Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- Seite 446 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277867--05447-2286186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
44t Die Gründung der Jewish Agency. Sonder bericht für bi e „C. V.- Zeitun g". Zürich, im August 1929. Die Jewish Agency ist in vier Sitzungstagen nach langen anstrengenden Kommissionsberatungen ins Leben getreten. Niemand, 'der dieser Tagung beigewohnt hat, wird sich des großen Eindrucks dieser Zusammenkunft von Zionisten und Nichtziouisten aller Länder entziehen können. Darum ist es notwendig, über jeden Meinungsstreit hinweg dieses in der modernen Geschichte der Juden bedeutsame Ereignis ruhig und sachlich zu betrachten. Der erste Tag, ein Sonntag, war ausgesüllt mit den Kundgebungen der Führer der verschiedenen Delegationen. Unter ihnen ist besonders die Rede von Louis Marshall hervorzuheben, der das praktische Programm sür den Ausbau Palästinas entwickelte und mit besonderen! Nachdruck auf die gemeinsame Aufbauarbeit hinwies, bei der niemand seine Ueberzeugung verleugnen solle. . . jeder soll die Möglichkeit haben, sein Aeußerftes zu tun, um zu helfen, so gut er kann ♦ . . Wir sollen nicht mit der Vorstellung beginnen, das; wir ein Verzeichnis all unserer Disserenzen ausstetten sollen. Lasst uns sehen, wieweit wir «bereinftimmcn, und dann vertraue ich auf den Verstand, den unsere Feinde uns zuschreiben, das; das Ergebnis zufriedenstellend sein wird . . Am Montag referierte Dr. Weizmann über die Grundprobleme der Jewish Agency und faßte am Schlüsse seiner Ausführungen die praktischen Ausgaben, die die Jewish Agency zu leisten Habe, zusammen. 1. Müßten sür die nächsten Jahre 1600 Familien jährlich, das sind 4000 bis 5000 Seelen, aus dem Lande angesiedelt werden. - 2. Müßten jüdische Arbeiterkolonien um die Dörfer, herum errichtet werden. Ringe von jüdischen Arbeitersiedlungen, die 'es ermöglichen, daß der jüdische Arbeiter in Konkurrenz mit dem arabischen Arbeiter treten kann. 3. Müßte sür ausreichende Bodenref-erve gesorgt werden. Lee K. Fraenkel, Mitglied der Lurvey-Kommission, gibt Erläuterungen zu dem Bericht der Lurvey-Kommisfion. Er wies auf die Bedeutung eines großzügigen Bodenankaufs hin und betonte, daß eine Wirtschaftsorganisation, ein kapitalistisches Unternehmen, gegründet werden müßte. Es müßte ein neues Finanzinstitut gegründet werden. Für ein solches Institut, das etwa 10 bis 15 Millionen Pfund erfordern wird, haben Lord Melchett aus London und Felix Marburg aus New York je 500 000 Dollar als Gründungskapital zur Verfügung gestellt. Tie Bedeutung des beschleunigten Landankauss wurde auch von Felix Marburg noch einmal unterstrichen. Es ist notwendig, Landkäuse rascher als bisher durchzuführen. Weiter ist das Problem der Industrie zu lösen. Die Industrie wird wachsen, wenn sie konsequent auf geschäftlicher Basis entwickelt wird. Es ist wichtig, die Arbeiterschaft aufs Land 311 ziehen und sie dort festzuhalten, indem man ihr das Leben möglichst anziehend gestaltet. Das finanzielle Institut, von dem vorher gesprochen wurde, müsse als ein geschäftliches Unternehmen aufgebaut werden, und zwar nur mit einem kleinen Aussichtsrat, der den Aktionären verantwortlich sei. Nach einer Generalaussprache faßte W e i z m a n n noch einmal das praktische Arbeitsergebnis zusammen und sagte: . . Ich glaube, daß wir uns heute kennengelernt haben. Ich glaube, wir haben gehört, was die Forderungen und die Schwierigkeiten sind, und ich glaube, daß unsere zionistischen Freunde weniger Furcht haben und unsere nichtzionistischen Freunde mehr Wissen erlangt haben über die Probleme, die Schwierigkeiten und die Erfordernisse von Erez Israel. Ich glaube, das hat dazu beigetragen, daß wir uns