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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 465

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 465 (sequence 13)
Language
German
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465 nur aus sich zu verstehen wäre. Das Gesetz des Schönen liegt im Künstler. Der Geniebegriff, der in der auf Mendelssohn folgenden Aesthetik zentral ist, wird schon hier ganz deutlich gesehen. „Das Genie kann den Mangel der Exempel ersetzen, aber der Mangel des Genies ist unersetzlich" oder „Nun achte ich an einem Dichter Genie höher als Geschmack, Vernunft und Kritik, nämlich, wenn ich wählen, und nicht alle trefflichen Eigenschaften beisammen finden soll". Mendelssohn steht auf der Seite Shakespeares und Klopstocks; als „Kunstbetrach- Ler" hebt er ihre Schönheiten heraus und gewinnt an ihnen Maßstäbe für die Kritik, als „Kunstzergliederer" sind sie und alle echte Kunst mit ihnen das Objekt, an dem er immer neue Einsichten in das Wesen des Schönen gewinnt. Das Schöne hat sein eigenes Gesetz im Schaffen und Genießen: so ist es auch also unabhängig von allen fremden, außer ihm liegenden Bewertungen. Kunst und Moral liegen in verschiedenen Ebenen; „theatralische Sittlichkeit" ist keine moralische: was moralisch gut ist, ist an sich nicht schön, und das Ethisch-Böse ist ein vorzüglicher Gegenstand des Aefthetischen. Man sieht, Mendelssohn ist kein moralisierender Kunstrichter, der als Kunst nur anerkennt, was gute Beispiele gibt und lehrhaft wirkt. Wenn die Kunst einen Zweck hat, dann ist er universaler und aus den Gesamtsinn des menschlichen Lebens bezogen. In der \\ Aus: nJohann Kaspar Lavaters Lebensbeschreibung von seinem Tochtermann Georg Gessner.“ Kunst kann der Mensch harmonisch vereinen, was sonst in die verschiedenen Gebiete des Erkennens - und Wollens auseinandersällt. „Wer nach der höchsten Stuse der sittlichen Vollkommenheit ringt, wer nach der Seligkeit strebt, seine unteren Seelenkräfte mit den oberen in eine vollkommene Harmonie zu bringen, der muß es mit den Gesetzen der Natur wie der Künstler mit den Regeln seiner Kunst machen. Er muß so lange mit der Uebung fortfahren, bis er sich, in währender Ausübung, seiner Regeln nicht mehr bewußt ist, bis sich seine Grundsätze in Neigungen verwandelt haben, und seine Tugend mehr Naturtrieb als Vernunft zu sein scheint. Alsdann hat er die heroische Größe erreicht, die über den Kampf gemeiner Leidenschaften hinweg ist, und ohne Eitelkeit die bewunderungswürdigsten Tugenden ausübt." (Rhapsodie.) So endet die Aesthetik bei Mendelssohn in einem Gedanken über den Menschen und die höchste Form und edelste Ausübung seines Schaffens, der gewiß nicht ausgebaut und grundlegend verwertet worden ist, dem auch manche anders gerichtete Bemerkung entgegensteht — aber dieser Gedanke, an den Schiller unmittelbar seine großartigen Formulierungen anschließen kann, gibt rückblickend eine Einsicht in die Bedeutung der Mendelssohnschen Gedanken zur Aesthetik, die noch schärfer wird, wenn man die langweiligen und moralisierenden Erörterun-- gen mancher seiner zeitgenössischen philosophischen Gesinnungsgenossen dagegenhält. Jakob Seifensieder: Der Streit mit Lavater. Bald aber erfuhr Mendelssohn, daß der Ruhm auch seine Schattenseiten hat und daß, wer im Ruhme sitzt, in einem Glashaus sitzt, wo er allen Blicken und Angriffen der Menschen ausgesetzt ist; denn er wurde nun durch einen Verehrer in eine peinliche Angelegenheit verwickelt, die ihm viel Aerger und Aufregung verursachte. Der Züricher Geistliche Lavater, ein schwärmerischer Glaubensapostel, der sich durch seine „Phystognomische Fragmente" einigen Ruhm als Schriftsteller erworben hatte, war bereits 1763 auf seiner Berliner Reise mit Mendelssohn in Berührung gekommen und hatte in einer theologischen Unterhaltung mit ihm den besten Eindruck von ihm gewonnen, so daß er von tiefer Verehrung für ihn erfüllt wurde. Die Bewunderung wuchs zu Schwärmerei, als vier Jahre später der „Phädon" erschien und seinen Ruhm durch ganz Deutschland erstrahlen ließ. Immer mächtiger wuchs jetzt in dem frommen Eiferer der Wunsch, diese „sokratische Seele" aus dem „jüdischen Aberglauben" zu erlösen und in die lichten Gärten des alleinseligmachenden eigenen Glaubens zu verpflanzen. Mag nun auch dieser