Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 461 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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461 Benno Jacob: Der erste deutsche Jude. Die Bedeutung Moses Mendelssohn sür die Juden wird herkömmlicherweise darin gehuden, daß er ihnen durch seine beispielhafte Li bensentwicklung und seine Schriften, besonders feine Thora-Uebersetzung, den Weg zur deutschen Kultur eröffnet und mit der geistigen E nanzipation die politische vorbereitet habe. Tiefe Formulierung bleibe nicht ohne Kritik! Es gab in der Jugend Mendelssohns weder ein Deutschland, noch eine deutsche Kultur. Für die verschiedenen sich der deutschen Sprache bedienenden Stämme gab es einige hundert Vaterländer, jedes mit anderen Gesetzen und Ordnungen, unter ebensoviel Landesherrn, Königen, Kurfürsten, Herzogen Fürsten usw. Es gab in allen diesen Territorien eine Unzahl Obrigkeiten, aber keine Nation, Untertanen, aber keine Bürger, Stände, aber keine Volksgemeinschaft, Privilegien und Freiheiten, aber keine Freiheit. Aus einem dieser Gebiete nach einem anderen benachbarten überzusiedeln oder auch nur zu reisen, erforderte mehr Formalitäten als jetzt aus einem Erdteil in einen anderen. In dem größten dieser Länder, in Preußen, herrschte der Militarismus in seiner abstoßendsten Gestalt. Ein Kind guter Eltern, das unter die Soldaten geriet, galt für verloren. Von einem deutschen Nationalbewußtsein kann gar keine Rede sein. Friedrich der Große selbst war einer der schlechtesten „Deutschen", der einem einigen Deutschland nicht nur bewußt entgegenarbeitete, sondern sich für gewöhnlich nicht einmal der deutschen Sprache, die er jämmerlich genug sprach, bediente. Die großen Denker, Dichter und Schriftsteller waren selbstverständlich gehorsame Untertanen — das Gegenteil wäre ihnen auch übel bekommen — aber herzlich schlechte deutsche „Patrioten". Das Wort Lessings, daß der Patriotismus bestenfalls eine heroische Schwachheit sei, gab ihrer aller herzensmeinung wieder, und Lichtenberg mernt, es wäre interessant, einmal zu fragen, was sich wohl die Menschen unter dem „Vaterland" dächten, für das sie sich totschlagen ließen. Und worin soll die deutsche Kultur hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Kriege bestanden haben? Die allgemeine Schulpflicht wurde erst durch Friedrich den Großen Gesetz, blieb aber lange nur auf dem Papier. Eine Anzahl Schriftsteller bemühte sich, vorerst nach fremden Mustern, das geistige Niveau zu heben, aber selbst von dem Einfluß der späteren großen Dichter darf Ulan sich keine besonderen! Vorstellungen machen. Die geistige Freiheit in dem Staate Friedrichs des Großen bestand nach einem bitteren Worte Lessings darin, daß man jede Sottise gegen die Religion aussprechen durste; aber wehe demjenigen, der sich gegen die bestehenden 'Nächte ein freies Wort erlaubt hätte! Technik, Handel, Verkehr, kurz alles, was wir jetzt unter Zivilisation verstehen, lag noch in den Windeln. Am kennzeichnendsten dürfte das noch äußerst barbarische Strafrecht sein, das immer ein Maßstab der moralischen Kultur ist. So kann Herder noch gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts klagen: „die Wüsten Gegenden Grie- 1 chenlands bezeichnten Abtüre der Götter und Heroen, auf den schönsten Höhen unserer Länder steht als das einzige Denkmal, darum sich der Geist unserer Gesetzgeber kümmert, Galgen und Rad." Auf der anderen