kennengelernt^habenC Am dritten Litzungstage traten die Kommissionen (Budget- Kommission und Konstitutions-Kommission) zusammen. Für die Budget- Kommission berichtete Direktor Oskar Waffe r in a n n und teilte mit, daß die nichtzionistischen Mitglieder der Budget-Kommission Vorschlägen, die Ausgabenzufammenstellung, wie sie das Budget des Zionisten-Kongresses enthält, ohne sich im einzelnen damit zu identisizieren, als Grundlage für die Geschäftsbchandlung im nächsten Jahre anzunehmen. Für das Resolutions-Komitee berichtete James Bosenberg und unterbreitete der Versammlung die durch «die Presse bekanutgewvrdene Resolution. .Für das Direktorium des Koren Hajessod, das nach der Verfassung das Council der Jewish Agency zu wühlen hat, konnten wegen der Kürze der Zeit keine Vorschläge gemacht werden. Es wurde beantragt, diese Wahl dem Administrativ-Komitee zu übertragen. Das Administrativ- Komitee setzt sich ans 16 Mitgliedern zusammen, von denen 20 dem Zionistischen Teil des Councils und die anderen 26 dem nichtzionistischcn Teil des Councils angehören. Als Vertreter der deutschen Nichtziouisten wurden in das Administrativ- Komitee T i r e k t v r O s k a r Wasser m a n n und Rabbiner D r. Leo B a e ck gewählt. Auch für die Wahl der Exekutive verzichtete man ans eigene Vorschläge, es wurde beantragt, daß die vom Zionistenkongreß gewühlte Exekutive weiter fungieren solle, bis das Administrativ-Komitee Schritte zur Neuwahl der Exekutive unternimmt. Hierzu schreibt Dr. Alfred wiener, Spnöikus öes L. v.: Alles wird jetzt darauf ankommen, wie das neue Instrument der Verwaltung des „jüdischen" Palästina sich einspielen, wie sich das Verhältnis der Zionisten zu den Nichtzionisten gestalten wird, welche Energie die Nichtzionisten aufbringen werden, um Wirtschaftlichkeit und Sachlichkeit im Palästinaaufban durchzusetzen. Es wäre beruhigender, hätte der (englisch-amerikanische) Dreierrat — Kisch, Sacher, Miss Szold — auch im Zeichen der Agency weiter das Szepter der Palästinaexekutive geschwungen. Das Administrativ-Komitee hat vorerst darauf verzichtet, nicht-, zionistische Vertreter für die Exekutive, die der Kongreß gewählt hat, zu stellen. Es ist nicht anzunehmen, daß dieser freiwillige Verzicht selbst nur für kürzere Zeit anhält. In der Exekutive vor allem liegt die Herrschaft und Macht. Soll das Werk gut lausen, so ist nichtzionistische Arbeit, keine argwöhnische Aufsicht etwa, gerade an dieser Stelle unumgänglich. „Niemand weiß in diesem Augenblick und in diesem Saale, was in Zukunft das zionistische Aktionskomitee zu sagen haben wird, was die zionistische Organisation mit ihren gewählten Instanzen in der Zukunft zu bedeuten haben wird", sagte Lichtheim bei Agency-Verhandlungen. Die Nichtziouisten, mögen sie Freunde oder Gegner der Agency sein, müssen sich darüber klar sein, daß theoretisch nicht mehr die Zionistische Organisation, nicht mehr der Z i o n i st e n k o n g r e ß, sondern von jetzt ab die Agency allein als höchste Insta nz über den Palästina aus bau zu entscheiden h a t. Gewiß hat der Zionistenkongreß durch den 50-zu-50-Grundsatz, durch die Stellung des Präsidenten der zionistischen Organisation als Präsidenten der Agency, durch die von den Nichtziouisten anerkannten drei Ausbau sorderungen der Agency-Verfassung den Zionistischen Einfluß sicherzustellen gewußt. lieber das „Was" dürste es iu der Agency wenig Uneinigkeiten geben. Um das „Wie" werden wohl k a u m die Meinungen einhellig sein. Weizmann darf sich mit Recht auf Opserfreudigkeit und Tatkraft der Zionisten verlassen, aber um so mehr wird auch n i ch t z i o n i st i s ch e Sachlichkeit und amerikanische Nüchternheit in Rechnung gestellt werden müssen. Louis Marshall., dessen Begrüßungsrede am Eröffnungstage