Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- Seite 444 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gin Nli« in nnf«c SnnereS. Von den Quellen ju-enfein-licher Gefühle. / Von Dr. Willi Lewinsohn. In nachstehendem Aufsatz bringen wir den in der vorigen Nummer angekündigten zweiten Artikel zu dem Thema „Selbstkritik". Die Schriftleitung. Will man den Judenhaß in seinen verschiedenen Auswirkungen bekämpfen, so bedarf es der Klarheit über die Frage: „Woher entsteht die judenfeindliche Gesinnung?" Von den Ideen und Gründen, die hinter all den Einzeläußerungen des Judenhasses stehen, soll hier einiges gesagt werden; denn es kann unsere Lage nicht stärken, wenn wir sie nur gleichsam im» besehen ablehnen oder verdammen.! Unter denen, die neuerdings über das Wesen des Antisemitismus tiefer nachdachten, sei hier der Kreis des Philosophen C o n st a n t i n Brunner genannt. Er sieht im Judenhaß lediglich eine Sondersorm des Menschenhasses und führt ihn auf die Tatsache Zurück, daß der ungerstige Mensch, wo er Wahrheiten Zu erkennen glaubt, in Wirklichkeit „Jnteressenurteile" fällt, d. h. unbewußt dem Zwange unterliegt, alle und alles nach seinem egoistischen Interesse Zu beurteilender wird Zwangläusig sich selbst vor sich und seiner Umwelt dadurch Zu erhöhen suchen, daß er Menschen, die irgendwie anders sind, mißkennt, verurteilt, erniedrigt; Zumal dort, wo eineGruPpe wie Z. B. die Juden, als hoffnungslose Minorität auftrete, begegne sie sicherer Ablehnung durch die Majorität; und die dabei vorgebrachten Gründe (Z. B. „der Jude" betrüge, dränge sich vor, betreibe eine verhängnisvolle Politik, usw.) seien völlig belanglos, da hinter ihnen eben gar nichts Sachliches, sondern nur „Interesse" (Konkurrenzneid, „pharisäischer" Hochmut) stünde. Würden doch ganz dieselben Vorwürfe wie gegen die Juden anderwärts auch gegen völlig andere Minderheiten geschleudert.! Hier ist Zutreffend hineingeleuchtet in die Urteilsweise der gedankenlosen Mehrzahl. Und doch verstünden wir den Antisemitismus nur halb, wollten wrr zwischen der Lage der Juden und der anderer Minderheiten keinen Unterschied machen. Als eine Art Unparteiischer hat, wie seinerzeit in diesen Blättern berichtet, Otto Flake in der „Neuen Rundschau" vom Februar 1928 zur Klärung dieser Frage beigetragen. Er sagt u. a.: „In unserem Zeitalter . . . ist es ganz selbstverständlich, daß der Jude vor allen anderen aus eine Form der Gesellschaft drängt, in der die nationale Bindung, die konservative Abgrenzung hinter die menschliche Ausgleichung, die internationale Universalität Zurücktritt. Tie jüdische Menschheit erlebt heute ihre.große Wiedergeburt. . . . Die nationalen Vergangenheiten sind für sie erledigte Strecken; sie sieht ein neues Morgen aufgehen. Daher die Todfeindschaft Zwischen ihr und allen denen, die am System einer Reihe völkischer Kosmen festhallen." Für Flake ist der Antisemitismus „der Kampf der Monde gegen die Universalität, des Konkreten gegen die Idee, des Gewordenen gegen das Fließende". Natürlich trifft diese Formulierung auf die „Juden" allgemein nicht zu. Aber äußerst beachtlich ist es, daß der allgemeine Judenhaß (dem Flake nicht folgt, den er nur objektiv darstellen will) seinen Kampf gegen das Judentum so ansieht. Flake selbst spürt das Unberechtigte der Verallgemeinerung; er weiß, daß es auch die „bürgerliche Provinz" gibt im Bereiche jüdischer Geistigkeit. Wir dürfen weitergehen und sagen, daß die große Mehrzahl der mittel- und westeuropäischen Juden „bürgerlich" empfinden. Wenn aber eine solche Gegensätzlichkeit zwischen einer angeblich typisch-jüdischen nnb einer nichtjüdischen Denkart im obigen Sinne festgestellt wird, so erhebt sich doch die Frage: Beruht das nur auf böswilliger Erfindung oder handelt es sich um falsche Verallgemeinerung von an sich richtigen Beobachtungen? Um den Antisemitismus der gebildeten Schichten (nicht der Hitler-Leute) zu verstehen, ist diese Frage nicht unwichtig. Zweifellos sind die jüdischen Deutschen mit der Kultur ihres Landes u n l ö s l i ch v erwach s e n. Es gibt aber bei allen Menschen verschiedene Grade der Festigkeit dieser Verbindung zwischen dem einzelnen und der Gesamtkultur ihres Landes. Und wenn sich gerade in den gebildeten Schichten Gegensätze zeigen zwischen solchen, die von Hause aus in „Traditionen" erzogen worden sind, und solchen, die alles rein vernunftmäßig betrachten, die an die Politischen Fragen vorwiegend vom rein menschlichen Standpunkt aus herantreten, so werden die Juden wohl überwiegend zu den letztgenannten zählen. Jedenfalls müssen wir nicht nur an die Ursachen des Konkurrenzneides, sondern auch an die hier betriebenen Gegensätzlichkeiten denken, nur Verhältnisse wie etlva die in der akademischen Jugend zu begreifen. Schon jetzt beginnt eine Reaktion gegen die fortschreitende Mechanisierung und internationale