Seite kam Mendelssohn aus einer wirklichen Kultur, aus der geistigen und sittlichen des Ghetto, in dem es keine Analphabeten gab. Der Mann, der in die strenge Gedankenschule des Talmuds gegangen war, der sich einen Maimonides zum Führer erwählt hatte, der in der reinen Atmosphäre eines altjüdischen Familienlebens ausgewachsen war, gehörte ja nicht einem kulturlosen Negerstamme an. Gewiß lastete auf dem Ghetto des achtzehnten Jahrhunderts ein bleierner Druck, der Geist lebte in einer Stickluft, und Komfort und Reinlichkeit feierten in diesen Pferchen sicherlich keine Orgien. Aber wer im Ghetto groß geworden war, nahm unauslöschliche Eindrücke mit: Beispiele eines ganz auf das Geistige gerichteten Daseins, einer Frömmigkeit, die wahre Heilige hervorbrachte, einer religiösen Innigkeit, deren Duft das ganze Leben begleitete. Am Sabbat allein schon hatte dieser Jude ein Himmelsgut, daß alle anderen Schätze einer Kultur aufwog. Auch von der Aneignung der hochdeutschen Schriftsprache wird zu viel hergemacht. Mendelssohn war ja kein Ausländer mit einer fremden Sprache; das Deutsche war seine Muttersprache, der jüdisch^deutsche Jargon, der vom Hochdeutschen weniger weit entfernt war, als der Dialekt irgend eines Bauernjungen. Auch dieser Bauernjunge mußte, wenn er für die Wissenschaften bestimmt wurde, erst Hochdeutsch lernen. Freilich, er wurde auf hohe Schulen geschickt, fand überall Lehrer und Zugang zur gebildeten Gesellschaft, der junge Moses mußte unter unsäglichen Schwierigkeiten sein eigener Lehrer werden. Jndesien haben unzählige Jünglinge nach ihm denselben Bindungsgang genommen. Deswegen nennen wir Moses Mendelssohn den ersten deutschen Juden, weil er, der beste Mann jüdischen Blutes, durch eine wahrhaft göttliche Fügung, mit dem besten Manne deutscher Zunge zusammentraf und mit ihm in fruchtbarem geistigen Austausch und männlicher Freundschaft verbunden blieb, mit einem Lessing, der mit der nichtjüdischen Kultur gesättigt war, mit der antiken griechisch-römischen und der modernen der Engländer, Franzosen, Italiener und Spanier. Durch ihn und einen weiteren Kreis von Geistesverwandten wurde Mendelssohn ein „Deutscher" und hörte doch nie auf, ein ganzer Jude zu sein. Kein Nationaldeutscher in dem heutigen Sinne — den gab es ja damals noch gar nicht —, sondern umgekehrt in dem Sinne kosmopolitischer Weltweite, in dem die Besten stets ein Kennzeichen wahren deutschen Wesens gesehen haben. Er wurde ein deutscher Schriftsteller, nicht indem er sich, mit Schopenhauer zu reden, jenes „Varbiergesellendeutsch" angeeignet hatte, mit dem mancher deutsch schreiben zu können glaubt, wenn er keine grammatischen Fehler macht und immer hübsch bei dem Wald- und Wiesendeutsch der Zeitung zweiten und dritten Ranges bleibt; sondern weil er sich mit dem Geiste der deutschen Sprache durchdrang und sie zum Ausdruck seines eigenen Geistes machte, eines Geistes von sittlichem Ernste, Wahrheitssinn und Redlichkeit des Denkens, Klarheit und Geschmack, einer reinen edlen Seele voll Feingefühl und Weisheit. Er schrieb bewundernswürdig klar, weil er klar dachte. Sv schrieb er, was weniger bekannt ist, auch ein ebenso klares und elegantes Hebräisch. Er griff niemanden an, aber, angegriffen, führte er auch keine schlechte Klinge. Er reichte nicht an die Genialität des Freundes, aber als Charakter war er ihm durchaus ebenbürtig. Die Größe eines Volkes besteht in seinen Größen, aber seine