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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-13 · 37 (13.9.1929) · p. Seite 494

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
Seite 494 (sequence 6)
Language
German
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Die „Neue Zront" unü Walther Rathenau. €ittC / von Hugo Seitner lSerlin). Der langjährige Privatsekretär Walther Rathenans schreibt uns: Die nationalsozialistische Zeitung „Die neue Front" in Gera veröffentlicht in der Nr. 24 vom 23. Juni d. I. einen Aufsatz „Erinnerungen an einen Großjuden". Nachdem sie in der Einleitung den Meuchelmord an Rathenau durch Fischer und Kern als die Tat „fanatischer deutscher Soldaten" bezeichnet hat, stellt sie ausdrücklich fest: „Wir, die wir ihrem Geiste Vers wandt sind, die wir wissen, daß sie zu uns gehörten, lebten sie heute n o ch, wir wollen uns an dem Todestage des ehemaligen Reichsaußenmimsters in Deutschland, Dr. Walther Rathenau, einige seiner Worte ins Gedächtnis Zurückrufen" Es wäre eine verdienstvolle Tat, wenn Organe aller Parteirichtungen zur Klarstellung über Sein und Schein beitragen wollten, möge das nun Personen oder Einrichtungen betreffen. Dabei ist unerläßliche Vorbedingung: Rückhaltlose Wahrheit! Wenn sich aber unter sogenannter Aufklärung nichts weiter verbirgt als das Nachbeten und Nachdrucken längst überholter, noch zu Lebzeiten und öffentlich widerlegter Behauptungen und Anwürfe, die sachkundigen und wahrheitsliebenden Deutschen aller Schichten und ohne Rücksicht aus ihre politische oder religiöse Zugehörigkeit die Schamröte ins Gesicht treiben, daß derartiges in Deutschland möglich ist, dann muß auch einmal öffentlich Stellung dazu genommen werden. Die „Neue Front" behauptet, daß am 31. Januar 1922 Dr. Wirth zu Vertretern der D. V. P. gesagt habe: „Die Ernennung Dr. Rathenaus Zum Außenminister muß gleich ersolgen, da einmal Rathenau sich weigert, als Kommissar für die deutsche Regierung tätig zu sein. Er wünscht vielmehr bis morgen 10 Uhr seine Ernennung Zum Außenminister." Als ein oder zwei Jahre nach Rathenaus Tode in einem Gedächtnrsartikel einer Berliner Abendzeitung die Behauptung erschien, „Rathenau habe die politische Macht (Außenministerium) durch ein 24stündiges Ultimatum erzwungen", richtete ich eine Anfrage an Dr. Wirth. Ich besitze die schriftliche Erklärung Dr. Wirths, daß diese Behauptung nicht den Tatsachen entspricht. Dr. Rathenau hat sich erst, wie aus einem Briese an seine Mutter hervorgeht, nach stundenlanger, nicht von ihm gewünschter oder herbeigeführter Beratung zur Uebernahme des Amtes bereit erklärt, „weil kein anderer da war". Daß er nach diesem Posten gestrebt oder ihn gar „erzwungen" habe, ist eine g e s ch i ch t l t ch e U nwahrheit, die auch durch Wiederholung nicht an Beweiskraft gewinnt. Die „Neue Front" unterstellt Dr. Rathenau folgende Aeußerungen in der Reparationskommission: „Ich komme nicht als Vertreter des deutschen Volkes, sondern als Vertreter des internationalen Finanzgeistes'" und: „Deutschland wird alles zahlen, was Frankreich von ihm verlangt". Da bislang nicht bekannt ist, daß die Herren von der Schriftleitung der „Neuen Front" an den Reparationsverhandlüngen teilgenommeu haben, müssen glaubwürdige Zeugen verlangt werden! Solange ein Wahrheitsbeweis nicht lückenlos vorliegt, kann bei der Einstellung Rathenaus zu