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Central-Verein-Zeitung · 1929-09-13 · 37 (13.9.1929) · p. Seite 489

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
Seite 489 (sequence 1)
Language
German
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enhttt Serlin, 13. September 1-2- VIII, Jahrgang * Ar. 37 Einzelnummer 20 Pfennig Blätter sürKruHcdtum undTnptfUum Brerteliahrsnbonnement 2,50 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und SchrifLleitung: Berlin SW 68, Lmdenstr. 13. vrtzaa des ßartrnl-Vrrms üeoücdÄ Sümtsvüraer iüütÄlen0laovrns'?v. Z^N^smsins Zeitung de» Judentums Amt Dönhoff 3594, 8595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Dank, Wechsel« stude 6, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt-Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,99 für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Swrmalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvererns 0,45 «A°K, die 62 nun breite Reklamezeile 3,50 JtM. Sie Zudenstage in WuW-Polen. Ser Kamps am die polillsche" . Wir beginnen mit diesem Aufsatz unseres Sonderberichterstatters eine Darstellung der gegenwärtigen Lage der Juden in Polen. Die SchrifLleitung. B i e l i tz, im September 1929. „Wir haben zu viel Juden" — mit diesem Stoßseufzer hat irnlängst Pilsudski, der unumschränkte Machthaber Polens, die polnische Judenfrage in ihrem tiefsten Kern aufgerollt. Aus dieser Bemerkung klang nicht etwa Antisemitismus heraus, im Gegenteil: Pilsudski gilt als jlldenfreundlich, seine erste Frau war Jüdin. Aber drei Millionen Juden — über 10 Prozent der Gesamtbevölkerung —, die fast ausschließlich Städter sind, kann dieser judenreichste Staat Europas, der noch immer um seine politische und wirtschaftliche Festigung ringen muß, nur schwer vertragen. Und dennoch geht es vorwärts: die Einfügung der Juden in den polnischen Staatskörper macht, wenn auch zunächst noch langsam, sichtliche Fortschritte — trotz der gewaltigen Distanz, die den meist so gut wie noch überhaupt nicht assimilierten Juden von seinem kulturell und religiös völlig anders denkenden christlichen Mitbürger trennt. Die drei Jahre Pilsudskischer Linksregierung haben den Emanzipationsprozeß beträchtlich weiter gebracht, seitdem das ungekrönte Oberhaupt Polens die Machtstellung und damit auch die judenfeindlichen Hochburgen der Rechtsparteien zertrümmerte. Trotz der Zeitweiligen judenseindlichen Zusammenstöße, wie die letzten Exzesse in Lemberg und Posen, die ebenso der verhaßten Pilsudski-Regierung wie den Juden galten, ebbt die judengegnerische Hochflut der ersten Nachkriegsjahre sichtlich ab. Eine unrühmliche Ausnahme hiervon bildet lediglich das gegen Pilsudski am lautesten rebellierende nationaldemokratisch-reaktionäre I Posener Land, wo im ganzen nur etwa 20 000 Juden wohnen: hier herrscht wütender, gut organisierter politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Antisemitismus. Vom reichsdeutschen Standpunkt betrachtet, gleicht Posen einem einzigen großen Lager von Völkischen Hitlerscher Richtung, durch religiöse Judenfeindlichkeit verschärft! Die unlängst erschienene „Jahresausgabe" der sogenannten „Wochenschrift" „Schabbeskurier" in Posen muß jeden guten Europäer tief betrüben: diese traurige Blüte einer Schund- und Schmutzliteratur wirbt für den raffentheoretischen und wirtschaftlichen Antisemitismus mit „wissenschaftlichen Methoden" und leistet überdies noch ein Stück „praktischer Arbeit", indem sie — ein Beispiel für viele — alle mit Juden verkehrenden Christen bedroht und jene Nichtjuden, die in jüdischen Geschäften einkaufen, durch Veröffentlichung ihrer Bilder bloßzustellen versucht. Diese Praktiken