Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- Seite 457 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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457 daß man versuchte, mit ihrer Hilfe die mittelalterlich gebundene, egoistische und partikularistische,Künstlerische Handels¬ und Gewerbepolitik der Untertanen zu bekämpfen und die moderne Geld- und Kreditwirtschaft zu begründen, kam letzten Endes doch den Juden selbst zugute. Ein weiterer Schritt zur Annäherung der Juden an die Umwelt war die intensivere Beschäftigung des Staates mit den jüdischen Gemeinden. Während der mittelalterliche Staat sich damit begnügt hatte, die Juden nur als Werkzeug der staatlichen Finanzpolitik zu betrachten, es aber noch nicht als seine Aufgabe angesehen hatte, in ihre individuelle Rechtssphäre einzugreisen und ihre selbständige Entfaltung zu verhindern, begann nun der moderne Obrigkeitsstaat Bresche zu schlagen in alle mittelalterlichen Korporationen und Verbände durch die in feinem Wesen selbst liegende Tendenz der Atomisierung und Nivellierung seiner Untertanen. Indem er durch Ordnungen und Gesetze alles reglementierte und alles nivellierte, indem er sich in die Wahl der Rabbiner und Vorsteher, selbst in die Dmge des jüdischen Kultes und der Religion einmischte, löste er gleichzeitig die jüdische Gemeinde als gsnossenschafilich geeinte Gesamtheit auf. Was vom Standpunkt der jüdischen Selbständigkeit als Härte erscheint, erscheint vom Standpunkt der jüdischen Entwicklung betrachtet als der erste bewußte Versuch des Staates, die Juden in den Staatskörper wie in den Untertanenverband v ersassungsmäßig einzub auen. Waren bei diesem Vorgehen des Staates die Juden nur das Passive Werkzeug des staatlichen Willens, so wirkten einzelne tatkräftige, kluge und vornehme Juden aktiv mit bei der Umgestaltung der jüdischen Verhältnisse. Ausgestattet mit Spezialprivilegien, von den ordentlichen Gerichten befreit, gelang es diesen Hosjuden, die Judenpolitik ihrer Fürsten zu beinflussen, gleichezitig aber durch Bildung und Haltung, durch die Angleichung an die Sitten und Formen der christlichen Umwelt die geistige Assimilation ihrer Glaubensgenossen vorzubereiten. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich innerhalb der christlichen Gesellschaft. Die Wandlungen der wirtschaftlichen Anschauungen seit dem 17. Jahrhundert, die Lehren der Kameralisten von der Notwendigkeit großer Bevölkerungsmassen für die Entwicklung eines Landes, von der Wichtigkeit des Geldes und der Ausdehnung des Handels-und der Industrie, die Schriften der Physiokraten haben die Befreiung der Juden ebenso gefördert wie die Gedanken des Naturrechts und des Rationalismus,'des Humanismus und des Deismus. Puf e n - dorf und Leibniz, Iusti und Seckendorf, Thomas ins und Wolfs sind ebenso wichtige Faktoren der Emanzipation geworden wie die Ideen der amerikanischen und der französischen Revolution von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Die Auflösung der feudalen Gesellschaft und Klassenherrschaft, der Kamps um die Aufhebung der Zünfte und um die Befreiung der Bauern haben in gleicher Weise das Ghetto gesprengt, wie die Predigt des Nurgum Posa von der Unantastbarkeit der menschlichen Persönlichkeit. Es war natürlich, daß diese Ideen wiederum erlösend und befruchtend aus die jüdische Gemeinschaft zurückwirkten imb innerhalb der Judenheit selbst den Willen zur Reformation Hervorriesen. Hinzu kam ein wichtiges, bis jetzt nie gewürdigtes psychologisches Moment. Der Jude der Aufklärung war, infolge völlig anderer seelischer, geistiger und soziologischer Bedingungen, in ganz anderer Weise imstande, den Anschluß an die Umwelt zu finden als der Jude der älteren Generation. Denn was hatte den Juden der Barockzeit, dem Leiden und Beten, Lernen und Lesen Lebensform und Lebensinhalt war, mit einer Zeit verbunden, die sich in Sinnlichkeit und Genuß, in Mystik und Romantik, in Ekstase und Repräsentation erschöpft hatte? Die Ideen der Aufklärung dagegen, die Lehren von der Toleranz und der Menschlichkeit, von Maß und Form waren dem innersten Wesen des Judentums nicht fremd. Die Sittenlehre Kants und die Sittenlehre des Talmud, das Pathos Schillers und das Pathos der Propheten, die Sprache Herders und die Sprache der Bibel miteinander in Einklang zu bringen, war weder ein gewaltsamer noch ein unmöglicher Versuch. