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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-30 · 35 (30.8.1929) · p. Seite 454

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
Seite 454 (sequence 2)
Language
German
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Paul Wiegier: Deutsche Aufklärung. 1758, in den ersten Jahren ihrer Freundschaft, schreibt Mendelssohn an Lessing: „Die Engländer philosophieren nur bis auf einen gewissen Punkt, bei welchem sie stehen bleiben, sie scheinen zu stolz zu sein, die Deutschen Zu lesen, und zu bequem, selbst in das Innere der Seele zu dringen. Die Franzosen philosophieren mit dem Witz, die Engländer mit der Empfindung, und nur die Deutschen haben kaltes Blut genug, mit dem Verstände zu philosophieren." Es gibt eine Zeit, in der er der „Madame Metaphysik", der „ehrwürdigen Matrone", einen Teil seiner Liebe entzieht und ihn den schönen Wissenschaften schenkt, wo er einen „ziemlichen Ansatz zu einem Belesprit" hat und ästhetische Studien treibt. Aber noch sein Platonismus des Herzens hat Zusammenhang mit dem, was er in jenem Brief an Lessing rühmt, mit der deutschen Aufklärung. Als Mendelssohn sich geistig befreit, hat diese schon eine Geschichte von Jahrzehnten. Noch unter den gelehrten Allongeperücken des Barock dämmert ihr Tageslicht, das dann das ganze achtzehnte Jahrhundert in Deutschland erfüllt. „Ich fing damals an", bekennt Christian Thomasius, „einige dunkle Wolken zu verjagen, welche bisher meinen Verstand verfinstert hatten. Da nun mein Urteil allsachte bei mir reif zu werden begann, merkte ich sogleich, daß ich mich an Gott versündigen würde, wenn ich mich noch länger von anderen würde an der Nase herumführen lassen. Ich tat deshalb die Augen meines Geistes auf und überlegte nur lediglich die Beweistümer für und wider jene Behauptung". 1688 gründet er die erste deutsche Monatsschrift und zum Motto eines der heit frei und unge te wählt er die Worte: „Lehre die Wahrcheut und widerlege die Jrrtümer zwar kräftiglich, aber bescheiden und ohne Bitterkeit." Seinen Feinden gelingt es, die Macht der Zensur gegen seine deutsch geschriebene „Vernunftlehre" auszuspielen: „man könne keine Schrift zensieren, darinnen philosophische Materien in deutscher Sprache doziert werden". Die theologische Fakultät in Leipzig beschuldigt ihn bei dem Dresdner Oberkonsistorium des Atheismus und, da er die Studienordnung der Majestät verletzte, der Majestätsbeleidigung. Er muß fliehen. Als man seiner Person habhaft werden will, geht er unter dem Schutz des preußischen Kurfürsten Friedrich III. nach Halle, beschäftigt sich mit den Grenzen von Staat und Kirche und ermüdet nicht im Kampf gegen Teufelsglauben, Hexenprozesse und Folter. Glänzender als er ist Leibniz, ein Deutscher und dennoch ein Kosmopolit vom Range Newtons und Voltaires. Die Königliche Sozietät der Wissenschaften in Berlin ist bei dem Tode ihres Präsidenten, die Londoner bei dem ihres Mitglieds.stumm; aber in der Pariser Akademie deklamiert der greise Fontenelle das „Eloge" auf ihn. Lateinischer Autor ist er, französischer und deutscher. Er baut sein philosophisches System der Monadologie. „Man hat in allen artigen Gesellschaften", so schreibt Mendelssohn über deren Popularisierung, die seinem tiefen Ernste widersteht, „von Monaden, vom Satz des zureichenden Grundes gesprochen; es waren Modeworte, die man aus Galanterie kennen mußte. Man trug Wahrheiten im Munde, davon weder Geist noch Herz durchdrungen war; um die Beweise der angenommenen Jeder der Männer und Frauen, die in dieser Festpummer den Geist Mendelssohns und damit eine geistig freie Gegenwart grüssen, sieht den grossen Toten mit anderen Augen, unter anderem Blickwinkel. Die Schriftleitung, der daran lag, die Vielfältigkeit des Mannes, seiner Zeit und Zeitgenossen aufzuzeigen und das Mosaik der Beiträge zum Bild des Menschen