haben bereits viele jüdische Existenzen vernichtet. Wesentlich ruhiger liegen die Verhältnisse in den ehemals russischen und österreichischen Gebietsteilen. Die in Kongreßpolen noch immer formell bestehenden Ausnahmegesetze gegen die Juden, die aus der Zaristischen Zeit stammen, führen lediglich ein Scheindasein, da sie durch die Verfassung und vor allem durch die Praxis außer Kraft gesetzt sind. Zu einem formellen Numerus clausus, etwa nach ungarischem Muster, ist es an den polnischen Universitäten noch nicht gekommen, wiewohl manche Fakultäten infolge räumlicher Unzulänglichkeit der polnischen Hochschulen der Ausnahme von Juden die größten Schwierigkeiten bereiten. Die in Vorbereitung befindliche Verfassungsreform, die gegenwärtig das ganze Land in innerpolitische Hochspannung versetzt, da sie sich gegen den Sejm und das demokratische Regierungsprinzip überhaupt richtet, greift die Rechte der Juden in keiner Weise an. Allerdings können heute noch gewisse öffentliche Aemter nur durch die Aus dem Inhalt: S. 492. Dr. Margarete Wiener: Das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm. S. 493. Rechtsanwalt Levinger: Reidisgeriditsurteil gegen Wirtschaftsboykott. S. 494. Hugo Geitner: Die „neue Front“ und Walther Rathenau. S. 499. Hans Oppenheimer: Der Kaufmann von Berlin* Taufe erreicht werden, und die Vertretung der Juden im Staatsdienst läßt auch unter der Herrschaft des „großen Sanierers", dessen Arm aber nicht bis in die untersten Stellen reicht, viel zu wünschen übrig. Daß die Juden als Mitglieder und führende Köpfe der großen Politischen nichtjüdischen Parteien im öffentlichen Leben stark hervortreten — man denke nur an die sozialdemokratischen Abgeordneten Diamand und Liebermann —, beweist der kürzlich in ganz Europa stark beachtete Prozeß gegen den ehenxaligen Fiuauzminister Czechowicz, in dem der Sozialdemokrat Liebermann als der vom Sejm bestellte Ankläger das aufsehenerregende Plädoyer gegen den Minister hielt. Bekannt ist der maßgebende Einfluß einer Reihe anderer jüdischer Politiker, die sich im Regierungslager betätigen, wie Wislicki (Jüdischer Jndustrie- und Kaufmannsverband), Kirschbraun (Agudah), Löwenherz, Dal u. a. m.: ihre regierungsfreundliche Zielsichere Politik schlägt tragfähige Brücken zwischen den Juden und der Regierung — und in weiterer Folge zur christlichen Umwelt überhaupt. Diese Männer sind die eigentlichen Schrittmacher der politischen Emanzipation. Dr. Fritz Seifter (Bielitz). Spaziergänge. I. L. H. Der vor wenigen Tagen in O r a n i e nburg gegen den nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Straffer verhandelte Prozeß hat mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, mit welcher Leichtfertigkeit von völkischer Seite unter dem Schutz der Immunität mit der Ehre Andersdenkender umgesprungen wird. Wir haben an gleicher Stelle ausführlich über das Fiasko berichtet, das die Verteidigung Strassers erlitten hat. Wenn wir uns heute noch einmal mit dieser Angelegenheit beschäftigen, so geschieht es nur deshalb, weil die Auswirkung, die der Strasser-Prozeß in einem Teil der rechtsstehenden Presse hatte, gewisse Ausschlüsse über die Methoden der hinter ihr stehenden Kreise gibt. Strasser bemühte sich vergebens, in der Verhandlung eine Entschuldigung für seinen Vorwurf der Ehrabschneidevei zu finden, den er dem damaligen Reichsjustizminister Koch- Weser und dem Polizeivizepräsidenten von Berlin Dr. Weiß gemacht hatte, weil sie angeblich behauptet hätten, die Friedhofsschündungen gingen von Nationalsozialisten aus. ' Die Behauptungen Strassers und seiner Presse waren in zwiefacher Hinsicht 55128

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