Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 462 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich. Levy: Der 'Philosoph. Moses Mendelssohn gehört nicht zu jenen großen Philosophen, die, wie Kant, durch Begründung einer neuen Methode, durch eine „Revolution der Denkart" eine folgenreiche Bewegung des Gedankens herausgeführt oder, wie Spinoza, ein philosophisches System, eine in sich geschlossene, mit eherner Konsequenz dargestellte Welt- und Lebensanschauung der Nachwelt hinterlassen haben. Den Anspruch auf solche philosophischen Leistungen hat Mendelssohn aber auch nicht erhoben. Im „Anhang" zur Zweiten Auslage seines von fast allen bedeutenden Zeitgenossen bewunderten „Phädon" — 1768, lange bevor Kants Kritik der Ausklärunasphilosophie und damit den Mendelssohnschen Lehren verhängnisvoll wurde — erklärt er, getreu der ihn auszeichnenden toleranten und bescheidenen Wesensart: „Ich habe mich über keinen unbilligen Tadel zu beschweren, vielleicht aber über unbilliges Lob, davon mich die Selbsterkenntnis versichert, daß es übertrieben ist. . . Ich habe mir niemals in den Sinn kommen lassen, Epoche in der Weltweisheit zu machen, oder durch ein eigenes System berühmt zu werden. Wo ich eine betretene Bahn vor mir sehe, da suche ich keine neue zu brechen. Haben meine Vorgänger die Bedeutung eines Wortes festgesetzt, warum sollte ich davon abweichen? Haben sie eine Wahrheit ans Licht gebracht, warum sollte ich mich stellen, als wüßte ich es nicht?" Ter Mann, der in solcher Selbsterkenntnis auf den Rang eines schöpferischen großen Denkers und eines philosophischen Systematikers freiwillig verzichtete, wurde 31t seiner Zeit gleichwohl — und schon wegen dieser seiner Selbsterkenntnis nicht ohne Berechtigung — mit Sokrates verglichen, er war in der Tat ein echter Philosoph. Seine Philosophie hat jedoch andre Absichten, anderen Charakter als die jener Denker, hinter deren säkularen philosophischen Leistungen die seinigen freilich weit zurückstehen und nach ihrem Typus mrückstehen müssen. Man hat diesen Typus der Philosophie mit verschiedenen Namen bezeichnet: Aufklärungs-, speziell Popular- Philosophie, auch Philosophie des gesunden M e n - schenverstandes und Philosophie f ü r d i e W e l t. Diese Worte gebraucht man heute zumeist in einem etwas herabsetzenden Sinn. Tatsächlich wurde die Philosophie dieses Typus im Deutschland des 18. Jahrhunderts nicht selten seicht und oberflächlich; ihre Gegner aber brachten sie, indem sie diese Schwäche betonten, als ein Ganzes in Mißkredit. Nach ihren eigentlichen Zielen und kulturgeschichtlich betrachtet, verdient indessen diese philosophische Bewegung, ohne welche die klassischen Verkünder der Humaniät nicht möglich gewesen wären, eine hohe positive Wertung. Gemäß diesen Zielen sollen die Vorurteile vernichtet werden, welche die Verallgemeinerung der Kultur verhindern.und die Menschen trennen; es soll vielmehr jeder einzelne an den Errungenschaften der Erkenntnis teilnehmen und durch Erkenntnis nach der Ansicht dieser Männer „glückselig", d. h. tugendhaft und glücklich zugleich werden. Als gesicherte Erkenntnis nach dem Zeugnis der Vernunft und des gestlnden Menschenverstandes — auch für Mendelssohn Wahrheitsquellen von gleichem Werte — galt aber den Popularphilosophen eine Mischung aus der Philosophie des großen Leibniz, hauptsächlich in der dem Durchschnittsverstand angepaßten Form, in die sie sein Schüler C H r. Wolfs gebracht hatte, und aus den dem täglichen Leben näheren Lehren englischer Philosophen. Indem die Männer der Aufklärung diese Mischung zu popularisieren und zu verbreiten sich vorsetzten, wurden sie mehr Lehrer der Philosophie als philosophische Forscher. Sie waren aber auch beseelt von dem reformatorischen Drang, durch philosophische Belehrung das Leben umzugestalten, und in diesem Streben sind sie doch auch wieder den größten forschenden und schöpferisch gestaltenden Philosophen verwandt. Als der zweifellos hervorragendste und edelste Vertreter dieser philosophischen Richtung wird nun von den gründlichsten Historikern der Philosophie Moses Mendessohn anerkannt. Beweglich, scharfsinnig, klar und geschmackvoll, hat er zunächst auf dem Gebiet der philosophischen Einzeldiszrplinen sich bewährt: an pshchologischenProblemen und an derAusbildung der Aesthetik hat er so tätig mitgearbeitet, daß die Geschichte dieser philosophischen Wissenschaften seinen Namen nicht übergehen kann. (Ueber Mendelssohns Leistungen aus dem Gebiete der Aesthetik, die mit seinen psychologischen eng verknüpft sind, berichtet ein besonderer Aufsatz dieser Nummer.) Er hat sich ferner ernstlich den philosophischen Fragen gewidmet, die im Zusammenhang mit seinem Neformations- und Emanzipationswerk stehen, mit den Problemen des Verhältnisses von Staat und Kirche, der positiven und der Vernunstreligion. Aber auch der wichtigsten Ausgabe einer wissenschaftlichen Philosophie, der prinzipiellen Untersuchung der allgemeinen philosophischen Grundprobleme, hat er sich nicht entzogen. So schickt Mendelssohn in den „Morgenstunden" eine philosophische Prinzipienlehre den Beweisen der für ihn zentralen Lehre vom Dasein eines persönlichen Gottes voraus, und dieses sein letztes und wichtigstes philosophisches Werk erfüllt hiermit die strengen Forderungen der Wissenschaftlichkeit, die der Popularphilosophie oft mangeln. Aber auch für die Preisschrift „Ueber die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften", welche die Berliner Akademie .Kants Abhandlung vorzog, ist diese Wissenschaftlichkeit der Form anzuerkennen, wie auch für den „Phädon", der die Frage der persönlichen Unsterblichkeit der Seele so umsichtig und gründlich behandelt, wie es nach dem Stande der vorkantischen Philosophie möglich war. Man versteht die Schwierigkeit, Mendelssohn als Philosophen gerecht zu würdigen, erst, wenn man sich die Tragik vergegenwärtigt, die über dem letzten Dezennium seines Lebens liegt. Gerade in dieser Zeit, in der es ihm durch eine Nervenkrankheit versagt war, sich in neue Gedanken anderer hineinzuarbeiten, erschien Kants „Kritik der reinen Vernunft". Nichts Schlimmeres konnte Mendelssohns Philosophie begegnen; denn Kant erschütterte das Ansehen eben der Leibniz- Wolsfis ch e n P h il 0 s 0 p h i e, der Mendelssohn in grundlegenden Lehren anhing. So mußte Kant ihm als der „alles zermalmende" erscheinen. Und außer diesem gewaltigen, Schreiben an den Herrn Diaconuö Lavater zu Zürich, von Moses Mendelssohn. Berlin und Stettin, bey Friedrich Nicolai »770.