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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-16 · 33 (16.8.1929) · p. Seite 431

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
33 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
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Pogrom in Litauen! Jote und Verwundete — Wo bleibt die Polizei? - Synagogensdtändung in Jacobowa In Litauen brachen irr Verl ersten Angnsttagen pogromartige Judenverfolgungen uns. 21 ls die ersten Nachrichten der Indischen Telegraphen-2lgentnr (JT A) über diese Geschehnitze bekannt wurden, beeilte sich die litauische Regierung, durch ihre Gesandtschaft in Berlin bekanntzugeben, daß ein Pogrom nberhartpt nicht stattgefunden habe. Ein Teil der Presie gab dieses Demente wieder, dre judenfeindliche und die übrige Rechtspresse (auch „Der Jungdeutsche") brachten eine aus erner anderen Quelle stammende Nachricht, in der — der Wortlaut war bei allen der gleiche — dre ganze Angelegenheit als ein „Scherz" dargestellt wurde. Der nachstehende Bericht aus bestunterrichteter Quelle zeigt, wie ernst die Vorgänge waren. Man erinnert sich noch, wie Woldemaras, der Diktator von Litauen, der den Ruf eines Freiheitskämpfers zu verlieren hatte, sich nach dem faschistischen Umsturz den neuen Gewalthabern als der rechte Mann am rechten Platz zu präsentieren wußte. Man fühlte sich damals versucht, an eine im europäisch-demokratischen Sinne bessere politische Entwicklung in Litauen zu glauben. Aber damit war es wieder nichts. Der neue Diktator kam bald aus einer Verlegenheit in die andere. Er war zwar Herr über seine Partisanen, die „Schützens-Organisationen, die ihm seine Gegner überwinden halfen, aber er war auch gleichzeitig deren Diener, und die Kampffreudigkeit suchte nach Objekten, an denen sie sich austoben konnte. Der „Erbfeind", Polen, ist ihnen vorderhand noch zu gefährlich. So begann eine Jagd auf die Sozialisten, die sehr bald mit Billigung des Herrn Woldemaras erledigt werden konnten. Wer bald brauchten sie neue Objekte. Und schon machte sich der extreme Flügel der Faschistenfront, der „Eiserne Wolf"', hie und da in kleinen Pogromen gegen die wehrlose Bevölkerung jüdischer Orte Luft. Das war wenig reizvoll, aber mehr erlaubte Herr Woldemaras nicht. Da nahte der 1. August, der Tag des „Kommumstenschrecks". Nun gibt es aber in Litauen nicht „Massen" von Kommunisten. Was tun? Der Diktator sah ein, daß er, um sich Erleichterung zu verschaffen, seinen Leuten erlauben müsse, wieder etwas die Zügel schießen zu lassen. Aber nur etwas. Aus dem Etwas wurde aber ein greuliches Viel. Und Herr Woldemaras geriet wieder in Verlegenheit. Da dachte er sich: Leugnen ist die beste Parade. Irrte Herr Woldemaras? Nein, er irrte nicht. Für's erste gelang ihm die Parade. Mer Blut ist ein ganz besmrderer Saft. . . Seit Jahren stiller Pogrom in Litauen. Was geschieht in Litauen? In diesem Lande wird seit einigen Jahren der sogenannte „stille Pogrom" ausgeübt. Wie im Lande des „Erbfeindes" Polen lautet auch hier die Parole: Hinausdrängung der Juden aus ihren Stellungen. Die Juden hatten von je für die Freiheit Litauens in der vordersten Reihe gekämpft. Das wird von den litauischen Würdenträgern bei jeder Gelegenheit, bei Gedenk- und patriotischen Feiern, willig anerkannt. Als die Unabhängigkeit Litauens wirklich erfochten wurde, waren es die l i t a u i s ch e n Juden in Amerika, die die Anerkennung Litauens durch die Vereinigten Staaten und dann durch den Völkerbund durchsetzten. In dem ersten Rausch der Freiheit warf man die Scheidewände auseinander, der Jude war Bruder und Kampfgenosse. Es fehlte an staatenbildender Intelligenz: der Jude mußte den jungen Staat organisieren und einrichten Helsen. Zum Dank gab man den Juden kulturelle und religiöse Autonomie und richtete — wie für alle Minderheiten — ein Mimsterium für jüdische Angelegenheiten ein. Als aber der Rausch verflogen war, fing man an, zu glauben, daß der Jude zu viel Raum einnehme. Man hatte ihm genug von seinem Handwerk abgeguckt und meinte, ihn ersetzen zu können. Nach den ersten zagen Versuchen, den früheren Lehrer zu meistern, wuchsen die eigenen Flügel, und nun ging es Schlag aus Schlag: das jüdische Ministerium stürzte; die Autonomie fiel; das Recht, Eiuheitsgemeiuden