Vereinheitlichung des Lebens. Soll Europa mit anderen Erdteilen zu einem farblosen Kulturbrei zusammengerührt werden? Soll Nordamerika, bisher von den Europäern tausendfach beschenkt und ihnen verpflichtet, seiner guten wirtschaftlichen L-age wegen zum Allerweltsvorbild werden? Soll dies Land, unbeschwert von Tradition, von Bildung und von Skrupeln, uns allen die kulturellen Ziele weisen: viel Komfort und wenig Geist, viel Technik und wenig Seele? Demgegenüber besinnen die europäischen Völker sich wieder auf sich selbst. Demgegenüber wissen auch überzeugte Pazifisten den unersetzlichen Wert der Volkseigenheiten zu schätzen, die durch Jahrhunderte lang wirkende Kräfte entstanden sind. Bei allen Verkehrssteigerungen und übernationalen Bindungen gilt es, jene Völker von geographisch und geschichtlich bestimmter Eigenart nicht auszulöschen, sondern sie zu friedlicher Zusammenarbeit zu bringen: nur dann können sie sich gegenseitig ergänzen, gerade vermöge ihrer Eigenart. Natürlich ist es irrig, hier wiederum zu sagen, datz „den Juden" allgemein das Verständnis dafür abgeht. Zum Begreifen der judenfeiudlichen Geistesrichtung genügt es, daß es eine Anzahl jüdischer Tagesschriftsteller, die übrigens selbst unter den Juden wenig Anhang finden, gibt, denen Menschheit über Volk, Ideal über Wirklichkeit, Zuweilen sogar Zukunstspläne über den Aufbau in der Gegenwart gehen. Daß Männer von solchem Schwung des Geistes, solcher Empfänglichkeit für neue Ideen, solcher Bereitwilligkeit zum Betreten neuer Bahnen, gerade auch mit ihrer Fähigkeit zum überstaatlichen Denken, oftmals für Staat und Volk von größtem Nutzen sein können, das sehen die Gegner nicht. Sie haben aber das Gefühl, daß in den Händen eines gänzlich unprophetisch veranlagten, weniger „universal" gerichteten, eines „konkret" denkenden Müller oder Schulze die Belange des Tages besser aufgehoben sind. Die Zeit gehört bei uns der Vergangenheit an, in der sich für die Juden eine mehr oder weniger oppositionelle politische Stellung von selbst ergab. Man darf vom jüdischen Deutschen ein wachsendes Verständnis dafür erwarten: daß das Bestreben, an der Volkseigenart festzuhalten und überhaupt den vollkommenen Bruch mit aller k u l t u r e l I e n Vergangenheitzu vermeiden, keineswegsschon politische Reaktion bedeutet. Wenden wir uns von der Politik zu den anderen Sphären kulturellen Lebens, etwa der Kunst und Geselligkeit zu, so empfindet offenbar der Durchschnitt der Nichtjuden nicht bei allen, aber bei recht vielen gerade in der Oeffentlichkeit stehenden Inden ein gewisses Anderssein, das sich am einfachsten wiederum mit jenen Flakeschen Bezeichnungen des „Abstrakten" gegenüber dem „Konkreten" verdeutlichen läßt. Auf dem Gebiete der K u n st im weitesten Sinne ist es freilich seit mehreren Generationen überhaupt zu keiner festeren Bindung („Stil") mehr gekommen, und somit ist bei alle n Europäern für Persönliche Losgelöstheit, für ein Abstrahieren" vorn Herkommen und von der Gemeinschaft freie Bahn. I m m e r h i n i st d a s e r - h e b l i ch e H e r v v r t r e t e n von I u d e n in den K ü n st e n und der K u n st k r i t i k, abgesehen von den großen Gaben einzelner, wohl auch z u r ü ck z u - führen auf die größere Freiheit der Juden von aller „konservativen" Abgrenzung und auf die oft zu beobachtende Fähigkeit des rascheren Um l er neu s. Es sei nur Hingelviesen aus Kubismus, Futurismus und die „Abstrakte Kunst" Sowjetrußlands. Auch im bloßen geselligen Leben wird ein Anderssein wiederum bei dem Teil der Juden, der am meisten von Nichtjuden bemerkt und beobachtet wird, empfunden: sie sind in der „Modernität" voran; in den Vergnügungen wie in der Kleidung und der Frisur scheint das Ergreifen des Neuen, die Trennung vom Herkommen ihnen leichter und selbstverständlicher zu sein. Selbst ihre Unterhaltungen sind im Durchschnitt anders, und zwar „abstrakter": nämlich literarischer, weniger den konkreten Vorfällen des Lebens, häufiger dem Begrifflichen und Allgemeinen zügeln andt. Sie langweilen sich leichter beim Alltäglichen. Wo sie heiter sind, bringt häufiger das Begriffsspiel des Witzes sie zum Lachen als der anspruchsvolle Humor, der von selber hervorzuwachsen scheint. Es würde zu weit führen, wenn hier versucht werden sollte zu zeigen, wie weit jene Verschiedenheit einer mehr abstrakten und einer mehr konkreten Gesamteinstellung auch auf das Gebiet des Wirtschaftslebens sich verfolgen läßt. Soviel läßt sich im allgemeinen sagen: wenn wir uns eine Stufenleiter aller wirtschaftlichen Tätigkeiten vorstellen, von der konkreten (Land- und Forstwirtschaft) bis zur abstraktesten (Geld- und Kreditwesen), so liegt der jüdische Anteil, wie die Dinge heute liegen, sehr überwiegend in den „abstrakten" Gebieten. Damit rücken wir den großen Fragen der Lebens ge st altung und des Lebensstils näher: es handelt sich wesentlich um die