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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-23 · 34 (23.8.1929) · p. Seite 442

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
34 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
Seite 442 (sequence 2)
Language
German
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442 russischen Wort Ssart, der die Stadt- und Oasenbewohner von Turkestan umfaßt. Der Charakterbegriss „Sarte" wird von Passarge in übertragenem, eingeschränktem Sinn für wurzellose, demoralisierte Stadtbevölkerung im allgemeinen gebraucht. Die Charakteranalyse läuft aus die bekannte Phraseologie hinaus: „Was den Sarten auszeichnet und ihn dem primären Fundamentalcharakter gleichstellt, sind scharfe Beobachtungsgabe und ein untrügbarer Wirklichkeitssinn. Nichts entgeht ihm, nichts täuscht ihn, durch keine Gefühlsregung läßt er sich beeinflussen. Seine Visionskrast ist nicht sinnlich, sondern begrifflich. Der Sarte besitzt eine bewunderungswürdige Klugheit, Schlauheit, Gerissenheit im Umgang mit Menschen — das heißt mit seinen Geschäftsfreunden und seinen Unterdrückern. Schmiegsam wie ein Rohr im Sturm, in freundlicher, kriechender Schmeichelei, in Berlogenheit, Verstellungskunst und Verschwiegenheit ein Meister, überwindet er die schlimmsten Anstürme. Kein sich aufbäumender Stolz, kein selbstbewußtes Ehrgefühl, keine starre Wirbelsäule stören ihn in solchem Abmehrkampf." (S. 133.) „Schließlich ist der Sarte der geborene Geheimbündler. Das Geheimnis ist ja der Schutz des Schwachen. Sarten haben Mondnatur. Gerade so wie der Mond der Erde immer nur seine Vorderseite zeigt, die Rückseite aber verbirgt, so versteckt der Sarte seine wahren Gefühle und Absichten." (S. 137.) „Derselbe Mann, der in der Erzeugung sittlicher Fäulnis eines der wichtigsten Kampfmittel gegen alles Nichtsartische sieht, achtet aufs strengste darauf, Unsittlichkeit von dem Kreise seiner Familie sernzuhalten." (S. 136.) Der Sarte ist ganz unfähig zu herrschen. (S. 139.) Herrschsucht, Anmaßung, Hochmut, Protzentum, Eitelkeit, Unduldsamkeit, Grausamkeit und Mitleidlosigkeit gegen unterlegene Gegner, Mangel an persönlichem Mut, an Anstands- und Gemeingefühl, politisches Geheimbündlertum sind seine hervorstechendsten Züge. In nie endenden Wiederholungen wird alles menschlich Häßliche und Minderwertige auf ein begriffliches Phantom, auf eine Gedanken-AnziehpuPpe gehäuft und mit dem Stabe dann demonstriert: „Das ist das Urbild, der Jdealtyp des ,Sartew!" Auf die Juden paßt dieses Urbild in allen Stücken! Das soll natürlich kein Vorwurf sein, sondern nur eine unparteiische, wissenschaftliche, kulturgeographische Feststellung! Im Ghetto, im jüdischen Kahal (Gemeinde), verdichtet sich der Zweigeschlechterglaube des Jahwe-Kults; der Kahal ist der Nährboden aller „degenerativen Sartoidisierung". Die Vorstellung vom Ghetto ist das dritte Hauptstnd Mittelstück der Pasfargeschen „neuen" kultur-geographischen Theorie, das die beiden flankierenden Hauptstücke vom „Zweigeschlechterglauben" und vom „Sarten" verbindet. „Die gewaltige, hinreißende Wirkung der sich umbildenden Ghettoreligion ist darauf zurückzusühren, daß ihre geistigen Führer instinktiv auf das festeste und ursprünglichste Fundament jedes religiösen Empfindens zurückgingen, aus den primitivsten Animismus und Zauberglauben des Naturmenschen, der mit der menschlichen Natur aufs engste verwachsen ist. In den Löß baut der Chinese seine Höhlenwohnung und setzt eine architektonische künstlerische Fassade vor den Eingang. In den Fels des animistischen Zauberglaubens — Zweigeschlechtigkeit! — haben die Rabbiner ihre Lehre hineingemeißelt und die Grabhöhle mit einem dürftigen Vorbau aus höheren, religiösen und ethischen Vorstellungen zu , verbrämen gesucht." (S. 326.) So sei in dem Fels des Primitivsten animistischen Zauberglaubens der biblischen Jahwe-Vorstellungen ein Labyrinth der verwickeltsren Jrrgänge pilpulistischer Auslegungen mit Fallgruben, Fallstricken, Hinterhältigkeiten entstanden. Die ethisch-sozialen Vorschristen und Einrichtungen des „Kabul" sei nur raffinierter Priestertrug oder der Ausdruck „degenerativer Domestikationserscheinungen", der Nervenverfall von Willenskrüppel, Nervenkrüppel, Pazifisten. In breiter Schilderung gibt Passarge ein Bild von der Vorsteüungswelt und den Lebensformen des Ghetto; seine drei „Quellen" sind ausschließlich — B o d e n s ch a tz: „Kirchliche