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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 455

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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455 Marburg, Ehrenmitglied der Akademien zu Paris und London, s-üläat Berufungen nach Petersburg und Upsala aus und soll, da eine Kommission günstig für ihn geurteilt hat, in Preußen wiener zugelapen werden. Aber erst die Thronbesteigung Friedrichs II., für den ein französischer Text seiner „Metaphysik" hergestellt wird, und der auch in Briefen an Voltaire sein enthusiastischer Anhänger ist, verschafft ihm einen späten Triumph. Mit blasenden Postillons, in einer Karosse mit vier Pferden, mit Trompeten und Pauken wird er von den Studenten und der Bürgerschaft nach Halle geleitet. Um Voltaires willen läßt der König den, der ihm die „Morgenröte eines neuen Tages", der „feste Punkt" war, fallen; und als er 1743 in Halle weilt, begrüßt er ihn nicht einmal. Wolsfianer sind die Popularisatoren unter seinen Anhängern, die, wie Mendelssohn nicht ohne Bedenken gegen diese Rolle der „Königin der Wissenschaften" sagt, „die tiefsinnigsten Wahrheiten aus seiner Philosophie leicht faßlich und, so Gott will, auch schön abhandeln". Wolsfianer find auch die „Wahrheitsfreunde", denen Ernst Christoph von Manteuffel präsidiert, ehemals sächsischer Kabinettsminister, bei Friedrich, den er für Wolfs gewinnt, in Gunst, doch wegen eines geheimen Briefwechsels mit Dresden aus Berlin verbannt. In diesem Konventikel werden, wie der Buchhändler Haube schreibt, „abends bei einer Pfeife Tabak allerhand Vorwürfe der Gelehrsamkeit beleuchtet". Dann wird von dem immer stärkeren Freidenkertum, das in den deutschen Logen einen Rückhalt hat, der Wolsfianismus überholt. Auf ihn, wie auf Tindal, den englischen Deisten, geht die rationalistische Wertheimer Bibel von Johann Lorenz Schmidt zurück Rationalistisch wird nahezu die gesamte Theologie; aber sie ist durchaus bestrebt, das mit dem Luthertum und der Offenbarung zu vereinigen. Jedoch nicht nur Lessing tadelt das theologische „Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen"; und durch einen radikalen Vorstoß wird cs von ihm zunichte gemacht. Zwischen 1744 und 1747 schreibt Hermann Samuel Reimarus, Professor der Orientalistik in seiner Vaterstadt Hamburg, eine „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes". Er scheut sich vor Ungestüm und möchte, daß sie als ein „geheimer Schatz" mit Verschwiegenheit so lange aufbewahrt werde, „bis es Gott gefalle, der vernünftigen Religion einen Weg zur öffentlichen ungekränkten Freiheit zu bahnen". Er legt dar, daß die Personen des Alten Testaments nichts mit einer geoffenbarten Religion zu tun hätten, daß die des Moses von Göttern, Elohim, und nichts von der Unsterblichkeit der Seele wisse, daß das Edle, ja das Göttliche in Christi Lehre, die allgemeine Menschenliebe, sich auch bei heidnischen Weltweisen finde, daß der Ursprung des Christentums die Chimäre von der Messiasschaft sei und die Auferstehung Jesu wohl ein Leichendiebstahl. Er verwirft die Dreieinigkeit, die Erbsünde, die Erlösung durch Christus. Aber das kommt erst, als Reimarus tot ist, ans Licht; und mit den von ihm selbst in Druck gegebenen „Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion" und der „Vernunstlehre" wird er noch 1783 von dem deutschen Uebersetzer Holbachs als gläubiger Publizist betrachtet. Den Jugendjahren Lessings gehören die „Rettungen" an: die Rettung des von Luther verketzerten Graubündner Satirikers Simon Lemm oder Lemmius, des italienischen Mathematikers Hieronymus Cardano oder Cardanus, des „Josephus Religiosus" von Balthasar Schupp, des Anti- Lutheraners CochläuS. Leibnizianisch ist ein Bruchstück von 1753 über das „Christentum der Vernunft", eine Erläuterung der Dreieinigkeitslehre mit einer Ethik der „natürlichen Religion". Dann die Gedanken über die „Herrnhuter", die, statt der Theodizee aus Gottesgelahrtheit und Weltheit, ein tätiges Christentum betonen. Ueber die Entstehung der geoffenbarten Religion: „Die beste geoffenbarte oder positive Religion ist die, welche die wenigsten konventionellen Der~Sdimetterüng auf Zusätze