Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 468 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch: Legende and Charakter. Der Vater war hebräischer Schreiber. Der Sohn unitbe deutscher Schriftsteller. Der Vater schrieb die Heilige Schrift ab; eine fronnne Arbeit, ein bcmittiger Gottesdienst, ein fast demütigend karges Brot. Tie Mutter klagte nicht. Vielleicht verzehrte sie sich. Vielleicht schlug ihr Kummer nach innen. Vielleicht gibt es nichts Tragischeres als diese frommen jüdischen Mütter, die nicht von sich reden. Die still sorgten, sich bescheiden anheimgaben, freundlich zu trösten, zwei, drei melancholische Schlaflieder zu singen und „mit Liebe" zu kochen wußten. Diese Mütter hatten einen seltsamen Humor: sie räuniten den Männern den Alltag aus dem Wege. Und lvenn sie die Sabbatkerzen, vor sich hinbctend, anzündeten, hatten sie wohl ein Lächeln um die früh verwelkenden Lippen und eine ehrfürchtige Träne im Auge. Daun konunen die Männer vom Beten heim, der Tisch leuchtet festlich weiß, der süße Fisch wird ausgetragen, und nichts mehr von Tränen. Der Vater legt dem Knaben die Hände auf die blasse Stirn und sagt den Segen. Der kleine Moses hat vielleicht manchmal zu geguckt, wenn der Vater schrieb. Es waren kunstreiche Initialen, und die anderen Buchstaben sahen aus wie gestochen. Kurze Querbalken mit zierlichen Häkchen. Der Vater schrieb nnt schwarzem Lack, der einen feinen Geruch ausströmt. Vielleicht wehte ein Hauch des Erhabenen das an, eine Ahnung der Heiligkeit dieser Schrift, die abzuschreiben eine so ehrwürdig mühselige Kunst war. Der Vater schrieb, der Sohn mußte lernen. Die fünf Bücher und die drei Kommentare. Mischnah und Gemarah. Das antike und das mittelalterlich romantische Hebräisch und das skurrile Aramäisch. Ter Nambam inachte Eindruck auf ihn. Nambam, das ist Nt o s e s d e r Z weite, Maimonides. Der erste große Moses hatte sie zum Volke gemacht — der klassische Moses, der die Tafeln zerbrach. Ter zweite große Moses hatte den „Führer der Verirrten" geschrieben — der mittelalterliche Moses, der Aristoteles hebraisierte, Naturwissenschaftler und mnnrischjüdischer Philosoph lvar. Den kleinen Moses sollten sie später den Tritten nennen, den neuzeitlichen Mose-, den Kant schätzte und Lessing liebte ... Diese Jugend hat nicht gespielt. Diese Jungen mußten lernen, kaum daß sie kriechen konnten. Der dritte Moses, der eines kleinen Schreibers Sohn war, sagte über den zweiten: ihm, dem Maimonides, verdankte er seine Körperschwäche; er Hütte sich über dem „Führer der Verirrten" bucklig gelernt. Moses aus Dessau des kleinen Schreibers Mendel Sohn, liebte solche Ironie. Er war schlagfertig und tvnßte die Worte zu setzen. Tatsächlich hatte er einen Buckel. Aber er war kein Thersites. Sein Witz war nicht ohne die zarte Wehmut der frommen Mütter. Er klopfte eines Tages an die Tore von Berlin. Man wollte ihn nicht einlassen. Er war damals vierzehn Jahre alt. Man fragte ihn, was er in Berlin wollte. „Lernen!" Er lernte bei einem Rabbiner, der aus Dessau war. Er bekam eine winzige Kammer unterm Dach. Der Rabbiner sorgte auch für Freitische. Ter kleine Moses, dessen Muttersprache noch der Jargon war, Mittelhochdeutsch von hebräischen Brocken verwischt, lernte heimlich Deutsch. Es fanden sich Menschen, die ihm Latein und Griechisch beibrachten. Er lernte Englisch. Der junge Mann, der einen Buckel hatte, was tat er in Berlin? Lernen. Er soll Lessing beim Schachspiel kennengelernt haben. Das königliche war ihnen das gemäße Spiel. Lessing war kühn aggressiv, rünkelos und mützchenlos, dabei sprunghaft, ein Spieler mit Verstand, aber mit unbändigem Gefühl. Mendelssohn bedacht, umsichtig, in der Defensive erst zeigte sich seine Kunst, sein Blick. Aus der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Frontet Mendelssohn. Nach einem Miniaturporträt. Mendelssohn verlor selten, aber er verstand, mit einer Eleganz zu verlieren, die den Sieger entwafsnete. Er gab sich maßvoll mtb gescheit in allen Dingen. Er hatte die Tapferkeit, stehen zu bleiben, lvenn er