Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 460 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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die Beantwortung einer Anzahl praktischer Fragen, die wir in seinem Wirken finden, von vorbildlicher Bedeutung. Mendelssohn war weder ein Draufgänger noch ein Leisetreter. Insbesondere hat er religiöse Fragen in der Oeffentlichkeit immer nur gezwungen behandelt und hat Dingen, welche den inneren Menschen angehen, nur sehr ungern öffentlich erörtert. Anderseits ist er dieser Erörterung niemals ausgewichen. Die Grundsätze, die er für die Behandlung solcher Fragen in dem berühmten Schreiben an den Herrn Diakonus Lavater zu Zürich aufgestellt hat, zeigen männliche Würde vereint mit tiefer innerer Bescheidenheit. Leisetreterei war ihm verhaßt, wenn es galt, religiöse Einrichtungen und Ueberzeugungen zu verteidigen. Dabei war rücksichtslose Wahrheit für ihn Grundprinzip. Damals blühten die uns ja heute noch geläufigen Angriffe gegen den Talmud. Mendelssohn wies in klarer, einleuchtender Weise daraus hin, daß in einem solchen ungeheuren Werke auch Ungereimtheiten enthalten sind, daß aber diese mit der jüdischen Sittlichkeit und der jüdischen Moral nicht das geringste zu tun hätten. Die Frage des jüdischen Eides war damals von Bedeutung. Auch hier hat er sich mit dem nötigen Nachdruck gegen die Verleumder gewandt und wurde der Verteidigung nie müde. Dabei gab er seiner Umwelt ein deutliches Bild von den Greueln, die christliche Kreise 'der Judenheit zugesügt hatten. Es wäre I)ente noch wünschenswert, unsere Heranwachsende Jugend einige Stellen der Mendelssohnschen . Werke kennen zu lehren, in denen er z. B. die unmenschliche Folterung und Hinrichtung des Münzmeisters Lippold schildert, oder in denen er erzählt, in welch tierischer Weise zwei Rabbiner, die man des Ritualmordes beschuldigt hatte, gemartert und getötet wurden. Namentlich dort, wo er von den Qualen und Foltern spricht, die die Juden zu erdulden hatten, ist ein ergreisendes Bild geprägt. Geradezu modern mutet uns Mendelssohn an, wenn er von dem Vorwurse spricht, den man den Juden macht, sie seien nicht produktiv, weil sie Handel treiben. Er sagte: „Was heißt denn eigentlich Hervorbringer und Verzehrer? Wenn nur derjenige hervorbringt, der etwas Greifbares erzeugen hilft oder durch seiner Hände Arbeit verbessert,^ so besteht ja der weit wichtigste und größte Teil des Staates aus bloßen Verzehrern. Der ganze Lehr- und Wehrstand bringt nach diesen Grundsätzen nichts hervor, wenn nicht etwa die Bücher, die von jenem geschrieben werden, eine Ausnahme machen . . . Sonach bestände der Staat außer jenem zwar achtenswerten, aber doch ge- 2) Rabbiner Dr. Max Wiener hat dem Verfasser in liebenswürdiger Weise die Aushängebogen eines Aufsatzes „Moses Mendelssohn und die religiösen Gestaltungen des Judentums im 19. Jahrhundert" zur Verfügung gestellt, der in der nächster: Nummer der historischen Zeitung „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" zur Veröffentlichung kommt. In diesem Aufsatze werden die angedeuteten Fragen unter Zugrundelegung der Quellen eingehend behandelt. ringen Teil des Volkes, aus Leuten, die durch ihrer Hände Arbeit die Produkte der Natur weder befördern noch vervollkommnen; also aus bloßen Verzehrern, und wie? also auch aus unnützen Mäulern, die dem Hervorbringer zur Last werden? Hier fällt die Ungereimtheit in die Augen, und da die Folge rung richtig ist, so muß der