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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 466

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 466 (sequence 14)
Language
German
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H. Stern: Der Erzieher. Wenn wir deutsche Juden heute Mendelssohn als den Schrittmacher und Bahnbrecher der Emanzipation feiern, so wollen wir nicht vergessen, daß dieses Werk vor allem auch eine pädagogische Seite hatte: die Juden aus ihrer kulturellen Isolierung zu erlösen und der deutsch-europäischen Kulturgemeinschast einzugliedern. Diese schwierige Ausgabe erkannt und in Angriff genommen Zu haben, ist das unvergängliche Werk Mendelssohns und seiner Schüler. Mendelssohn hat als Sohn einer erziehungs- und bildungsresormatorisch stark bewegten Zeit auch den pädagogischen Fragen ein starkes Interesse entgegeugebracht, und vor allem sind es die Fragen nach der Bestimmung des Menschen und nach dem Wesen der Bildung, die ihn in seinen zahlreichen Schriften beschäftigen. Die Bestimmung des Menschen ist nach ihm — ganz im Sinne seiner Zeit — die Glückseligkeit. Glückselig ist der Mensch, der seine gesamten Anlagen ltnb Kräfte als Mensch und Bürger entwickeln und in den Dienst der sittlichen Meuschheitsaufgaben stellen kann: „nach Wahrheit streben, Schönheit lieben, Gntes wollen und das Beste tun". — Wenn nun Mendelssohn die Bildungslage seiner „Nation" überblickte, was sah er da? Nichts von dem, was seiner hohen Auffassung vom Wesen echter Bildung und Kultur entsprach. An Stelle einer Entfaltung aller menschlichen Anlagen und Kräfte eine nicht nur einseitige, sondern entartete talmudischeBildung, die nicht einmal jüdisch zu neunen war, weil ihr die Absicht aus eine religiös-sittliche Erziehung sernlag. An Stelle einer zeitgemäßen Bürgerbildung die bewußte und gewollte Abschließung von den dem Bürger seiner Zeit selbstverständlichen Bildungsmitteln, vor allem von der Sprache, in der Mendelssohn den^tzauptfaktor der Volksbildung erkannte. kam Mendelssohn zu seiner pädagogischen Großtat, seiner deutschen Bibelübersetzung. Sie war ihm mehr als nur ein Praktisches Mittel zur Ueberleitung seiner Glaubens- und Stammesgenossen in die deutsche Sprachgemeinschaft. Er hatte im Jargon „eine Quelle der Unsittlichkeit des gemeinen Mannes erkannt" und erwartete „eine sehr gute Wirkung von dem unter meinen Brüdern seit einiger Zeit auskommenden Gebrauch der reinen deutschen Mundart". Er hatte sich nicht getäuscht: die Zeitgenossen und späteren jüdischen Geschichtsschreiber berichten uns von der überwältigenden Wirkung dieses Schlüssels zu den Schützen einer Kultur, die eine bildungshnngrige Jugend schon lange erstrebt hatte. Die volle Auswirkung dieses Bildungsstrebens wie die Lösung des Erziehungsproblems im Sinne Mendelssohns war nur dann möglich, wenn es gelang, die jüdischen Massen der Fuchtel der unkultivierten polnischen Schulmeister zu Was aus der „Freischule“ wurde: Die jüdische Knabenschule zu Berlin• ms entziehen und einem geordneten Bildungsgang zuZllsühren. Zwar eröffnete sich damals wenigstens für die bemittelten jüdischen Kinder die Möglichkeit, in den neuen Schulen der Philanthropiniften, der „Entschiedenen Schulreformer" des 18. Jahrhunderts, einzutreten. Aber dieser Schritt war für die Juden noch, zu weit: die Zeit für eine gemeinsame Erziehung vor: Christen und Juden war noch nicht gekommen. Die Lösung des jüdischen Erzichungsproblerns mußte auf jüdischem Boden, d. h. in jüdischer Schulen, in Angriff genommen werden. D a v i d F r i e d l ä n d e r , einer der tatkräftigsten Schüler Mendelssohns, erzählt uns, wie stark diese Frage Mendelssohn und seine Schüler bewegte. Die letzteren schritten zur Tat: In Jahre 1778 erfolgte die Gründung der „Jüdischen Freischule" in Berlin, der ersten deutschjüdischen Schule, bk bk Keimzelle der heutigen Knabeu-Mittelschule der jüdischen Gemeinde wurde. Der Lehrplan der Schule umfaßte Schreiben, Rechnen, Buchhaltung, Hebräis ch. Deutsch, Französisch und mathematische Geographie. Obwohl Mendelssohn bei dieser Christen wie Juden gleich stark interessierenden Gründung gar nicht hervorgetreten war, wußte jeder, daß ihm „die intellektuelle Urheberschast und theoretische Planzeichnung" zuzuschreiben sei. Bis zunr Jahre 1819 hatte die Schule auch christliche Schüler. Schon im Jahre 1779 erschien das „Lesebuch für jüdische Kinder", das erste in seiner Art, an dessen Abfassung Mendelssohn auch erheblichen Anteil hat. Jur Laufe der Jahre folgten