gestellt wurde, und die Männlichkeit zu parieren, lvenn man ihn attackierte. Es gehört einige Philosophie zu diesem Spiet. Mendelssohn lvar Buchhalter. Vielleicht lvar er ein besserer Buchschreiber als Buchhalter. Doch war er mehr als korrekt und wurde schließlich Teilhaber einer Firma. Ter letzte Eh es lvar also mit ihm zufrieden. War Mendelssohn mit seinen Chefs zilfrieden? Er soll einmal über einen rabiaten Brotherrn gesagt Habel!: Was täte er ohne mich? Es ist besser so als umgekehrt. Was täte ich mit ihm? So war sein Humor: Vonluots auf dem mattgoldenen Grunde der Einsicht und Humanität. Er spottete nicht, obwohl er selbst, wie durch Spott, entstellt war. Er warb später um Fromet Guggenheim. Ihr Vater hatte nichts gegen diese Ehe. Damals lvar Mendelssohn schon bekannt. Die Tochter lehnte ihn ab. Es lvar sein Buckel, den sie ablehnte. Er bat, sich von ihr verabschieden zu dürfen. „Die Ehen", sagte er ihr und stockte vielleicht ein wenig, „die Ehen werden im Hinilnel geschlossen, nicht wahr? Als im Himmel, vor unserer Geburt, Ihnen der Gatte bestimmt werden sollte, zeigten sich Schlvierigleiten. Sie hatten einen ..." und hier stockte und zögerte er wieder ein wenig . . . „einen Buckel. Mir, o Gott, rief da rneine Seele, mir gib ihren Buckel!" So wurde sie seine Frau. Sie begann zu schluchzen und fiel ihm um den Hals. Es ist nicht anders zu denken als so: er hat gezögert. Ein wenig ilur, aber er Zögerte, ehe er diesen köstlichsten Schachzug tat. Und vielleicht schloß er, lvährend er diese seelische Rochade aussprach, die Augen. Denn es ist überliefert, daß er schüchtern lvar. Und es mag sein, daß sein Witz, die Prägnanz seiner Antworten, die knappe Klarheit seines Stils eine Folge feiner Schüchternheit lvar, wie überhaupt der sozusagen jüdische Humor undenkbar ist ohne die Jahrtausende lange Bedrückung und Verängstigung des Ghettos. Er war so schüchtern, daß er auf eigene Faust nie berühmt geworden .wäre. Lessing gab ihm einmal Shaftesburh zu lesen. Mendelssohn lvar damals noch der junge Buchhalter. Nicht viel später gab er Lessing einige philosophische Aufsätze. Darüber schlvieg Lessing. Mendelssohn wagte nicht, nach seinem Urteil zu fragen. Eines Tages erschien Lessing und legte ein Buch auf den Tisch. Das Buch enthielt Mendelssohns Aufsätze. Lessing hatte sie heimlich drucken lassen. Man darf sagen, daß dies ein Akt der Freundschaft lvar. Die Akademie der Wissenschaften veröffentlichte eine Preisaufgabe. Ten zweiten Preis erhielt Kant, den ersten Mendelssohn. Natürlich darf man daraus keine Schlüsse auf .Kaut oder die Akademie ziehen: Mendelssohns Selbstbcwußtsein indessen erwachte und wuchs. Er vollendete den Phaidon. Er lvurde bekannt. Sein Unlgang lvurde gesucht. Er wurde berühmt. Man darf übrigens nicht vergessen, das; er einen verwachsenen Rücken hatte. Man darf nicht vergessen, daß er auch innen verwachsen, doppelt von der Natur mißhandelt, weil er Jude lvar. Juden zählten damals kaum als Menschen; plötzlich lvar nun das Unterste zu oberst gekehrt. Dieser Mann war mit einem Schlage emanzipiert, lvährend für die anderen Juden das Avancement ins offizielle Menschentum erst langsam anhub. Ties Avancement war eigentlich seine Tat. Er wenigstens gab den Anstoß. So kam die Lawine der Humanität ins Rollen, steigende Stimmen antworteten, und Lessing trat mächtig hervor, ein Föngott, ein rufender Berggeist. Mendelssohn war zur nächst nur das erste Objekt der Emanzipation. Man nannte ihn dann den dritten Moses, weil er für die deutschen Juden Anlaß und Anstoß zur Elnanzipation lvurde. Sein Name wurde berühmt; so begann seine Wirkung. Er hätte blind sein müssen, um sie nicht zu bemerken. Bemerkenswert erscheint uns heute, daß sein Ruhm aus die allgemeinen Vorurteile Einfluß gewinnen konnte. Welchen Einfluß nahm seine Berühmtheit auf ihn selbst? Er war aus dem ' schwächlichen, buckligen, proletarischen Sohn eines kleinen Ghettoschreibers in Dessau ein Großbürger Europas geworden. Kant schmeichelte ihm und Mirabeau hielt ihn für eine von den Säulen, die sein Jahrhundert tat*