Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 467

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 467 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277868--05469-2286209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

4ö7 S. Weinberg: Kant und Mendelssohn „Wer den Besten seiner Zeit genug getan. Der hat gelebt für alle Zeiten." Im Jahre 1763 erhielt Mendelssohn den ersten Preis für seine Bearbeitung der philosophischen Preisaufgabe, die von der Berliner Akademie der Wissenschaften gestellt worden war. Die Auszeichnung war um so ehrenvoller, als kein Geringerer als Kant sich an dem Wettbewerb beteiligt hatte. — Die beiden Philosophen treten einige Jahre spater (1766) in dauernden freundschaftlichen Briefwechsel, der bis zum Tode Mendelssohns fortgesetzt wird. Mendelssohn, in dem die deutsche Aufklärungsphilosophie ihren „liebenswürdigsten und feinsinnigsten Vertreter" findet, konnte den neuen Wegen, die sein gewaltiger Freund in der Philosophie bahnte, nicht folgen, aber es zeugt für seinen philosophischen Blick, daß er sehr wohl erkannte, daß mit Kant eine neue Epoche in den philosophischen Wissenschaften begonnen hatte und daß seine eigene Philosophie „nicht mehr die Philosophie der Zeiten" sein konnte. Er prägt für Kant den Ehrennamen „der Alleszermalmer", der von der Nachwelt dauernd wiederholt wurde. Auf der anderen Seite wußte Kant die Begabung und Leistung Mendelssohns zu schätzen; er hat seine hohe Meinung von dem Berliner Weisen vielfach zum Ausdruck gebracht. Am 8. April 1766 schreibt Kant an Mendelssohn: „Solchen Genies wie Ihnen, inein Herr, kommt es zu, in dieser Wissenschaft der Philosophie eine neue Epoche zu machen, die Schnur ganz aufs neue anzulegen und den Plan zu dieser noch immer aufs bloße Geratewohl angebauten Disziplin mit Meisterhand zu zeichnen." Er nennt ihn einen „scharfsinnigen Philosophen" und zählt Mendelssohn neben Banmgarten und Garve zu „unseren größten Analysten". — Als dann Kants Hauptwerk, die „Kritik der reinen Vernunft", erschien, da legt er in vielen Briefen den größten Wert darauf, daß Mendelssohn sein System prüfen möge. Am 11. Mai 1781 schreibt er an seinen Schüler und Freund, den jüdischen Arzt Marcus Herz: „Daß Herr Mendelssohn mein Buch zur Seite gelegt habe, ist mir sehr unangenehm, aber ich hoffe, daß es nicht auf immer geschehen sein werde. Er ist unter allen, die die Welt in diesem Punkte aufklüren könnten, der wichtigste Mann, und aus ihn, Herrn Tetens und Sie, mein Wertester, habe ich unter allen am meisten gerechnet." Welch hohen Wert Kant aus das Urteil Mendelssohns legte, geht auch aus den vielfachen Bemühungen hervor, die er machte, um ihn für seine Philosophie zu gewinnen. Besonders rühmt Kant Mendelssohns Kunst der Darstellung, er schreibt ihm am 16. August 1783: „Es sind wenige so glücklich, für sich und in der Stelle anderer denken und die ihnen allen angemessene Manier im Vortrag treffen zu können. Es ist nur ein Mendelssohn." Dieses Lob hat Kant auch in seinen Werken wiederholt, im Vorwort zu den „Prolegomena" heißt es: „Es ist nicht jedermann gegeben, so subtil und doch zugleich so anlockend zu schreiben als David Hnme oder so gründlich und dabei so elegant als Moses Mendelssohn." Im Sommer 177 7 unternahm Mendelssohn eine Geschäftsreise nach Memel, sein Weg führte ihn über Königsberg, wo er die persönliche Bekanntschaft Kants machte. In einem Briefe an Marcus Herz schildert Kant das Zusammentreffen mit dem Berliner Philosophen; feine Bewunderung und Liebe für Mendelssohn findet einen schönen und warmen Ausdruck. Er schreibt unter dem 20. August 1777: „Heute reiset Ihr und, wie ich mir schmeichle, auch mein würdiger Freund Herr Mendelssohn von hier ab. Einen solchen Mann, von so sanfter Gemütsart, guter Laune und hellem Kopfe in Königsberg zum beständigen und inniglichen Umgänge zu haben, würde diejenige Nahrung der Seele sein, deren ich hier so gänzlich entbehren muß und die ich mit der Zunahme der Jahre vornehmlich vermisse . . . Ich habe es indessen nicht so einzurichten gewußt, daß ich von dieser einzigen Gelegenheit, einen so seltenen Mann zu genießen, recht hätte Gebrauch machen können, zum Teil aus Besorgnis, ihm etwa in seinen hiesigen Geschäften hinderlich zu werden. Er tat mir vorgestern die Ehre, zweien meiner Vorlesungen beizuwohnen, ä la fortune du pot, wie man sagen könnte, indem der Tisch auf einen so ansehnlichen Gast nicht eingerichtet war. . . Ich bitte Sie,' mir die Freundschaft