Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- Seite 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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47$ 1929 bekannt gewordenen Zählung waren von den 81 6 0 00 B e w o h n e r n Palästinas nur 154 000 Juden, dagegen 572 000 Araber; hierzu kommen 80 000 Christen. Das Uebergewicht der Araber ist also so groß, daß wohl niemals die Juden aus ihrer Minoritätsstellung herauskommen werden. Schon daraus folgt, daß sich Juden und Araber aufeinander einrichten, miteinander verständigen müssen. Palästina ist Asien. Die heutigen Ereignisse im Heiligen Lande haben keineswegs bloß lokalen Charakter. Seit dein Ausgang des 19. Jahrhunderts, in steigendem Maße seit dem Ende des Weltkrieges in Asien in Bewegung. Von Konstantinopel bis Schanghai, vom Bosporus bis zum Stillen Ozean geht diese Bewegung, die im tiefsten Grunde ans dem Nationalismus beruht, durch die Völker des Riesenerdteiles. Noch ist es zumeist ein falscher, intoleranter, immer und allerorten durch seinen Expansionsdrang gekennzeichneter Nationalismus, der nur sich kennt, die eigene Nation überwertet und die anderen vernichten oder unterdrücken will. Solche Art ist die phantastische, aber bei dem gegenwärtigen Arabernusstand wirksame Idee eines groß-arabischen Zukunftsreiches, das sich vom Atlantischen Ozean bis an die persische Grenze erstrecken und Palästina einschließen sollte. Und auf der anderen Seite haben noch in jüngster Zeit die revisionistischen Zionisten unter Berufung auf ihre eigene Kraft und in scharfer Wendung gegen die Mandatarmacht England einem imperialistischen, aus die Gewalt der Waffen pochenden Nationalismus das Wort geredet. Auch auf dem Boden Palästinas sehen wir das Unheil, das der politische Nationalismus unter den Völkern der Welt anrichtet. An den großen Freiheitsbelvegungen Indiens und Chinas zeigen sich bereits Spuren, daß der Gedanke der Einheit der Menschheit zum Siege über den Nationalismus verhelfen wird. Nur m i t E n g l a n d, nicht g egen England und nur, wenn Ruhe im Lande herrscht, wird überhaupt ein Aufbau in Palästina möglich sein. Indem wir den Gedanken des jüdischen Nationalstaats ablehnen, befürworten wir eine von jedwedem Nationalismus freie praktische Aufbauarbeit in Palästina.- Deswegen nehmen wir als Juden und Deutsche tiefen Anteil an der Zerstörung kultureller Werte, an Menschenleben und Eigentum durch die Unruhen in Palästina. Die Beruhigung Asiens, und darüber hinausgehend die Versöhnung von Ost und West wird nur möglich sein, wenn sich der zu den großen Errungenschaften des Judentums zählende Gedanke der Einheit der Menschheit allmählich und überall durchsetzt. Dieser Gedanke der Einheit der Menschheit beruht ans dem Sittengesetz, aus dem sich auch die Idee der sozialen Gerechtigkeit ergibt. tl fi o 0 f’ 3 e s s l l ÄfflbCf Und Judicn/VonArturSthweriner Aus eigenen Beobachtungen während einer Palästinareise. Nebi Musst. Aus halbem Wege zwischen Jerusalem und dein Toten Meer liegt Nebi Musa, wo nach muslimischer Tradition sich das Grab Moses' befinden soll. Alljährlich, um die Zeit unseres Pessachfestes, pilgern die Muslemin in feierlicher Prozession durch das Löwentor von Jerusalem nach Nebi Musa. Diese religiöse Zeremonie geht ans eine ch r i st e n f e i n d - liche Anordnung aus dem 13. Jahrhundert zurück, in der Nähe Jerusalems um die Osterzeit, als Gegengewicht gegen die Menge der christlichen Pilger, möglichst viel Muslemin anzusammeln. Am M i t t a g d e s 26. April dieses Jahres /habe ich inmitten des englischen Absperrungskommandos diese gewaltige Prozession an mir vorbeiziehen lassen. Heilige Fahnen, umgeben von Zehntausenden musizierender, tanzender, durch Derwische in religiösen Fanatismus versetzter Araber. Schwerte rtämpser zeigen sich, allerlei Zauberkünste werden vorgeführt und — Reden werden gehalten. Ter Redner wird ans die Schultern zweier besonders starker Muslemin gehoben. Am Freitag der Pilgerfahrt zum Grabe Moses fiel mir bereits die fanatische „weltliche" Art auf, in der die Redner sprachen und den tosenden Beifall selbst der Araber fanden, die auf den Zinnen der Tücher lebensgefährliche Stellungcn bezogen hatten. Die Rückkehr des Pilgerzuges am Sonntag betrachtete ich von einem arabischen Kaffee am Jafsator aus. Neben mir ein arabischer Freund, der mir den Inhalt der Reden übersetzte. Sie waren du r ch