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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 471

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 471 (sequence 19)
Language
German
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471 Fritz Engel: Fernwirkung. Dieser Moses Mendelssohn, aus Ghettobczirken oder doch noch aus ihren sozialen Rückständen und besonderen geistigen Bedingungen aussteigend zu den Höhen deutscher Kultur, ja, man darf und muß sagen, zugehörig denen, die dieses Feld erst zu bestellen hatten, diese Erscheinung ist mehr als außergewöhnlich, sie ist einzigartig. Der kleine Jude lernt mühevoll, nicht ohne Hindernisse, aber bereit zu jedem Opfer an Gesuch und Schlaf, die deutsche Sprache und wird einer ihrer Meister. Er erschließt sich die Tore, die ihm versperrt sein sollten, schlürft die Wunder des Denkens und Wissens wie ein Dürstender ein, und schon wird für andere zur Nahrung, was er, selber denkend, in sich verarbeitet und glänzend geformt hat. Der Buchhalter wird Buchschreiber. Erst sind es nur wenige, allerdings die in Wahrheit Edelsten und Besten seiner Zeit, die dieses Phänomen beachten und achten. Dann horcht man in weiteren Kreisen auf. Dann hadern die Glaubensgenossen, die einen. Dann stimmen die anderen zu. Dann ist er eine Größe, immer noch und gerade darum bekämpft. Rebell für die Aengstlichen; Reformer, längst ersehnt, und doch nicht recht geahnt, für die Sehnsüchtigen, die in Deutschland behaust und wie immer auch verfolgt und gedemütigt, in diesem Lande doch die Heimat sehen, in der sie sich selbst und ihre Kinder befestigen wollen. Wäre der „Fremdling" nicht ein Meister der deutschen Sprache gewesen, dann wären seine Bücher — Bücher geblieben, des Studiums werte Sibyllinia für Gelehrte. Klarheit des Geistes bedingt nicht immer Klarheit der Form; hier tat sie es. Reinheit des Gefühls ist nicht stets der Reinheit des Ausdrucks sicher; hier fand sie ihn. Willen voll von edler Leidenschaft kann nch überstürzen; hier geschah es nicht. Kühner Zpgrisf des Gedankens in letzter Bändigung der Aussage, das ist es, was diesen Moses Mendelssohn auch zum Lehrer für die gemacht hat, die seinem Jdeentreis im engeren Sinne fernftanden? Generationen von Juden haben fort- .wugend von ihm gelernt, nicht nur, deutsch zu suhlen, sondern auch deutsch zu schreiben. Die Begabung vorausgesetzt, wie sie sich in so stannenerregender Weise bei Mendelssohn äußerte, mit dieser Fähigkeit, ein erst gelerntes Idiom mit den überkommenen Werkzeugen des Geistes, mit der am Talmud geübten Logik, mit der von altersher erweckten Scharfsichtigkeit und Scharfzüngigkeit zu erfassen, mit dem Vermögen, den Sinn der Worte, oft auch ihren Hintersinn, darum ihren Witz und Humor zu verstehen, mit all diesen Eigenschaften ausgestattet, haben sich dann die jüdischen Schriftsteller, die in Deutschland geboren waren und an der deutschen Sache tätigen Anteil nahmen, in dem nämlichen Sprachgebiete betätigt wie der schöpferische Vorfahr selbst. Weil sie schreiben konnten, gewannen sie das Ohr derer, die lesen wollten. Weil sie tapfer waren gleich ihm, ohne Menschenscheu, aufblickend zu dem Banner, das im Winde des Fortschritts wehte, trugen sie auch ihre Grundsätze, den seinen wenigstens im Kern verwandt, in die Welt hinaus. Ihr persönliches Wesen, ihren persönlichen Stil verleugneten sie darum nicht. Man braucht nur an Ludwig Börne gu denken, und erst recht an Heinrich Heine, der ein Thersites nur aus großer und unerwiderter Liebe zu diesem brüchigen, national schlecht fundierten und miserabel regierten Deutschland war. Auf diesen beiden, vornehmlich auf Heine, weil sein Gefunkel, seine Wortskala, sein Rhythmus, wenn auch nicht sein Geist, leichter nachzuahmen waren, baut sich ein großer Teil des heutigen deutschen Schrifttums auf, besonders der Journalismus und damit der Einfluß auf die öffentliche Meinung. Auch die Organe, die „beim Juden nichts kaufen", leihen doch gern von den Juden die Durchsichtigkeit und leichte Eingänglichkeit der Form. Das deutsche Drama ist freilich noch immer schwer geblieben. Soweit es historisch geworden ist, wie etwa bei Hebbel und K l e i st, hat es bei aller Größe nicht verstanden, seine Thesen in knapper Konkretheit zu formulieren und damit also populär zu werden. Selbst dem Dramatiker Goethe ist das nicht gelungen, so sehr wir an einem Moses-Mendelsfohn-Tag seiner gedenken, mit seiner Liebe willen zu dem großen Enkel, dem Knaben Felix. Schiller, mit seiner gewaltigen Musik, hob dann aus demselben Ouell