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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-13 · 37 (13.9.1929) · p. Seite 492

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
Seite 492 (sequence 4)
Language
German
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Unfruchtbare Theorie — undurchführbare Vorschläge. Das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm. Von Dr. Margarete Wiener. Wir setzen heute die im Mürz angefangene Reihe der grundlegenden Aufsätze über den Nationalsozialismus fort. Tie Betrachtungen über das Wirtschaftsprogramm der Nationalsozialisten werden in der nüchstwöchentlicheu Nummer unserer Zeitung durch Ausführungen über das rM a P it a V ergänzt werden. Es folgen Aussätze über das ,M ulturProgram m" uub über das „Politische Prvgra m nt". Die Schristleitung. Es ist noch in aller Erinnerung, daß in den Jahren unmittelbar nach dem Kriege eine vielfältige Brofchürenliteratur erschien, die in verschiedenster Weise den volkswirtschaftlichen Problernen, die der Krieg heraufgesührt hatte, beizukommen suchte. Nesormpläne, Programme, Systeme überschwemmten den Büchermarkt. Die Nationalökonomie rvurde volkstümlich. Schon in den Kriegsjahren hatte vaterländische Begeistermrg einerseits, die Schwierigkeiten der Wirtschaftsführung andererseits, das Interesse an volkswirtschaftlichen Fragen geweckt. Anr meisten wurden die Frage der Selbstversorgung Deutschlands rnit Rohstoffen und Lebensmitteln und späterhin die Fragen der Zwangswirtschaft diskutiert. Nach dem Kriege rückten währungs- und finanzpolitische Probleme in den Mittelpunkt des Interesses, je mehr mit fortschreitender Inflation jedem einzelnen ihre Aktualität fühlbar wurde. Abgesehen von der unglückseligen Veranlassung war ein solches „nationalökonomisches Erwachen" eines ganzen Volkes nur zu begrüßen, denn wo das rein privatwirtschastliche Denken zugunsten volkswirtschaftlicher Ueberlegung zurücktritt, ist schon ein Schritt zur Volksgemeinschaft getan. Aber dieses völlig unkritische Interesse fand nicht immer die geeignete Nahrung. Man bot ihn: vielfach unansgereiste Früchte vom Baume nationalökonomischer Erkenntnis. Damals entstand auch das, was man als nationalsozialistische Wirtschaftstheorie bezeichnen kann. Sie trägt alle Zeichen ihrer Entstehungszeit an sich. Kriegsanleihen und Inflation bestimmen und beschränken zugleich ihre Gedankengänge. Sie steht unter den: Alpdruck der großen Ziffern, unter dem fast alle damals litten; sie atmet einen gewissen Katastrophenglauben, denr viele damals verfielen in der pessimistischen Auffassung, daß das Gleichgewicht der wirtschaftlichen Verhältnisse unwiderbringlich verloren sei; sie trägt schließlich das Zeichen der Gewalttätigkeit, als einen Rückstand aus der Zeit des Krieges, den viele sonst durchaus gutmütige Menschen nicht mehr aus ihrer Vorstollungswelt verdrängen konnten. Dies alles sind Mängel, die zeitlich begründet und daher, wie man meinen sollte, seitdem überwunden worden sind. - Jedoch, während die meisten Reformvorfchläge der Nachkriegszeit nach der wirtschaftlichen und Politischen Stabilisierung aus der allgemeinen Diskussion verschwanden und heute fast nur noch als Studienmaterial für volkswirtschaftliche Seminare ein zurückgezogenes Dasein führen, ist uns die nationalsozialistische Wirtschaftstheorie in unveränderter Frische erhalten geblieben. Sie ist in das Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei eingefügt'worden. Dieses Programm, das im Februar 1920 (!) das Licht der Welt erblickt hat, wird in der Satzung der Partei (§ 2) als „unabänderlich" bezeichnet; es ist tatsächlich 1928 unverändert wieder abgedrnckt worden, und Gottfried Feder, der Verfasser des Programms, bezieht sich noch 1928 ans seine Schriften aus beit Jahren 1919, 1921, 1923 und 1926. Die Erscheinung, daß gerade sehr starke politische Parteien starr an ihren programmatischen Erklärungen sesthalten und sie nur zögernd einer veränderten Zeit anpassen, war schon oft zu beobachten. Allein diese nationalsozialistische Unfehlbarkeitserklürung läßt eher auf Schwäche als aus Stärke schließen. Zwei Gründe sind wohl dafür maßgebend: man will die volkstümlichen Argumente, die sich aus den Zuständen der Nachkriegsjahre . ergaben, nicht aus der Hand geben, und matt will nicht zugeben, daß sich seitdem im Wirtschaftsleben manches wieder zum Guten gewendet hat, ohne daß das tatkräftige Eingreifen der N. S. D. A. P. dazu notwendig gewesen wäre. Die Nationalsozialisten legen ihrem „Staats¬ und Wirtschaftsprogramm" die allergrößte Bedeutung bei. Es soll den positiven Neberbau zu dem „zwar grundlegenden, aber negativen antisemitischen Kampf" darstellen. Nur deshalb interessiert es an dieser Stelle. Man könnte mit Recht einwenden, daß hier nicht der Ort ist, wirtschaststheoretische oder wirtschastspolitische Darlegungen zu prüfen. Vor allem — und das muß, um Mißverständnissen vorzubeugen, besonders betont werden — kann und soll hier nicht für oder wider Kapitalismus, für oder wider Sozialismus, für oder wider den Zins, für oder wider Anleihe- oder Papiergeldpolitik Stellung genommen werden! Nur in ihrer Eigenschaft als positive Kehrseite des völkischen Antisemitismus beschäftigen uns die nationalsozialistischen Wirtschastsideen. Es ist uns hier nicht um die.