Fehler in den Vordersätzen liegen. Und so ist es auch! Nicht bloß Machen, sondern auch Tun heißt hervorbringen. Nicht nur wer mit Händen arbeitet, sondern überhaupt wer etwas tut, befördert, veranlaßt, erleichtert, das seinen Nebenmenschen zum Nutzen oder Vergnügen gereichen kann, verdient den Namen des Hervorbringers und er verdient ihn zuweilen um desto mehr, je weniger Bewegung ihr an seinen Extremitäten gewahr werdet. Mancher Kaufmann, der an seinem Pulte Spekulationen macht oder auf seinem Ruhesessel Pläne entwirft, bringt im Grunde mehr hervor, als der Arbeiter und Handwerksmann, der das mehrste Geräusch macht. Zur Glückseligkeit des Staates sowie der einzelnen Menschen gehören mancherlei sinnliche und übersinnliche Dinge, körperliche und geistige Güter, und wer zu deren Hervorbringung oder Vervollkommnung auf irgendeine mehr oder minder entfernte, mittelbare oder unmittelbare Weise etwas beitrügt, der ist kein bloßer Verzehrer zu nennen, der ißt sein Brot nicht umsonst, sondern hat dafür hervorgebracht." So hat uns Mendelssohn nicht nur den Weg gezeigt, den wir gehen müssen. Leidenschaftslos, vornehm sollen wir den Angriffen gegen die Juden entgegentreten. Er hat uns vor allem auch die erforderlichen Mittel gewiesen, die zur Klärung der öffentlichen Meinung angewandt werden müssen. IV. Mendelssohns politische Schriften erscheinen umJ'o moderner, je mehr man sich in sie vertieft. Das Ergebnis der Prüfung wird zunächst die Freude sein, um wieviel weiter wir doch gekommen sind. Mendelssohns Saat ist zu einem guten Teile aufgegangen. Deshalb dürfen wir nicht verzweifeln und die Hände in den Schoß legen. Den Weg hat er uns zu einem großen Teile gewiesen. Bewiesen hat er, wie Judentum und Deutschtum verbunden werden können und in unserer Heimat verbunden sein müssen. Während seines ganzen Lebens mußte Mendelssohn kämpfen. Er wurde durch den Kamps, den er zu führen hatte, aufgerieben. Nicht nur seine körperliche Schwäche belastete ihn stark, sondern auch die fortgesetzten Aufregungen, die ihm bereitet wurden, haben sein Herz zermürbt oder, wie er sich ausdrückte, „zerbrochen" und so sein frühes Ende herbeigeführt. Der Fanatismus der Juden und der Nichtjuden hat seinen Lebensfaden frühzeitig abgerissen. Wir sehen leider heute noch, wie dieser Fanatismus lebt und sich ausbreitet. Manchmal möchte man verzweifeln, wenn man im eigenen und im fremden Lager das Maß der Unvernunft und der Ungerechtigkeit erkennt. Befriedigender als die Betrachtung seines Lebens und seiner Lehre, ja sogar erhebend, muß für uns Lebende am Tage, der seinem Gedächtnis gilt, das Bewußtsein sein: Mendelssohn hat nicht nur gelebt, sondern er lebt heute und wird alle Zeiten leben. W.Z 50 fit \T£S > \WSDKt£$0H'& i- ....4 „So Wie bei Platon der Weise Idiot Griechenlands sich aus Athen an seinen Zauberort schlich, neben seiner murmelnden Quelle unter dem Schalten eines Ahorns niedersank an der Seite seines Lieblings, sein Gesicht verhüllte, und Geheimnisse der Schönheit sah, und sprach dithyrambische Worte: so sehe ich unseren Sokrates mit gesenktem Haupte über der Asche seines Freundes sitzen und über die grossen Worte: Menschliche Bestimmung, Unsterblichkeit der Seele denken. Vorübergehender Wanderer! Setze dich neben ihn und werde sein Phaedon: denn wisse, dieser Ort ist heilig I Lies, als hörtest du noch aus dem Grabe die Stimme des philosophischen Zweiflers: und alsdann denke, Wie Wenn du seinen unsterblichen Schalten vor dir sähest**