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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 456

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 456 (sequence 4)
Language
German
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Selma Stern-Täubler: Zeitbild vom Judentum. Wenn man heute in Deutschland allenthalben Moses Mendelssohn feiert, so ehrt man den großen Erzieher, den Philosophen, den reinen Sprachgestalter, den frommen und gütigen Juden, in dessen harmonischer Natur sich zum erstenmale eine Synthese von deutscher und jüdischer Kultur vollzog, und zugleich den geistigen Bezwinger des Ghetto, der als solcher der geistige Wegbereiter der politischen Emanzipation geworden ist. Dagegen würden sich die feinen und klaren Linien seines Lebens und seiner Persönlichkeit verwischen, wollte man ihn in die Nähe der religiösen oder politischen Kämpfer und Befreier rücken. Kultur und Bildung sind die Kräfte, die er in sich, und in der eigenen Persönlichkeit zugleich für andere, gestaltet hat. Ein Bildner, der zum Vorbild wurde: kein Stürmer und Dränger, der aufries und zum Kampfe führte. Man muß ihn in den Strömungen und Wandlungen seiner Zeit sehen, um zu verstehen, wie sein Wesen und sein Schicksal den deutschen Juden zum Symbol und in gewissem Sinne zur umgestaltenden Kraft ihres eigenen Schicksals werden konnte. Als Moses Mendelssohn im Jahre 1743 in Berlin einzog, ein schmächtiger, schutzloser, dürftiger Knabe, unkundig der deutschen Sprache, ohne Kenntnis der profanen Wissenschaft, erschien ihm die Entrichtung des Leibzolls an den Toren der Hauptstadt ebenso selbstverständlich wie seinen Glaubensgenossen die Zahlung der ungeheuren Abgaben an den Staat, die Beschränkung der Zahl ihrer Kinder, die Trennung en ordentliche und außerordentliche Schutzjuden, die Einschränkung ihres Handels, der Ausschluß aus der Zunft, das Verbot des Ackerbaus, des Handwerks und des Hausieren-, die Absonderung von der christlichen Umwelt und die Einmischung des Staats in alle Angelegenheiten der Gemeinde. Als Moses Mendelssohn starb, war der unscheinbare Jude ohne Titel und Rang der Gefährte von Philosophen und Dichtern, der Ratgeber von Gelehrten, der gern gesehene Gast von Fürsten geworden. An Stelle des Talmudunterrichts war die deutsche Sprache getreten, an Stelle des habgierigen Schacherjuden der früheren Zeit, der von der Bühne herab das Publikum ergötzt hatte, verkündete jetzt Lessings „Nathan" feierlich die Parabel von den drei Ringen. Die Christen selbst verlangten in Wort und Schrift eine bessere Erziehung der Juden, ihre Angleichung qn die Sprache, die Sitten, die Kultur ihrer Umwelt, die Fürsten selbst setzten sich die bürgerliche Gleichstellung der bisher nur geduldeten jüdischen Untertanen zum Ziel. Und doch ist der Name Moses Mendelssohns, ähnlich wie es bei den großen Gesetzgebern der Antike geschah, nur das Sinnbild für eine Entwicklung geworden, die schon hundert Jahre früher begonnen hatte und die bis heute noch nicht zum Abschluß gekommen ist. Nicht ein einzelner hat die Emanzipation der Juden herbeigeführt und konnte sie herbeiführen, sondern diese Emanzipation ist das Produkt eines langen Prozesses, den in gleicher Weise der Staat und die Gesellschaft, die philosophischen und nationalökonomischen Strömungen des Jahrhunderts wie die jüdische Gemeinschaft selbst zur Entwicklung gebracht haben. Vom Staate wurden die Juden beschützt und bevorzugt, weil der moderne, absolutistische und merkantilistische Staatskörper zum Aufbau seiner Wirtschaft und Verfassung des jüdischen Finanzmanne- und Unternehmers dringend bedurfte. Während der mittelalterliche Staat, der Omnipotenz der Kirche unterstellt und von ihren Rechtssatzungen abhängig, eine Menschengruppe ausgeschlossen hatte, die nach seiner Mernung ungläubig war, während der von den Ständen beherrschte Territorialstaat beinahe überall die Juden vertrieben hatte, gliederte sich der nüchterne, rationale Militär- und Polizeistaat wirtschaftlich und politisch die Juden ein. Wenn ursprünglich dabei auch nicht Toleranzideen mitspielten, wenn Motive finanzieller Natur die Herrscher leiteten, wenn es ihnen nur darauf ankam, durch die Aufnahme der Juden ihre Länder zu „peuplieren", zu „wichtigen Jntraden" zu bringen und für sich selbst ergiebige Steuerträger zu gewinnen, so tat dies der endgültigen Sicherstellung der Juden keinen Abbruch. Auch daß man bei der großzügigen Wirtschaftspolitik des Merkantilismus die Juden nur als einen wichtigen Faktor in Rechnung stellte, daß man sie zur Finanzierung der Handelskompagnien und zur Ausführung kolonialer Pläne, zur Gründung von Fabriken und Banken heranzog. Fritz Friedlaender: Der Reformator. Heinrich Heinehat in seiner schönen Denkschrift über Ludwig Marcus Moses Mendelssohn den großen Reformator der deutschen Juden genannt. Dieses treffsichere Urteil beweist, daß Heine an den hohen Schulen von Bonn, Güttingen und Berlin nicht umsonst