lv e g j u d e n s e i n d l i ch. „Arabien den Arabern! Raus mit den Fremden, die uns beherrschen wollen." Und dann zur agitatorischen Bekräftigung dieser Aufforderung im Chore: „La illaha ilia allall wamuhammad rasul allall!" (Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes.) Am Schlüsse des Zuges, das religiöse Oberhaupt der Gemeinde, auf weißem Rosse, der Mufti, von den Massen umjubelt, von den englischen Offizieren une ein Fürst geehrt. Unter dem Eindruck dieser gmoaltigen Kundgebung sprach ich jüdische:: Freunden gegenüber meine Besorgnis aus, daß eines Tages derlei Massendemonstrationen eine Gefahr für die friedliche Aufbauarbeit werden könnten. Man lachte mich ans: „Jene schreien, wir arbeiten!" Eine Unterredung mit Weizmann. Am 13. Mai, während der Rückfahrt voll Alexandria nach Venedig, hatten mein Bruder und ich eine längere U n t e r r e d u n g m i t Professor W e i z in a n n auf dem italienischen Dampfer „H e l o u a n" über die A r a b erfrag e. Weizmann und Colonel K i s h , der beste Kenner der Araberfrage, nahinen einen durchaus versöhnlichen Standpunkt ein. „Wir ivollen Frieden und Freundschaft mit den Arabern!" Weizrnanns Ansicht deckte sich mit der in H o l d h e i m s Palästinabuch, daß der lebhafte, ehrliche Wunsch der Juden, zu einem brüderlich-freundschaftlichen Einvernehmen mit den Arabern zu koinmen, nicht nur aus politischer Klugheit, sondern ails innerstem Bedürfnis geboren sei. Schon der Wille Englands und der übrigen Welt, vor allem aber das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Juden und Arabern, würden jeden unfreundlichen Akt gegen das palästinensische Arabertum politisch illusorisch machen. Die ungehinderte freie Entwicklung der Araber und Juden sei die Grundlage für eine jüdisch-arabische Befriedung. Nur die von den S y r e r n ko m m ende „A u s - klär u n g" m achte W e i z m a n n Sorge n. „Mit den Arabern könnten wir gut auskommen, und es brauchte überhaupt keine Arabersrage zu geben, wenn nicht von jener Seite gegen dßn Frieden gearbeitet würde." Der Friedenswille des Chadmm. In Jerusalem verbrachten wir den S e d e r - abend im gastlichen Hanse des weit über die Grenzen Jerusalems bekannten Oberrabbiners I n cob Me i r. Um den Sedertisch saßen u. a. der Gouverneur von Jerusalem und dessen erster Sekretär mit ihren Frauen, ch r i st l i ch e E n g l ä n d e r , und der ägyptische Geschäftsträger in Jerusalem, ein Araber. Das kluge Oberhaupt der sephardischen Juden Jerusalems hatte den Sederabend zu einem Abend für das „diplomatische Korps" gemacht. Als der Leibdiener des jüdischen Patriarchen, mit dem Säbel aus dem Boden stampfend, die Ankunft der hohen Beamten meldete und dann Jacob Meir in seinem Hohepriestergewand die weltlichen Vertreter großer Nationen in seinem Hause.willkommen hieß, hatte man den unbedingten Eindruck: hier wird a in Sederabend Friedensarbeit verrichtet, deren Bedeutung sicherlich in vollem Umfange nur dem Gastgeber selber klar war, als er die Einladungen ergehen ließ. Man hat mir Wasser in den Wein schütten wollen: Am nächsten Abend seien die Engländer mit ebensoviel Liebes- und Freundschastsbezeugungen zu den Arabern gegangen. Das war nicht nur das Recht der Engländer, sondern vielleicht auch ihre Pflicht. Wie tief Rabbi Meir ihnen ins Herz schauen konnte, wird der Chacham jetzt — nach Tisch — wissen. Sein Wille zum Frieden bleibt eine Tat, die durch die trübe Entwicklung der Ereignisse nicht geschmälert werden darf. Was aristokratische Araber sagten ... Wir hatten vor unserer Abfahrt nach Jerusalem Gelegenheit, mit hohen arabischen Würdenträgern aus der Umgebung Koni g F u a d s über die A r aberfrage i u P a l ä st i n a zu sprechen. Man sagte uns etwa: Ter Grundcharakter des Arabers, auch der des einfachsten, ist Gastfreundschaft. Weshalb sollte also der Araber dem eingewanderten Inden feindselig gegenüberstehen? In Aufregung bringen ihn nur diejenigen, die ihn ihre Ueberlegenheit ausdringlich fühlen lassen. Wenn die Engländer, mit der Pfeife tut Munde, an uns Arabern in Aegypten wie die Herrschenden vorübergehen, so müssen wir das ertrage::, weil die Macht ans ihrer Seite ist. Wenn die Inden in Palästina, wie wir beobachten konnten, dieses Gebaren der Engländer den ägyptischen Arabern gegenüber nachahmen, so kopieren sie er st e n s ei n m a l schlecht und verkennen vollkommen die Verschiedenheit der