^ schon oft ausgesührte Widerlegung ihrer judenseindlichen Grundlage noch um Kritik am kulturpolitischen Teil des nationalsozialistischen Programms zu tun, sondern es soll versucht werden, die inneren Widersprüche im Aufbau der nationalsozialiftischen Wirtschaftstheorie zu kennzeichnen. Die Bezeichnung „national s o z i a l i st i sch" ist irreführend. So viele Sozialismen es auch gibt und schon gegeben hat — allen ist eins gemeinsam: die Kritik am Privateigentum. Ter Nationalsozialismus übt keine Kritik am Privateigentum. Er erkennt es vielmehr ausdrücklich an. Unter der Devise „Produktion und Konsumtion sind individuell" lehnt er jeglichen Kommunismus, aber auch jede Sozialisierung industrieller Betriebe entrüstet ab. Nur einen gewissen Staatssozialismus läßt, er zu: „Handel und Verkehr, sowie das Geldwesen" werden als „Aufgabenkreis des Staates" anerkannt. Die scheinbar radikale Forderung, den Handel zu sozialisieren, wird aber eingeschränkt auf „Massenkoufumgüter", offenbar unter dem Eindruck der glänzenden Erfolge, die die Zwangswirtschaft im Kriege auf dem Gebiete der Volkseruährung aufznweisen hatte! Das hindert allerdings wiederum nicht, daß die Kriegsgesellschaften an anderer Stelle als „staatlich konzessionierte Ausraubnngszentralen", die „fast durchaus von Juden geleitet waren", geschmäht werden. Feder ist sogar so großzügig, hinsichtlich der .Sozialisierung des Handels aus die Leistungen „seiner Antipoden ans wirtschaftlichem Gebiet, der Bolschewisten" hinzuweisen und ihrem Beispiel folgend „Zusammenschluß der Produktivgenossenschasteu und der Verbrauchergenossenschaften unter staatlicher Aussicht" zu empfehlen. Der Nationalsozialist ist auch kein „Bodenresormer". Das Privateigentum an Grund und Boden ist ihm heilig; er bedauert die Verschuldung des Großgrundbesitzes und will dem Bauernstand besonderen Schutz zukommen lassen. So laut also auch der Nationalsozialismus die „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens" proklamiert — die Grundrente wird von ihm nicht angetastct. 3fr Tie Kritik des Nationalsozialismus zielt einzig und allein aus den Zins. Was für den marxistischen Sozialismus der Arbeitslohn, für die Bodenreformbewegung die Grundrente, das bedeutet sür den Nationalsozialismus der Zins, nämlich das zentrale Problem, auf dessen Deutung sich das ganze System stützt. Die Z i n s t h e o r i e des Nationalsozialisnms ist nicht ihrer grundlegenden Bedeutung entsprechend ausgebaut. Man kann allein bei Feder drei verschiedene Fassungen herauslesen: 1. T-er Zins ist eine „Erfindung" des Leihkapitaliston oder, wenn man ganz ehrlich die Meinung sagt, eine boshafte Erfindung der Juden. 2. Der Zins steht in Widerspruch zum Wesen des Geldes. Geld ist „Anweisung aus geleistete Arbeit", sagt Feder und leitet von dieser Dcsinition die Behauptung ab, daß erst, wenn das Geld zur Deckung eines Bedarfs ausgegeben worden und somit „wieder der Wirtschaft zngesührt ist", sich „der einfache Kreislauf des Geldes vollendet". „Denr Wesen des Geldes entspricht also ' auch die Ausgabepslicht." Mit einfachen Worten gesagt: das Geld ist zum Ausgeben und nicht zum Sparen da! Damit soll aber „keineswegs das Sparen unmöglich gemacht" werden. Man müsse unterscheiden zwischen richtigem und falschen: Sparen. „Schassen und Erwerb von Sachgütern, der Kauf oder die Erbauung eines .Häuschens, der Erwerb wertvoller Gegenstände, von Sammlungen, von Büchern, Gemälden, von Hausrat, die Erweiterung und Verbesserung des Geschäftsbetriebes, die Ausdehnung der Warenvorräte nsw.". des ist richtiges Sparen. Aber das „Zurückhalteu von Geld" zu dem Zweck, es als „Machtinstrument", d. h. als Darlehen zu verwenden — das ist falsches Sparen. Die Geldbesitzer, die das Geld aussparen und es dem Verkehr entziehen, üben „widerrechtliche Geldzurückhaltung". Statt daß sie dem Kaufmann und dem Fabrikanten seine Ware abnehmen, geben sie ihm schließlich „gegen einen besonderen Tribut — gegen Zins — das von ihnen in volkswirtschaftlichem Sinne widerrechtlich zurückgehaltene Geld hinaus. Die volkswirtschaftliche Erst r e s s u u g b e g i n n t." 3. Der Zins ist berechtigt, solange er eine „Dankbarkeitsschuld" darstellt. Erst wenn er zum „Recht" des Geldgebers wird, ist er verwerflich, da er dann den „volkswirtschaftlichen Sinn des Kredites zum volkswirtschaftlichen Unsinn"

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