wie Mendelssohn seine sprühenden Gestaltungen. Für ihn war es die ganze Menschheit, der er offene Bahn schaffen wollte; das stellt ihn großbrüderlich neben Mendelssohn, der einer ihm nahen Schicht der Menschheit den Weg öffnete und für sich und für sie die Gedankenfreiheit beanspruchte, die Posa von den Mächtigen der Erde fordert. Und bedarf es noch eines Hinweises auf Gotthold Ephraim, auf den Genossen, aus den Herzensfreund? Nathan, der weise Nathan, das Werk befruchtet vom weifen Moses, trug seinen Namen von neuen: hinaus. Aus der deutschen Geistesgeschichte es sorlzudenken, ist unmöglich. Schlimm, daß es seine Sendung noch nicht erfüllt hat; um so besser, daß es geschaffen ward. Es ist da ein Schutz, ein Hort, ein herrliches Sinnbild des Friedens, den wir für uns begehren. Fühlen wir nicht, wie Moses Mendelssohns segnende Hände ansgebreitet sind über so vielem, was :n:s lieb, notwendig und unentbehrlich geworden ist, Teil unseres Selbst, Waffe im Kampf? Der gute Dämon, mit dem dieser Mensch begnadet war, die Kraft selbständigen Denkens hat viele, die ihr Innerstes der Feder anvertrauen, angeregt, ermutigt, widerstands- und auch leidensfähig gemacht. Den: Judentum seiner Zeit voran, größer als seine Zeit, ist er darum auch dauernder als sie. Meteorhast ausgestiegen, ist er ein fester Stern, nach dem wir alle, die wir nicht nur für das Brot oder Zuckerbrot des Lebens arbeiten, unsere Fahrt einrichten. Herbert Eulenberg: Am Tor. Denen, die sich mit dem schönen Lebenslauf dieses großen Denkers beschäftigt haben, wird das Geschichtchen erinnerlich fein, das ihm einmal bet einem Besuch in Dresden begegnete. Dort sollte Mendelssohn den damals für die Juden üblichen Leibzoll entrichten, demzufolge sie zum Tier heraberniedrigt und wie Zugvieh behandelt wurden. Löbl Schie, der jüdische Gemeindediener, forderte infolgedessen zwanzig Groschen für diesen Leibzoll von Mendelssohn. Lachend bezahlte der Weise dies Geld und äußerte dabei belustigt Zu seiner Frau: „Ter Verfasser des „Phädon", des Modebuches aller Schöngeister im heutigen Deutschland, muß sich verzollen lassen wie ein Ochse. Wie gut hat es doch der fromme Lavater mit mir gemeint, als er mich aufsorderte, Christ zu werden. War' ich ihm gefolgt, so hätte ich jetzt zwanzig Groschen erspart." Als dieser Vorfall daraufhin in Dresden bekannt wurde, schämte man sich doch allgemein ein wenig, daß man einen der bedeutendsten Köpfe feiner Zeit, bloß weil er Jude war, unter das Rindvieh gestoßen hatte. Infolgedessen erhielt das sächsische Finanzkolleginm am andern Tag durch allerhöchstes Reskript den Befehl, dein Berliner Gelehrten mosaischer Religion, Herrn Moses Mendelssohn, die als Leibzoll abgenommenen zwanzig Leibgroschen sofort Zurückzustellen. Soweit ist diese Begebenheit manchen bekannt. Hübsch und bemerkenswert ist aber auch noch die Folge dieses Erlebnisses: Nachdem Mendelssohn eingehend die kurfürstliche Bücherei und die Gemäldesammlungen Dresdens besichtigt halte, 'verließ er die Stadt wieder. Vorher aber bat er Lobt Schie, den jüdischen Gemeindediener, noch einmal zu ihm zu kommen. „Hier!", sagte ihm der Philosoph in seinem reinen Deutsch, das er sprach und schrieb, und das selbst ein Kant an ihm bewunderte: „Hast du deine zwanzig Groschen wieder. Aber diesmal nur zu deinem eigenen Gebrauch." Löbl Schie hatte natürlich längst von der Rückgabe des Geldes an seinen großen Glaubensgenossen gehört und schmunzelte dankerfüllt. „Was wirst du nun weiter tun?" fragte Mendelssohn ihn aus: „Immer wieder den Leib- Zoll von Juden verlangen, die hier zu Besuch einreisen?" „Was soll man machen?", verteidigte sich der Diener, „die meisten, die hier ankommen, sind arme Leute, keine so großmächtigen und gelehrten und berühmten Männer wie Ihr." „Ach, was!", unterbrach ihn der Weise ärgerlich: „Ich bin der Moses aus Dessau. Und zwischen mir und dir ist gar kein großer Unterschied außer diesem einzigen: du freust dich, daß wenigstens ein Jude diesem entwürdigenden Leibzoll entgangen ist. Ich aber werde mich erst freuen, wenn a l l e Inden von dieser Schmach enthoben sind. Und so lang' ich lebe, werde ich dafür kämpfen, ohne mich darum zu kümmern, ob man mich späterhin den ersten Asfimilanten oder den ersten Befreier unter den deutschen Juden nennen wird oder vielleicht gar den ersten deutschen Juden überhaupt." Aus der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Radierung von Daniel Chodowiecku isßi cHH 4; * MW . W/M WM v"' WW/W WH - MMN \\ k V '

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