Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 459 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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und den Juden — Moses Mendelssohn? oder Beziehung verbunden blieben. Aus seinen Briefen geht Zervor, daß er das Entscheidende immer in der Verbindung des einzelnen mit dem Geiste Der jüdischen Religion sah. Man vergesse nicht: er wuchs im Studium des „Führers der Verrrten" von Maimonides auf, dessen Lektüre damals von vielen Rabbinern verboten wurde. In seiner Jugend war gerade eine neue Ausgabe des „Führers der Verirrten" in der Nähe von Dessau erschienen. Sein Lehrer, Rabbiner Frankel, gab sie ihm in die Hand. Und so wuchs er nicht in einer beschränkten religiösen Welt, sondern unter den Fittichen eines der größten Denker Israels ans. Wir finden ihn darum auch als Vorkämpfer für eine Schule, nämlich das DessauerPhilantropin,welches gewillt war,Kinder jüdischer und nichtjüdischer Religion gemeinschaftlich zu erziehen und jüdische Lehrer anzustellen. Mendelssohn beklagt, daß sich keine Juden fanden, die von diesem menschenfreundlichen Anerbieten Gebrauch machen wollten und setzt auseinander, wieso ein solcher Standpunkt töricht sei. So war Mendelssohn bei allen persönlichen religiösen Bindungen ein Mann der unbedingtesten Toleranz; aber gleichzeitig lehrte er der Welt, daß man innigst den Geboten der Thora anhängen und doch ein Mitbürger, ein Vaterlandsfreund, im wahren Sinne des Wortes sein kann?) II. Philosophische Gespräche. Welche Antwort erhalten wir auf die zweite Frage? Wie steht ein Mendelssohn zu dem Begriff der Heimat? Hier lesen wir — und wir möchten wünschen, daß diese vor anderthalb Jahrhunderten geschriebenen Worte nicht vergessen werden: „Soll das Vaterland verteidigt werden, so muß jeder h i n z u e i l e n , d e s s e n Berus e s ist." Als einer von den damaligen Judengegnern den Gegensatz zwischen Deutschen und Juden ausstellt, schreibt er: „Anstatt Christen und Juden bedient sich Herr Michaelis beständig des Aus- - drucks D e u t s ch e und Ja: d e n. Er entsieht sich wohl, den Unterschied bloß in Neligionsmeinungen zu sehen, und lvill uns lieber als Fremde betrachtet wissen, die sich die Bedingungen gefallen lassen müssen, welche ihnen von den Landeigentümern eingeräumt werden. Allein erstlich ist dieses ja die vorliegende Frage: ob den Landeigentümern nicht besser geraten ist, wenn sie diese Geduldeten als Bürger aufnehmen, als daß sie mit schweren Kosten andere Fremde ins Land Ziehen? — Sodann möchte ich auch err 7 5 5 örtert wissen: wie lange, wieviel Jahrtausende dieses Verhältnis, als Landeigentümer und Fremdling fortdauern soll? Ob es nicht zum Besten der Menschheit und ihrer Kultur gereiche, diesen Unterschied in Vergessenheit kommen zu lassen?" Auch von einer Rückkehr nach Palästina will Mendelssohn nichts wissen und spricht das heute gewiß bedeutsame Wort aus, daß eine gehoffte Rückkehr nach Palästina auf unser bürgerliches Verhalten nicht den geringsten Einfluß haben könne. Er fügt hinzu, daß im Talmud immer wieder das Verbot eingeschärft werde, an eine-gewaltsame Rückkehr zu denken. Mendelssohns ganzes Leben und alle seine Werke dienen der Verbreitung und Veredelung der d e u t s ch e n S p r a ch e, somit der deutschen Kultur und deren Verbreitung unter den Juden, und, was damals ebenso notwendig war, auch den Nichtjuden. Berlin, bey Christian Friedrich Vost *) Von Interesse wird noch heute der letzte Absatz eines Briefes sein, den Mendelssohn in dieser Angelegenheit schrieb und der an Bedeutsamkeit noch nichts eingeb'üszt hat. Mendelssohn empfiehlt nämlich, auch arme Kinder aufzunehmen, und