Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 469 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277868--05471-2286211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-en. Er hatte einen internationalen Nus als Philosoph. Er schrieb ein Deutsch, um dessen llarheit und Anmut ihn die geschmeidigsten fioeten beneideten. Die erlesensten Geister, die bedeutendsten Köpfe suchten seinen Verkehr. Sein Aufstieg konnte in seiner Allmählichicit schließlich kein Wunder für ihn sein. Ein Wunder bleibt eben, daß die Juden bis Mendelsohn verachtet gewesen. Er wahrte auch jetzt alle Umsicht, Bescheidenheit und Männlichkeit. Je mehr Augen sich auf ihn richteten, desto bedachter wurde seine Verantwortlichkeit. Er war nun nicht mehr ein Jude, sondern der Jude. Unauffällig und unüberheblich wies er Vorwürfe und Anbiederungen ab. Lavater batte den plumpen Ehrgeiz, ihn zum Christenium überzeugen zu wollen. Das geschah „vor den Augen von ganz Europa". Es ist nicht davon zu reden, daß Mendelssohn dem Glauben der beiden anderen großen Moses treu blieb. Er entgegnete dem Proselytenmacher ruhig und nobel, und die allgemeine Sympathie war spontan auf seiner Seite. Die Affäre förderte nur sein und das jüdische Ansehen. Zu Herzen nahm er sich Lavaters Anmaßung fast allzusehr. Er litt darunter, obschon er besonnen antwortete. So war seine Art. Man hatte ihm Kompromittierendes zugemutet, und er beschämte die Taktlosigkeit durch Ernst und Stolz, während er fast vor Scham und Qual verging. Er raffte sich schließlich mühevoll auf. Er begann die Uebersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche. Diese Bibelübersetzung trug Mendelssohn die Gegnerschaft orthodoxer Menschen ein, nicht minder besonnen aber antwortete Mendelssohn diesen Ketzermachern, den gleichen Geistern, die einen Uriel Acosta aber keinen Spinoza unterbekvmmen hatten. Seit diesen ersten und gefährdetsten Regungen der - Geistessreiheit aber war die Zeit schon um einige Schritte weitergekommen; es gab nicht einmal mehr die jüdische Inquisition. Mendelssohn war auch zu eindeutig bedacht zum Märtyrer. Er hatte kein Talent dazu. Seine Art von Charakter hat sicherlich Unglück auch noch im Glück, aber auch wieder Glück im Unglück, und sie weiß es mit einem gewissen stoischen Gleichmut hinzunehmen. Die Akademie ernannte den deistischen Juden Zum Mitglied; Friedrich der Zweite strich seinen Namen von der Liste. Es ist besser so, sagte Mendelssohn, als wenn der König mich gewählt und die Akademie meinen Namen gestrichen hätte. Natürlich hatte er sich mit der Unterbindung dieser Ehre nicht abgefunden; er war alles G. E. Lessing• andere als gleichgültig oder empfindungslos. Lesstng hatte an Lavaters Abfuhr einen prächtigen Spaß, während Mendelssohn an seinem Siege schwerer schleppte als der Beschämte, der sein „Opfer" war. Als Lessing starb, beschuldigte man ihn des Spinozismus, und der Deist Mendelssohn, der wie das gesamte damals offiziöse Deutschland Spinozismus für ein Verbrechen hielt, verteidigte den toten Freund mit ängstlichstem Eifer. Er selbst starb nicht viel später, und es heißt, er Hütte sich über den „unberechtigten Vorwurf gegen Lessing totgeärgert". Das Wort „totgeärgert" ist von Heine. Glauben wir, human, tolerant und vornehm wie er denkend, er sei aus Gram gestorben, weil man seinen Lessing im Grabe verunglimpfte. Es war dies ein letzter Akt von Freundschaft, ein machtvoller Abschiedsgruß. Denn hier scheiden sich die Wege. Das Genie Lessing wird nach seinem Tode grenzenlos mächtig und lebendig, das Talent Mendelssohn bleibt, ein historisches Wahrzeichen, am Wege der aufsteigenden Menschheit. Sein Werk ist getan, seine Wirkung vollbracht. Der blasse, seine Hauch seiner Sprache verweht, und mit den schreitenden Geschlechtern zieht besinnungsvoll der Abglanz eines hilfreich bedeutungsvollen, ernsten und grundanständigen Mannes, welcher der Sohn eines armen, kleinen Schreibers war, einen verwachsenen Rücken hakte, Schach spielte und Antworten wußte, die legendär geworden sind. Und welcher nicht ohne eigenes Zutun der Anlaß wurde, daß die Menschheit ein Stückchen weitergekommen ist. Man