Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 496 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Züricher Beschlüsse ändern diese Sachlage vollständig — wenn sie wirklich, wie sie es beanspruchen, die Billigung aller Juden in aller Welt finden. Denn indem jene Körperschaft „Jewish Agency" nunmehr aus Zionisten und Nichtzionisten paritätisch in allen ihren Instanzen zusammengesetzt wird, unterstellt diese ihre neue Verfassung der Zustimmung der ganzen Judenheit zur zionistischen Uridee, der nationalen Idee und der Realität des Judentums, und der Mitwirkung der ganzen Judenheit an der symbolischen Verwirklichung dieser völkisch-jüdischen Wahrheit in Gestalt' der nationalstaatlichen Wiedervereinigung zunächst eines Teils des Weltjudentums auf den: alten Boden Israels, ja der völkischen Heimat Palästinas. Wenn sich von dieser Unterstellung nicht große -Teile des Judentums klar abkehren, so wird auch bei uns jedes politische Lager in eine unsäglich schwierige Lage geraten, das den ausschließlich religiösen Charakter des Judentums und die Dentschheit der Juden als Voraussetzung der Zurückweisung aller antisemitischen Losungen setzt. Man weiß, wie laut gerade heute diese Losungen wieder ausgegeben werden; seit einem Menschenalter hat Deutschland keine so starke antisemitische Welle mehr erlebt. Dabei handelt es sich viel weniger um den ordinären, lärmenden und demonstrierenden Antisemitismus, als um die stillere doktrinäre Form, welche die Juden als „sremdstämmige", als „Volksandere" von jeder Gleichstellung im deutschen Gemeinwesen auszuschließen strebt. Diesem Antesimitismus treibt es Wasser auf seine Mühlen, wenn mmmehr die ganze Judenheit für die lebendige völkische Idee und Realität des Judentums und ihre lebendige Versinnbildlichung in Palästina in Anspruch genommen wird. T-er demokratische Politiker in allen Reichen des Abendlandes wird es sehr schwer haben, den Losungen des völkischen Antisemitismus noch überzeugend zu begegnen, wenn das völkische Judentum ohne Widerspruch behaupten darf, das; jeder Jude in der Welt zu ihn: gehörig sich fühle." Tie „Dresdner Nachrichten" vom 28. August bringen unter der Überschrift „Schüsse a n d e r K l a g e mau e r" persönliche Erlebnisse aus Palästina von Hermann Schreiber. Der Aussatz schließt: Ueber dem ganzen Tohuwabohu waltet die „einsichtsvolle" Regie des Engländers. Er stützt die zionistische Bewegung, aber er muß auch mit den Arabern rechnen, denn von deren Haltung hängt ja die Sicherheit des Landweges nach Mosful und Persien ab. Er darf es auch nicht mit den Griechisch-Orthodoxen verderben, genau wie es seine „moralische Pflicht" ist, den römischen Christen zu schützen. Dos alles stellt eine Aufgabe dar, die eine englische Verwaltungskunst bisher noch nicht zu bewältigen hatte. In Indien gibt es zwar auch verschiedene Strömungen, die sich aufs heftigste befehden, aber den Indern ist-die europäische Zivilisation, recht fern. Die Araber kennen sie, die Zionisten sind ihre Pioniere. Ter Engländer mußte also eine neue Formel des Regierens suchen. Die Methode der Bajonette glaubte er ablehnen zu müssen. Er versuchte es also damit, allen - möglichst -freie -Hand zu lassen, sich ihre Geschichten selbst zu ordnen. Sie versuchen jetzt, ihre Geschichten selbst zu ordnen. Mit dem Mittel, das seit den biblischen Zeiten Palästinas üblich ist. Mit dem Fanatisums der Religion, mit dem 'haß ' siegen die Irrgläubigen, mit Begriffen, die den ' ivirklichen, tieferen Grund vertuschen sollen. Niemals wäre der Araber aus die Straße geeilt. wenn seine Führer ihn nicht bei den: Glauben' gepackt hätten, der ihm alles ist. der einst die politische Weltmacht des Propheten 'scherst Heute wendet sich der Moslem in Palästina gegen den Juden, weil er der Schwächere ist, schließlich auch, weil er weih, daß der Jude mit seiner Mandatsregiernng nicht zufrieden ist. Er glaubt also durch die Passivität des Engländers zu seinem Vorgehen einen Passierschein zu haben. Er haut zu, bis er seinen Irrtum bemerkt. In Jerusalem kam eines Abends in mein Hotel ein jüdischer Polizist „aus Dresden". Deutschland hatte er „hinter sich gelassen". Und jetzt schüttete er mir sein Herz aus. Große Hoffnungen waren in Scherben gegangen, aus bitterster Not und um seine Familie zu erhalten, trat er in die gemischte Polizei Jerusalems ein. Er hatte einen Haß auf die Engländer, der genau so flammend war, wie der Haß des Arabers in der Gasse zur Klagemauer. „Ein verfluchtes Land", sagte er, „eine Hölle, eine Menschenschinderei! Wir, die Juden, sollen Herren sein? Knechte sind wir, Büttel für die im Gouvernement. Tie Araber und wir, wir werden uns gegenseitig totschlagen. Und dann ist's geschafft — für „die da oben". Es wird wohl was Wahres in der Prophezeiung des jüdischen Polizisten gelegen haben. Zum 2. Agudakongreß. Bildurigsproblem. — Palästinapolitik. Die periodischen Konf-crenzen der großen jüdischen Organisationen ^bieten in ihrer Gesamtheit ein getreuliches Spiegelbild der Gruppierungen. und Schattierungei? in Religion und Leben. Die liberale Weltkonserenz in Berlin, der Zionistenkongreß in Zürich und der jetzt tagende Aandistenkongreß in Wien. streben in ihren Zielen weit auseinander. 