und Gemeindeorganisationen mit Besteuerungsrecht zu bilden, wurde genommen; gegen den Willen der eigenen Bauernschaft für die der Sonntag der traditionelle Einkausstag ist, wurde die Zwangssonntagsruhe eingeführt, die die wirtschaftliche Kraft der gesetzestreuen jüdischen Bevölkerung, die nun zwei Tage in der Woche feiern muß, erheblich schwächte. Aus allen höheren und niederen Aemtern wurden die Juden und Jüdinnen entfernt. Heute war es der letzte jüdische Ministerialbeamte, morgen die letzte jüdische Postbeamtin, die das Feld räumen mußten. Jetzt gibt es keinen einzigen jüdischen Beamten im litauischen Staatsdienst mehr. Das war der stille Pogrom. Die „Staatsumstürzler In der Welt hörte man fast nichts von diesen Vorgängen. Der litauische Jude ist von Natur kantig-hart, stolz, verschwiegen. Er klagt nicht. Und nun zeigen sich die Folgen. Vom stillen Pogrom geht man zum lauten Pogrom über. Und Herrn Woldemaras, dem der stille Pogrom sicherlich den Schlaf nicht raubte, gellt der laute Pogrom stark in die Ohren. Aber statt den durch Begünstigung oder mindestens Duldung selbst verschuldeten Brand zu löschen, setzt er die Dementierspritze an. Dabei ist es aber nicht geblieben. Seine Untergebenen haben das probatere Mittel bei der Hand. Um das Geschehene, das sich nicht wehr ungeschehen machen lassen kann, zu rechtfertigen, werden massenhaft Juden, fromme Weißbärte und junge Zöglinge der berühmten gottesfürchtigen Thora-Lehranstalt (Jeschiwa), Jugendliche und Mädchen, die sich zu einem kleinen „Kultur-Klub" vereinigen, als „Kommunisten" und Staatsumstürzler verhaftet und vom Militärkommandanten ohne viel Federlesens zu mehrmonatiger Gefängnisstrafe verurteilt. Doch das muß chronologisch erzählt werden. Der verhängnisvolle 1. August Am Donnerstag, dem 1. August, abends, schwärmten Trupps von „Schützen" in den Vorstädten von Kowno aus, um nach „Kommunisten" zu suchen. Die Polizei hatte die rechte Stimmung hierzu dadurch erzeugt, daß sie am Tage in Kowno und in der Provinz etwa 150 jugendliche Juden, in der Mehrzahl Schuljugend und Mitglieder des Sportklubs Hakoah, unter dem Verdacht, eine kommunistische Kundgebung vorbereitet zu haben, verhaftete. In der Vorstadt Slabadan (Slabodka) wurden alle Straßenpassanten zur Legitimierung ausgefordert. Diejenigen, die als Juden festgcstellt wurden, wurden mörderisch geschlagen, oft einer län* geren Tortur unterworfen. Einigen der Opfer gelang es, sich den Händen ihrer Peiniger zu entwinden und in der Nahe befindliche Polizeiposten zu alarmieren. Die Polizisten verhielten sich verschieden. Manche empfingen die Flüchtlinge mit Schimpfworten und stießen sie von sich andere raunten ihnen zu, sie mögen versuchen, ein schützendes Dach zu erreichen, da man ihnen nicht helfen könne. Andere wieder zogen es vor, den Posten zu verlassen, um der Notwendigkeit, etwa eingreifen zu müssen, von vornherein zu entgehen. Aus diesem Verhalten der Polizeiposten schließt die Bevölkerung, daß es sich um einen von oben her systematisch organisierten Pogrom handelt. 63 Inden wurden in Slabadan in dieser Stacht von den Faschisten mißhandelt, eine größere Zahl von ihnen hat mehr oder weniger erhebliche Verletzungen davongetragen. Unter den Verletzten befinden sich ältere jüdische Bürger, einige Studenten und mehrere Zöglinge der weltberühmten Slabodkaer Jeschiwah. Die Verletzten wollten sich von Aerzten Atteste über ihre Verletzungen ausstellen lassen, um bei den Behörden Anzeige erstatten zu können. Mehrere der Aerzte wurden aber von wohlmeinender Seite verwarnt, so daß sich nur wenige mutige Aerzte fanden, die den Terror nicht fürchteten und solche Bescheinigungen ausstellten. Ein Verzeichnis der Verletzten und Mißhandelten wurde angelegt und bei der Behörde Klage erhoben. Bis heute aber ist eine Untersuchung über die Vorgänge nicht eingeleitet worden. An dem gleichen Abend wurden in einer zweiten Kownoer Vorstadt, Saneain (Schanz), 40 jüdische Bürger und Jugendliche von Faschisten und Polizisten schwer mißhandelt. Die Ortspolizei selbst hieb ans jeden vorbeigehenden Juden ein. Die Juden, hieß es, müssen gezüchtigt werden, weil sie zum 1. August einen kommunistischen Aufstand vorbereitet hätten. In einer dritten Vorstadt

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