Verfassungen der heutigen, sonderlich der deutschen Juden" (1747/49), Kirchner: „Jüdisches Ceremoniel" (1726) und Brasmann: „Das Buch vom Kahal" (1922/26). Vodenschatz ist die eigentliche Beweisquelle. „Bodenschatz gibt stets den hebräischen Wortlaut und die wörtliche Uebersetzung, so daß die Richtigkeit garantiert ist." (S. 338). Um diese wissenschaftliche Anspruchslosigkeit darf man Passarge beneiden. Keinem der drei bekannten Bücher kommt unbestritLenermahen auch nur die Spur wissenschaftlicher Beweiskraft zu. Das philologisch-historische Verständnis für die Quellen der jüdischen Pflichtenlehre, die in erschöpfenden Editionen und Uebersetzungen vorliegen, wird nur aus den Texten und aus deren gewissenhaften anerkannten Bearbeitungen gewonnen. Bodenschatz und Kirchner als einzige Quelle zu benutzen ist so, als wenn man heute deutsche Geschichte nach der Chronik von Sebastian Frank aus dem 16. Jahrhundert schriebe. Die geisteswissenschaftlich heute allein zulässige Betrachtung, die zuerst nach Herkunft und Art der Quellen fragt, ersetzt Passarge durch die immer wiederkehrende Beteuerung seiner Objektivität und strengen Gelehrtheit, die sich vor aller politischen Tagesproblematik, namentlich von den geläufigen Sentiments der Gegenwart, von der gewöhnlichen Sphäre des Judenhasses weit entfernt halte. So wird die wissenschaftliche Welt mit dem Hauptergebnis beglückt: „Sicherlich wird der Leser ungläubig den Kopf schütteln, wenn die jüdische Religion mit dem s ch a m a n i st i s ch e n Animismus der P r i m i t i v e n aus eine yfc.TR Ai MONTAN»! MVSV Stufe gestellt wird. Und dochl fehlt dem Vergleich jede Ueber-I treib ung! Die Religion des! unterdrückten Ghettojuden steht! nicht höher als die der Australs n e g e r." Diesem Resultat entspricht auch! die Geschichtstheorie des Verfassers von der! „Kurve des geschichtlichen Gefühlszyklus ber| Wirtsvölker gegenüber den Juden". Es bedarf keines großen Aufgebotes bottj Fachgelehrten aus den Gebieten der Religiousst geschichte, der Völkerkunde und Soziologie,! um den massiven Naturalismus, den plattes Materialismus des Pasfargeschen Weltbilds! sofort zu sehen. In diesem Bild ist auch nicht! der Schatten eines vorurteilslosen, wissend schaftlich sauberen, sentimentsreien Erkennt-! nisprozesses zu entdecken. Das Politische Re-i zept des Verfassers, die Juden gehen zu lassen! und nicht zu beachten, da Verfolgungen und! Pogrome „das Lebenselixier" seien, „das! das Judentum sittlich gesund und wider-! standsfähig erhalte" (S. 396), steht auf der! Höhe seiner wissenschaftlichen Entdeckungen.! So trifft eine weitere Kritik der boden-I losen Kritiklosigkeit dieser Leistung ins Leerest Für die „Gläubigen" ist der Verfasser selbst! jeder Kritik von jüdischer Seite von vornherein! ausgewichen: „Verfallsmenschen seien gar nicht! in der Lage, sich selbst psychiatrisch zu best urteilen" (S. 19). Außerdem will Pasfarge! „dem Juden, dem das Geheimnis die stärkste! Waffe ist, nicht zürnen, wenn er die Richtig-1 feit der hier gegebenen Darstellung einfach! für Unsinn oder gar für Fälschung erklärt" (S. 387). Die bitterernste Seite der schmählichen Tat-I sache dieses Buches, das nur in der dokri-I mentarischen Geschichte des Haßbildes und der! Karikatur vom Wesen des Judentums eine! Rolle spielen wird, bleibt jedoch die: Passarge! war bisher ein angesehener Vertreter der! deutschen Wissenschaft, ein Lehrer von Rang! an der Hamburger Universität. Wird die deutsche Wissenschaft, wird unsere jüngstes große deutsche Universität durch ein derartiges, unsäglich unwürdiges Pamphlet nickst I schwer diskreditiert? Oder gibt es in der! deutschen Wissenschaft nur persönliche 331a* j mögen? Dr. Ludwig Feuchtwanger (München). Nationalsozialismus und katholische Religion. Der nationalsozialistische „E i s e n h a m - mer", Neustadt (Haardt), bringt in seiner Augustnummer einen Leitartikel „D a £ Schindludertreiben mit der Relig i o n", der die Presse des Zentrums wie folgt charakterisiert: „Als katholische Presse gilt diejenige Presse, die, wenn sie „Gott" sagt, die Partei oder die Futterkrippe meint, die mit dem Glauben unb der Frömmigkeit des Volkes Wahlgeschäste machen will, die die Religion des guten Katholiken für ihre dunklen politischen Manöver j mißbraucht." Diese Schmähung ist durch nebenstehende ] Zeichnung illustriert, bk wir in starker Verkleinerung bringen.

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