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, erscheint Moses Mendelssohn nicht als der gewaltige Erneurer, der in die mittelalterliche Nacht plötzlich das Licht einer helleren Zeit gebracht hat. Aber seiner Größe tut diese nüchterne Betrachtung keinen Abbruch. Daß er die Kräfte, die Strömungen, den Sinn und die Hoffnung seiner Zeit erkannte und verstand, daß er im historischen Augenblick zum Verkünder einer Weltanschauung wurde, die reis zur Verkündigung war, macht ihn zu einer einmaligen und vorbildlichen Erscheinung der deutschen und der jüdischen Geschichte. Unvergleichlich war seine Wirkung! Die deutsche Sprache, die gerade damals in der neuhochdeutschen Schriftsprache national geeinigt war, wurde ein Gemeingut der jüdischen Erziehung und Bildung. Die sprachliche Scheidewand, die bisher die deutschen Juden von ihren christlichen Mitbürgern trennte, kam in Fortfall. Unermeßlich war der Gewinn, der sich daraus für die Emanzipation ergab. Das deutsche Kulturgut wurde die allgemein verbindliche Bildungsgrundlage der deutschen Juden. Der Eigenwert der weltlichen Bildung wurde immer mehr erkannt. Das jüdische Erziehungswesen wurde in diesem Sinne neu ausgebaut. Die unheilvolle soziale Absonderung der jüdischen Bevölkerungsteile schwand dahin. Ihre Liebe zur deutschen Muttersprache entzündete sich au der trefflichen Bibelübersetzung. Sie begannen sich als vollgültige Deutsche zu fühlen. So sicherte Mendelssohn die Zukunft der Emanzipation. Aber auch den Sorgen und Röten der Gegenwart verschloß er sich nicht. Die drückende Lage seiner Glaubensgenossen empfand er ja an: eigenen Leibe. Hatte er durch seine Bibelübersetzung der kulturellen Emanzipation die Bahn gebrochen, so setzte er außerdem, wo er nur immer konnte, seinen geistigen Rang für die Durchführung der politischen Emanzipation ein. Sobald ein Notruf sein Ohr erreichte, suchte er zu helfen. Und es war dem Ansehen seiner Persönlichkeit zu verdanken, wenn sein Eingreifen zumeist erfolggekrönt war. Sei es, daß die Juden in der Schweiz, sei es, daß die Juden in Sachsen in schwerer Bedrängnis seine Hilfe anriefen, jedesmal wußte er durch den Einfluß seiner Beziehungen, die er za hervorragenden Zeitgenossen unterhielt,' das drohende Unheil abzuwenden. Im übrigen hegte er die Meinung, daß die Emanzipation mit dem Kultursortschritt im Einklang stehen müsse. Ein peinliches Festhalten an überlebten Gebräuchen lehnte er deshalb ab. Jedoch die Emanzipation konnte nur zu einem vollen Erfolge geführt werden, wenn die nichtjüdische Öffentlichkeit die Berechtigung ihrer Forderungen anerkannte. Diesem Zweck wurde am besten gedient, wenn eine namhafte christliche Persönlichkeit als Fürsprecher der jüdischen Emanzipation auftrat. Mendelssohn veranlaßte daher den ihm LesreundetenChr.Wilh. von Dohm, sein epochemachendes Buch „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden"' zu schreiben. Dohms Auffassung war insofern ganz neuartig, als er das Emanzipationsproblem nicht mehr von der religiösen, sondern von der staatspolitisch-volkswirtschaslichen Seite aus erfaßte. Er verlangte für die Juden die gleichen Rechte, die Freigabe der Berufe, freie Religionsübung und kulturelle Förderung, u. a. ihre Zulassung zu den christlichen Schulen. Wenn der Staat die Juden ebenso wie seine übrigen Untertanen behandle, würden sie ihn dafür lieben. Die Idee der Emanzipation und der Reform hatte hierdurch ihr richtungweisendes Programm erhalten. Den Streitern für die bürgerliche Gleichstellung der Juden war eine klare Linie vorgezeichnet. Die politische Notwendigkeit des Emanzipationskampfes war dem Bewußtsein der Zeit nahegerückt, es galt nun noch, die sittliche Notwendigkeit zu erweisen. Auch diese Arbeit leistete Mendelssohn. Er ließ durch seinen Schüler und Freund Marcus Herz eine apologetische Schrift des Manasse ben Israel über die „Rettung der Juden" übersetzen und leitete sie mit einer bedeutsamen Vorrede ein. Die Idee der Notwendigkeit der Bekämpfung aller Angriffe der Judengegner wurde als eine sittliche Pflicht in den Ehrenkodex des modernen Menschen eingefügt. Mendelssohns Tätigkeit im Dienste der Emanzipation fand einen großartigen Abschluß in seinem Alterswerk „Jerusalem oder über religiöse Macht und I u d e n t u m". Diese Schrift, und nicht der einst vielbewunderte „P haed o n" oder gar die „M o r g e n st u n - den", ist sein eigentliches Hauptwerk. Sie enthält nicht nur die neue Lehre vom Judentum, sondern auch die religions- und kulturphilosophische Grundlegung des Emanzipationsgedankens. Nur in dieser Beziehung und nicht im Hinblick aus ihre sonstigen reichen Inhalte haben wir es mit ihr zu tun. Indem Mendelssohn den großen Gedanken der Trennung von Staat und Kirche eindringlich vertrat, löste er die Emanzipation aus der Umgarnung der religiösen Vorurteile und Mißverständnisse; er definierte sie als eine rein weltliche Staatsangelegenheit. Die Universalreligion der Aufklärung hält er für ein Unding; warmherzig befürwortet er aber ihre Forderung der Gedankenfreiheit. Die Konturen der bürgerlich-liberalen Weltanschauung treten aus dem Nebel der Zeit deutlich hervor. Mendelssohns Darlegung gipfelt in der Anwendung der höchsten Ergebnisse der deutschen Bildungsgeschichte aus die Theorie der Eman zipation. Unwiderleglich weist er nach, wie die Idee der Toleranz und Humanität die Durchführung der Emanzipation gebieterisch fordern. Kein Geringerer als Kant hat hierin „die Verkündigung einer großen Reform" erblickt. Moses Mendelssohns Werk bildet ein geistiges Arsenal der deutschen Judenemanzipation. „Es ist", meint daher Sebastian H e n s e l, der Herausgeber des schönen Buches „Die Familie Mendelssohn", „nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß jeder deutsche Jude, der sich irgendwo auszeichnet, dies mittelbar und ost unmittelbar Moses Mendelssohn verdankt."