weitere Gründungen: die Samson- Schule in Wolfenbüttel, die Jacobsohn-Schule in Seesen, die Wilhelm-Schule in Breslau. Die Wirksamkeit des Mendelssohn-Kreises reichte noch weiter. Nachdem im Jahre 1781 Kaiser Joseph II. für Oesterreich das Toleranzdelikt erlassen hatte, ging ein rühriger Mendelssohn- Schüler, H e r z H o m b e r g, nach seiner Heimat zurück und wurde der Organisator und Oberaufseher der jüdischen Schulen in Galizien. Auch auf die Neuordnung des jüdischen Schulwesens in Triest erstreckte sich der Einfluß der Berliner Schulresormer. Der Bann war gebrochen, die neue Entwick-- lung war im Fluß. Ihr Urheber war, wie wir gesehen haben, Mendelssohn. Aber wirksamer als seine Schriften war dabei seine reine, hohe Persönlichkeit mit ihrer Verkörperung von echtem Judentum und deutscher Bildung, die den Juden Weg und Ziel wies. Und das ist doch das Beste und Höchste, was ein Mensch, und besonders ein Erzieher, seiner Zeit und seiner Gemeinschuft schenken kann: seine Persönlichkeit als Vorbild und Wegweiser. bestreiten: sie bilden aber zuweilen die Grundlage, auf welcher das Volk, das sie hegt, das System seiner Sittlichkeit und Geselligkeit ausgebaut hat, und sind also zufälligerweise diesem Teile des menschlichen Geschlechts von großer Wichtigkeit geworden. „Allein solange die Wahrheit nicht erkannt wird, solange sie nicht einmal national geworden ist, um auf den großen Haufen so mächtig wirken zu können, als das eingewurzelte Vorurteil, muß dieses einem jeden Freunde der Tugend beinahe heilig sein. Man ist zu dieser Bescheidenheit um so viel mehr verbunden, wenn die Nation, welche nach unserer Meinung dergleichen Jrrtümer heget, sich übrigens durch Jugend und Weisheit verehrungswert gemacht hat und eine Menge großer Männer unter sich zählet, die Wohltäter des menschlichen Geschlechts genannt zu werden verdienen. Ein so edler Teil der Menschheit muß auch da, wo ihm etwas Menschliches begegnet, mit Ehrfurcht verschont werden. Wer darf sich erkühnen, die Vortrefslichkeiten einer so erhabenen Nation aus den Augen zu setzen, um sie da anzugreisen, wo er eine Schwäche bemerkt zu haben glaubt?" Das Schreiben machte auf alle, die es lasen, tiefen Eindruck. Lavater bedauerte seinen unpassenden Schritt und bat Mendelssohn aufrichtig um Verzeihung, die dieser ihm auch gern gewährte. (Ein Kapitel aus Seifensieders Mendelssohn- Biographie. Philo Verlag.) Anekdoten mitgeteilt von Eugen Wölbe. ln einer Gesellschaft sagte Mendelssohn, es sei eine vortreffliche Sache um die Metaphysik, besonders aber um die Ontologie, die Lehre vom reinen Sein. unter die auch die Beweise für das Dasein Gottes fallen, weil einem diese zuweilen ein Nachtlager verschafft. Allgemeines Erstaunen. „Sie glauben es nicht?“ fuhr der Weise fort, „nun, mir hat sie einmal zu einem guten Nachtlager verhol fen, nachdem ich mich schon darein ergeben hatte, die Nacht in meinem Wagen unter freiem Himmel zuzubringen.“ Alle waren neugierig zu hören, wie dies möglich sein könnte, und Mendelssohn berichtete: „Ich wurde einmal auf der Reise genötigt, in einem kleinen Dorfe zu übernachten, wo kein ordentlicher Gasthof war. Das Weiter war sehr unfreundlich, und da ich erfuhr, dass ein Prediger in diesem Orte wohnte9 schickte ich zu diesem und Hess ihn bitten, einem Gelehrten aus Berlin Nachtlager zu gewähren. Der Pastor war zwar hierzu gern bereit, hatte aber doch einige Bedenken, als er hörte, der Gelehrte aus Berlin sei — Jude. Wie ich auf das Haus zukam, sah ich den Prediger, der mich bereits erwartete — einen sehr ehrwürdigen Greis — vor der Tür stehen. Ehe mich aber dieser alte Mann unter sein Dach nötigte, wollte er erst einige genauere Erkundigungen einziehen und fragte mit ausgestrechtem Arm und auf mich gerichtetem Zeigefinger: Quid est qntologia? Ich sagte ihm die Wolffsehe Definition in lateinischer Sprache. Der Pastor gab sich aber noch nicht zufrieden, sondern fragte weiter bis auf den Begriff von Gott, und da ick meine Beantwortung und Erklärung des Begriffs von Gott mit den Worten schloss: „Ens summum Optimum maximum“, fiel der Gr ei' — gleichsam wie in einer ihm bekannten Melodie — mit Entzücken ein: „Ens summum Optimum maximum.“ Jetzt erst bot er mir freundlich die Hand und sagte: „Seien Sw mir herzlich willkommen, mein lieber Men delssohnt“ Auf meiner Rückreise kam ich wieder durch dasselbe Dorf, diesmal in Begleitung eines polnischen Juden, den ich — weil er nach Hause ging — eingeladen hatte, eine

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