Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 458

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 458 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277833-2277868--05460-2286200
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Ludwig Holländer: Was sagt uns — den Deutschen Beate Berwin schickt ihrer Studie „Moses Mendelssohn im Urteil seiner Zeitgenossen" ein Vorwort voraus, in welchem sie an das Wort Herrmann Cohens erinnert: „Das geschichtliche Begreifen erschleicht das Prinzip: daß jegliches Individuum in einem gewaltigeren Sinne einer menschlichen Ordnung angehöre, als es selbst einzusehen vermag. Nur dann verstehen wir geschichtlich eine Erscheinung, wenn wir sie in demjenigen Zusammenhänge begreifen, welcher ihr selbst verborgen bleiben muß." Wendet man diese Sätze auf das Leben Moses Mendelssohns an, so ergibt sich, daß man sein Leben und sein Werk nur in den Zusammenhang der damaligen Zeit hineingestellt verstehen kann. Dieser Rückblick ist heute für uns als Deutsche und als Juden um so bedeutsamer, als Moses Mendelssohn als erster jene revolutionären Fragen aufwarf, die auch uns noch bewegen: Kann ich dem Judentum treu bleiben und gleichzeitig ein vollberechtigtes Glied derjenigen Volkheit sein, in deren Mitte ich lebe? Welche Bedingungen müssen hier erfüllt werden, welche Forderungen muß der jüdische Mensch, der so leben will, an sich stellen, und wie muß er sich der Allgemeinheit darstellen? Moses Mendelssohn hat zuerst das Problem „Glaube und Heimat" in sich selbst erlebt und zu einem guten Teile gelöst. Ist somit Moses Mendelssohn in erheblichem Maße der gedankliche Vater des Central-Vereins, so müssen wir immer mehr die Grundlagen erforschen, die er für uns geschaffen hat. Wie verhielt er sich, von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen, zu den Fragen der Religion, der Heimat und vor allem der Mittel, die uns erlaubt sind, um innerlich die Verbindung von Glaube und Heimat, äußerlich die Beziehungen zu unseren Mitbürgern gut zu gestalten? I. Zu Lebzeiten Moses Mendelssohns galt der Satz: Wer Vollbürger sein will, muß Christ sein. Darin war man sich einig, Juden und Nichtjuden. Noch heute gibt es in unserem öffentlichen Leben Stellen, welche den Uebertritt zum Christentum als Vorbedingung zur Erlangung eines öffentlichen Amtes, namentlich eines Lehrstuhles an einer Hochschule, wenn auch versteckt, fordern. Mendelssohn hat sich mit dieser Frage durch sein Leben als solches auseinandergesetzt. Theoretisch wurde sein Standpunkt erst begründet, nachdem er seiner Umwelt bereits gezeigt hatte: Ich bin der Eure und bleibe Jude! Die Juden staunten, daß es so etwas geben könnte — und die Nichtjuden nicht minder. Es ist durchaus unrichtig, wenn gerade heute die Dinge so hingestellt werden, als ob Mendelssohn in einer nichtjüdischen Welt nur Freunde besessen habe. Wir wollen gar nicht über Hetzer sprechen, die, wie ein gewisser Kölbele, sich darin gefielen, Mendelssohn und das Judentum seiner Zeit mit dem größten Schmutze zu bewerfen. Solchen Gestalten wie Kölbele, die nach Ahlwardtscher und Pücklerscher Art arbeiteten, standen natürlich auch vornehmere Geister gegenüber. In der Sache selbst aber waren sie alle der gleichen Meinung. Und doch hat sich Mendelssohn durchgesetzt! Er bewies den Menschen, daß man Jude und Staatsbürger, sogar ein hervorragender Staatsbürger, ein geistiger Führer der Menschheit sein kann, ohne von seinem Judentum auch nur das Geringste auszugeben. Wohl bemerkt, man wußte allgemein, daß Juden Glaube und Heimat. Und noch jetzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden als eben dieser: Schickt euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in w el che s ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft beider Religion eur er V ät er. Tragt beider Lasten, so gut ihr könnt/ Man erschwert euch zwar von der einen Seite die Bürde des bürgerlichen Lebens um der Religion willen, der ihr treu bleibt; und von der