Land und Volk nur angenommen werden, daß es sich hier um eine grobe Irreführung der öffentlichen Meinung handelt, deren Gründe aus dem Aussatz und besonders aus der gekennzeichneten Einleitung deutlich ersichtlich sind. Seit Jahren erscheint in der Tagespreise bestimmter Richtung immer wieder das Ammenmärchen von den „dreihundert Männern", auch umgesülscht in „dreihundert Juden". Aeber den Moralstandpunkt, öffentlich wiederlegte Behauptungen zu berichtigen und ihre Wiederholung für die Folge zu unterlassen, setzt man sich „mutig" hinweg, wenn es sich um Juden handelt. Dr. Rathenau schrieb am 3. November 1921 an Mittelschullehrer Stern in Kattowitz (vgl. Rathenau: Briese, Band II, Nr. 746, Karl Meißner Verlag, Dresden) wörtlich: „Der Ausspruch, nach dem Sie fragen, findet sich in einem Aussatz ,Unser Nachwuchs* in der Nr. 16 283 der „Neuen Freien Presse" in Men vom 25. Dezember 1909. Er lautet wörtlich: Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung/ Der darauffolgende Satz: Me seltsamen Ursachen dieser seltsamen Erscheinung, die in das Dunkel der künftigen sozialen Entwicklung einen Schimmer wirst, stehen hier nicht zur Erwägung* beweist, daß ich der Erscheinung der Wirtschastsplutokratie mit der größten Sorge entgegensah, und es ist wohl in der Geschichte der Fälschungen so Ziemlich das unerhörteste, wenn jemand, der vor einer Erscheinung gewarnt hat, für diese Erscheinung verantwortlich gemacht wird. Daß es sich bei den „D r e i h u n d e r t" nicht um Juden handelte, sondern um Führer des internationalen Wirtschaftslebens, brauche ich nicht mehr besonders Zu erwähnen." Die Aeußerung Rathenaus gegenüber dem englischen Korrespondenten im Dezember 1919 bezog sich ausdrücklich auf das, was dem deutschen Volke vor dem Kriege „gesagt" bzw. nicht gesagt wurde! Die „Neue Front" zitiert den ihr Passenden Teil eines Zukunftsbildes, das Rathenau in der Presse des neutralen Auslandes im Dezember 1918 unter der Überschrift „An alle, die der Haß nicht bindet" gezeichnet hat. Das Zitat wird in einem Zusammenhang gebracht, der urteilslosen Lesern die „Meinung" beibringen soll, als sei dieses Zukunftsbild des „Inden und Schwerkapitalisten mit prophetischem Geist, des Wissenden" Rathenaus Wunsch oder Absicht gewesen. Wer wissen will, welcher Sorge für Land und Volk dieses Zukunftsbild entsprang, der lese die kleine Broschüre „Nach der Flut" (Verlag S. Fischer, Berlin), in der der Aussatz abgedruckt ist. Hier findet sich auch der von der deutschen Rechtspresse so oft für die Richtigkeit ihres Standpunkts herangezogene Aufsatz: „Ein dunkler Tag" aus der „Vossischen Zeitung" vom 7. November 1918. Der Abschnitt V des zitierten Aufsatzes lautet wörtlich: „Nie kann aus Anrecht Recht und Glück entstehen. Das Anrecht seiner Abhängigkeit und Unselbständigkeit, das Deutschland schuldlos ans sich lud, büßen wir. wie nie ein Unrecht gebüßt worden ist. Wenn aber die westlichen Nationen in ruhiger, kalter Aeberlegung aus Vorsicht, Interesse oder Rachegefühl Deutschland langsam töten und diese Tat Gerechtigkeit nennen, indem sie ein neues Leben der Völker, einen ewigen Frieden der Versöhnung und einen Völkerbund verkünden, so wird Gerechtigkeit nie wieder sein, was sie ist, und niemals wieder wird die Menschheit froh werden, trotz aller Triumphe. Ein Bleigewicht wird aus dem Planeten liegen, und die kommenden Geschlechter