erinnert sich seiner, sein Bild taucht zwischen den Zeiten wieder vor einem auf, und um seinen Mund spielt wohl ein feines Lächeln. Worüber lächelt Moses Mendelssohn? „Moses Mendelssohns Briefe bestimmen den Unterschied zwischen Schönheit und Vollkommenheit, zwischen dunkeln, H/arem und deutlichem Vergnügen, zwischen Beitrag des Körpers und der Seele zu angenehmen Empfindungen näher, als Sulzer und ergänzen seine Theorie, wo er, was nicht Schönheit ist, zu Schönheit macht, scharfsinnig und mit der Miene des liebenswürdigsten Enthusiasmus. Für Lessing wurde das Werk seines Freundes eine Quelle von Anregungen, deren er spätert: besonders in seiner „Hamburgischen Drama* turgieErwähnung tat . . .“ Herder. Hugo Ladimanski: Freund Lessing. „Der Tag bricht an, der seit langer Zeit gänzlich Deiner Freundschaft gewidmet war. Ich bin ihm zuvorgekommen. Hier sitze ich einsam in der Grotte, die Du Deinen Liebling nennst, und warte auf das erquickende Auge der Welt. Welch ein prächtiger Einzug! Mit welchem Glanze erscheinen die Vorboten der einziehenden Majestät! Und' wie schön wechselt diese feurige Gestalt mit dem ernsthaften Gesicht der braunen Nacht ab!" Der solche Worte vernehmen ließ, Moses Mendelssohn, war vierzehnjährig, ohne des Deutschen in Wort oder Schrift irgendwie mächtig zu sein, nach Berlin gekommen. Zwölf Jahre später — 1755 — vermag er, in seinen „Briefen über die Empfindungen", der deutschen Sprache dieses Festgewand anzulegen, ermutigt, gefördert und ans Licht gezogen durch den gleichaltrigen Lessing, mit dem ihn der Arzt Dr. Aaron Samuel Gumpertz, ein Mann von vielerlei wissenschaftlichen und belletristischen Interessen, beim Schachspiel in Verbindung gebracht hatte. Seitdem schlossen die beiden, der Protestantische Pfarrerssohn aus Kamenz und der Sohn des jüdischen Lehrers und Thoraschreibers aus Dessau, einen Freundschaftsbund für das Leben, eine jener idealen Gemeinschaften, die bei aller Gegensätzlichkeit von Herkunft, äußerer und innerer Entwicklung und Temperament, auf gegenseitige Neigung, Achtung und Wertschätzung gegründet war und sich weit über die faden und süßlichen Tändeleien erhob, in die der Freundschaftskult des achtzehnten Jahrhunderts oft genug entartete. Dieser Freundschaftsbund hatte gleich im Anfang seine Feuerprobe zu bestehen, als der Göttinger Orientalist Professor Michaelis — — Verfasser eines „Mosaischen Rechts" — in einer Rezension des kleinen, kulturhistorisch noch heute beachtenswerten Lessingschen Tendenzlustspiels „Die Juden" zu bezweifeln wagte, daß es einen so ehrlichen und rechtschaffenen Juden, wie den Reisenden in diesem Stück, überhaupt geben könne, und Lessing nun den Schimpf, der mit dieser zwar unbedachten, aber der landläufigen Auffassung keineswegs widersprechenden Aeußerung dem Judentum und einem seiner besten Vertreter, dem jungen Moses Mendelssohn, angetan war, mit Würde, Scharfsinn und Entschiedenheit zurückwies. Von Mendelssohn selbst aber veröffentlichte er in der „Theatralischen Bibliothek" eine erregte Entgegnung, die er dem Göttinger Kritiker mit folgendem Kommentar übersandte: „Er ist wirklich ein Jude, ein Mensch von etlichen und zwanzig Jahren, welcher ohne alle Anweisung in Sprachen, in der Mathematik, in der Weltweisheit, in der Poesie eine große Stärke erlangt hat. Ich sehe ihn im voraus als eine Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders seine eigenen Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen . . . Seine Redlichkeit und sein philosophischer Geist läßt mich ihn im voraus als einen zweiten Spinoza betrachten, dem zur völligen Gleichheit mit dem ersteren nichts als seine Jrrtümer fehlen werden." Lessing war es denn auch, der dem scheuen und unbeholfenen jüdischen Freunde den Weg in die Oeffentlichkeit ebnete; kein anderer wie er, der dann auf Mendelssohns Erstlingsschriften, die „Philosophischen Gespräche" und die „Briese über dre Empfindungen", in der „Berlinischen privilegierten Zeitung" anerkennend hinwies; Lessing regte Zu der gemeinsamen Bearbeitung der von der Akademie gestellten Preisfrage, „Pope, ein M e t a p h y si k e r!", an, und Lesstng wiederum