die. Wirtschaftlichkeit stark unterstrich, die Wesenheit des Judentums als Religion besonders betonte, ist nicht der Mann, der nur Verträge unterschreibt und Geld beschafft, oder Aemter, die er übernimmt, nicht als heilige Verpflichtung empfindet. Professor Weizmann wünschte eine Bodenreform — nur sechs Prozent des Bodens des Mandatsgebiets ist bisher in jüdischen Händen —, und zwar möglichst solchen Besitz, daß dadurch die jüdischen Siedlungen zusanunengeschlossen werden. Dabei leitete ihn die Hoffnung, die englische Regierung werde den Siedlern durch kostenlose oder ermäßigte Bodenzuweisung entgegenkommend Er betonte die Beschäftigung nur jüdischer Arbeiter. Das sind die wesentlichsten Forderungen. Sollte es -— es ist nicht ganz durchsichtig — Weizmann glauben, die jetzt recht unbedeutende Einwanderung würde sich noch in diesem Jahre aus eine Zahl von 15 000 bis 20 000 Leelen steigern lassen, so ist hier nur der verständliche Wunsch., der Vater eines schönen Gedankens. Es führt hier zu weit, auseinanderzu setzen, warum in nächster Zeit eine beträchtliche Erhöhung der Einwandererzahl mehr als fraglich ist. Eine gewisse. bescheidene Vergrößerung mag eintreten. Die Zionisten verteilten an die Nichtziouisten, die bisher mitgearbeitet haben, keine kleinen Lobsprüche. Sokolow nannte sie „Schonzionisten", ein anderer Redner: „Noch-nicht-Zionisten". Ernster ist zu werten, was der Berichterstatter der Agency-Kommission. Dr. Georg Halpern, dem Kongresse mitteilte: „Diese Hundert (Nichtzionisten) wandern nun eine gemeinsame Straße. Auf dieser Straße ist keine. Barriere errichtet, und jeder kann von der einen Seite auf die andere übergehen. Wir hosfem wir wissen, wir wünschen, daß diese Straße eine Einbahnstraße ist sür diejenigen, die auf diesem Wege zum Zionismus kommen werden. Und wenn dann in den Reihen der Nichtziouisten Plätze frei sein werden, so werden in diese Plätze diejenigen. Juden einrücken, die heute noch nicht so weit sind, wie die in diesem Dokument (Agency-Verfassung) beschriebenen Menschen." Es ist der gewünschten gemeinsamen Palästinaarbeit nicht gerade zuträglich, immer und immer wieder solche Gedankengänge aus Zionistischem Munde hören zu müssen. Für den echten Zionisten gibt es gewiß keinen Zwiespalt zwischen Nationaljudentum und Palästinaaufbau. Er sollte aber, sehen wir recht, nie vergessen, daß die erdrückende Mehrzahl der n i ch t z i o n i st i - scheu A g e n c y-D e le g ier t en es weit von sich weist, als N a t i o n a l j u d e n betrachtet zu werden. Von nichtzionistischen Rednern ist den Zionisten ob ihrer Schaffenskraft, ihrer Hingabe, ihren Leistungen viel Anerkennung gezollt und ihrer Weltanschauung reichlich Verständnis entgegengebracht worden. Für die Amerikaner spielen die Begriffe Volk, Nation, Rasse eine untergeordnete Nolle. Dort fehlen die Akzente, die sie in Deutschland haben. Um so mehr wären einige eindeutige Worte aus deutschem Munde aus der Versammlung erwünscht gewesen, in denen ohne Schärfe und ohne Ueberschwang die Haltung der nichtzionistischen deutschen Juden, die die Agency fördern wollen, klargestellt worden wäre. Es wäre angebracht "gewesen, daß die deutschen Nichtziouisten, um den zionistischen Mitarbeitern ihr Angesicht ganz zu enthüllen, ein wenig ihre Weltanschauung niemandem zuliebe und niemandem zuleide nahegebracht hätten;-der Eifer und die Selbstverständlichkeit der Zionisten in der Betonung ihrer Weltanschauung soll dabei gar nicht einmal verlangt werden. „Reden und ein solches Reden ist manchmal nötig, arbeiten aber immer." Die Agency ist in den Sattel gesetzt. Sie wird nun zu beweisen haben, ob und wie sie reiten kann. Jeder wird wünschen,, daß die'Arbeit der Agency den 150 000 Juden Palästinas zum wahren Segen gereicht.