andern Seite macht das Klima und die Zeiten die Beobachtung eurer Religionsgesetze in mancher Betrachtung lästiger, als sie sind. Haltet nichtsdestoweniger aus, steht unerschüttert auf dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen, und lasst alles über euch ergehen, wie euch euer Gesetzgeber lange vorher verkündigt hat! Aus: „Jerusalem“, II. Geist haben und Hervorragendes leisten könnten. Man glaubte aber, das sei nur innerhalb ihrer Reihen möglich. Denn man hielt es für unmöglich, daß Juden, an ihrem Judentum hängend und mit ihm in ihrer letzten Faser verbunden, auch den Nichtjuden geistig führend voranzugehen vermöchten. Mendelssohn hat die religiösen Vorschriften der jüdischen Religion der christlichen Mitwelt nahegebracht. Er wies daraus hin, daß nach jüdischer Vorschrift die Frommen aller Völker von Gott gesegnet seien. Wie aber verschiedenartige Zöglinge vom Lehrer verschieden unterrichtet und erzogen werden, so müsse es auch verschiedene Religionen geben. So habe Gott in der jüdischen Religion die Voraussetzungen geschaffen, die für das Leben des Juden maßgebend seien. Wenn der Jude diese Vorschriften befolge, so setze er sich in keinerlei vn natw« -cvnn I’ID! tpi» j*a yr< / pma tsn? iru qy Bay1-? , atytt ittisp iavr nna D.TJnepsn «>? ijn > juixiibix iv tjör (*t); ipxrjny *iyn *iny) utjjnu / pma p”t 5 i'n myj jbkib «>;; tq iv vivu iy«pa y« , •jmsg' ny ne nnvo g«z im« ijn , qov v"r ' myap) (n)': BC'ip vy BDäP? , üa’iua d5’j ‘ _ P’TTtS B5’J p'ltt P3?”X l'X cS’ipie nyrrn yo vr« vi V'yi .uiBixmy uv jyi : Baxn T’K n«e BW yo oxfr •u’t ßvy* tjn n): üruy» iyn O’xja.'Ottnjjin pn«’ npvv pxv qj’5 inyn ^y : >imP> ny« tS'-jyii px, jaoj'cp 'ins' < ir.» p>t iBiaiy insj pi'-jEa T’x ixöbxj yo u«n 011x1 (t) ex iaMa ,»« -p« , oi)y»iyn y'i>r 1)1« : iö w mttb > iD?«niy iv pyV v»ana tön \n *ii.yn;*]6v px Vnw Tfayg Ynx (i): y;£p *3 rjpv f]DV 'rpfc onipp—jüx aYnx I (n) : .IvsNLY '3 r-pn;r*,H Qrn?p-,3 : pp';3l7 D'jtPS’ rznYp iTHO? 37,33 a^nnDTOy n?“'3 0 j •wx d:iz? vpn ni;n pxn V'77-^ D3P pVnnY nnxid Eine Seile aus Mendelssohns Bibelübersetzung. Links: Die Transkription der deutschen Uebersetzung in hebräischen Lettern. Die Stelle ist der Anfang des Kapitels: „Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen.“ Gegensatz zu seiner Umwelt. Er segne diese Umwelt sogar durch sein Leben und durch seine Religionsübungen. In allem übrigen lebe er mit der Gesamtheit. Niemals könne er seinen Glauben aufgeben; aber die Prüfung dieses Glaubens sei Pflicht des Menschen gegen sich selbst. Wer als Jude geboren sei, solle als Jude leben und als Jude sterben. Wir wollen keine Mission üben und dürfen es nicht, aber wir wollen und müssen davon überzeugt sein, daß zwar „bei unseren Mitbürgern nationale Vorurteile und irrige Religionsmeinungen Vorkommen", daß aber die jüdische Religion in ihrer Gesamtheit uns innerlich adelt und erhebt. Dabei hat niemand schärfer als Mendelssohn die religiöse Intoleranz der damaligen Welt, sowohl der Judenheit als auch der Nichtjudenheit, gegeißelt. Er wußte, welche Anfeindungen ihn durch seine Bibelübersetzungen erwarteten. Ost genug sagte er, daß er in den Kreisen seiner Glaubensgenossen die schwerste Gegnerschaft erdulden müsse. Er hat sie erduldet. Gewiß wollte er 'die innige Liebe zur jüdischen Vergangenheit und zur jüdischen Religion nicht aufheben. Er war auch kein Reformator im heutigen Sinne des Wortes. Aber sein Leben brachte ihm die Ueberzeugund bei: die Jrrtümer und Fehler der damaligen Judenheit seien vergänglich und könnten geändert werden, die Religion als solche jedoch sei ewig. Da die Sittlichkeit die erste Forderung sei, die an den Menschen gestellt werden müsse, könne man eine Religion nicht aufgeben, wenn man nicht davon überzeugt wird, daß es eine andere, bessere gäbe. Und Mendelssohn war nicht etwa ein Mann, der nachstöberte, ob seine jüdischen Freunde mit den von ihm selbst sestgehaltenen Zeremonialgesetzen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.