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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 463

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 463 (sequence 11)
Language
German
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4H3 überlegenen Gegner zeigten sich bereits die Vorläufer der der Aufklärung innerlichst feindlichen Romantik: so F. H. Jacobi, dessen Streitschrift „Ueber die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn" diesen so er- . egte, daß sie nach vieler, auch nach Goethes, Meinung einen Tod herbeiführte — freilich besonders deshalb, weil sie eie Innigkeit seiner Freundschaft mit L essin g in Frage zu -rollen schien. Aber gerade durch Kant ist das Andenken des Philosophen Mendelssohn wach gehalten worden. Als der große Denker noch selbst seinen Weg Zur Neuiegründung der Philosophie § suchte, glaubte er in Mendelssohn einen Mitarbeiter zu finden; ja, er überschätzte ihn gewiß, wenn er ihm im Jahre 1766 schrieb: „Solchen Genies wie Ihnen, mein Herr, kommet es zu, in dieser Wissenschaft eine neue Epoche zu machen." Und in bezug auf Einblendungen, die Mendelssohn nebst dem Mathematiker und Philosophen Lambert gegen Kants wichtige Schrift vom Jahre 1770 „Ueber die Form und die Prinzipien der sinnlichen und der intelligiblen Welt" ihm gemacht hatte, heißt es in einem Briefe an Markus Herz: „Solche Briese als diejenige sind mit denen ich von diesen beyden Gelehrten bin beehret worden flechten mich in eine lange Reihe von Untersuchungen ein." Aber auch noch nach dem Erscheinen der „Kritik der reinen Vernunft", von der er ein Exemplar an Mendelssohn gesandt hatte, schreibt er an Markus Herz: „Er ist unter allen, die die Welt in diesem Punkte aufklären könnten, der wichtigste Mann", und sogar noch zwei Jahre später, 1783 — in einem Briefe an Mendelssohn, in welchem Kant die „Scharfsinnigkeit, Feinheit unb Klugheit" seines Werks „Jerusalem" bewundert und diese Schrift als Verkündigung unbeschränkter Gewissensfreiheit und einer über das Judentum hinaus erforderlichen Reform preist — äußert er ausdrücklich dieselbe Ansicht über Mendelssohns philosophische Begabung. Doch auch wo Kant später an der Mendelssohnschen Philosophie scharfe Kritik übt, spricht er mit Hochachtung von Mendelssohns philosophischen Fähigkeiten und Leistungen — so in der Abhandlung: „Was heißt: sich im Denken orientieren?", durch die er in den Mendelssohn-Jaeobischen Streit eingreift und besonders freundlich Mendelssohn und seine „überaus scharfsinnigen Entwicklungen" würdigt. Ferner sind der Kritik an Mendelssohn gewidmet „Einige Bemerkungen zu L. H. Jakob's Prüfung der Mendelssohnschen Morgenstunden", der Abschnitt „Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Beharrlichkeit der Seele", den die zweite Auflage der „Kritik der reinen Vernunft" ausgenommen hat, endlich der dritte Abschnitt der Schrift von 1793 „Ueber den Gemeinspruch: das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis" — dieser Abschnitt mit der Ueberschrift „Vom Verhältnis der Theorie Zur Praxis im Völkerrecht" trägt den Untertitel „Gegen Moses Mendelssohn". Als ein zusammenfasfendes Urteil Kants über Mendelssohns Philosophie darf aber diese Stelle aus einem Brief an den Jenaer Professor Christian Gottfried Schütz angesehen werden, die sich auf die „Morgenstunden" bezieht: „Man kann dieses letzte Vermächtnis einer dogmatisierenden Metaphysik zugleich als das vollkommenste Produkt derselben, so wohl in Ansehung des kettenförmigen Zusammenhangs, als auch der ausnehmenden Deutlichkeit in Darstellung derselben anfehen, und als ein nie von seinem Werte verlierendes Denkmal der Scharfsinnigkeit eines Mannes, der die ganze Stärke einer Erkenntnisart, der er sich