dieses würdigen Mannes ferner zu erhalten." Mit Mendelssohns „Morgenstunden" war Kant sachlich nicht einverstanden; aber er will dieses Werk als das „vollkommenste Produkt" der Metaphysik gewertet wissen, „sowohl in Ansehung des kettenförmigen Zusammenhangs, als auch der ausnehmenden Deutlichkeit in der Darstellung . . ." Er nennt die Schrift „ein nie von seinem Werte verlierendes Denkmal der Scharfsinnigkeit eines Mannes, der die ganze Stärke einer Erkenntnisart, der er sich annimmt, kennt". Kant war auch ein bewundernder Leser von Mendelssohns „Jerusalem", und es ist bemerkenswert, welch schöne Worte er für Mendelssohns Darstellung des Judentums findet; er sagt in seinem Briefe an Mendelssohn (16... August 1783), nachdem er die „Scharfsinnigkeit, Feinheit und Klugheit" der Schrift hervorgehoben hat: „Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zu getraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und so hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits daraus wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muß." Strecke mitzufahren. Diesem sagte ichs ich müsse mich in dem Dorfe ein Stündchen aufhallen, weil ich den Prediger besuchen wollte. „Eben den wollte ich a u c h besuchen!“ sagte der polnische Jude. Ich verwunderte mich darüber, und noch mehr, da er mir folgende Geschichte erzählte: „Ich hatte dem Pastor einmal mein ganzes Vermögen in Verwahrung gegeben, und als vor einigen Jahren sein Haus abbrannte, hat er alles stehen und liegen lassen und erst das mehlige gerettet; darüber hat er das seinige verloren. Ich bin ihm daher zu grösstem Danke verpflichtetWir gingen nun beide zu dem alten Prediger ins Haus. Er umarmte uns freundschaftlich und bewirtete uns, so gut er konnte. Während der Zeit war der in Halle studierende Sohn des Pastors von der Universität zurückgekehrt; er hatte meine Schriften gelesen und von diesen seinem Vater viel erzählt. Um so mehr freute sich der alte Herr, mich imter seinem Dache zu bewirten, da ich auf alle Weise so gut bestand. Er Hess sich aufs Neue mit mir in ein eifriges Gespräch über die Ontologie ein. Bei unserer Abreise nahm er von mir aufs Zärtlichste, von dem polnischen Juden wie von linem alten, guten Freunde Abschied Dieser Prediger wurde später Mendelssohns bester Freund. So oft er durch das Dorf reiste, besuchte er ihn, und immer wurde er von ihm aufs herzlichste empfangen. * Johann Peter Hebel erzählt in seinem „Scliatzkästlein des rheinischen Hausfreundes”: „Moses Mendelssohn war Handlungsdiener bei einem Kaufmann, der das Pulver nicht soll erfunden haben. Dabei war er aber ein sehr frommer und weiser Mann, und wurde daher von den angesehensten und gelehrtestem Männern hochgeachtet und geliebt. Und das ist recht. Denn man muss um des Bartes willen den Kopf nicht verachten, an dem er wächst. Dieser Moses Mendelssohn gab unter anderem von der Zufriedenheit mit seinem Schicksal folgenden Beweis. Als eines Tages ein Freund zu ihm kam und er eben an einer schweren Rechnung schwitzte, sagte dieser: „Es ist doch schade, guter Moses, und es ist unverantwortlich, dass ein so verständiger Kopf, wie Ihr seid, einem Manne ums Brot dienen muss, der Euch das Wasser nicht bieten kann. Seid Ihr nicht am kleinen Finger gescheiter, als er am ganzen Körper, so gross er ist?“ Einen andern hätf das im Kopf gewurmt, hätte Feder und Tintenfass mit ein paar Flüchen hinter den Ofen geworfen und seinem Herrn auf gekündet auf der Stelle. Aber der verständige Mendelssohn Hess das Tintenfass stehen, steckte die Feder hin-, ter das Ohr, sah seinen Freund ruhig an und sprach zu ihm also: „Das ist recht gut, wie es ist, und von der Vorsehung weise ausgedacht. Denn so kann mein Herr von meinen Diensten viel Nutzen ziehen, und ich habe zu leben. Wäre ich der Herr und er mein Schreiber, ich könnte ihn nicht brauchen.“ # Infolge ungewöhnlich frühen Studiums der Bibel und ihrer Erklärer, bei dem er sich über Folianten beugen musste, litt Mendelssohn an einer Rückgratsverkrümmung; ausserdem hatte er einen Sprachfehler. Im Freundeskreise musste einmal jeder seine Schwächen besingen. Mendelssohn tat das mit den folgenden Versen: Gross nennet Ihr den Demosthen, Den stotternden Redner von Athen; Den höckr ichten Aesop halft Ihr für weise — Triumph! Ich werd9 in Eurem Kreise Doppelt so gross und gefeiert sein, Denn Ihr habt bei mir im Verein, Was man bei Aesop und Demosthen Hat getrennt gehört und gesehn.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.