zur natürlichen Relidem Totenhopf bedeutet die gion enthält, die guten Wir- Unsterblichkeit. Jungen der natürlichen Religion am wenigsten einschränkt". Ein anderer Versuch, von 1760, ergibt, „daß die christliche Religion durch ganz natürliche Mittel fortgepflanzt und ausgebreitet worden". Kirchenhistoriker wie in den „Rettungen" ist der Bibliothekar von Wolfenbüttel schon 1770 in der Schrift über Berengarius Türonensis, den Berengar von Tours, einen Zeitgenossen des Abälard und Leugner der Transsubstantiation. „In gewiffen Jahrhunderten", sagt Medaille er, „ist der Name Ketzer die von Abraham Abramson. größte Empfehlung, die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden könne." Das siebente Stück der Wolfenbüttler Beiträge rettet den Heidelberger Prediger Adam Neuser und seinen von der Orthodoxie 1570 enthaupteten Geführten Syl» vanus: „Ist uneingestandene Gotteslästerung Grund genug hinzurichten, ohne daß Ueberlegung, Reue, Besserung in solchen Bekenntnisnöten zu Wort gelassen würden? Nur erst den Kopf ab, mit der Besserung wird es sich schon finden, so Gott will." Und im selben, dritten „Beitrag" druckt Lessing das erste der „Fragmente eines Ungenannten", „Von Duldung der Deisten", die erste Schrift von Reimarus. Drei Jahre darauf, 1777, das zweite „Von Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln", dann das dritte, vierte, fünfte, sechste, siebente: „Von der Unmöglichkeit einer für alle gültigen Offenbarung", „Von dem Durchgang durch das Rote Meer", „Nachweis, daß das Alte Testament keine Offenbarung enthalten will", „Ueber die Auferstehungsgeschichte". „Vom Zwecke Jesu und seiner Jünger". Lessing sagt von dem Ungenannten: „Wie nahe unser Verfasser dem Ideale eines echten Bestreiters der Religion gekommen, läßt sich aus diesen Fragmenten zwar einigermaßen schließen, aber nicht hinlänglich erkennen. Raum genug scheint er mit seinen Laufgräben eingenommen zu haben, und mit Ernst geht er zu Werke. Möcbte er bald einen Mann erwecken, der dem Werk eines echten Verteidigers der Religion nur ebenso nahe käme!" Die Orthodoxen wüten. Lessing entgegnet in der „Duplik" mit dem Prachtvollen Aufschwung: „Wenn Gott in feiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obfchon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle, ich siele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" Das Brevier von Lessings eigener, durch den Krieg mit dem Pfaffentum nicht berührter Religionsphilosophie ist die „Erziehung des Menschengeschlechts". Eine Geschichte der Religion im Alter der Kindheit und im Christentum, der zweiten Stufe. Ein drittes Alter der Welt wird folgen, „die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums", die „höchste Stufe der Aufklärung und Reinigkeit". Schon um 1763 etwa ist der Gott, dem Lessing sich beugt, der mit der Welt identische Gott Spinozas. Im Juli 1780 besucht ihn in Wolfenbüttel Friedrich Heinrich Jacobi, der ihm das Prometheus-Gedicht des jungen Goethe reicht. Und Lessing sagt, er empfinde ebenso: „Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nichts mehr für mich; ich kann sie nicht genießen. Hen kai pan! (Eines und alles!) Ich weiß nichts anderes." Jacobi, der gehofft hat. Lessing werde ihm gegen Spinoza helfen, erschrickt über diesen Pantheismus. Und auch der weiche Mendelssohn erschrickt über den Freund, der ihn schon 1754 einen „zweiten Spinoza" genannt hat. Es ist die Wahrheit, die Lessing sonst verbirgt, weil er „von keinem Menschen und von keinem Ding der Narr sein will", und aus faustischer Scham vor sich selbst. Noch bis zuletzt, in seinem tragischen Lebensausgang, ist er für die Intoleranz der verhaßte große Feind, bis zuletzt möchte sie ihn „als einen zweiten Judas Jscharioth verschreien, der seinen Meister, zwar nicht für 30 Silberlinge, aber doch für 1000 Dukaten abermals zu verkaufen imstande wäre". Er dichtet den „Nathan", das Märchen der Menschenliebe. Es überlebt ihn als das edelste Werk, das die deutsche Aufklärung hervorbringt, und das sie der Humanitätsidee von Goethes Zeitalter vererbt. Und nach Moses Mendelssohns Bild schasst Lessing den leuchtenden Nathan. - - I

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