die historisch-kritische Methode der romantischen Wissenschaft sich zu eigen gemacht hat. Denn die moderne Forschung hat Heines Urteil vollkommen bestätigt. Es ist nicht so sehr der Philosoph Moses Mendelssohn als vielmehr der Bahnbrecher und Wegbereiter der deutschen Judenemanzipation, der Unendliches bewirkt hat. Nicht durch Zufall kam Heine in jener Schrift auf Mendelssohn zu sprechen. Er feiert darin die Erinnerung an jenen „Verein f ü r Kultur und Wissenschaft des Judentums", der in seiner Jugend unter veränderten Zeitverhältnissen die Bestrebungen Mendelssohns wieder ausgenommen hatte. Hier wie dort ging es um die seelische und soziale Reformation oes deutschen Judentums. Hieraus beruht in der Tat die geschichtliche Leistung Moses Mendelssohns. Er war kein Himmelsstürmer, denn seine Größe gründet sich weniger aus seine Geisteskraft als aus die sittliche Macht seiner Persönlichkeit; allein er war der Mann zur rechten Stunde. Bevor er in die geistigen Kümpfe seiner Zeit, die eine Zeit des Uebergangs war, eingriff, stand das deutsche Judentum an einem Wendepunkt seiner Geschichte. Mit der großen geistigen Bewegung des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung, war das deutsche Bürgertum auf die Bühne der Weltbegebenheiten getreten. Die liberale Idee bildete die Grundlage der aufkeimenden bürgerlichen Weltanschauung; man wollte den Menschen befreien, d. h. in seine natürlichen Rechte wiedereinsetzen. Nichts anderes bedeutet Emanzipation. Die bekannten Schlagwörter von der Emanzipation traten im Gefolge des Liberalismus auf. Es ist vielfach darauf hingewiesen worden, daß die Eindeutschungsbestrebungen der deutschen Juden bereits vor Mendelssohns Eingreifen im Gange waren. Aber es ist sein geschichtliches Verdienst, diese noch unsicher tastenden Bemühungen zum System einer folgerichtigen Kulturpolitik zusammengefaßt zu haben. Er vernahm die Stimme der Zeit. Der deutsche Jude wollte aus seiner unerträglich gewordenen Sonderstellung heraustreten und an seiten des deutschen Bürgers die rechtliche und gesellschaftliche Freiheit erkämpfen. Zuvor mußte er einer Bedingung genügen. Die Aneignung der deutschen Kultur und Bildung war ihm aufgegeben. Hierfür hat ihm Mendelssohn die Voraussetzungen geschaffen. Mendelssohn verjüngte und modernisierte das deutsche Judentum (und nicht nur dieses), er machte es für die bürgerliche Emanzipation reif, indem er die Errungenschaften der Aufklärung zur geistigen und sittlichen Grundlage seiner Glaubensgemeinschaft machte. Er übertrug den tiefgreifenden Umbildungsprozeß, den das religiöse Leben im 18. Jahrhundert erfuhr, auf seine angestammte Religion. Die Leitgedanken der religiösen Aufklärung: die „natürliche" Religion, d. h. die Vernunstreligion und der theologische Nationalismus, hielten Einkehr in das Judentum. Bewundert viel und viel gescholten, wurde Mendelssohn fast wider Willen zum Theologen der „Berliner Religion". Sie ist die Keimzelle jener anschwellenden Entwicklung, die wir religiösen Liberalismus nennen. Insofern wirkte der stille und bescheidene Mann als Revolutionär. Was hatte denn die Umgestaltung des religiösen Denkens mit dem Problem der Emanzipation zu tun? Wenn die deutschen Juden sich als Mitglieder eines neueren bürgerlichen Zeitalters fühlen wollten, dann war es notwendig, daß ihre Religion sich in ihrer Denkrichtuug, ihren Inhalten und auch Gebräuchen der geistigen Wandlung der Zeit anpaßte. Wer an der Wende der Weltanschauungen stehen bleibt, gerät ins Hintertreffen. Mendelssohn sagte sich, daß es für die deutschen Juden, so schmerzlich es im einzelnen auch sei, nur ein Vorwärts gebe. Aber geriet dann, worauf heftige Kritik nicht ganz zu Unrecht hinwies, die jüdische Religion nicht rn Gefahr, ihren eigentlichen Charakter zu verlieren und in dem weltbürgerlichen Aufklürungswahn einer rein ethisierten Universalreligion auf-, d. h. unterzugehen? Wie L e s s i n g das Christentum, so gründete er das Judentum aus die subjektive Heilsgewißheit der inneren Erfahrung. Da die religiöse Ueberzeugung nun eine Sache des persönlichen Gewissens darstellte, war sie ein ursprüngliches Menschenrecht und daher durch die Idee der bürgerlichen Freiheit gerechtfertigt. Hiermit hatte Mendelssohn den Streit der Geister, der allgemeine Teilnahme erregse, für sich entschieden. Denn er hatte klar bewiesen, daß die jüdische Religion der Emanzipation nicht im Wege stand. Damit war viel getan, aber das Wichtigste stand noch aus. Das Hineinwachsen in oie deutsche Kultur war nur durch die Aneignung der deutschen Sprache zu erreichen. Mendessohn ging deshalb an die Uebersetzung bcs Pentateuchs und der Psalmen heran, denn der deutsche Pentateuch erschien ihm als der gangbarste Weg zur deutschen Kultur. Langsam, reiste das große Werk; Ostern 1783 lag der Pentateuch in deutscher Sprache vor. Alle Angriffe konnten sein Entstehen nicht verhindern.

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