'Die liberale Konferenz stellte sich Vereinheitlichung und Stärkung oer jüdisch-liberalen Gedankenführung zur Aufgabe. Dem Zionistenkongreß oblag das Problem der wirtschaftlichen und geistigen Stärkung Palästinas. Der Agudistenkongreß hat sich nicht nur mit der geistigen Struktur der Judenheit int allgemeinen zu befassen, nicht nur zum geistigen und wirtschaftlichen Ausbau Palästinas Stellung zu nehmen, sondern darüber hinaus seine volle Ausrnerksamkeit der unmittelbaren wirtschaftlichen Stärkung der Gesamtjudenheit, insbesondere der orthodoxen Massen, Zuzuwenden, immer unter dem besonderen Gesichtspunkte der Grundlage der jüdischen Gemeinschaft: Treue zur Ueberlieserung. Auf dem ersten Agudistenkongreß von 1923 wurde die einheitliche Organisation aller Thoratreuen Wirklichkeit. Chassidim und Misrachim. Ost und West, Europa und Amerika, haben sich, geeint durch die Treue Zur Tradition, aus dem Boden der Agudas Jisroel gesunden. In der Zwischenzeit hat jedoch eine genügende Erfastung der Massen vielfach nicht stattgesunden. Organisatorische Gleichgültigkeit mag schuld daran haben. Das Bildungsproblem fällt wesentlich in das Gebiet des Keren Hathora. Systematische Organisierung und Förderung der Jeschiwoth, der jüdischen Schulen und sonstiger religiöser Bildungsanstalten sind sein Arbeitsfeld. DurchNeugründung und Unterstützung von Talmud-Thora- Anstalten, durch den Bau der großen Lubliner Zentraljeschiwa ftt Bedeutendes geleistet worden. Die Zahlreiche Schulen umfassende Beth-Jacob- Bewegung für Mädchen, hauptsächlich in Polen, gekrönt durch das Krakauer Lehrerinnenseminar, dessen Schulhaus jetzt neu gebaut wird, r hat trotz Anerkennung des Kulturwertes noch ß schwer um seine Existenz zu kämpfen. Im 8 Nahmen einer Erziehungskonsereuz soll versucht werden, die mannigfachen Arbeitsmethoden der *! thoratrcuen Institute und die wechselseitigen v Erfahrungen der Länder für die Allgemeinheit c nutzbar zu machen. 2 Die Palästinapolitik stand seit 1923 unter \ dem dreifachen Gesichtspunkt der Kolonisation, f der Erziehung und der Gesamtorganisation. j j Während in der Kolonisation durch das Zuj sammenwirken ungünstiger Umstände besrie- * digende Erfolge nicht verzeichnet werden konnten. 1 wurde das Schulwerk gehalten und das viel! umkämpfte Gemeiudegesetz in einem Sinne be- ] einslußt, der den Bedürfniyen der Orthodoxie J entgegenkornlnt. Der Kongreß soll insbesondere ] zur jewish Agency Stellung nehmen. Diese; Frage war ein wesentlicher Punkt aus der Tagesordnung des Hohen Rabbinischen Rates, ' der bereits am 5. September zusammengetreten ist. Man hatte ursprünglich von agudistischer! Seite in Aussicht genouunen, die Agency zu unterstützen, wenn sie sich programmatisch aus W ir tsch af ts a k ti o nen bel schränkenu n d ihrerseits v o n der Pflege sogenannter fulturellcr Interessen absehen w ü rde. Seitens der Agency wurdo eine Kommission zur Verhandlung mit der Agnda ernannt. Tie traurigen Ereignisse in Palästina Haben die Palästinapolitik in den Vordergrund des Interesses gerückt. Die Exekutive der Agnda ist bereits Anfang September zur Erörterung der dortigen Lage zusammengetreten. Zunehmende Verarmung in den orthodoxen Massen des Ostens, aber auch im Westen lassen Maßnahmen zur wirtschaftlichen Erhaltung des thoratreuen Judentums als äußerst dringlich erscheinen. Die Beobachtung des Sabbats bereitet wachsende Schwierigkeiten. Selbständige Kausleute geraten in Not, Angestellte und Arbeiter finden keine Beschäftigung. Durch großzügige Kreditaktionen und Gründung von Selbst-! hilseverbänden rnüsten neue Wege geebnet wer-? den. In diesen: Sinne wird über den Ausbau [ des A n g e stelltenb und e s, der Arbeiter-! bewegung (Poale Agudas Jisroel), über -die j Gründung einer Zentralbank und weitere! Maßnahmen zu beraten sein.! Neben den Hauptversammlungen laufen noch j Sonderkongresse der Arbeiter, der Frauen und j der Jugendorganisationen. I Rabbiner Dr. Eli Munk (Berlin). § Montag, den 16. September 1929, abends %9 Uhr pünktlich, im Bürgersaal des Rathauses, Königstrasse, Frauenversammlung veranstaltet von den C. V .-Frauengruppen Gross-Berlin zur Vorbereitung für die Kommunalwahlen. Es werden sprechen: Stadtrat Klara Weyl, Stadtverordnete Dr. Frieda Wunderlich, Bezirksverordnete Martha Henschke, Margarete Jacobi, Else Imberg und andere in der Kommunalarbeit der Stadt Berlin tätige C. V.-Mitglieder. Eintritt nur gegen die bereits versandten Einladungskarten gestattet. I. A.: Margarete Fried. ...