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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 470

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 470 (sequence 18)
Language
German
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470 war es, der dem Freunde die Uebersetzung von Rousseaus berühmt er Schrift „vlseours sur l'incgallte" anempfahl. Schließlich ist es seinem Einfluß auch zu danken, daß Moses in jener großartigen Ueberschau über die zeitgenössische literarische Produktion, den „Briefen, die neueste Literatur betreffend", zwar nicht, wie Lessing selbst, „Husarenhiebe" austeilte, aber mit ruhiger und kenntnisreicher Sachlichkeit den philosophischen und schöngeistigen Erscheinungen der Zeit sein kritisches Augenmerk zuwandte. Niemand hat solche Förderung aus vollerem Herzen anerkannt als Mendelssohn selbst. Es hat etwas Rührendes, in seiner Korrespondenz mit Lessing nachzulesen, wie er sich seinem „getreuesten Ratgeber" immer wieder verbunden fühlt; wie er den in der Welt Herumstreifenden Zurückwünscht, damit er seinem Geist wieder Bewegung schasse; wie er seine Zaghaftigkeit eingesteht, ohne des Freundes Zustimmung irgend etwas drucken zu lassen, und wie er, noch drei Jahre vor seinem Tode, freimütig bekennt, daß er sich bei jeder Zeile, die er in philosophischen Sachen niederschreibe, immer erst frage, ob Lessing dies billigen würde. Aber auch Lessing wußte, was er an seineur lieben Moses besaß. Und wie es im Wesen jeder idealen Freundschaft liegt, daß Geben und Nehmen sich frei und ohne Berechnung ablösen, so war auch der Freundschaftsbund Lessings und Mendelssohns in menschlicher wie geistiger Hinsicht ein fortdauerndes Geben und Empfangen, ein Gegenseitigkeitsverhältnis, bei dem jeder die Bedeutung des anderen zu schätzen wußte, und das am besten durch Lessings eigene Worte charakterisiert wird, die er dem Altersgenossen in einem Brief vom 21. Januar 1756 zuries: „Möchte ich Ihrer Wahl so würdig sein, als Sie der meinigen sind!" Lessing hatte sich also keinen Unwürdigen zürn besten seiner Freunde auserkoren. Hatte der, als er selbst noch in der Fürstenschule in Meißen saß, nicht seinem Denken schon eine ganz bestimmte Zielrichtung gegeben, indem er, kaum flügge geworden, mit unendlichem Bemühen sich L o ck e s und L e i b n i z e n s Gedankenwelt anzueignen versuchte? Und war dieser kleine bucklige Jude, den keine frühen materiellen Entbehrungen, kein sozialer Druck, keine kaufmännischen Berusspflichten in seinem Geistesfluge aufhalten konnten, nicht überhaupt aus dem Ghetto von Haus und Erziehung überraschend schnell herausgewachsen und in die freien spekulativen Wissensgebiete der Logik, Metaphysik, Aesthetik mit seltener Verstandesschärse vorgedrungen? Kein Wunder, daß der, wie Herder ihn nennt, völlig „neidlose" Lessing dem neugewonnenen Freunde mit Herzlichkeit entgegenkam, und daß sein unsteter, leicht ausschweifender und oft dem Paradoxen zugewandter Geist die milde, klare und bedächtig-prüfende Sinnesart Mendelssohns wohltuend und auch fördernd empfinden mußte. So gesteht er denn, daß die Briefe des Freundes für ihn „eine wahre Wohltat" seien; er bittet ihn, im Anschluß an ein für den gemeinsamen Freund Nicolai bestimmtes Schreiben über das Wesen des Trauerspiels, die theoretischen Erörterungen dieses Schreibens zu überdenken und zu verbessern; denn „Ihre besseren Gedanken sind nichts weiter als meine Zweiten Gedanken", und wenn er, bei einem Disput über eine Stelle aus dem Spinoza, dem Freunde ohne weiteres recht gibt, so fügt er ohne jeden Stolz hinzu: „Ein abermaliger Beweis, wie obenhin ich alles anzusehen gewohnt bin". Das Wesentliche aber ist, daß Mendelssohnsche Gedanken in Lessingschen Werken — übrigens nicht bloß in ihnen allein — ihren Niederschlag gesunden haben: auf Mendelssohns Rat wurde dem ersten bürgerlichen Trauerspiel der Deutschen, „Miß Sara Sampson", von Lessing der letzte formale Schliff gegeben; aus Mendelssohns bereits mehrfach erwähnten „Briefen über die Empfindungen" sowie ihren „Zusätzen" nützte Lessing die Lehre vom tragischen Mitleid für seine „Hamburgische Dramaturgie", und — 1a8t not least — ohne Mendelssohns Anregung wäre — wie heute allgemein anerkannt ist — niemals das kanonische Lehrgebäude