sagt: „Aber darauf, dächt ich unmaßgeblich, müßten Sie wenigstens sehen, daß vorerst nicht lauter reiche Menschengestalten ausgenommen werden, da die fruges consuinere nati dieser ihrer Bestimmung gar zu treu zu blerven pflegen." Das heißt auf deutsch, die dazu geboren sind, schon vorhandene Früchte, d. h. schon vorhandenes Vermögen, zu verzehren. Ohne Uebertreibung darf man behaupten, daß Mendelssohn zu den besten Stilisten Deutschlands gehörte, daß dieser krumme, bucklige Jude, der bis zu seinem 14. Lebensjahre nur jiddisch sprach, eine geniale Veranlagung für einen klaren und knappen deutschen Stil mitbrachte. Wenn Mendelssohn bei einer Ausgabe, welche die Berliner Akademie der Wissenschaften über einen schwierigen philosophischen Gegenstand stellte, vor Kant den ersten Preis erhielt, so liegt der Grund für diese Auszeichnung im wesentlichen in dem wunderbaren Deutsch, das Mendelssohn zur Verfügung stand. Noch heute kann man jedem, der in das schwierige Gebiet der Philosophie eindrmgen will, manche der — vielleicht wissenschaftlich überwundenen — philosophischen Schriften Mendelssohns empfehlen. Denn den meisten philosophischen Schriftstellern ist es nicht möglich, schwierige Dinge in dem klaren Deutsch zur Darstellung zu bringen, wie es Mendelssohn eigen war. Es war für die damalige Zeit ein Wagnis, Friedrich de m Großen gegenüber den Tadel zu erheben, er handle u n deutsch, weil er französisch sprach und schrieb; es war eine Vermessenheit, wenn ein solcher Vorwurf von einem Juden ausging. Aber Mendelssohn hatte den Mut, vor den König zu treten und auf seinem Vorwurf bestehen zu bleiben. So sehr erfüllte ihn die Liebe zur deutschen Sprache. Den Jargon bekämpfte er. Damals wurde der jüdische Unterricht znm Teil von polnischen Betteljnden erteilt, die i:n Lande herumreisten. Aus religiösen und aus sprachlichen Gründen trat er gegen diese bemitleidenswerten, aber zu Lehrern ganz ungeeigneten Kräfte mit allem Nachdruck aus. So wirkte er, indem er sich das deutsche Land und besonders die märkische Erde zur Heimat machte, und half, eine Kultur schassen, die als deutsche Kultur in der Welt zu größtem Ansehen gelangt ist. Aber, wird man sagen: Mendelssohn spricht immer von der jüdischen Nation, also war er ein Nationaljude. Davon kann nach keiner Richtung die Rede sein, wenn man das Wort „Nationaljude" in unserem heutigen Sinne auffassen will. Damals bezeichnete das Wort „national" jede Gruppe in der Bevölkerung. An den Universitäten studierten die baperische „Nation", die nassauische „Nation", die braudenburgische „Nation". Der politische Sinn, den heute dieses Wort umfaßt, war der damaligen Welt unbekannt. Wenn man dem Wort aber auch den heutigen Sinn zugrunde legt, war die Jndenheit in der Tat eine Nation, selbstverständlich ohne die Gefühlsnote, die heute mit diesem Worte verbunden ist. Mendelssohn war bestrebt, die Jndenheit ans der Nation herauszuführen. Er hat das nie mit diesen Worten ausgesprochen, weil er das Problem im heutigen Sinne gar nicht kannte. Aber, indem er die jüdischen Dinge entpolitisieren wollte, dadurch, daß er die Juden allen Bürgern des Landes in Sprache, Sitte und Kultur und politischer Bedeutung gleichzustellen bestrebt war, hat er durch Wort und Tat mehr noch als einer seiner Nachfolger für die Entnationalisierung im heutigen Sinne des Wortes gesorgt. Alles, was Männer wie Gabriel R i e s s e r , Johann I a c o b y und Engen Fuchs über diese Fragen nach ihm empfanden, getan und geschrieben haben, war von ihm vorbereitetes und geprägtes Gedankengut. .III. Ebenso wie diese Grundlagen die im Centralverein strebenden deutschen Juden mit Mendelssohn verknüpfen, ist auch