Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuer- und Studiengeld-Versieheriingen Mitarbeiter gesucht. falsch; denn in der Kundgebung des Central- Vereins, in deren Verlauf die beiden Herren die Nationalsozialisten auch der Köpenicker Friedhofsschändungen beschuldigt haben sollten, war nachweislich der Nationalsozialisten überhaupt nicht Erwähnung getan worden, und außerdem lag jene Kundgebung z e i t l i ch w o ch e n l a n g vor der Köpenicker Friedhofsschändung. Was tut Straffer? Er stellt dem als Zeugen geladenen Herrn Tr. Weiß die Frage: „Also, Sie müssen z u g e b e n , d a ß i m Köpenicker Falle lein N a L i o n a l s o z i a I i st beteiligt gewesen ist?" Das konnte und durste allerdings Dr. Weiß „zugeben", weil er das Gegenteil gar nicht behauptet hatte. Die Form aber der von Straffer gestellten Frage sollte im Zuhörer die völlig falsche Volrstellung erwecken, daß Dr. Weiß die Nationalsozialisten vorher dieser Friedhossschändung bezichtigt hätte. Straffer hätte mit gleichem Rechtet fragen können: „Sie müssen also Zugeben, daß auf den Donnerstag der Freitag folgt!" Selbstverständlich veröffentlicht die gesamte nationalsozialistische Presse das angebliche „Zugeständnis" des Herrn Dr. Weiß, um dadurch noch mehr zur Verhetzung und Irreführung beizutragen. Natürlich kann auch die nötige Verallgemeinerung nicht ausbleiben. So erklärte Rechtsanwalt Freister dem Gericht: „Sie haben gehört, daß der Zeuge Polizeivizepräsident Weiß als Vertreter des S e m i t e n t u m s zugeben mußte, in Köpenick sei kein Nationalsozialist an der Friedhofsschändung beteiligt gewesen." So liest man es dann auch in der nationalsozialistischen Presse. Und diese Leute wagen es, andersgesinnte Blätter als „Journaille" zu bezeichnen. II. Die Deutsche Burschenschaft gibt ein Handbuch heraus, an dem Alte Herren der Burschenschaft, Männer aus allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens, verantwortlich Mitarbeiten. Es ist jetzt in neuer Auflage erschienen. Als sein Herausgeber zeichnet der greise Professor H a u p t in Gießen. Das Werk ist offenbar zum Gebrauch aller Burschenschafter bestimmt und soll zum Unterricht der in die Burschenschaft eintretenden jungen Studenten dienen. Werden Plan eines solchen Buches unvoreingenomrnen überlegt, wird zu dem Ergebnis kommen, daß es den jungen Akademikern ein möglichst objektives Bild derjenigen politischen Probleme geben müßte, welche die deutsche Oeffentlichkeit beschäftigen. Man höre, wie diese Aufgabe erfüllt wird! Ter Herausgeber Haupt schreibt in einem Aufsatz „Die Deutsche Burschenschaft in ihrer geschichtlichen Entwicklung": „Seit den achtziger Jahren hatte die völkische Bewegung, für die in den akademischen Kreisen namentlich durch die Vereine deutscher Studenten gewirkt worden war, auch m der Burschenschaft wachsenden Anhang gefunden. So konnte es nicht ausbleiben, daß es seit 1892 in der Verbandszeitschrift über die künftige Aufnahme jüdischer Studierender zil lebhaften Aussprachen kam, die naturgemäß aus d:e alten Burschenschafter jüdischer Abstammung, die bisher treu zu ihrem Bunde gestanden hatten, peinlich wirken mußten, in kurzem aber zu einer einheitlichen Stellungnahme der Burschenschaft führten. Im Anschluß an die Neberlieserung der Urburschenschast wurde auf dem Burschentag von 1896 die künftige Aufnahme Mischer Mitglieder in die Burschenschaft endgültig abgelehnt, wie dies schon vorher in der ostmärkischen Burschenschaft aus Gründen völkischer Notwehr (von uns gesperrt. Red.) allgemein durchgeführt worden war." Ueber den Stand der „Judenfrage" werden die Leser, wie folgt, belehrt: „Während bei der Gründung mancher örtlichen Hochschulringe die Judensrage im Vordergrund der Verhandlungen gestanden hatte, trat sie im weiteren Verlaus der Entwicklung im Hochschulring völlig zurück. Für ihn war eben der völkische Gedanke, d. h. die Erziehung' für die Volksgemeinschaft, das oberste Ziel, aus dem sich alles andere als selbstverständliche Folge ergibt. Vielleicht ist es dem Hochschulring mit zu verdanken, daß dann langsam alle nationalen Studentenverbände an eine klare und folgerichtige Behandlung der Raffensrage in ihren eigenen Reihen herangingen, so daß für unser studentisches Gemeinschaftsleben die Judenfrage heute kein Problem mehr bedeutet." Der Deutsche Hochschulring und die Deutsche Burschenschaft haben den gordischen Knoten der Judenfrage gelöst. Der Ausweg ist die völkische Notwehr. Man kann nicht leugnen, daß solche Ansichten gröbste Parteilichkeit offenbaren. Welchen Einfluß dieser Lernstoff aus die akademische Jugend hat, die den Worten ihrer Korporationssührer Glauben und Vertrauen schenkt, kann nicht zweifelhaft fein. Man ist daher kaum noch verwundert, daß in den Literaturangaben-, die