Staatsminister a. D. Dr. Müller, die Regierungspräsidenten von Merseburg und Anhalt, v. Harnack und Mühlenbein, 'Landtagspräsident Paulick, Bürgermeister Hesse, Oberkirchenrat Hinze, das Haupt der evangelischen Landeskirche, Dechant Krull, das Haupt der Katholiken, und viele andere geistige und wirtschaftliche Spitzen. Als Vertreter jüdischer Organisationen war Dr. Klee für den preußischen und Dr. Neumeyer für den bayerischen Landesverband, Professor Dr. Stein für den .Oberrat der badischen Israeliten, Dr. Ist Kahn für den Vorstand der Berliner Jüdischen Ge-, meinde, Justizrat Dr. Brodnitz und Dr. Bruno Weil für unseren Centralverein, Bankdirektor Wassernmnn für den Keren Hajessod, Legationsrat Dr. Sobernheim für die Jüdische Akademie, Dr. Veit. Simon für die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums neben vielen anderen erschienen. In würdiger Weise fand ein kurzer, aber höchst eindrucksvoller Gottesdienst statt. Der Bibelspruch: „Dem Rechte, ja dem Rechte jage nach!" leitete die Festrede des L a n d e s r a b b i n e r s D r. Walter ein, in der er die Persönlichkeit Mendelssohns würdigte, der .als Deutscher, Jude und Weltbürger Gerechtigkeit und Menschenliebe zu seinem Leitstern gemacht habe. Nachmittags eröffnete M i n i st e r p r ä s id e n t Deist die Ausstellung. Er fand eindrucksvolle Worte über den Toleranzgedanken, in Anhalt wtt den Tagen der Aufklärung Geltung hat. Die höchst sehenswerte Ausstellung .weist Zahlreiche Leihgaben aus össentlichern und privatem Besitz aus dem In- und Ausland auf. Der Eröffnung folgte ein Tee, den die Jüdische Gemeinde im Museum gab. Der Vorsitzende der Gemeinde, Staatsrat a. D. Justizrat Dr. Cohn, würdigte in seiner Begrüßungsansprache die Person Mendelssohns als die Verbindung des Teutschtums mit dem Judentum. Mit Nachdruck erklärte er, daß wir gerade, weil wir uns als Deutsche fühlen, Juden bleiben wollen. Der Geist des Centralvereius klang auch aus den Ansprachen, in denen Vertreter jüdischer Organisationen der Gemeinde Dessau Glückwünsche zum Geburtstage ihres größten Sohnes darbrachten. Für den preußischen Landesverband sprach D r. Klee, für die süddeutschen Inder: D r. N e u m e y e r, für die Gemeinde Berlin D r. K a h n und für den Ehrenausschuß zur Herausgabe der Werke Mendelssohns D r. S 0 bernhei m. D r. F r e n d e n t h a l (Nürnberg), ein ehemaliger Dessauer Rabbiner, erinnerte sehr wirkungsvoll an die Zeit seit dem Ausklaug des 17. Jahrhunders, in der die Fürsten von Anhalt-Dessau den Juden Wohlwollen weit über die Gewohnheit ihrer Zeit hinaus entgegengebracht hatten. Der Abend schloß im Theater mit einem Konzert, das unter Leitung von Generalmusikdirektor Rother Schöpfungen von Mendelssohn- Bartholdy in höchster Vollendung zu Gehör brachte. Sonntag vormittag veranstaltete die Stadt Dessau eine Morgenfeier. Nach einer . entzückenden Suite von Bach feierte Bürgerin e i si e r H e s s e Lessing und Mendelssohn als Pfadfinder in geistiges Neuland zum Segen der Menschheit und berickstete über die Stiftung von 25 000 Mark, die das Bankhaus Mendelssohn & Cö., Berlin-Amsterdam, in echt Mendelssohnschem Geiste mit der Bestimmung errichtet hat, Forscher und begabte Studenten ohne Unterschied der Konfession bei ihren Arbeiten Mld Studien zu unterstützen. Ein Kuratorium leitet die Stiftung, in dem neben Vertretern der Familie Mendelssohn, dem anhaltischen Staat, der Stadt Dessau und der Jüdischen Gemeinde Dessau Männer wie Einstein, Gropius, Harnack, Heck, Junkers, Liebermann, Schmidt-Ott, Schulz-Dornburg, Spranger und Arnold Zweig sitzen werden. Dann feierte M i n i st er Müller in Mendelssohn den Deutschen, der die deutsche Sprache zu Ehren gebracht, und — als der ersten einer — den Gedanken von: deutschen Vaterlande der deutschen Welt nahegebracht hat. Professor Elb 0 gen führte uns den Juden Mendelssohn vor Augen, der bei zähem Festhalten am Judentum den deutschen Juden die deutsche Sprache erschlossen und sie so in den deutschen Kulturkreis eingeführt hat. Aus beiden Vorträgen klang wieder die Synthese von Deutschtum und Judentum als Inbegriff, der Lebensarbeit des Weltioeisen. Mit Beethovens Leonoren-Ouvertüre klang die Feierstunde ans. Ein Frühstück, das die Stadt Dessau der: Festgästen gab, urrd ein vom Staat veranstalteter Ausflug nach dem schönen Wörlitzer Park beendeten die Feiern. Beim Frühstück sprach B ü r g e r m e i st er Hesse auf die Nachkommen Mendelssohns als würdige Erbemihres großen Ahnherrn. F r a n z v 0 nMendels -- sohn, der Präsident der Berliner Jndustrie- und Handelskammer, der mit seinem Detter Paul vorr Mendelssohn-Bartholdy und zahlreichen anderen Mitgliedern der Familie zu den Feierlichkeiten erschienen war, dankte Staat, Stadt und Gemeinde mit bewegten Worten. Beim Tee im Schloß zu Wörlitz sprach M i n i st e r Webe r über den Gedankeü; der Toleranz, der sich durch Mendelssohns Werke verbreitet habe, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß er sich noch weiter irn deutschen Volke vertiefen möchte. Nach einer Besichtigung der. im 18. Jahrhundert vom Fürsten Franz von Anhalt-Dessau für die Wörlitzer Juden erbauten Synagoge — die Gemeinde ist heute ausgestorben — zerstreuten sich die Teilnehmer, erfüllt von dem Eindruck, der herrlichen Tage. Oeriedtsassessor Otto Cohn (Dessau).