zu runden, weiss, dass Widersprüche, bestrittene Ansichten, auch Fehlmeinungen in den Aufsätzen nachgewiesen werden könnten. Sie verzichtet bewusst auf äussere Glättung und überlässt jedem Autor die Verantwortung für seinen Beitrag. Sätze kümmerte man sich wenig; die Wahrheit selbst ward durch die Art, wie man sie annahm, zum Vorurteil." Aber auch Mendelssohn geht durch die Schule dieses großen, allseitigen Literaten, den er in den „Philosophischen Gesprächen" gegen die Angriffe von Voltaires „Candide" in Schutz nimmt. „Wir müssen", sagt der junge Mendelssohn als Leibnizianer, „diese Welt für die beste halten, weil sie von dem allervollkommensten Wesen allen übrigen möglichen Welten vorgezogen worden ist." In der Sache des Kirchenfriedens hat Leibniz einen Briefwechsel mit dem unduldsamen Bossuet. Wie Thomasius, gründet er eine deutsche Literaturzeitschrist. Er ist befreundet mit Sophie Charlotte, der Kurfürstin von Brandenburg und Königin von Preußen, die ihn für die von ihm angeregte Sozietät der Wissenschaften in Berlin haben will. Nach dem Tod Sophie Charlottes zahlt man ihm kein Gehalt, und die Akademie verfällt. Er betreibt die Errichtung eines solchen Instituts in Dresden, Petersburg und Wien, wo er, zum Freiherrn erhoben, Neichshofrat wird. Jedoch die Gründung einer kaiserlichen Akademie wird durch Finanznot und die Jesuiten verhindert. Der Autor der „Theodicee" und der „Monadologie", dem Georg I. von Hannover, König von England, nicht gestattet, mit dem Hof nach London zu gehen, wird mißmutig und von Gicht geplagt. Er stirbt in Hannover 1716, dreizehn Jahre vor Mendelssohns Geburt. % Der Philosoph des neuen Geistes, der Lehrer der Deutschen, wie Hegel ihn charakterisiert hat, und mittelbar auch Mendelssohns, ist der Hallenser Professor Christian Wolfs. Er vor allem vertritt diese Epoche, in der nach Goethes Worten „innerhalb des protestantischen Teils von Deutschland und der Schweiz sich dasjenige ganz lebhaft zu regen anfing, was man Menschenverstand zu nennen pflegt". So heißt auch Wolffs Hauptschrift von 1712 „Vernünftige Gedanken von den Kräften des menschlichen Verstandes und ihrem richtigen Gebrauch in Erkenntnis der Wahrheit". Er ist Leibnizianer (ohne die Monadentheorie), leugnet die Offenbarung nicht und wendet sich gegen die „abgeschmackte Freidenkerei der Engelländer" sowohl als gegen den „einreißenden Deismus, Materialismus und Skeptizismus der Franzosen". Jedoch in den „Vernünftigen Gedanken von Gott" kritisiert er die biblischen Wunderwerke; eine Welt, in der sie „sehr sparsam" seien, sei „dannenhero höher zu achten, als wo sie häufig Vorkommen". Der Theologie sich unterordnend, setzt er voraus, daß die Offenbarung in nichts der Wahrheit der Vernunft und den durch sie bedingten Sittengesetzen zuwiderlaufe. In seinen „Vernünftigen Gedanken von der Menschen Tun und Lassen" aber wird die Moral der „Beobachtung des Gesetzes der Natur" als „das höchste Gut oder die Seligkeit, deren man fähig ist" von den Religionsnormen gänzlich befreit. Die Sprache-Wolffs hat den Hellen Scharfsinn, den Goethe ihr nachrühmt; und noch Kant, der in ihm den „Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland" preist, hat ihre Wortbildungen. Im Jahre 1723 wird Wolfs, den einer seiner theologischen Feinde beim königlichen Fiskal verklagt, durch eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms 1. des Landes verwiesen, unter Androhung des Stranges; die Generäle von Natzmer und von Loeben hatten dem Soldatenkönig vorgestellt, Wolfs lehre, daß, wenn einige Grenadiere in Potsdam durchgingen, dies „Bestimmung des Fatums" sei und Unrecht, sie zu bestrafen. Friedrich Wilhelm verbietet die Schriften Wolffs bei lebenslänglichem Sandkarren, Vorlesungen über sie beiKassation und Zahlung von 100 Speziesdukaten. Wolfs wird Professor in

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