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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-16 · 33 (16.8.1929) · p. Seite 433

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
33 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
Seite 433 (sequence 5)
Language
German
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Die «anderen Faktoren". IrrdenfemdUche Theorien eines Leipziger AniverfiMsprofefsors. — Die Leipziger medizinische Fakuttitt soll „jud eurem" bleiben. „Vierhundertundsechzig Nasen, die wir bei einem Spaziergang durch die Leopoldstadt, das bekannte jüdische Viertel Wiens, am Vorabend des Sabbat bestimmten, erreichten sogar den Index 4,5. Eine Auswahl trafen wir dabei nur insofern, als wir Polizisten, Postbeamte und Straßenbahnschasfner ausschlossen." Diese aparte Forschungsmethode, die von lvissenschaftlicher Genauigkeit und Zuverlässigkeit ebenso zeugt wie von unvoreingenommener Objektivität, stammt nicht, wie der Leser vielleicht glauben könnte, von einem ^rassekundigen" Mitarbeiter des „Stürmer". Sondern von dem ordentlichen Professor an der Universität Leipzig, dem Direktor des Hygienischen Instituts der Universität Leipzig, dem Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Walter Kruse und ist zu lesen in dessen jüngst erschienenem Werk über „Die Deutschen und ihre Nachbarvölker". Nach einer Richtung hin kann man das Buch gewiß begrüßen. Wenn der völkische Judenfeind Kruse sich anschickt, über Rassentheorie zu schreiben, kanner den Universitäts- Professor Kruse nicht gänzlich ausschalten. So.räumt er denn mit den Rasseucheorien seiner völkischen Gesinnungsgenossen etwas auf. Weder hält er an der Unveränderlichkeit der Rassen fest, noch macht er die unbedingte Verherrlichung der nordischen Edelrasse mit. Er urteilt sogar recht scharf über das „unwissenschaftliche Verfahren" vieler Forscher, die eine Theorie ausstellen und dann die Tatsachen ihr zuliebe deuten und zurechtmachen. „Aus den Ueberbleibseln der früheren Menschheit wissen sie immer dasjenige herauszufinden, was zu ihrer Theorie paßt, und mit zahlreichen noch so unwahrscheinlichen Hilsshypothesen, die sich nicht beweisen, aber auch nicht streng widerlegen lassen, ,erklären" sie die vermeintlichW Abweichungen von ihrer Theorie." Den Schädelindex hält auch Kruse als Rassenmerkmal für erledigt; die durch gemeinsame Sprache und Geschichte in sich verbundenen Völker sieht er.als Grundlagen der ■ Rassen an; die „phantasiebegabten" Leute, die sich auf dem Felde der Rassenfrage austmnmeln, kanzelt er ab. Die anthropologischen Merkmale sind nicht beständig, sondern sie sind von der Umwelt abhängig. Kurz: die Theorien Kruses müssen jedem seiner Gesinnungsgenossen als eine Sünde wider den völkischen Geist erscheinen. Aber Logik und Wissenschaftlichkeit hat er in dem Augenblick vergessen, da er seine Theorien auf die Juden anwenden müßte. Da ist er plötzlich der Judenfeind mit dem engen Horizont und dem dogmatischen Rassenglauben derer, die er sonst verwirft und sanft verspottet. Man wird an anderer Stelle in ausführlicher Kritik sich mit den Meinungen des Antisemiten Kruse darum beschäftigen müssen, weil sie den Anschauungen anderer Judenfeinde gänzlich widersprechen und demnach im Politischen Kampfe eine große Rolle spielen werden. Hier sei nur eine Blutenlese aus dem gegeben, was im Gegensatz zu den Grundthesen des Buches über die Juden gesagt wird, wobei man beachten wolle, daß es sich um ein wissenschaftliches Werk und nicht um eine politische Streitschrift handelt. Die Juden sind „ein mehr oder weniger schädlicher Fremdkörper", sie stellen „eine internationale Macht" dar, die „jedes andere Volk unangenehm empfindet". Sie haben sich, wenn auch nicht durchgängig, Rassenmerkmale bewahrt, nämlich die an eine Sechs erinnernde eigentümliche Nasensorm, die aufgeworfenen Lippen, das gekräuselte Haar, die lispelnde, mauschelnde Sprache! Sie sind „anerkanntermaßen" die Hauptvertreter des Kapitalismus, besonders ausgeprägter Erwerbssinn ist ihnen eigentümlich! Sie beherrschen die Banken, einen großen Teil des Handels und der Industrie (!), den größten Teil der Presse, des Schrifttums, des Theaters, des Kinos, mancher Gebiete der Kunst und den ganzen (!) Kunsthandel. Die „Geheimnisse der Weisen von Zion" hält Kruse Zwar für „fast zu abenteuerlich", als daß „sie wahr sein könnten", immerhin hält er sie für beachtlich und fügt seinem Urteil die Worte hinzu: „Aber freilich sind die Wege des Kapitalismus oft schwer erforfchlich." Und mit dem großen Ludendorfs hält er die Freimaurerei für vollständig unter jüdischem Einfluß stehend, und er glaubt, daß „außerordentlich viele sich untereinander stützende