annimmt, kennt, und sie in seiner Gewalt hat, an welchem also eine Kritik der Vernunft, die den glücklichen Fortgang eines solchen Verfahrens bezweifelt, ein bleibendes Beispiel findet, ihre Grundsätze auf die Probe zu stellen, um sie darnach entweder zu bestätigen oder zu verwerfen." Es kann hier nicht untersucht werden, wie etwa nach dem Fortgang des Philosophierens im 19. und 20. Jahrhundert dieses Urteil zu modifizieren ist. Dazu bedürfe es auch einer genaueren Vorstellung von Mendelssohns Lehren. Eine solche und damit die Möglichkeit eines vom Standpunkte der heutigen Zeit begründeten Urteils über seine Philosophie könnte aber nur durch eine ausführlichere Zeichnung seiner gesamten Lehre vermittelt werden — eine Darstellung, die unter der Fülle der Jubiläumsgaben von berufener Seite zu erwarten ist. Was der Philosoph Mendelssohn war, wird aber auch durch die gesamte Lehre, die in seinen schriftstellerischen Kundgebungen enthalten ist, nicht erschöpft. Denn er, das Urbild Aus der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. ,,Vermutlich kennst Du diese Silhouette? Ich kann Dirs kaum verhehlen! Sie ist mir gar zu lieb! Car zu sprechend! ... Ich weide mich an diesem Umrisse! Mein Blick wälzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stirn auf den scharfen Knochen des Auges herab ... In dieser Tiefe des Auges sitzt eine sokratische Seele! Die Bestimmtheit der Nase, — der herrliche Uebergang von der Nase zur Oberlippe — die Höhe beider Lippen, ohne dass eine über die andere hervorragt. Oh, wie alles dies zusammenstimmU mir die göttliche Wahrheit der Physiognomie fühlbar und anschaulich zu machen. Ja, ich seh* ihn, den Sohn Abrahams, der einst noch mit Plato und Moses — erkennen und anbeten wird den gekreuzigten Herrn der Herrlichkeit Lavater in seinen physiognomischen Fragmenten über Mendelssohn, S. 241. des Nathan, erfüllte im persönlichen Umgang und in seinem ganzen Lebensstil für seine Freunde wie für eine große Zahl rhm sernerstehender, und darunter hervorragender, Persönlichkeiten, das Ideal des Philosophen, das die Antike und auch das 18. Jahrhundert noch als höchstes verehrte, das Ideal des Weisen. Der Weise aber ist Philosoph, auch wenn er sich nicht oder nur in unvollkommenen Werken literarisch betätigt. Zweifellos hatte Mendelssohn auch eine nicht gemeine Begabung für theoretisches Philosophieren. Trotz dieser Begabung und trotz des Glückes der frühen Freundschaft mit L es sing hinderte ihn jedoch manche Ungunst feiner Lebensumstände, zuletzt besonders feine Krankheit, zuerst der Mangel einer Unterweisung durch einen bedeutenden Philosophen, seine Anlagen als philosophischer Forscher und Schriftsteller voll zu entfalten — er selbst schreibt einmal an den großen Königsberger Philosophen: „Hätte ich vor meinem zwanzigsten Jahre einen Kant zum Freunde gehabt!" Um so mehr muß man bei der Schätzung des Philosophen Mendels-, fohn über das, was in seinen Werken von ihm erfaßbar ist, hinausgehen. Gerade bei ihm ist es sogar geboten, den Philosophen nicht aus seiner gesamten Persönlichkeit zu isolieren. Wie z. B. sein ästhetisches Feingefühl in die Darstellung seiner philosophischen Werke einsließt, so wirkt umgekehrt fein philosophischer Geist mit seinen übrigen Talenten in den Leistungen zusammen, die ihm in der Geschichte der Kultur einen unvergänglichen Namen sichern. Dieser philosophische Geist, der die Vervollkommnung nicht nur dachte und lehrte, sondern für sie erglühte und lebte, ist das kostbarste Vermächtnis des Philosophen Mendelssohn, das seinen unvergänglichen Wert bewahrt, wenn auch das durch Zeit und Schicksal Bedingte an esinen philosophischen Werken veraltet ist.

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