der bildenden und erzählenden Künste, Lessings „Laokoon", errichtet worden. Tiefer und lebendiger jedoch als der Philosoph und Schriftsteller hat sich der Mensch Mendelssohn in der literarischen Spiegelung seines berühmten Freundes erhalten: er lebt fort in Lessings dramatischer Kanzelpredigt „Nathan der Weise". Es ist kein äußerliches Spiel der Vergeltung, wenn auch Mendelssohn bemüht war, das menschliche Charakterbild des Freundes rein und ungetrübt der Nachwelt zu überliefern und es vor jeder Verdunkelung zu bewahren. Eine solche Trübung drohte, als gegen Lessing, der sich selbst nicht mehr zur Wehr setzen konnte, von Goethes Jugendsreund Friedrich Heinrich I a c o b i erst in privaten, dann der Oeffentlichkeit übergebenen Aeußerungen. der Vorwurf des Pantheismus erhoben wurde, der in Jacobis Darstellung gleichbedeutend mit Atheismus, mit Gotteslästerung sein mußte. Mendelssohn, der mit Lessing schon in früher Zeit die religionsphilosophischen MOSES MENDELSSOHN GESAMMELTE SCHRIFTEN JUBILÄUMSAUSGABE veranstaltet zum 200. Geburtstage Mendelssohns im Aufträge der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Gemeinschaft mit einem Ehrenausschuss und mit Unterstützung des Haus Mendelssohn u. Co. unter Mitwirkung von F. Batnberser, H. Borodianski, S. Rawidowicz. B. Strauss, L. Strauss herausgegeben von. I. ELBOGEN / J.GUTTM ANN / E. MITTWOCH 16 Bände 3 Bände erscheinen am Jubiläumstage, je 3 weitere Bände jährlich. OIE SUBSKRIPTION IST ERBFFHET Subskriptionspreis: Ganzleinen M. 12,— (statt M. 15,-) pro Band Halbfranz M. 15,— (statt M. 18,75) pro Band Luxusausgabe auf holl. Bütten (Bogen in Kassette) M. 30, — pro Band. Einzelbände werden nicht abgegeben. -Verlangen Sie Sonderprospekt! - AKADEMIE-VERLAG / BERLIN W35 Grundlagen des Pantheismus erörtert und in diesen Unterhaltungen die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß sein Freund höchstens einem veredelten Pantheismus anhinge, der sich mit der positiven Religion sehr wohl in Einklang bringen ließe — Mendelssohn, selbst durch und durch gottesgläubig, fühlte sich durch die von Jacobi erhobene Anschuldigung aufs tiefste betroffen: sein Redlichkettsempfinden, aber auch das Gefühl unerschütterlichen Vertrauens, das er mehr als dreißig Jahre seinem Freunde Lessing entgegengebracht hatte, sträubte sich gegen die Annahme, Lessing könne ihm, zumal in elementaren Dingen des Glaubens, etwas verheimlicht haben, was er einem Fremden, innerhalb der kurzen Zeit eines Besuches, offenbart hätte. Den Aufregungen, die dieser von vielen Berufenen und Unberufenen geführte Pantheismusstreit — in den Mendelssohn selbst, als der Hauptbeteiligte, mit einer für seine sonst so leidenschaftslose Natur ungewöhnlich temperamentvollen Schutzschrist „An die Freunde Lessings" eingriff — im Gefolge hatte, war die ohnehin durch lange Krankheit geschwächte Konstitution des Alternden nicht mehr gewachsen, und es ist keine Uebertreibung, wenn Goethe später in „Dichtung und Wahrheit" rückblickend bemerkt hat, „der Riß" wäre „so gewaltsam" gewesen, „daß wir darüber . . . einen unserer würdigsten Männer, Mendelssohn, verloren." Schon lange bevor Mendelssohn um des toten Freundes willen die literarischen Klingen mit seinem Gegner kreuzte, hatte er den Plan gefaßt, für Lessing ein Ehrenmal aufzurichten. Ewig schade, daß er diesen Plan, „Etwas über Lessings Charakter" zu schreiben, nur in einer schmalen Skizze entworfen, jedoch nie zur Ausführung gebracht hat: es wäre uns dann ein Bild der starken und reinen sittlichen Persönlichkeit Lessings geschenkt worden — aus unmittelbarster Lebensnühe und aus intimer Kenntnis seiner menschlichen Physiognomie, die sich Außenstehenden nicht leicht enthüllte. Mendelssohn hat uns indes, statt dieser Charakteristik, ein anderes Vermächtnis hinterlassen, in dem er das Andenken seines Freundes heilig gesprochen hat. Das ist jene wundervolle Totenklage an der Bahre Lessings; das sind jene, an den Bruder des Verstorbenen gerichteten, schlichten und ergreifenden Worte, in die der einsam Zurückgebliebene seinen Schmerz um den Verlust aus weit geöffnetem Herzen ausströmen läßt — ein ewiges Dankesopfer, das er auf dem Altar der Freundschaft niederlegte.

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