werden mit einem Gewissen geboren werden, das nicht mehr frei ist. Die Kette.der Schuld, die jetzt noch Zerschnitten werden kann, wird unzerreißbar und unendlich den Leib der Erde, umschnüren. Der Zwist und Streit der künftigen Epoche wird bitterer und vielspältiger sein als je zuvor, weil er mit dem Gefühl gemeinsamen 'Unrechts getränkt ist. Nie hat gleiche Macht und gleiche Verantwortung auf den Stirnen eines Triumvirats gelastet. Wenn die Geschichte der Menschheit, die sinnvoll ist, es gewollt hat, daß eine einzige Stunde durch den Entschluß dreier Männer über Jahrhunderte der Erde und eine Menschheit von Millionen entscheidet, so hat sie dies eine gewollt: Eine einzige große Frage des Bekenntnisses sollte den siegreichen Zivilisierten und religiösen Nationen gestellt werden. Diese Frage lautet: Menschlichkeit oder Gewalt? Versöhnung oder Rache? Freiheit oder Unterdrückung? Menschen aller Völker, bedenkt es! Diese Stunde entscheidet nicht nur über uns Deutsche, sie entscheidet über uns und euch, über uns und alle. Entscheidet sie gegen uns, so werden wir unser Schicksal tragen und in die irdische Vernichtung gehen. Unsere Klage werdet ihr nicht hören. Dennoch wird sie da gehört werden, wo noch nie eine Klage aus Menschenbrust ungehört verhallte." Wer hiernach das erste Zitat ohne das Vorstehende wiederholen will, mag es tun: er wird sich dann mit dem gegen ihn zu erhebenden Vorwurf bewußter Irreführung des deutschen Volkes abzusinden haben. Wer sich bis heute aus den „Briefen" und Werken Rathenaus über den Mann, sein Denken und Handeln noch keine Klarheit verschafft hat, der wird sie vielleicht bald durch die „P olitischen Briese" Rathenaus erhalten. Wer freilich nicht sehen und hören will, dem wird es hier, wie überall, leicht gelingen, durch geschickt ausgewählte, sorgsam aus dem Zusammenhang gerissene „Zitate" sein P arte i s ü p p ch e n zu kochen. Und er wird — wie viele vor und viele nach ihm — glauben, damit zur höheren Ehre Deutschlands (lies: seiner Partei) eine Heldentat verrichtet zu haben. Ein rechtes Wert am rechten Platz. Ein Blatt des Zentrums gegen Nationalsozialismus. Das Hauptorgan der Badischen Zentrumspartei, der „Badische Beobachte r", bringt in Nr. .210 einen Aussatz „Etwas vom Nationalsozialismus", der sich mit der Frage beschäftigt, warum ein Katholik nicht Nationalsozialist sein könne. Das katholische Volk lehne die Aschenbrödel-Rolle von Religion und Kirche ab. Nach dem Hitler- Putsch im November 1923 sei Kardinal Faulhaber gerade von den Nationalsozialisten aufs übelste beleidigt worden, so daß der Kardinal erklärt habe, selbst in der Münchener Nätezeit von den Bolschewisten nobler behandelt worden zu sein. Nach dieser Abrechnung mit der „Religionsfreundlichkeit des Nationalsozialismus" kommt der Artikelschreiber zu folgendem Ergebnis: Wir lehnen den Natiouatsozialisurus auch als deutsche Patrioten und poMischdeukcudL Menschen ad. Voraussetzung für die Freiheit des deutschen Volkes, die wir mit mindestens derselben Inbrunst ersehnen wie die Nationalsozialisten, ist seine innere Einigkeit und Geschlossenheit. Es wäre mit dem inneren Frieden um Deutschland besser bestellt, wenn in der Presse Deutschlands solch goldene Worte mutiger Männer, die es mit der Zukunft des Vaterlandes gut meinen, täglich zu lesen wären. SUM

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