Beweise sür eine feit langer Zeit arbeitende, im wesentlichen jüdische Verschwörung gegen die Grundlagen unseres politischen und völkischen Daseins" vorliege. Das sei „aus dem Geiste des Judentums verständlich", die Juden beuten die Völker finanziell aus, sie sind „Gegner des Christentums", hegen „Feindschaft'gegen ihre Wirtsvölker und deren Einrichtungen", und sie haben den Antisemitismus erweckt, „dem man trotz vieler Auswüchse die Berechtigung nicht versagen kann"! All das steht in einem w issensch Ws t l i ch e n Buche! Ein Wust von gedankenlos nachgesprochenen, nicht einmal oberflächlich geprüften Behauptungen und dreisten Beschimpfungen. Wenn es sich um irgendein anderes Gebiet handelte, würde ein deutscher Professor, der sich aus nachweisbar gefälschte Quellen, wie die „Weisen von Zion" stützt, dem die Freimaurerphantasten eines Ludendorff als Grundlage sür weittragende Folgerungen gelten, der wissenschaftliche Erörterungen mit gehässigen Phrasen durchsetzt, glatt erledigt sein. Da es sich aber „nur" um die Juden handelt, wird man schweigen» auch dort schweigen, wo man eigentlich Grund zum Reden hätte. Denn Kruses Buch*) ist im letzten Grunde eine arge Bloßstellung der Leipziger Universität und insbesondere ihrer medizinischen Fakultät. Der letzteren sollte es an sich nicht gleichgültig sein, wenn ein so hervorragendes Mitglied durch seine haßerfüllten Entstellungen der wissenschaftlichen Objektivität sich und sie blamiert! Es ist aber zu fürchten, daß sie nichts unternehmen wird, und damit ist ein wunder Punkt berührt, der besonderer Beachtung bedarf. Wenn Goebbels, Ludendorfs und Kruse völkische Gesinnungen hegen und sich demgemäß äußern, ist es nicht ganz dasselbe. Goebbels und Ludendorff mögen wohl hetzen, beschimpfen, entstellen und nach Macht streben, sie besitzen sie aber nicht! Kruse dagegen ist Inhaber einer vom republikanischen Freistaat Sachsen ihm übertragenen sehr wichtigen Befugnis, indem er aus die Auswahl der künftigen akademischen Lehrer, auf die Zulassung der Privatdozenten, Einfluß hat und, wie alle eingeweihten Kreise wissen, von ihm sehr energisch Gebrauch macht. Er hält die Juden sür ungeeignet, die wissenschaftliche Laufbahn zu ergreifen, und wenn in Leipzig sür die Zulassung jüdischer Mediziner als akademische Lehrer ein mnnerus clausus herrscht, wenn trotz wiederholter Versuche von wissenschaftlich anerkannten jungen Gelehrten es im Verlaufe von etwa einem Vierteljahrhundert nur einem einzigen — und auch diesem erst nach großen Schwierigkeiten — gelang, sich zu habilitieren, so dürfte hier der Einfluß Kruses und seines engeren völkischen Kreises in der Fakultät unverkennbar sein. Vermutlich wird er noch besonders stolz darauf sein, daß heute die Leipziger medizinische Fakultät in der akademischen und medizinischen Welt den Ruf der strengsten völkisch-antisemitischen Exklusivität genießt, gegen den die verständig und gerechter denkenden Mitglieder nicht ankämpfen können. Diese völkische Einstellung wird gan'z offen zugegeben! Einem jungen Assistenzart ist jüngst von einem Leipziger Professor ohne jede Einschränkung das Folgende erklärt worden: „Ich kann es sehr gut verstehen, wenn Sie nach V. gehen, wo die Atmosphäre doch viel liberaler ist als in Leipzig. Wir erzählen uns ja gegenseitig nichts Neues, wenn wir sagen, daß an der hiesigen Fakultät schließlich nicht nur die Leistungen, sondern auch eine Reihe anderer Faktoren maßgeblich sind, wenn jemand akademisch vorwärtskommen will. Die politischen Fragen und politischen Rücksichten und Semitismus und Antisemitismus und was noch damit zusammenhüngt, sie spielen ja hier zurzeit in der Fakultät eine nicht zu unterschätzende Rolle." Daß in solchen Strömungen ein Bruch der Verfassungen des Reiches und des sächsischen Freistaates liegt, kann nicht energisch genug betont werden. Denn sie bedrohen bk von der Verfassung garantierte Gleichberechtigung aller Staatsbürger, also auch der jüdischen, und sie gefährden indirekt die Freiheit der Wissenschaft. Davon, daß sie' dem Ansehen der deutschen Wissenschaft und dem der Leipziger Universität schaden, soll dabei nicht einmal die Rede sein. Denn die medizinische Fakultät genießt den Ruf, antisemitisch zu sein, schon seit mehr als einem halben Jahrhundert. Der berühmte pathologische Anatom Weigert war einst simpler Assistent in Leipzig, und es gab auch für ihn kein Vorwärtskommen. An seiner wissen- *) „Neue Grundlegung der Anthropologie, Russen--, Völker--, Stammeskunde und Konstitutionslehre nebst Ausführungen zur deutschen Rassenhygiene." Mit 17 Textabbildungen und 5 Tafeln. 1929. Georg Thieme, Verlag, Leipzig.

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