Gediegenheit und Dauerhaftigkeit in den zahlreichen Tüchtigen und Lauteren, und wer wagt zu zweifeln, daß in diesem Sinne Moses Mendelssohn ein wertvoller Deutscher war und alle es sind, die in solchen Spuren wandeln? Daß es ihm nicht im entferntesten beikam, dafür sein Judentum zu verleugnen oder zu verkaufen, ist zu bekannt, als daß wir dabei zu verweilen brauchten. Er blieb ein treuer Jude, nicht bloß aus Pietät, sondern aus Ueberzeugung, von der er sich wohlerwogene Rechenschaft ablegte. Und alle vornehmen Bekanntschaften aus der christlichen Welt machten ihn weder in feiner strengjüdischen Lebensführung, noch in der treuen Verbundenheit mit feinen noch im Ghetto verbliebenen Brüdern wankend. Und das ist das Entscheidende, wodurch er die Bestimmung erfüllen konnte, seine Glaubensgenossen sür die bald darauf allerdings herrlich erblühende deutsche Geisteskultur empfänglich zu machen. Wie das religionsgesetzliche Werk des zweiten Mose und die eigene religiöse Praxis seine Philosophie legitimiert hat, so wurde das Mißtrauen gegen die profane Bildung bei den Zeitgenossen des dritten Mose durch sein Beispiel besiegt. Mendelssohn war weder der Erste noch der Einzige, der über das Ghetto hinauswuchs, aber er war es, der, als er groß geworden war, wie der erste Mose zu seinen Brüdern ging und ihre Lasten mit ansah und sie davon zu befreien trachtete, ohne sich ihnen zu entfremden. Unsere Gemeinschaft kann nur Männer verehren und lieben, die nicht bloß durch Geist glänzen, sondern leben, was sie lehren. Mendelssohn einen Reformator des überlieferten Judentums zu nennen, ist ganz verfehlt. Eher kann man ihn einen neueren philosophischen Dogmatiker nennen. Aber sollte er darin auch anzufechten sein, was von ihm bleiben wird, das ist die verehrungswürdige Persönlichkeit des Frommen und Weisen, des ersten deutschen Juden. WI>I>I>I!lIiIIIIIIIlIII!III!IIiI!IIIIIIII>!IIIiIIIIIII>IIIII!IIIIIIIIIl!IIIIl!I>I!IIIIII!III!lIII!II!IIiIII!I!lIIIIIIII!>IIIIII!II!III!!I!IIII!!IlIIIIIIIIII>I!III»IIlIIl!lIIII!II!IIIIIIIII!!I!l!II!!!II!!IIIIW D Oberbürgermeister Boess: | Berlin dankt seinem grossen Bürger. H Berlin ehrt in Moses Mendelssohn den Mitbürger, den Deutschen und den g Philosophen. H Mendelssohn hat, was er von Berlin empfangen, mit der Verschwendung jj einer reichen und vornehmen Natur zurückgegeben, nicht einem Stand oder M einer Klasse, sondern der ganzen Stadt. Besonders warm hat er sich für jj die soziale und politische Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger ein- W gesetzt. U Der Jude Mendelssohn war ein echter Deutscher. Er wollte deutsch sein; g er schrieb deutsch und nahm nach deutscher Art einen Familiennamen an. jj Er hat trotzdem sein Judentum nie verleugnet. Er wollte aber nicht, dass der W Jude ein Kosmopolit sei. Ü Lessing, der protestantische Pastorensohn, hat in Moses Mendelssohn, dem |g Sohn eines jüdischen Kantors, eine „Ehre seiner Nation* gesehen. Mendelssohn g ist der weitesiwirkende deutsche Verkünder der Philosophie eines Leibniz und jj Wolff gewesen. jj Wie Mendelssohn Wirtschaftler, Philosoph und Künstler zugleich War9 g so sind auch seine Nachkommen tüchtige Wirtschaftler und hochbegabte g Künstler. Viele tüchtige Berliner Bürger und Bürgerinnen sind aus dem g Geschlechte des Moses Mendelssohn hervor gegangen. g Die Stadl Berlin gedenkt mit Dankbarkeit ihres grossen Sohnes anlässlich der 200jährigen Wiederkehr seines Geburtstages.