weitere Belehrungen vermitteln' sollen, als „Grundsätzliches zur Judenfrage" W. Stapels „Antisemitismus und Antigermanismus" empfohlen wird, und noch dazu als einziges Buch! Gibt es denn kein anderes' Werk, das, auch ohne von einem jüdischen Verfasser zu stammen, in objektiver Weise die Fülle der Fragen unb Schwierigkeiten, die Bemühungen der einen und der anderen- Seite schildert? Daß a u ch Stapel empfohlen wird, ist gewiß berechtigt; denn er vertritt seinen Standpunkt mit großem Ernst; aber er ist als einseitig judengegnerisch festgelegt, und man weiß, wie schief er viele Dinge sieht. Unser verstorbener Freund Professor Dr. Julius Goldstein hat sich sowohl in diesen Blättern als auch in seinem Werke „Deutsche Volksidee und deutschvölkische Idee" wissenschaftlich mit Stapel auseinandergesetzt. Aber im „Handbuch der Burschenschaft" findet sich von diesem Buch kein Wort. Brennendste Probleme, von deren Lösung Deutschlands Wohl und Wehe abhängt, Fragen der Sozialpolitik, des Ausgleichs zwischen Kapital und Arbeit und viele andere kennt das Handbuch nicht. — Deshalb kann man sich der Auffassung nicht verschließen, daß das Buch nicht mit der Gewissenhaftigkeit, die eine sachliche Belehrung erfordert, geschrieben ist, obwohl Männer in Amt und Würden itnb in verantwortlicher Stellung an feiner Ausarbeitung beteiligt sind. III. Das selbstverständliche Mitgefühl, das alle guten Menschen — Juden und Nichtjuden — mit den Opfern in Palästina haben, hat die deutschen Mitglieder der Jewish Agency zu Kundgebungen in Berlin veranlaßt, die in einer Resolution zur Hilfe durch erneuten Ausbau aufgesordert haben. Hier ist nicht der Ort, über Einzelheiten dieser Resolution und über die Reden, die in dieser Kundgebung gehalten worden sind, zu spreche::. Wenn aber die „Jüdische Rundschau" ihren Bericht überschreibt: „Alljüdische Kundgebungen in Berlin", so kann diese Bezeichnung nur auf das tiefste bedauert werden. Wenn früher die jüdisch-nationale Weltanschauung als jüdisch-völkisch bezeichnet wurde, so haben sich zionistische Kreise dagegen gewehrt, weil sie unter jüdischnationalen Bestrebungen etwas ganz anderes verstanden wissen wollten als die Völkischen in Deutschland. Wenn aber jetzt aus dem deutschvölkischen Wortschatz der Begriff des Alldeutschen als Alljüdisch übernommen wird, so wird man (Fortsetzung S. 491 unten.) Und nun auch auf dem Hochwald . . . Grabschänüung in Hermeskeil. Durch die Presse des Rhein-, Nahe-, Moselgebietes ist folgende Meldung verbreitet worden. „A u f d e m israelitischen F r i e d h o j in Hermeskeil wurden zwei Grabsteine u m g e w o r f e n und in der g e - m e i n st e n W e i s e b e s ch m u tz t. Die Landjägerei hat sofort die Ermittlungen ausgenommen." Diese Zeitungsmeldung gibt nur den Tatbestand wieder; sie offenbart nicht die ungeheure Entrüstung, die dieses gemeine Verbrechen der Friedhvfsschändung in allen Kreisen der rechtlich und religiös denkenden Bevölkerung ausgelöst hat; vielleicht ist die Entrüstung gerade deshalb so stark, weil man im weitesten Umfang bisher von solchen Friedhofsschändungen nichts gewußt hat. Die Bevölkerung, zum größten Tel! römisch-katholisch oder evangelisch und stark mit Israeliten durchsetzt, erkennt den Religionsfrieden als oberstes Gesetz an. Den konnten weder die großen Kulturkämpfe der letzten Jahrzehnte, noch das Ringen um das Konkordat in den letzten Monaten irgendwie erschüttern. Darum bekundet die gesamte Oessentlich- | feit einmütig unb geschlossen I ihren Abscheu über die Störung? desFriedhosfriedens. | Tie Ermittlungen der zuständigen Stellen | sind bisher noch nicht abgeschlossen; es ist noch £ nicht gelungen, die oder den Täter sestzunehmen. I Da sestzustehen scheint, daß es sich nicht um durch- [ wandernde Fremde gehandelt hat und somit nur l Einheimische in Betracht kommen dürften. > taucht die Frage auf, wie es zu diesem scheußlichen Akt hatte kommen können. Wieder wird, - wie in so vielen Fällen im übrigen Deutschland, % die Verhetzung die treibende Kraft gewesen sein. | Schon seit Monaten entfalten | die Nationalsozialisten und an-ß dere völkische Gruppenim'- Hochwald-, Hunsrücku n d N a hege b i e t regste Propaganda mit bett y bekannten üblen Methoden der In den hetze; können sie auch dank der Ruhe 1 und Besonnenheit der bürgerlichen Bevölkerungskreise keine nennenswerten Erfolge eri zielen, so ist es doch in einzelnen Fällen schon t zu unangenehmen Zwischenfüllen gekommen.. Wenn auch hier nicht gesagt werden kann unb darf, daß diese Grabschändung in Hermeskeil iu; direktem Zusammenhang mit dem rechtsradikalen Treiben steht, die Annahme, daß es sich o um einen Ausfluß d i e s e r V e r h e tz u n g g Handel t, ist leider nicht ohne weiteres von der Hand zil weisen.