Wunsch vom Standpunkt Lavaters verzeihlich gewesen sein, unverzeihlich war jedenfalls die plumpe Art, in der er dabei zu Werke ging. Er sandte ihm nämlich 1769 die von ihm übersetzte „Untersuchung der Beweise für das Christentum" von Bonnet und forderte ihn in einem beifolgenden Schreiben auf, die Schrift zu widerlegen, wenn er die Beweise nicht richtig finde, wenn er sie aber richtig finde, „zu tun, was Klugheit, Wahrheitsliebe, Redlichkeit zu tun heißen, was Sokrates getan Hütte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte." Mendelssohn war durch dieses ungestüme Entweder-Oder, das ihm wie eine geladene Pistole auf die friedliebende Brust gesetzt wurde, aufs höchste betroffen und gekränkt. Man muß sich nur vergegenwärtigen, in welchen Verhältnissen damals die Juden auch in den Staaten des großen Königs lebten und daß man schon einmal sieben Jahre früher Mendelssohn, weil er „in einem Aufsatz wider den Hofprediger Cramer die Gottheit der christlichen Religion aus den Augen gesetzt habe", mit Landesverweisung bedroht hatte. Und nun sollte er in aller Öffentlichkeit die Grundlagen der christlichen Religion angreifen, er, dem Religionsstreitigkeiten in tiefster Seele zuwider waren, oder dem Angreifer auf Kosten des Judentums, mit dessen Glaubenswahrheiten er von früher Kindheit an vertraut, von deren Wahrheit er überzeugt war, einen billigen Triumph verschaffen? Und doch mußte er antworten, sollte man nicht „ein zuweit getriebenes Stillschweigen für Verachtung oder Geständnis halten". So entschloß er sich denn zu einer Antwort, aber er gab sie, wie sie eben nur ein Mendelssohn geben konnte: mit der überzeugenden Klarheit und verhaltenen Ruhe des Philosophen, mit dem vollendeten Takt des Weltmannes und der tiefen Herzensneigung des glaubenstreuen Juden. Die Aufforderung Lavaters zu prüfen und zu bekennen, weist er mit den Worten zurück: „Ich darf sagen, daß ich meine Religion nicht erst seit gestern zu untersuchen angefangen . . . Wäre nach diesem vieljührigen Forschen die Entscheidung nicht völlig zum Vorteile meiner Religion ausgefallen, so hätte sie notwendig durch eine öffentliche Handlung bekannt werden müssen. Ich begreife nicht, was mich an eine dem Ansehen nach so überstrenge, so allgemein verachtete Religion fesseln könnte, wenn ich nicht im Herzen von ihrer Wahrheit überzeugt wäre. Das Resultat meiner Untersuchung mochte sein, welches man wollte, sobald ich die Religion meiner Väter nicht als die wahre erkannte, so mußte ich sie verlassen. Wäre ich im Herzen von einer anderen überführet, so wäre es die verworfenste Niederträchtigkeit, der innerlichen Ueberzeugung zum Trotz die Wahrheit nicht bekennen zu wollen . . . Allein von dem Wesentlichen meiner Religion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, als Sie oder Herr Bonnet nur immer von der Ihrigen sein können, und ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahrheit, Ihrem und! meinem Schöpfer und Erhalter, bei dem Sie mich in Ihrer Zuschrift beschworen haben, daß ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, solange meine Seele nicht eine andere Natur annimmt". Nach diesem rückhaltlosen Bekenntnis zur jüdischen Religion umschreibt er sehr klug und feinfühlig seine Stellung zur Bonnetschen Schrift. Er betont zunächst, daß die jüdische Religion nicht ausgebreitet sein und keine Anhänger werben will. „Wer nach unserem Gesetz nicht geboren ist, darf auch nicht nach unserem Gesetze leben. Wir handeln nach unserer Ueberzeugung und andere mögen die Gültigkeit der Gesetze immer in Zweifel ziehen, die ihnen nach unserem eigenen Geständnis nicht obliegen. Ob jene billig, verträglich, menschenfreundlich handeln, daß sie unsere Gesetze und Gebräuche so sehr verspotten, können wir ihrem eigenen Gewissen anheimstellen". Das Judentum will also nicht bekehren, aber auch nicht verdammen. „Mich dünkt," fährt Mendelssohn fort, „wer in diesem Leben die Menschen zur Tugend anführt, kann in jenem nicht verdammt werden". Zu dem Glaubensinhalt des Christentums kritisch Stellung zu nehmen, vermeidet er von seinem Standpunkt als Jude mit Recht. Nur allgemein äußert er, man könne wohl glauben, es sei Pflicht eines jeden Menschen, Religionsmeinungen, die er für irrig hält, öffentlich zu

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